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Monika Hinterberger

Eine Spur von Glück

Lesende Frauen in der Geschichte

 

 

 

 

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

 

 

© Wallstein Verlag, Göttingen 2020

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Marion Wiebel, Wallstein Verlag

Umschlagbild: Asta Norregaard, Lesende Frau, 1889,

Quelle: PR Archive / Alamy Stock Foto.

 

ISBN (Print) 978-3-8353-3799-2

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4538-6

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4539-3

Inhalt

Vorwort

1. Eine lesende Frau

Eine Athenerin • Mütter und Töchter • Lesen und Schreiben • Eine Welt der Bücher • In Frauenräumen • Außerhalb des Hauses • Weibliche Lebenswelten • Literatur

2. Zwei Frauen im Gespräch über ihre Lektüre

Colloquio di donne • Geschichtliche Streifzüge • Frauen aus Pompeji • »Kennen sollst du auch Sappho …« • Weibliche Vorbilder • Bildungsbewusst und ambitioniert • Literatur

3. Disputierende Frauen mit Büchern

Religiosität und Gelehrsamkeit • Historische Spurensuche • Vita religiosa • Studium und Gebet • Bücher zum Lobe Gottes • Schreibende Frauen • »… aus dem Becher irdischer Weisheit« • Literatur

4. Die heilige Anna lehrt ihre Tochter Maria das Lesen

Ein beredtes Bild • Annen- und Marienverehrung • »Höre Tochter, und sieh …« • Weibliche Bildung – weibliche Selbstbestimmung • Klosterfrauen und weltliche Dichterinnen • Literatur

5. Die lesende Maria

Ave Maria • Ein weiblicher Kosmos • Sancta Colonia • Psalter lesen und anderes • Die Geburt des Buchdrucks • Maria – Königin der Stadt der Frauen • Literatur

6. Christine de Pizan in ihrer Studierstube

»Je, Christine …« • »Ganz allein bin ich …« • Dornige Rosen • »Hinaus aufs Feld der Literatur …« • In kommenden Zeiten • Le Livre de la Paix – Das Buch vom Frieden • Literatur

7. Lesestunde

Sieh mal, ich bringe ihr das Lesen bei … • Bildung, Gewandtheit und edle Gesinnung • Eine lebendige Malerei • Weibliche Traditionen • Licht und Schatten • Il merito delle donne – Das Verdienst der Frauen • Fraueneigene Räume • Literatur

8. Stille Lektüre

Aura des Geheimnisvollen • Ein Goldenes Zeitalter • Nicht Samt und Seide • Lesen für sich allein • Schönschreiben und mehr • Im Namen der Gleichheit • Ein Kaleidoskop weiblicher Lebensentwürfe • Und wieder: die lesende Frau • Literatur

9. Élisabeth Ferrand meditiert über Newton

Liebe zur Wissenschaft • Discours sur le bonheur – Rede vom Glück • Bildung und weibliches Selbstverständnis • Les Conversations d’Emilie – Aemiliens Unterredungen • Briefe • Romane • »… entworfen von einem Frauenzimmer« • Die Lust zu lernen – Therese Huber • Die Lust zu lesen • »Lesende Frauenzimmer« • Journale von Frauen für Frauen • Avantgarde des femmes • »Femme, réveille-toi!« – »Frau, erwache!« • Literatur

10. Die Lesende

Eine Spur von Glück • Das Morgenlied der Freiheit • »Jetzt, wo der Schnee hinwegthaut …« • Elementare Mädchenbildung • Höhere Mädchenbildung • Reifezeugnis – ein Meilenstein • Freien Geistes • Lebensentwürfe – ein Gespräch mit Marie Fantin-Latour • »Als eine Frau lesen lernte …« • Literatur

Dank

Bildnachweis

Vorwort

Dieses Buch ist ein sehr persönliches. Es erzählt von meiner Begegnung mit Bildern lesender Frauen.

Kunstvollen Darstellungen, die von der Antike bis zur Gegenwart reichen und mich bewogen, den Spuren lesender Frauen in der Geschichte zu folgen, ihre Lebenswelten und insbesondere ihre Bildungswege zu ergründen. Wo lernten Frauen in der Antike zu lesen? Im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und den Jahrhunderten danach? Welche Bücher lasen sie? Mit welchem Interesse? Welchen Erwartungen? Wie kamen sie in den Besitz von Büchern? Und vor allem: Was bedeutete es für sie, lesen zu können?

Fragen dieser Art begleiteten meine Annäherungen an lesende Frauen. Ich suchte den Dialog mit ihnen, suchte historische Zeiträume zu erschließen und vorhandene Quellen zu befragen, suchte auf diese Weise ein Bild von ihnen zu gewinnen. Nicht selten überwogen Fragen mögliche Antworten, besonders wenn es um lesende Frauen weit zurückliegender Zeiten ging, wenn weibliche Lebenswelten und -bedingungen heutigen Vorstellungen sehr fernstehend erschienen. Wer hat vor Augen, dass etwa das Lesen jahrhundertelang an Tageslicht gebunden war? Dass Kerzen vor allem in Kirchen und Adelshäusern brannten, aber ansonsten unerschwinglich waren? Wer ermisst, dass zwischen den ersten Darstellungen des lesenden Menschen in der griechischen Antike und der Erfindung des Buchdrucks ein Zeitraum von zweitausend Jahren liegt? Zweitausend Jahre lang lasen Frauen ausschließlich Handschriftliches – geschrieben auf Papyrus, Pergament und Papier –, bis der Buchdruck in der Mitte des 15. Jahrhunderts eine neue Periode der Lesekultur einleitete. Und auch da sind sie als Lesende präsent.

