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Hannah Ahlheim

»Deutsche, kauft nicht bei Juden!«

Hannah Ahlheim

»Deutsche,

kauft nicht bei Juden!«

Antisemitismus und politischer Boykott

in Deutschland 1924 bis 1935

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Von der Fakultät für Geschichtswissenschaft

der Ruhr-Universität Bochum

als Dissertation angenommen im Jahre 2008,

für den Druck überarbeitet.

Gedruckt mit Unterstützung

der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung

für Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rhein

und der Axel Springer Stiftung.

Inhalt

Einleitung

Die deutsche Gesellschaft und der antisemitische Boykott

Ansätze und Probleme historischer Antisemitismusforschung

Die Einbeziehung der »jüdischen Perspektive« – Quellen und Vorgehen

Antisemiten und politischer Boykott in der Weimarer Republik

1. Phantasien vom »raffenden Juden« und die Konkretisierung des antisemitischen Vorurteils

Die antisemitische Phantasie vom »Wuchern« des »jüdischen Geistes«

»Zinsknechtschaft« und »raffendes Finanzkapital«: Antisemitismus im politischen Programm der NSDAP

Die Konkretisierung des Vorurteils von der »jüdischen Geldwirtschaft«

Der Mann mit allen Eigenschaften: Die Ausweitung des Vorurteils vom »raffenden Juden«

2. Selbst- und Fremdbilder und ihre Wirkung: Die Reaktionen deutscher Juden auf den Antisemitismus

»Deutschtum« und »Judentum« nach dem Ersten Weltkrieg

»Die Juden im Wirtschaftsleben«: Der Einfluss antisemitischer Stereotype auf jüdische Selbstbilder

Der »stille Boykott« und die Wahrnehmung antisemitischer Exklusion

3. Die Praxis des Vorurteils: Der »politische Boykott« während der Weimarer Republik

Der antisemitische Boykott als »politischer Boykott«

Die Boykottaufrufe der NSDAP: Antisemitismus als Parteiwerbung

Deutsch – christlich – jüdisch: Eine Topographie des lokalen Wirtschaftslebens

4. »Rechtsnot« und »jüdische Tragödien«: Die Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas bis Dezember 1932

Erfolge im »Kampf gegen den Wirtschaftsboykott«

Antisemitismus als Verstoß gegen die »guten Sitten«? Der Rechtsweg als »Risiko

1932: Das »Jahr der Entscheidung«?

Antisemitische Boykotte 1933 bis 1935 – »Gelenkter Volkszorn«?

1. Der reichsweite Boykott am 1. April 1933

Die Vorgeschichte des Boykotts und die Akteure im Frühjahr

Das Publikum des Boykotts

2. Die öffentliche Stigmatisierung jüdischer Gewerbetreibender und die Akteure

Unklare Vorgaben: Ein »Arierparagraph« im Wirtschaftsleben?

Die informelle Erfassung »deutscher« und »jüdischer« Geschäfte durch Parteigenossen

Diskriminierende Werbung: Gewerbetreibende und das Weihnachtsgeschäft

Störungen des »Weihnachtsfriedens« und ihr Publikum

3. Soziale Isolierung und soziale Kontrolle: Boykottaktionen und Gewalt im kleinstädtischen Alltag 1933/34

Die »Volksgemeinschaft« als Akteur

Umstrittene Kaufverbote: Soziale Kontrolle der »Volksgenossen«

Alltäglicher Antisemitismus: Die soziale Isolierung der jüdischen Nachbarn

4. Die Disziplinierung des »Volksgenossen« und der forcierte Boykott 1935

Stürmerkästen, Prangertafeln, Fotoaktionen: Institutionalisierung der »Disziplinierung«

Boykott in der Großstadt: Die gewaltsamen Ausschreitungen in Berlin im Sommer 1935

1935 – eine entscheidende »Station« auf dem Weg zur »Entjudung«

Schluss

Dank

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Quellen

Literatur

Ortsregister

Personenregister

Einleitung

a)  Die deutsche Gesellschaft und der antisemitische Boykott

»Kauft nicht bei Juden!« Diese Aufforderung war am 1. April 1933 in allen deutschen Städten auf Tausenden von Plakaten zu lesen. Der reichsweite und offizielle Boykott jüdischer Geschäfte, Kanzleien und Praxen war die erste von der Parteileitung der NSDAP und damit von Teilen der neuen Regierung organisierte antisemitische Aktion. Die Bilder von uniformierten SAPosten, die vor jüdischen Geschäften standen und potentielle Kunden vom Betreten abzuhalten suchten, gingen damals um die Welt, und diese Szenen gehören zu den wohl bekanntesten und auch einprägsamsten Bildern von der Verfolgung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland. Der Boykott war eine medienwirksame Inszenierung der antisemitischen Politik des neuen Regimes, und er wurde begleitet von einer umfassenden Plakat- und Flugblattpropaganda, die für diese Politik der Nationalsozialisten warb. Um 10.00 Uhr am Samstag, dem 1. April, sollten die Aktionen gegen die jüdischen Geschäfte »schlagartig« und »überall« einsetzen und zunächst bis zum 3. April andauern. So verkündeten es der Aufruf im Völkischen Beobachter, zahlreiche Artikel in der übrigen Presse und die Flugblätter und Plakate, die in den Straßen, in Schaufenstern und an den Litfaßsäulen zu finden waren. Der Boykottaufruf wandte sich an die gesamte deutsche Bevölkerung, Parteigenossen sollten ebenso angesprochen werden wie die »unpolitischen« Konsumenten.

Aufrufe zum Boykott gegen den »raffenden Juden« gehörten schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts fest ins Repertoire bekennender Antisemiten und wurden von verschiedenen, mehr oder weniger organisierten konservativen und antisemitischen Gruppierungen und Parteien genutzt. Vor allem die NSDAP hatte seit Mitte der 1920er Jahre begonnen, Boykottaktionen immer systematischer für ihre Politik und als Parteiwerbung zu nutzen. Schon lange vor der sogenannten »Machtergreifung« im Januar 1933 und auch nach der bekannten reichsweiten Aktion vom 1. April prägten die offen betriebenen und beworbenen antisemitischen Boykotte die Politik der Nationalsozialisten und ihr Bild in der Öffentlichkeit.

Es ist kein Zufall, so kann man argumentieren, dass der antisemitische Boykott in den 1920er und 1930er Jahren ein wichtiges Mittel nationalsozialistischer Propaganda wurde und dass die erste offizielle und reichsweit organisierte antisemitische Aktion der nationalsozialistischen Regierung ein Boykott war. Durch ihre »Natur einer medienwirksamen Kampfsituation«1 und die spezifische Verbindung von Ideologie, Ökonomie und individuellem Konsum bot die Aktionsform »Boykott« die Möglichkeit, die wirtschaftliche und soziale Segregation der Juden in Deutschland vor allem im Alltag und in der direkten Umgebung der Betroffenen voranzutreiben. In der »Kernszene« des Boykotts, wie man es nennen könnte, auf der Straße, in aller Öffentlichkeit trafen radikale nationalsozialistische Antisemiten, diskriminierte jüdische Geschäftsleute, Ärzte und Rechtsanwälte und Kunden, Einkäufer und Passanten aufeinander. Boykotte wurden von radikalen Antisemiten organisiert, doch sie richteten sich an die gesamte Bevölkerung, sie sollten in das alltägliche Miteinander von Juden und Nichtjuden eingreifen und eingespielte Strukturen verändern. Dabei ging es nicht nur darum, die materielle Existenzgrundlage der Juden zu zerstören und ihnen damit ein Leben in Deutschland unmöglich zu machen – die Boykottaufrufe und -aktionen der Nationalsozialisten zeigten auch und vor allem eine mentale Wirkung: Sie trugen auf sehr unterschiedliche Art und Weise dazu bei, die Unterscheidung von »deutsch« und »jüdisch« im Alltag zu etablieren, und erhöhten den Druck auf die stigmatisierten und verfolgten Juden.

Die ersten bekannten Boykottbewegungen der Neuzeit hatten zwar durchaus schon politische Ziele: Lawrence B. Glickman etwa sieht die Anfänge des Boykotts in der von den nordamerikanischen Kolonisten geforderten »moral economy«, die sich gegen die koloniale Herrschaft Großbritanniens wandte und in der Boston Tea Party einen spektakulären Höhepunkt hatte.2 Doch mit dem Erstarken der modernen Konsumgesellschaft und der rasanten Veränderung der Medienlandschaft seit dem Ende des 19. Jahrhunderts haben sich Formen und Ziele des »Consumer Activism« noch einmal entscheidend gewandelt. Die Idee, dass der einfache Verbraucher durch »Politik mit dem Einkaufskorb« seine Interessen öffentlich machen und durchsetzen könnte, gewann an Plausibilität.3 Ein Aufruf irischer Landarbeiter am Ende des 19. Jahrhunderts gab dem Phänomen »Boykott« dann seinen Namen: Die Arbeiter zwangen den Großgrundbesitzer Charles Cunningham Boycott, ihre Arbeit angemessen zu bezahlen, indem sie ihn wirtschaftlich und gesellschaftlich isolierten.4 Von nun an galt der »Boykott« in den USA und auch in Europa als ein verbreitetes und in Teilen auch rechtlich anerkanntes Mittel im Arbeitskampf.5