Wie konnte angesichts der Fülle an Bildern lesender Frauen der Eindruck entstehen, dass Frauen, von Angehörigen des Adels und des gebildeten Bürgertums abgesehen, über lange Zeiten hinweg großenteils des Lesens unkundig, von Bildung ausgeschlossen waren? Ein Vorurteil, wie sich zeigte. Eine Auffassung, der ich mit diesem Buch ein Bild lesender Frauen entgegensetze, das ich von ihnen gewann – wohl wissend, dass sich schwerlich von den Frauen sprechen lässt.

Zehn Bilder wählte ich aus. Sie markieren meine Spurensuche. Begleiteten meine geschichtlichen Streifzüge. Weckten meine Imaginationen. Bewegten mich, mit lesenden Frauen ins Gespräch zu kommen, ihnen Raum zu geben, sie zu Wort kommen zu lassen. Ich begegnete mutigen Frauen, erkenntnis- und urteilsfähigen. Ich nahm ihre gesellschaftliche Präsenz in den Blick, ihre Stärke, ihr Sosein, auch ihre Nöte. Es zeigte sich: Lesen war Teil weiblichen Lebens. Lesen zu können, schuf Frauen Voraussetzungen, selbstbestimmt zu handeln. Es gab ihnen die Freiheit zu lernen, sich Bildung anzueignen, ihr Leben zu gestalten, Wege neu abzustecken. Sie liebten Bücher und liebten das Lesen. Es barg die Möglichkeit, über die eigene Wirklichkeit hinauszudenken, sich schöpferisch zu erleben, auf Neues zu treffen, Unerwartetes zu erkunden. Und im Lesen Glück zu erfahren. Eine Spur von Glück.

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Eine Frau liest in einer Buchrolle. Rotfigurige »Lekythos« aus Attika,
Höhe 22 cm, um 440-430 v. Chr..
Musée du Louvre, Paris.

1. Eine lesende Frau

Eine Athenerin

Eine Lesende. Dargestellt auf einer attischen Vase des 5. vorchristlichen Jahrhunderts. Das Haar zu einem Knoten hochgebunden. Bekleidet mit einem Chiton aus feiner Baumwolle oder feinem Leinen und einem darüber liegenden Tuchmantel, dem Himation. Ihre Haartracht und die Kleidung deuten auf eine vornehme Herkunft hin. Mit beiden Händen hält sie eine geöffnete Buchrolle vor sich. Sie ist in die Lektüre eines Textes vertieft. Vor ihr am Boden befindet sich eine Büchertruhe, der sie die Schriftrolle entnommen haben mag. Das Möbel und die Tänie, eine festliche Kopfbinde, lassen erkennen, dass sie sich im Innern eines Hauses aufhält. Allein. In einem Moment innerer Ruhe, so scheint es.

Sie ist kein junges Mädchen. Sonst trüge sie ihr Haar offen auf Schultern und Rücken herabfallend, vielleicht mit einer Binde geschmückt oder zu einem Zopf gebunden, und sie wäre eher mit einem für unverheiratete junge Frauen typischen gegürteten Peplos bekleidet.

Auch eine Muse ist sie nicht. Die der mythisch-imaginären Welt angehörenden Musen finden sich im Laufe des 5. Jahrhunderts v. Chr. mehrfach auf attischen Vasenbildern in der Gemeinschaft mit musizierenden jungen Frauen dargestellt. Als mythische Vorbilder sind sie den Musikerinnen zugesellt und heben gleichsam – ihrem Musensitz entstiegen – das scheinbar alltägliche Tun in eine göttliche Sphäre. Als Beschützerinnen der Dichtkunst und der Musik stellen sie so die Frauen unter ihre Gunst. Nichts in dieser Darstellung deutet jedoch auf eine solche Berührung der beiden Welten hin, der mythischen Sphäre der Musen und der menschlich-realen Welt sterblicher Frauen.

Da jegliche Hinweise fehlen, die auf einen kultischen Zusammenhang schließen ließen, kann mit der Lesenden auch keine Priesterin gemeint sein. Und nichts spricht dafür, in ihr eine gebildete Sklavin in einem athenischen Haushalt zu sehen. Ihr gegenüber der Herrin des Hauses unfreier Status wäre etwa durch ihr kurz geschnittenes Haar ins Bild gesetzt worden.

Wer aber ist sie dann?

Wen hatte der attische Künstler vor Augen, als er diese Lekythos bemalte? Gefäße dieser Art enthielten Parfums und duftende Öle. Sie gehörten zur Toilette der Frauen oder waren für den Gebrauch bei Begräbniszeremonien bestimmt. Heute kann das kleine, mehr als zweitausend Jahre alte Salbgefäß mit der Darstellung einer lesenden Frau in der Antikensammlung des Pariser Louvre in Augenschein genommen werden. Es misst gerade einmal zweiundzwanzig Zentimeter Höhe. Für wen wurde dieses Gefäß geschaffen? Wer hatte es in Gebrauch? Die auf die Zeit um 440-430 v. Chr. datierte Lekythos wird dem sogenannten Klügmann-Maler zugeschrieben, von dem überliefert ist, dass er mit Vorliebe Szenen aus dem Frauenleben malte und dabei Frauen stets allein darstellte. Etliche Vasenbilder des 5. vorchristlichen Jahrhunderts zeigen lesende Frauen zumeist in der Gesellschaft anderer Frauen. Hier jedoch ist die in ihre Lektüre vertiefte Frau ohne Begleitung abgebildet. Eine des Lesens und wohl auch des Schreibens kundige Frau? Eine gebildete Athenerin?

Mütter und Töchter

Schenkten wir in erster Linie der von männlichen Autoren dominierten antiken Literatur Beachtung, müssten wir annehmen, dass der griechischen Frau jedweder Zugang zur Bildung verwehrt wurde. Eingeschlossen, wie sie angeblich war, schien sie ohne Teilhabe am öffentlichen Leben zu sein und ausschließlich mit Dingen der Haushaltsführung befasst. Der Lebenswirklichkeit entsprach dies nicht. Weibliche Lebenswelten beinhalteten mehr und anderes, waren vielfältiger, reicher. Dank archäologischer Zeugnisse, insbesondere der attischen Vasenbilder, und neuerer, vor allem frauenhistorischer Forschungen gelingt heute ein differenzierteres Bild der Frau in der Antike. Wertvolle Anregungen für mein Nachsinnen über die Lesende auf der kleinen Lekythos verdanke ich den Untersuchungen etlicher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Leben und zur Geschichte der Erziehung und Bildung von Frauen im Athen der klassischen Zeit.

Eine lesende Frau – das war für die antike griechische Gesellschaft weniger ungewöhnlich, als die Geschichtsschreibung vor allem seit dem 19. Jahrhundert lange Zeit glauben ließ. Als im Verlauf der Demokratisierung der athenischen Gesellschaft eine Lese- und Schreibfähigkeit, eine allgemeine Bildung überhaupt, an Bedeutung gewann, wurde auch der Erziehung der Mädchen besondere Beachtung geschenkt. Und seit attische Vasenmaler zu Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. begannen, den lesenden Menschen darzustellen, sind auch weibliche Lesende auf den Bildern zu finden. Als frühestes Beispiel gilt eine weißgrundige Lekythos aus der Zeit um 460-450 v. Chr.: Eine auf einem Klismos sitzende junge Frau liest einer vor ihr stehenden Gefährtin aus einer offenen Schriftrolle vor.

Wo hatte sie zu lesen gelernt?

Wie mag ihre Erziehung ausgesehen haben? Vieles spricht dafür, dass in klassischer Zeit eine elementare Bildung im häuslichen Umfeld erfolgte. Die Kinder, Mädchen wie Jungen, wuchsen in der Obhut ihrer Mütter und den zum Haushalt gehörenden und keineswegs ungebildeten Ammen oder Dienerinnen auf, die ihre Schritte ins Leben begleiteten und ihre Entwicklung sorgsam förderten. In wohlhabenden Familien wurde zudem für die Jungen ein Paidagogos mit Erziehungsaufgaben betraut – ein Umstand, der nicht selten auch den Mädchen der Familie zugutekam. Literarischer Überlieferung nach war für die Mädchen, anders als für die Jungen, ein Unterricht außer Hauses nicht vorgesehen, aber auch nicht ausgeschlossen. Einige Vasenbilder wissen davon zu erzählen. Der Innenteil einer rotfigurigen Trinkschale aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. etwa zeigt ein Mädchen, das ein Schreibtäfelchen und einen Stylos mit sich trägt. Eine junge Frau an seiner Seite hält seine Hand fest umschlossen. Wurde das Mädchen auf seinem Weg zum Unterricht außerhalb des Hauses begleitet? Oder waren sie beide Schülerinnen, vielleicht Schwestern, die zur Schule eilten? Trafen sie dort mit anderen Mädchen zusammen, um gemeinsam zu lernen? Gab es so etwas wie einen Zusammenschluss der Frauen, von Müttern, denen der Unterricht für ihre Töchter so sehr am Herzen lag, dass sie einen solchen nachbarschaftlich organisierten? Diese Überlegungen rühren von einer Darstellung auf der Außenseite dieser Schale her: Sechs etwa gleichaltrige Frauen, alle stehend abgebildet, diskutieren angeregt miteinander. Die Szene spielt in einem Frauengemach, einem Ort, an dem auf vielfältige Weise Begegnungen, Austausch und soziales Miteinander von Frauen stattfanden. Wurde hier eine alltägliche Szene auf einer Schale festgehalten? Ein Ausschnitt einer weiblichen Lebenswelt im klassischen Athen? Gaben Zusammenkünfte dieser Art den Töchtern Gelegenheit, sich zu treffen, einen wie auch immer gestalteten, außerhäuslichen Unterricht zu besuchen?

Doch nicht nur Lesen und Schreiben gehörten zum Unterricht für Mädchen. Die Musik war für den antiken Menschen im Alltag wie im Kultus von überragender Bedeutung, weshalb viel Sinnen und Trachten auf die musische Bildung der Mädchen gerichtet war. Das Spielen eines Instrumentes, das Singen wie das Tanzen waren selbstverständlich Teil der weiblichen Lebenswelt. Und nicht selten war die musische Erziehung der Mädchen unter den Schutz unsterblicher Musen gestellt, wobei der Tanz einen herausragenden Platz einnahm. Tanzschulszenen gehörten deshalb von Beginn des 5. vorchristlichen Jahrhunderts an zu den beliebten Themen der attischen Vasenmalerei. In schöne Gewänder gekleidete Tanzlehrerinnen bereiteten die jungen Mädchen mit Hingabe auf ihre Auftritte bei kultischen Feiern und Prozessionen, manchmal auch auf Wettbewerbe vor. Andere Vasenbilder lassen vermuten, dass der Musikunterricht in einem eigens für die Mädchen bestimmten Schulraum stattfand. Manche legen die Vorstellung nahe, dass Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet wurden. Ein Vasenbild aus der Zeit um 460 v. Chr. jedenfalls zeigt eine Schülerin mit ihrer Doppelflöte inmitten von Knaben in den Räumen einer Musikschule.

Ich versuche, mir die lesende Frau auf der kleinen Lekythos in jungen Jahren vorzustellen: als ein Mädchen, das lesen und schreiben gelernt hatte, das das Instrumentenspiel beherrschte, das gerne sang und tanzte. Vielleicht hatte es als Reigentänzerin an den Kultfeiern zu Ehren der Stadtgöttin Athene am Vorabend der großen Panathenäen in Athen teilgenommen? Oder an den Feiern zu Ehren Artemis’ oder Aphrodites, Heras oder Demeters? Diese festlichen Reigentänze der Mädchen zu Ehren der Göttinnen und Götter waren in verschiedenen Regionen Griechenlands weit verbreitet. Die Teilnahme der Mädchen an kultischen Festen diente ihrer Aufnahme in die Gesellschaft und gehörte wie eine musisch-literarische Erziehung zur Vorbereitung auf ihr Leben als erwachsene Frau – und das bedeutete in aller Regel ein Leben als Ehefrau und Mutter. Zahlreiche Hochzeitsdarstellungen auf attischen Vasen veranschaulichen den Wert, den die antike Gesellschaft der Ehe beimaß, nicht zuletzt auch für das Gelingen einer demokratischen Ordnung.