Mit der wachsenden Unabhängigkeit und Bedeutung des Konsumenten und dem Entstehen neuer Medien- und Kommunikationsstrukturen wurden Boykotte immer häufiger auch als ökonomisches Mittel mit dezidiert außerwirtschaftlichen Zielen definiert und eingesetzt.6 Der antisemitisch motivierte Boykott während der Weimarer Republik war ein zentrales Beispiel für einen solchen »politischen Boykott«. Die Aufrufe zum Boykott jüdischer Gewerbetreibender stellten schnell klar, dass ein Boykott in diesem Fall »nicht bei wirtschaftlichen Fragen« haltmachen, sondern »aus politischen Motiven die wirtschaftliche Schädigung unbequemer Berufs- oder Volkskreise«7 herbeiführen sollte, so formulierte es der jüdische Rechtsanwalt Bruno Weil 1926.

Die Boykotteure verfolgten aber nicht nur Ziele, die »außerhalb des wirtschaftlichen Bereiches«8 lagen, wie es für einen »politischen Boykott« als typisch galt. Was den »politischen Boykott« der Antisemiten auszeichnete und von anderen, durchaus auch politischen Boykottaktionen unterschied, war die Tatsache, dass sie jüdische Geschäftsleute nicht etwa zum Umdenken oder zu einer Änderung ihres geschäftlichen oder politischen Verhaltens bewegen wollten. Formuliertes Ziel der antisemitischen Boykotte war vielmehr der Ausschluss von Menschen aus der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft um ihres »Judentums willen«.9 Die jüdischen Geschäftsleute hatten keine Chance, dieses Stigma loszuwerden, sie wurden verfolgt, weil sie Juden waren. »Und diese Tatsache«, so brachte es der Rechtsanwalt Hans Lazarus 1931 auf den Punkt, »können die Juden niemals ändern, denn nach völkischer Auffassung können sie ihr Judentum ja nicht einmal dadurch verbieten, daß sie ihm durch Taufe oder Austritt freiwillig entsagen.«10

Neben der engen Verknüpfung ökonomischer, sozialer und ideologischer Motive ist die Aktionsform Boykott gekennzeichnet durch die öffentliche Inszenierung, die durch zahlreiche Medien, durch Flugblätter, Plakate, Zeitungsartikel, Lautsprecher, Preisausschreiben und Bonushefte, unterstützt wurde. Boykotte gegen »den Juden« wurden mitten in den Zentren der Orte propagiert, auf der Straße und vor den als jüdisch stigmatisierten Geschäften, dort also, wo jeder Einkäufer, jede Einkäuferin, jeder Flaneur und jeder Schaufensterbummler die Aktionen wahrnahm und sich zu ihnen verhalten musste.11 Den entscheidenden Part bei der Inszenierung der Boykotte spielten zunächst die antisemitischen Boykotteure selbst, die maßgebliche Rolle sollte aber dann das »kaufende Publikum« übernehmen, also die gesamte deutsche Gesellschaft. Sie bekamen klare Handlungsanweisungen, auf welche Weise sie »deutsch« kaufen und sich »deutsch« verhalten konnten – und zwar nicht etwa durch eine aktive oder gar eindeutig antisemitische und gewalttätige Handlung, sondern eben gerade dadurch, dass sie etwas nicht taten, dass sie passiv blieben. Durch diese Grundkonstellation des Boykotts erhielt die Rolle der Zuschauer eine neue, eine andere Bedeutung: Durch das bloße Beiseitestehen12 erfüllte die deutsche Bevölkerung im Falle des Boykotts die ihr von den Antisemiten zugedachte Funktion vollkommen.