Und so erweist sich mir die Dargestellte auf der Lekythos schließlich als eine verheiratete Frau, als eine belesene, selbstbewusste Athenerin.

Lesen und Schreiben

Aufrecht steht sie da.

Die empfindliche Schriftrolle aus Papyrus mit beiden Händen haltend.

In der Zeit, als die Lekythos entstand, gehörten literarische wie wissenschaftliche Texte vielfach zum Alltag des griechischen Menschen, insbesondere zur Lebenswelt der Bürgerinnen und Bürger Athens, des kulturellen und politischen Zentrums der griechischen Welt. In Athen, aber auch in anderen Regionen, konnten die Menschen seit dem frühen 5. Jahrhundert v. Chr. mehrheitlich lesen und schreiben. Lesen zu können, wurde zunehmend bedeutungsvoll, für jeden Einzelnen wie für das Leben innerhalb einer demokratischen Gesellschaft. Denn für wen, wenn nicht die Bürgerschaft, wurden Gesetzestexte – in Stein gehauen – auf der Agora oder vor Heiligtümern öffentlich gemacht? Die Volksbeschlüsse sollten möglichst von vielen Menschen gelesen und verstanden werden. Und seit Langem schon waren Tonscherben in Gebrauch, die für kleine Mitteilungen, Bescheinigungen oder auch Schulübungen verwendet wurden.

So rückte der lesende Mensch seit dem frühen 5. Jahrhundert v. Chr. mehr und mehr ins Zentrum des Interesses und fand sich auf attischen Vasen dargestellt. In Schulszenen etwa, im Umgang mit Schriftrollen, mit Schreibtäfelchen und Stylos. Auch Frauen und Mädchen, in Schriftrollen lesend, musizierend, mit Literatur befasst. Denn sie waren von jeher Teil eines Kultur- und Geisteslebens, das sie mitgestalteten. Als Dichtung nicht mehr nur mündlich tradiert wurde, als griechische Dichter wie Hesiod (  um 700 v. Chr.) begannen, ihre Werke selbst niederzuschreiben, und eine schriftliche Überlieferungskultur begründet wurde, war diese Entwicklung auch von Frauen getragen. Von Frauen wie der Lyrikerin Sappho (  um 600 v. Chr.), die nicht nur ihrer Dichtungen wegen, sondern auch als Erzieherin für Mädchen in ihrer Schule auf der Insel Lesbos gerühmt und verehrt wurde. Mädchen und Frauen blieb sie über ihre Zeit und die griechische Welt hinaus ein großes Vorbild. Ebenso Kleobouline aus Lindos auf der Insel Rhodos. Viele Jahrhunderte wurde sie als »Dichterin von Rätselversen in Hexametern«, wie der spätantike Diogenes Laertios (  wohl 3. Jh. n. Chr.) sie nannte, erinnert. Weisheit und Seelengröße sowie politischer Sachverstand wurden ihr zugeschrieben. Aristoteles (  384-322 v. Chr.) kannte ihre Verse. Und noch Plutarch (  46-120 n. Chr.) erzählt, wie sie an dem von ihm beschriebenen Gastmahl der Sieben Weisen teilgenommen habe.

Frauen wie Sappho oder Kleobouline waren keineswegs Ausnahmen.

Der Schule des Pythagoras aus Samos (  um 570-510 v. Chr.) haben zahlreiche Philosophinnen angehört, etwa die vielgerühmte Theano aus Kroton oder auch Periktyone, deren philosophische Abhandlungen fragmentarisch überliefert sind. In Briefform blieben Schriften der Pythagoreerinnen erhalten, die zu einem großen Teil an Frauen gerichtet waren. Und wiederum durch Diogenes Laertios ist die Nachricht überliefert, dass Pythagoras einen großen Teil seiner Arbeiten zur Ethik einer Frau, der Priesterin Themistokleia zu verdanken habe. So sind immerhin einige Namen gebildeter Frauen überliefert, die ihren Einfluss innerhalb der antiken Gesellschaft geltend machten und Anteil am kulturellen und politischen Geschehen ihrer Zeit hatten. Und als in klassischer Zeit die schriftliche Aufzeichnung literarischer sowie wissenschaftlicher Werke immer breiteren Raum einnahm, als wissenschaftliche Abhandlungen, epische Dichtungen und lyrische Werke auf Papyrus niedergeschrieben und schließlich, durch Abschriften vervielfältigt, einem lesenden Publikum zugänglich wurden, da gehörten selbstverständlich auch Frauen zum Adressatenkreis der entstehenden Literatur, Frauen wie die Lesende auf der kleinen Lekythos.

Eine Welt der Bücher

Wie kam sie in den Besitz der kostbaren Papyrusrolle?

Die Wertschätzung von Wissen und Bildung und der Wunsch, selbst zu lesen, hatten eine steigende Nachfrage nach Büchern zur Folge. Das Buch, gemeint sind in dieser Zeit stets Rollen aus Papyrus, war bald aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Und so entstand bereits im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. ein reger Buchhandel. Die vervielfältigten Dramen, Tragödien und Komödien, lyrische Texte sowie philosophische und geschichtliche Werke konnten auf dem Markt erworben werden, wo sie wie andere Waren angeboten wurden. Und wer in der athenischen Bürgerschaft es sich leisten konnte, legte sich eine mehr oder weniger umfangreiche private Sammlung von Texten zu. Diese Entwicklung einer Lesekultur blieb nicht auf die Grenzen Athens beschränkt. Die Herstellung und das Lesen von Büchern verbreiteten sich über Athen hinaus bis in entfernte Gebiete der hellenistischen Welt.