Die Untersuchung von Boykottaktionen zwingt somit dazu, die Begriffe des Täters, des Mitläufers und des Zuschauers genauer zu fassen.13 Mit Boykotten zogen die Nationalsozialisten nicht nur eine Linie zwischen »Deutschen« und »Juden«, sie versuchten auch, so die Formulierung von Peter Longerich, »die politischen Auseinandersetzungen in nachbarschaftliche Infrastrukturen hineinzutragen und das tägliche Einkaufsverhalten zu einer politisch-welt anschaulichen Grundsatzentscheidung zu machen«14. Durch den Boykott wurde eine kleine und alltägliche Handlung, das Kaufen, zu einem politischen Akt, den der Einzelne gegen die oder zumindest vor der Menge vollziehen musste; das Kaufen in als »jüdisch« abgestempelten Geschäften wurde, ob gewollt oder nicht, zu einer politischen Meinungsäußerung oder konnte gar als Akt des Widerstandes gedeutet werden. Die Boykottaktionen der Nationalsozialisten waren Aktionen vor Ort, die »von unten« organisiert wurden und in ihrer unmittelbaren Umgebung Wirkung zeigen sollten.

Die Forschung und erst recht die öffentliche Vorstellung von der Propaganda der NSDAP vermittelten lange das Bild eines durchstrukturierten, straff organisierten Apparates mit Joseph Goebbels an der Spitze, der durch den gezielten Einsatz neuer Medien, durch Massenspektakel im großen Stil und groß angelegte Propagandafeldzüge die deutsche Bevölkerung indoktrinieren und verwirren konnte. Dass dieses Bild für die Zeit der Weimarer Republik und auch für die erste Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft nicht zutrifft, haben jüngere Forschungsarbeiten, vor allem die Studie von Gerhard Paul, gezeigt.15 Der Durchbruch der NSDAP gelang, so Paul, »gleichsam unabhängig vom Zustand der Propagandaorganisation. Zur Vermittlung eines diffusen Images der Partei reichten die vorhandenen Strukturen allemal aus.«16 Die »Propaganda«, wenn man denn diesen Begriff löst von einer durchorganisierten und »durchregierenden« Struktur, war angewiesen auf die Aktivität der Parteigenossen vor Ort, auf ihre Initiative und ihre Kreativität. Auch nach der Übernahme der Reichspropagandaleitung durch Joseph Goebbels 1930, die eine »neue Phase« einleitete, war die »Kleinarbeit an der Basis«17 wichtiger Faktor der Parteiwerbung.

Die vorliegende Arbeit belegt, dass diese »Kleinarbeit an der Basis« durchtränkt war von antisemitischer Agitation. Im Gegensatz zu der in der Forschung noch immer vertretenen Auffassung, die NSDAP habe ihrem Antisemitismus gegen Ende der Weimarer Republik »Zügel angelegt«, zeigt die Untersuchung des »politischen Boykotts« gegen jüdische Geschäftsleute, dass antisemitische Werbung und antisemitische Aktionen auf der lokalen Ebene offen betrieben und immer zahlreicher und gewaltsamer wurden, obgleich die Partei sich auf Reichsebene einen »bürgerlichen« Anstrich zu geben versuchte. Auch wenn Boykottaktionen in vielen Fällen von engagierten Nationalsozialisten betrieben und unterstützt wurden, waren sie also keine »von oben« befohlenen und organisierten Aktionen »der« NSDAP, die »von außen« in die lokale Gesellschaft eingriff. Im Gegenteil entstanden die antisemitischen Boykottaktionen in deutschen Städten und Dörfern aus der Gesellschaft heraus, sie wurden nicht nur von organisierten Nationalsozialisten, sondern von zahlreichen Gruppierungen mit unterschiedlichen Motiven und ohne übergreifende Lenkung initiiert und organisiert. Einzelne Gewerbetreibende, lokale Vereine und »Gemeinschaften« engagierten sich, die lokalen SA-Stürme erhielten Unterstützung von unzähligen Gruppierungen, der Hitler-Jugend (HJ), dem Nationalsozialistischen Schülerbund, der NS-Frauenschaft, von zahlreichen lokalspezifischen Gruppen wie etwa der »Schutzgemeinschaft für Handel und Gewerbe« in Leipzig, dem »Reichsverband zur Bekämpfung der Warenhäuser e. V.« mit seinen Ortsgruppen oder von den nationalsozialistisch orientierten Wirtschaftsverbänden, vor allem der schon zu Beginn der 1930er Jahre in allen Teilen des Reiches vertretenen »Kampfgemeinschaft gegen Warenhaus und Konsumverein«.18