Jede Buchrolle war ein handschriftliches Unikat, zeitaufwendig in der Herstellung, kostspielig in der Anschaffung und durchaus eine Frage hohen sozialen Ansehens. Da es eine öffentliche Buchausleihe noch nicht gab, war, wer auf Bildung Wert legte, wer für seine wissenschaftliche Arbeit Bücher benötigte oder wer zum Vergnügen lesen wollte, auf die Einrichtung einer privaten Büchersammlung angewiesen. Der Kauf einer Schriftrolle stellte dabei eine Möglichkeit dar. Eine andere war, selbst für Abschriften vorhandener Texte zu sorgen. Nicht immer war ein gewünschtes Werk auf dem Buchmarkt vorhanden, manchmal war es einfach unerschwinglich. So war das Anfertigen einer Abschrift in Eigenregie eine willkommene Alternative. Und da es ein Urheberrecht in unserem Sinne nicht gab, waren der Vervielfältigung von Texten keine Grenzen gesetzt. Wer über genügend Papyrus und Schreibgeräte verfügte, lieh sich ein Buch etwa im Freundeskreis aus und kopierte den Text eigenhändig. Wer es wünschte und finanzieren konnte, mochte auch einen Schreiber – vielleicht eine Schreiberin – oder ein Skriptorium mit der Abschrift eines Werkes beauftragen. Diese Art der Vervielfältigung von Texten blieb bis zur Erfindung des Buchdruckes in der Mitte des 15. Jahrhunderts die einzige Möglichkeit zur Verbreitung von Literatur – zweitausend Jahre lang.

Ihren Platz fanden die empfindlichen Buchrollen in der Regel in eigens dafür vorgesehenen Büchertruhen innerhalb des Wohnraums der Familie. Ein schönes Beispiel einer solchen Truhe steht zu Füßen der lesenden Athenerin auf der kleinen Vase. Diese Vasenbilder des 5. vorchristlichen Jahrhunderts sind früheste Zeugnisse für das Vorhandensein und den Umgang mit Büchern im Alltag der Athenerinnen und Athener. Und es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass antike Dichterinnen und Dichter in großem Umfang Bücher sammelten. Von Euripides (  480-406 v. Chr.) oder Aristophanes (  450-380 v. Chr.) beispielsweise wird dies berichtet. Ohne ihre eigenen Büchersammlungen hätten auch die Philosophen und Philosophinnen, etwa die in Athen lehrende Philosophin und Verfasserin vieler Schriften Arete von Kyrene (  um 400-330 v. Chr.), ihre Arbeit schwerlich bewältigen können. Platon ( um 427-347 v. Chr.) nannte eine große Bibliothek sein eigen, und die legendäre Bibliothek seines Schülers Aristoteles galt später als eine der bedeutendsten ihrer Zeit. All dies hatte zu einer enormen Belebung des Buchmarktes beigetragen. Und Platons Akademie (  gegr. 388 v. Chr.) sollte zum Vorbild für spätere Forschungsstätten mit angrenzender wissenschaftlicher Bibliothek werden. Seinem Schülerkreis ( !) hatten auch Frauen angehört. Die Namen von zwei Teilnehmerinnen, Axiothea von Phleius und Lastheneia, finden sich in einem Bericht des Diogenes Laertios, ebenso der Hinweis, dass Axiothea als Mann gekleidet die Akademie besucht habe. Zwei zufällig überlieferte Namen? Namen jedenfalls, die der Frage Nahrung geben, wie groß die Zahl gelehrter Frauen, die Zahl der Teilnehmerinnen philosophischer Akademien tatsächlich gewesen sein mag.

Und die lesende Athenerin?

Hatte sie die Papyrusrolle auf dem Markt erworben? Hatte sie eigenhändig eine Abschrift angefertigt, vielleicht aber auch eine solche in Auftrag geben? Die geöffnete Büchertruhe vor ihr lässt darauf schließen, dass sie über eine eigene Sammlung von Texten verfügte. Der Besitz von Büchern war für athenische Frauen keineswegs ungewöhnlich. Literarische und bildliche Quellen bezeugen dies. Und da Papyrusrollen auf attischen Vasenbildern stets einen literarischen Text enthalten, sind die Büchertruhe wie die Schriftrolle in den Händen der Lesenden auch Ausdruck ihrer literarischen Bildung. Ruhig und konzentriert tritt sie in Erscheinung. Als eine an Literatur und Kultur ihrer Zeit interessierte, gebildete Frau im Athen der klassischen Zeit.

In Frauenräumen

Und was liest sie?

Einen lyrischen Text? Bereitet sie eine Rezitation möglicherweise im Kreise von Freundinnen vor? Unterschiedliche Frauengemachszenen, bei denen zwei oder mehrere Frauen miteinander musizieren und aus geöffneten Schriftrollen rezitieren, sind auf Vasen abgebildet: Frauen beim Spielen verschiedener Musikinstrumente, der Lyra, der Kithara, des Barbitons oder des Aulos. Sie singen oder verbinden gelegentlich die Musik mit dem Vortrag eines lyrischen Textes.

Gründe, sich zu treffen, gab es viele. Das Barbiton, ein mit der Liebeslyrik eng verbundenes Saiteninstrument – besonders wenn auf Darstellungen ein kleiner Eros mit im Spiel ist –, deutet auf ein Treffen von Freundinnen im heiratsfähigen Alter hin, die von der Liebe singen. Oder die anlässlich von Hochzeitsfeierlichkeiten Abschied nehmen von ihrer Gefährtin, die als junge Braut an der Schwelle zu ihrem Leben als Ehefrau, als Gyne steht. Trugen sie vielleicht bei dieser Gelegenheit sapphische Hochzeitslieder vor?