Zuletzt hat Michael Wildt in seiner Studie über die »Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung«19 auf die Relevanz lokaler Strukturen und alltäglicher Praktiken bei der Konsolidierung der nationalsozialistischen Herrschaft hingewiesen. Wildt macht eben jene Strukturen und Ereignisse in der deutschen Provinz in den Jahren vor und nach 1933 zum Gegenstand seiner Studie, die Inklusion und Exklusion aus dieser Gemeinschaft in den einzelnen Orten zur Aufgabe der Bevölkerung machten.20 Die lokalen NSDAPGruppen hätten vor allem »rasch die weitreichenden Möglichkeiten der Gestaltung von Politik«21 erkannt, die die »Politikarena« Boykott bot. Sie stellte eine Gelegenheit dar, »die bislang geltenden Verbindungen und Distinktionen aufzubrechen, die jüdischen Nachbarn zu stigmatisieren und damit die vorhandenen Grenzlinien im Ort zu verschärfen und unüberbrückbar zu machen, ohne »die lokalen Honoratioren, das örtliche Establishment, direkt anzugreifen«22. Zentrales Anliegen von Wildts Studie ist daher eine »Drehung der Perspektive auf die ›ordnende Gewalt‹, auf das Herstellen der Volksgemeinschaft durch Gewalt, insbesondere durch die antisemitische, alltägliche Gewalt gegen Juden«23.

Doch durch diese sicherlich wichtige »Drehung«, die die Präsenz gewaltsamer antisemitischer Aktionen in der deutschen Gesellschaft in den Jahren vor und nach 1933 eindrucksvoll (wieder) in den Blick rückt, geraten andere, zentrale Bestandteile und Wirkungsweisen der Boykottaktionen in den Hintergrund oder drohen gar ganz zu verschwinden. Boykottaktionen gegen jüdische Gewerbetreibende setzten, selbst wenn sie oft in gewaltsame Aktionen ausuferten und so nur schwer von ihnen zu trennen sind, im Alltag Exklusionsmechanismen in Gang, die unterhalb der Schwelle der Gewalttätigkeit lagen, und erfüllten zentrale Funktionen, die gerade jenseits offener Gewalt lagen. Die Inszenierung des Boykotts geht über die »Kernszene«, die in den bekannten Bildern festgehalten ist, geht über das Postenstehen und die tätlichen Angriffe auf potentielle Kunden weit hinaus, und die vielfältigen Formen und möglichen Wirkungen von Boykottaktionen sind durch die »Drehung der Perspektive« auf die »ordnende Gewalt« nur teilweise erfassbar.24

So zeigte etwa der schon für die Zeitgenossen nur schwer beweisbare Boykott gegen jüdische Angestellte, die stillschweigende Übereinkunft von Arbeitgebern, keine Juden mehr einzustellen, bereits in den »Normaljahren« der Weimarer Republik seine Wirkung, so die eindeutige Wahrnehmung jüdischer Organisationen.25 Diese Form der Ausgrenzung wurde bewusst als »stiller« Boykott bezeichnet, da sie sich unbemerkt von der Öffentlichkeit, ohne gewaltsame Maßnahmen und ohne Propaganda vollzog. Aber auch die Bemühungen um die Kennzeichnung und Registrierung jüdischer Geschäfte, die auf sehr unterschiedliche Weise und in den meisten Fällen ohne gewaltsame Aktionen vor sich ging, waren ein zentraler und wirkungsmächtiger Bestandteil antisemitischer Boykottaktionen. Die antisemitischen Aktivisten setzten hier nicht etwa körperliche Gewalt, öffentlich inszenierte Demütigungen oder handfeste Drohungen ein, sondern entwickelten Werbefeldzüge, die mit den Begriffen »deutsch«, »jüdisch« und »christlich« arbeiteten und sie gegeneinander ausspielten, sie entwarfen Flugblätter, schrieben Artikelchen, verteilten Klebezettel und Poster, die in deutschen Städten im Umlauf waren, und halfen, eine »jüdische« bzw. »deutsche« Topographie in den Städten zu etablieren. Auch die »Werbung« der Antisemiten für ihre Partei und ihre Ideologie beschränkte sich nicht auf radikale Aktionen: Sie bestand zu einem großen Teil aus Werbeangeboten, z. B. aus speziellen Rabattmarken, Preisausschreiben und kleinen Bonus-Heftchen, die als »Wegweiser« in die »richtigen« Geschäfte konzipiert waren.