Aber nicht nur die Vorbereitung von Hochzeitsfeiern nahmen Frauen zum Anlass, gemeinsam Zeit zu verbringen. Vasenbilder zeigen Szenen, in denen das Musizieren in Frauenräumen und die Beschäftigung mit Literatur keine Seltenheit waren. Und es scheint, als seien diese Zusammenkünfte nicht allein den Mußestunden der Frauen vorbehalten gewesen, sondern konnten gelegentlich auch im Rahmen eines häuslichen Wettbewerbs unter Frauen stattfinden, bei dem neben der Musik auch Dichtung vorgetragen wurde.

War die Lesende auf der Lekythos eine Lehrerin?

War sie im Begriff, ihren Unterricht vorzubereiten? Auch ohne den Besuch einer öffentlichen Schule blieben Mädchen in klassischer Zeit nicht ohne geregelten Unterricht, der etwa im Frauengemach eines Hauses oder in einem besonderen Schulraum für Mädchen stattfinden konnte und von Lehrerinnen – wenn nicht gar von Müttern selbst – gegeben wurde. Suchte sie als Lehrerin jungen Mädchen Kenntnisse im Lesen, im Schreiben oder im Rechnen beizubringen? Machte sie sie mit der Literatur ihrer Zeit bekannt? Vermittelte sie ihnen die Freude am Lernen?

Vielleicht war die Lesende aber auch in das Studium einer philosophisch-wissenschaftlichen Abhandlung vertieft ? Vielleicht hatte sie einfach für sich lesen wollen und ein Alleinsein der Gesellschaft mit anderen Frauen vorgezogen? Wissenschaftliche Schriften waren seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. entstanden und seit jeher – anders als literarische Texte – für die stille Lektüre, das vertiefende Selbststudium bestimmt. Und nichts spricht dagegen, dass Frauen zu den Leserinnen dieser Schriften gehörten. Es ist bekannt, dass auch sie in klassischer Zeit den Philosophenschulen angehörten, dass ihnen der Zutritt zu philosophisch-wissenschaftlichen Kreisen nicht grundsätzlich verwehrt war und dass sie selbst philosophische Schriften hinterließen. Die Philosophie war keineswegs eine männliche Domäne.

Oder war die Lesende mit einem Theaterstück befasst, das ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm? Hatte sie das Theater besucht und die Aufführung eines Dramas erlebt ? Denkbar ist es, denn nirgends in der antiken Literatur wird den attischen Frauen der Besuch des Theaters ausdrücklich untersagt. Aufgrund der religiös-kultischen Bedeutung des Theaters zu Ehren des Dionysos werden auch Frauen die dramatischen Aufführungen besucht haben. Ob ein solcher Besuch eher den wohlhabenden Frauen vorbehalten war, ob Frauen wegen der politischen Bedeutung des Theaters vor allem mit Plätzen in den hinteren Sitzreihen vorliebnehmen mussten, ob gebildete, angesehene Frauen eher Tragödien als Komödien bevorzugten, ob sie nun allein, in Begleitung von Freundinnen oder einer Dienerin das Theater besuchten – alle diese Fragen bleiben noch ohne Antwort.

Außerhalb des Hauses

Stand die Lektüre der lesenden Athenerin vielleicht im Zusammenhang mit einem der zahlreichen, in archaische Zeiten zurückreichenden Frauenfeste, die das Wachsen und Gedeihen der Natur günstig beeinflussen sollten? Mit den bedeutenden Thesmophorien beispielsweise, die zur Zeit der Aussaat in der gesamten griechischen Welt zu Ehren der Demeter und der Kore von Frauen gemeinschaftlich gefeiert wurden? Oder den ebenfalls Demeter geweihten Haloen, die zur Zeit der Wintersonnenwende stattfanden? Diese von Frauen mehrmals jährlich veranstalteten und nur ihnen zugänglichen Feste spielten im Jahreslauf und für das soziale Miteinander der Frauen außerhalb des Hauses eine bedeutsame Rolle. Tanz, Musik, Rezitationen und feierliche Prozessionen begleiteten diese manchmal mehrere Tage dauernden kultisch-religiösen Festlichkeiten, bei denen einige Frauen mit besonderen rituellen Aufgaben betraut waren. Die das Jahr rhythmisierenden Feste nahmen im Leben der Frauen einen herausragenden Platz ein. Und in einer Gesellschaft, in der Religion und Politik nicht getrennt voneinander gedacht wurden, war die Ausübung dieser Kulte gleichsam für das Selbstverständnis und den politisch-sozialen Zusammenhalt der gesamten Polisgemeinschaft von großer, stabilisierender Wirkung.

Doch auch sonst, nicht nur bei den Frauenfesten, bei Hochzeiten, Geburtsfeiern oder Begräbnissen lebten Frauen in einem weit gefächerten Beziehungsnetz. Sie kannten sich. In der Nachbarschaft. Im Demos. Und aus diesem Kreis wählten sie ihre Leiterin für das Fest der Thesmophoria.

Als Nachbarinnen und Freundinnen, als Ratgeberinnen, als Vertraute tauschten sie nicht nur Neuigkeiten aus, sondern auch Dinge des täglichen Lebens. Sie halfen sich mit Haushaltsgegenständen aller Art aus, mit Salz, mit Kerzendochten, mit Opferkränzen. Und nicht nur das. Sie verliehen ihre Kleider, ihren Schmuck und selbst Geld, wenn es nötig war. Das setzte nicht nur gegenseitiges Vertrauen voraus, sondern auch die Möglichkeit, sich außerhalb des Hauses frei zu bewegen, soziale Kontakte wahrzunehmen und zu pflegen und freie Zeit mit Freundinnen zu verbringen. Es war keineswegs unüblich, dass Frauen zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten das Haus verließen, um zum Beispiel einer Nachbarin oder Freundin oder der eigenen Tochter im Kindbett beizustehen. Zwar gab es Hebammen und medizinisch gebildete Frauen, die Geburtshilfe leisteten, aber es war von alters her eine weibliche Tradition, dass Frauen gebärenden Frauen zur Seite standen.

Andere Momente der Begegnung ergaben sich schließlich beim Wasserholen am Brunnen – wenn auch eher für Frauen, die diese Arbeit nicht einer Dienerin übertragen konnten und also selbst Wasser holten, ihre Wäsche selbst wuschen, als Kleinhändlerinnen auf der Agora arbeiteten, ihre Gartenprodukte anboten oder Feldarbeit verrichteten. Gleichgültig welcher sozialen Schicht die Frauen angehörten, auf die eine oder andere Weise flochten sie alle ein soziales Beziehungsnetz, das eigenen Gesetzmäßigkeiten und Traditionen folgte. Es wird ein Handeln von Frauen sichtbar, das über persönliche Belange und den Familienzusammenhalt hinaus auch auf das Wohlergehen der Gesamtheit der Polis gerichtet war. Insofern war jedwede Arbeit der Frauen, sei es im Haus, im Kultus, in sozialen wie medizinischen Belangen oder im Handel und Handwerk, immer auch von politischer Bedeutung und für das soziale Zusammenleben von Frauen und Männern innerhalb der athenischen Gesellschaft von unverzichtbarem Wert – diese Gesellschaft hätte ohne die Arbeit von Frauen nicht gelingen können.

Weibliche Lebenswelten

So entfaltet sich vor meinen Augen auf einer kleinen attischen Vase mit einer lesenden Frau ein Kosmos weiblicher Lebenswelten.

Malerinnen und Maler schufen Bilder weiblicher Lebensräume: arbeitende, rezitierende, musizierende und eben auch lesende Frauen. Dass Frauen ein Handwerk ausübten, dass sie beispielsweise Vasenbilder schufen, zeigt die Darstellung auf einer rotfigurigen Hydria (  um 460 v. Chr.) aus einem Frauengrab in Ruvo ( Apulien): Eine mit einem Chiton und Mantel bekleidete und durch ihre Haartracht als Freie gekennzeichnete Frau ist dabei, die Volute eines Kraters zu bemalen. Und immerhin ist durch die Signatur auf zwei attischen Vasen der Name einer Malerin namens Timagora überliefert. Timagora und andere in Töpferwerkstätten arbeitende, namentlich nicht genannte Frauen lassen erahnen, dass »weibliche« und »männliche« Arbeitswelten auf vielfältige Weise einander berührten. Wie viele Arbeiten von Frauen möglicherweise mit der Signatur des Vaters, des Bruders oder des Ehemannes versehen in die Geschichte eingegangen sind, wird ein Geheimnis dieser Geschichte bleiben.

Diejenigen Menschen, die die kostbaren Gefäße schließlich in Gebrauch nahmen – Amphoren für das Aufbewahren von Ölen und Weinen, Alabastren und Lekythen als Behältnisse für Parfums, Hydrien für das Wasserholen am Brunnen, Lutrophoren für Hochzeits- und Begräbnisrituale –, hielten eine reiche Bilderwelt in ihren Händen. Sie werden ihre Freude daran gehabt und die Bilder und Botschaften als Teil ihres Lebensumfeldes wahrgenommen haben. Diese für den täglichen Gebrauch wie für den Ritus geschaffenen Gefäße mit ihren Bildschöpfungen waren so begehrt, dass sie sich über Athen und Griechenland hinaus im gesamten Mittelmeerraum verbreiteten.

Die Frage, inwiefern die Vasenbilder lesender oder musizierender Frauen der Lebenswirklichkeit attischer Frauen entsprachen oder eher Wunschbilder einer idealen Frauenwelt verkörperten, mag im Raum stehen bleiben. Ich lese die Vasenbilder indes als Wertschätzung weiblicher Lebenswelten. Ein Bild wie das der Lesenden auf der Lekythos spiegelt in meinen Augen eine große Bildungsoffenheit gegenüber Frauen und Mädchen und ihre Teilhabe am kulturellen Leben im Athen der klassischen Zeit. An diese weibliche Tradition mögen nachfolgende Generationen von Frauen angeknüpft haben. Das Bild einer in ihre Lektüre vertieften Frau auf einer attischen Vase mag die Helleninnen ermutigt und inspiriert haben, die erweiterten Bildungsmöglichkeiten durch staatliche Schulen und öffentliche Bibliotheken selbstbewusst zu nutzen und damit den Faden einer weiblichen Bildungsgeschichte weiterzuspinnen. Mich hat die Lesende inspiriert, den Anfang dieses Fadens zu suchen.

Literatur

Bérard, Claude / Vernant, Jean-Pierre u. a.: Die Bilderwelt der Griechen. Schlüssel zu einer »fremden« Kultur, übersetzt von Ursula Sturzenegger, Mainz 1985 ( Kulturgeschichte der Antiken Welt, Band 31).

Blanck, Horst: Das Buch in der Antike, München 1992.

Bruit Zaidmann, Louise: Die Töchter der Pandora. Die Frauen in den Kulten der Polis, in: Schmitt Pantel, Pauline ( Hrsg.), Geschichte der Frauen, Band 1: Antike, Berlin 2012 (  Sonderausgabe), S. 375-415.

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Zwei Frauen im Gespräch über ihre Lektüre.
Fresko aus Pompeji, 1. Jahrhundert n. Chr. ( vor 79 ).
Museo Archeologico Nazionale, Neapel.

2. Zwei Frauen im Gespräch über ihre Lektüre

Colloquio di donne

Zwei Frauen im Gespräch über ihre Lektüre.