Es muss in einer Untersuchung des von Antisemiten organisierten »politischen Boykotts« daher auch darum gehen, diese scheinbar »harmlosen« Bestandteile der Aktionen in den Blick zu nehmen. Sie konnten zwar effektvoll mit den gewaltsamen Momenten des Boykotts, dem drohenden Postenstehen etwa oder den tätlichen Angriffen auf Kunden, Angestellte und Besitzer jüdischer Geschäfte verknüpft werden, doch sie funktionierten nach eigenen Regeln und entfalteten auf andere Weise ihre Wirkung: Sie trieben die Exklusion jüdischer Geschäftsleute, Verkäufer, Geschäftspartner, Nachbarn und Kollegen voran, indem sie die mentalen Strukturen des Publikums beeinflussten, indem sie dabei halfen, »den Juden« zu definieren, ihn zu personifizieren, vermeintlich erkennbar zu machen, in der Nachbarschaft zu »entlarven« und zu kennzeichnen. Die »Boykottwerbung« spielte dabei mit bestimmten Begriffen, mit »Bildern in den Köpfen« des angesprochenen Publikums, die Agitatoren nutzten »kulturelle Codes«26, von denen sie annahmen, dass der große Teil der Bevölkerung sie verstehen und in ihrem Sinne entschlüsseln würde.

Von entscheidender Bedeutung in der Boykottpropaganda war das Bild vom »raffenden Juden«, das als »Code« funktionierte und mit ganz unterschiedlichen Formen und Traditionen antisemitischen Denkens verbunden werden konnte. Hans Mommsen geht davon aus, dass die Polemik gegen die »jüdische Überfremdung des Wirtschaftslebens«, anders als die radauantisemitischen Ausfälle radikaler Antisemiten,27 nicht eindeutig abschreckend auf große Teile der Bevölkerung gewirkt habe.28 Die Nationalsozialisten, die 1930 einen erdrutschartigen Sieg bei den Reichstagswahlen verzeichnen konnten, hätten sich daher in ihrer antisemitischen Propaganda überwiegend darauf beschränkt, »gegen die angebliche jüdische Überfremdung des Wirtschaftslebens zu polemisieren«29. Die Vorstellung vom »Juden und der Wirtschaft«, das legt Mommsen nahe, bot Anknüpfungspunkte selbst für diejenigen in der Bevölkerung, die sich von der radikalen antisemitischen Propaganda distanzierten, sie konnte in der Propaganda zur Mobilisierung sowohl radikaler Anhänger als auch großer Teile der Bevölkerung genutzt werden.

Stereotype und Denktraditionen, die »den Juden« und »das Wirtschaftsleben« auf spezifische Art miteinander verbunden sahen, die Vorstellung vom »Wucherjuden«, vom Shylock, dem es nur um seinen Profit und um seinen Zins geht, gehören seit Jahrhunderten fest ins Repertoire antisemitischen Denkens.30 Die Figur der »Wirtschaftsjuden« konnte, mit verschiedenen Attributen und Eigenschaften versehen, in ganz unterschiedliche Zusammenhänge eingebaut werden und war anschlussfähig an unterschiedliche Traditionen stereotypisierenden und antisemitischen Denkens. Die Boykottaufrufe verbanden Bilder eines christlichen, religiösen Antisemitismus mit sozialen, ökonomischen und auch rassistischen Motiven und aktualisierten traditionelle antisemitische Ressentiments. Die bereits seit der Antike tradierte Phantasie vom »Wucherer« hatte schon im Laufe des 19. Jahrhunderts neue und andere Züge erhalten, und in Verbindung mit dem modernen, rassistisch geprägten Antisemitismus entstand im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Figur des »raffenden Juden«.31 Der »jüdische Wucherer« behielt zwar seine Gestalt als gieriger, fremdartiger und abgerissener Jude, verwandelte sich jedoch in den antisemitischen Karikaturen nun auch in eine moderne und großstädtische Figur. Neben dem abgerissenen und kaftantragenden Juden, jetzt allerdings erkennbar als Einwanderer aus dem Osten, erschien der »jüdische Bankier«, der »Aristokrat des Geldes«, der »Kommerzienrat« auf der Bühne der »Börse«.32 Zwar sei das Bildstereotyp des Ostjuden prägnanter und klarer – und sicherlich auch »gewohnter« – gewesen, so Michaela Haibl, aber auch der Bankier, durch zahlreiche Accessoires »mit einem reichhaltigeren Zeichenrepertoire« ausgestattet, war über Physiognomie und Haltung deutlich und schnell als »Jude« zu identifizieren.33

Im Weltbild der »modernen« Antisemiten des 19. Jahrhunderts spielte die Figur des »raffenden Juden« eine zentrale Rolle, und sie war in ihrem Denken unlösbar verbunden mit den Strukturen und den krisenhaften Auswüchsen der neuen kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Die Gründerkrise in den Jahren 1873 bis 1879, der Zusammenbruch der Börse nach einer überhitzten Konjunktur in Folge der Reichsgründung, war eine erste Krisenerscheinung des kapitalistischen Wirtschaftssystems und machte deutlich, welche Gefahren die fortschreitende Industrialisierung und die schnelle Veränderung der Wirtschaftsordnung seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert mit sich brachten. Und die Zeit des »Gründerkrachs« war just auch der »Höhepunkt judenfeindlicher Ideologieproduktion«,34 in diesen Jahren manifestierte sich der neue, moderne Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft.35 Die »soziale Frage ist die Judenfrage«, so beschrieb der bekennende Antisemit Otto Glagau den vermeintlichen Ursprung der ökonomischen Krise.36 »Los von den Juden, und die soziale Frage ist gelöst!«37, forderte er.

Glagau war es auch, der 1874 den Begriff des »raffenden Juden« prägte, den er dem »schaffenden Arier« und dem Begriff der »deutschen Arbeit« gegenüberstellte. Das Begriffspaar »raffend« und »schaffend« war vom Ende des 19. Jahrhunderts an genuiner Bestandteil antisemitischen Denkens. Es verband ökonomische Motive und Argumente mit rassistischen und auch nationalistischen Kategorien und machte es möglich, mit zwei prägnanten Schlagworten den für antisemitisches Denken zentralen Unterschied zwischen »guter«, produktiver Arbeit und »parasitärer« und schädlicher Finanzwirtschaft zu fassen. Der »raffende Jude«, so die Vorstellung der Antisemiten, wollte durch die Macht des Geldes die Weltherrschaft erringen und die »schaffenden« Völker, vor allem den »schaffenden Deutschen«, unterjochen und versklaven. Eindeutig und klar wurde der »Jude« dabei auch als »fremd« kategorisiert, die Nation und ihre »deutsche Arbeit«38 wurden »gegen« die »unproduktiven Juden«39 konstruiert. Der »raffende« Jude, so Alexander Bein, war damit nicht nur zum Angehörigen eines »fremden Volkes« geworden, er konnte schnell zum »Parasiten« werden, zum unangenehmen und auch bedrohlichen Ungeziefer, das dem »schaffenden« deutschen Volkskörper nicht nur seine produktive Wirtschaftskraft, sondern auch das Blut »aussaugte«.40

Seine neue Qualität erhielt das Stereotyp vom »raffenden Juden« auch durch die Verbindung mit den rassistischen und sozialdarwinistischen Lehren, die durch antisemitische Vordenker wie Houston Stewart Chamberlain oder Arthur Gobineau eingeführt und verbreitet wurden. Der moderne Antisemitismus41 definierte Juden als eigene Rasse, deren angeborene und damit unveränderliche Eigenschaften durchweg unangenehm, schlecht und bedrohlich waren. Wenn die Juden aber »unveränderlich« waren, waren sie auch »unverbesserlich«: Das Schema einer »quasi natürlichen Unverbesserlichkeit«, so urteilt Theodor W. Adorno, »ist für den Antisemiten weit wichtiger als der Inhalt seiner Standardvorwürfe, die meist recht harmlos sind und in keinem Verhältnis zu den Schlüssen stehen, zu welchen sie diejenigen, die hassen, verleiten«42. Das rassistische Verständnis vom »Juden« hatte weitreichende Folgen für den Umgang mit der jüdischen Minderheit. Denn die »Judenfrage« konnte für die Antisemiten nun nicht mehr auf dem Weg »gelöst« werden, den die ersten Vorkämpfer der Emanzipation formuliert hatten, auf dem Weg der »bürgerlichen Verbesserung« der Juden43 – der allerdings auch unweigerlich zur Assimilation führen sollte, also zur Aufgabe des Judentums.44 Wenn die Juden unverbesserlich waren, konnte die drängende »Judenfrage« nur durch die »Abschaffung« der Juden, durch den Ausschluss aus der »normalen« Gesellschaft beantwortet werden. Moshe Zimmermann sieht die Virulenz des Antisemitismus in Deutschland in der Verbindung rassistischer und sozialer Argumente und Ideologeme: »Angebliche Rassenunterschiede wurden herangezogen«, so Zimmermann, »um jenseits der alten, nicht mehr greifenden religiösen Unterschiede den Charakter und die Genese der ›sozialen Frage‹ zu erklären. So konnte die Verknüpfung von Modernisierung, Verwissenschaftlichung, Industrialisierung und Demokratisierung zusammen mit der Angst vor diesen Phänomenen letztlich in eine Formel münden, die die ›Judenfrage‹ mit der ›sozialen Frage‹ gleichsetzt, und somit den alten Judenhaß durch die Verbindung mit dem Problem der ›sozialen Frage‹ und seiner Lösung revitalisiert.«45