Diese Bildunterschrift wird einem Fresko des 1. nachchristlichen Jahrhunderts zugeschrieben, das Angaben des Bildarchivs Preußischer Kulturbesitz zufolge aus Pompeji stammt und dort den Raum einer Villa schmückte. Welche der pompejanischen Villen gemeint ist, bleibt offen. War es tatsächlich Pompeji, wo diese Wandmalerei entstand? Entstammt das Fresko möglicherweise einer Villa im nahe gelegenen Herculaneum? Oder einem römischen Wohnhaus in einer der anderen süditalienischen Städte ? Allen Nachforschungen zum Trotz lassen sich diese Fragen gegenwärtig nicht beantworten, auch nicht die, wo das Fresko aufbewahrt wird und ob es überhaupt noch existiert.

Das Berliner Bildarchiv gibt als Standort das Archäologische Nationalmuseum in Neapel an. Da das Fresko nach Auskunft des Museums dort weder im Literaturverzeichnis noch in graphischen Reproduktionen des 19. Jahrhunderts erscheint, wird angenommen, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts in das Museum gelangte, ohne dass es inventarisiert worden wäre.

Wie gerne wüsste ich etwas über seine Herkunft und den heutigen Standort. Würde das Fresko selbst in Augenschein nehmen wollen. Seiner Wirkung nachspüren. Wer gab vor beinahe zweitausend Jahren den Impuls zu dieser Malerei ? Für wen war sie gedacht ? Wer erfreute sich daran ? Ich nähere mich dem Bild mit Staunen, mit Bewunderung, mit vielen Fragen.

Zwei Frauen im Gespräch. Ruhig und gelassen.

Eine der beiden hält eine geöffnete Papyrusrolle in ihren Händen. Sie steht vor ihrer Gefährtin, ihren rechten Fuß auf ein niedriges Podest gestützt. Sie scheint auf ihre Lektüre konzentriert. Trägt sie der vor ihr sitzenden Frau eine Textpassage vor? Diese ist in ihrer Haltung ganz der Gesprächspartnerin zugewandt. Mit dem linken Arm stützt sie sich auf ihren Sitz, die rechte Hand liegt entspannt in ihrem Schoß. Hinter ihr lehnt eine Lyra oder Kithara an einem Steinsockel. Der Sockel und die Andeutung einer Säule im Hintergrund legen die Vermutung nahe, dass die Frauen sich im hinteren Teil des Hauses, dem zu einem Peristyl gestalteten Gartenbereich aufhalten. Sie könnten Freundinnen sein.

Beide tragen die während der römischen Kaiserzeit traditionelle Frauenkleidung: ein langes, gegürtetes Untergewand, die Tunica, darüber eine für verheiratete Römerinnen standesgemäße und bis zu den Knöcheln reichende farbige Stola. Wohlhabende Frauen bevorzugten als Stoff eine leichte Baumwolle oder gar Seide. Und sie verzichteten ungern auf ihren reichhaltigen Schmuck: Spangen, Ohrringe, Armbänder und Ketten, Diademe oder mit Gold sowie Edelsteinen besetzte Bänder für ihr Haar. Auch das im Nacken zu einem kunstvollen Knoten gebundene Haar, das manchmal durch ein mit Goldfäden durchwirktes Haarnetz zusammengehalten wurde, gehörte zum typischen Erscheinungsbild einer verheirateten Frau. Nur die jungen, noch unverheirateten Mädchen trugen ihr Haar lang und ungebunden und konnten sich in der Öffentlichkeit auch ohne Kopfbedeckung frei bewegen.

Ein Colloquio di donne also.

So lautet die Auskunft des Archäologischen Nationalmuseums in Neapel. Dass tatsächlich zwei Frauen dargestellt sind, zeige ein Vergleich mit anderen ähnlichen Bildern gleicher Dimension und gleichen Stils.

Die Szene lässt mich an die Zeit griechischer Klassik denken, als das Lesen weitgehend ein Gemeinschaftserlebnis war, als literarische Texte aus Buchrollen vorgetragen wurden, sei es in einer größeren Öffentlichkeit, in kleinerer Gesellschaft oder auch zu zweit wie hier am Beispiel der beiden Frauen. Das Lesen für sich allein nahm im Leben des antiken Menschen erst allmählich größeren Raum ein, wobei das individuelle Lesen noch lange Zeit ein mehr oder weniger lautes Sichvorlesen bedeutete, zumindest literarischer Texte. Das Alleinsein mit der Lektüre, das stille Sichvertiefen in einen Text, wie wir es heute kennen, begann in hellenistischer Zeit gebräuchlicher zu werden, gleichwohl wurde das gemeinsame Hören und Lesen von Literatur noch über Jahrhunderte hinweg beibehalten.

Von einem solchen Moment erzählt das Wandbild aus Pompeji, von einem Moment der Begegnung zweier Frauen, im Gespräch über ihre Lektüre. Ich geselle mich zu ihnen, versuche ihnen zuzuhören, ihre Zusammenkunft zu ergründen, mich ihrer Lebenssituation im ersten nachchristlichen Jahrhundert zu nähern.

Geschichtliche Streifzüge

Zwischen den beiden Frauen aus Pompeji und der lesenden Athenerin auf der kleinen attischen Vase des 5. vorchristlichen Jahrhunderts liegt ein Zeitraum von fünfhundert Jahren. Eine Zeit, die der antiken Welt ein vollkommen neues Gesicht gab.

Griechische Kunst und Kultur, griechisches Denken, griechische Lebensweise und die griechische Sprache waren durch einen beispiellosen, mit dem großen Alexanderzug beginnenden Eroberungswillen bis in weit entfernte Gebiete getragen worden, im Osten bis nach Indien, im Süden bis nach Ägypten. Neue Herrschaftsgebiete entstanden. Städte wurden nach dem Vorbild griechischer Poleis gegründet. Sie gerieten zu Brennpunkten der Hellenisierung der Welt, in der griechische Kunst und Kultur im Aufeinandertreffen mit fremden Welten auch zu neuer Blüte und zu neuen Formen fand. Regionale und kulturelle Vielfalt kennzeichnen das Bild der hellenistischen Welt, in der das Griechische stets tonangebend blieb.

paideia