Für Moishe Postone ist es gerade die Unterscheidung zwischen »raffend« und »schaffend«, die dem Vorurteil vom Juden in der Wirtschaft seine Gewalt verleiht. Das allgemein verbreitete Konzept vom Antisemitismus als »Revolte gegen die ›Moderne‹«46, so Postone, könne nämlich nicht erklären, warum sich der Hass der Antisemiten nicht gegen das Industriekapital richte, das ja »gerade nicht Objekt antisemitischer Angriffe war«47, sondern gegen das Finanzkapital in Person der Juden. Das Geld stelle sich auf Grund des Fetischcharakters der Ware »als einziger Ort des Wertes dar, als Manifestation des ganz und gar Abstrakten anstatt als entäußerte Erscheinungsform der Wertseite der Ware selbst«48. Ähnlich sei nun die Fetischisierung des »Kapitals« im Gegensatz zur »Industrie« im fortentwickelten Kapitalismus zu verstehen: Auch hier werde der »Doppelcharakter« des Kapitals verkannt, der ontologische, konkrete Charakter löse sich von der abstrakten Wertdimension, das industrielle Kapital erscheine im Gegensatz zum Finanzkapital als einziger Ort des Wertes, als »direkter Nachfolger ›natürlicher‹ handwerklicher Arbeit«49.

Das Begriffspaar »raffend« und »schaffend«, das versucht Postone in seinen streitbaren Überlegungen zu fassen, prägte das antisemitische Denken von den »Juden und der Wirtschaft« und die antisemitische Sprache entscheidend. In den Augen der radikalen und bekennenden Antisemiten war die »Judenfrage« nicht mehr eine von vielen politischen Fragen, durch die Verbindung sozialökonomischer, rassistischer und religiöser Argumentationsmuster war der Antisemitismus zu einer »Weltanschauung«, zu einer alles erklärenden Denkstruktur geworden. »Der Jude« wurde zur Antriebskraft aller unangenehmen oder unverständlichen gesellschaftlichen Entwicklungen erklärt, und auch die immer deutlichere Abhängigkeit der nationalen Entwicklung von internationalen Strukturen konnte durch die »jüdische Weltverschwörung« verstanden werden.50 Die »Judenfrage« wurde, so resümiert Wolfgang Benz, in der antisemitischen Agitation dieser Jahre zu einer Chiffre, die »einerseits politisches, kulturelles, ökonomisches Unbehagen zusammenfasste und andererseits Existenz- und Überfremdungsängste artikulierte«51.

Die angebliche Wirtschaftsmacht der Juden hatte also eine zentrale Bedeutung für die Ausprägung des modernen Antisemitismus, der eben »ein Produkt der modernen – oder zunächst: der sich modernisierenden – Gesellschaft und insofern trotz aller rückwärtsgewandten Aspekte der antisemitischen Ideologie ein unbestreitbar modernes Phänomen«52 war, so fasst Reinhard Rürup die Forschung zusammen. Dieser moderne Antisemitismus wurde gestärkt und beeinflusst durch die Krisen der modernen Gesellschaft, »die durch die Auflösung der ständisch feudalen Gesellschaft, die Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die rasch voranschreitende Industrialisierung, die Veränderung der sozialen Strukturen, die wachsende Bedeutung der Nationalstaaten, die Säkularisierung und den damit verbundenen Wandel, nicht zuletzt auch die zunehmende Politisierung der Massen verursacht wurden«53.

b)  Ansätze und Probleme historischer Antisemitismusforschung

Die Erkenntnis, dass Judenfeindschaft »eine Form von sozialem Protest« war, »bei dem Aggressionen verschoben und gegen Juden gerichtet wurden«54, gehört damit zu den grundlegenden Ergebnissen der Antisemitismusforschung. Schon zu Beginn der 1960er Jahre hat allerdings der Ökonom Hans Wolfram Gerhard darauf hingewiesen, dass die »Bedeutung des wirtschaftlichen Arguments in der Geschichte des Antisemitismus ebenso wie die Bedeutung wirtschaftlicher Zustände als Bedingung oder Ursache der Judenfeindlichkeit […] oft als außerordentlich überschätzt«55 erscheine. Speziell die wirtschaftliche Begründung biete eben »keine hinreichende Erklärung der Judenfeindschaft«56, und der »Gemeinplatz«, fährt Gerhard fort, »daß Wirtschaftskrisen und Judenfeindschaft eng zusammengehören«, sei »doch recht aussagearm«57. Seit den 1980er Jahren geriet die vor allem in den 1970er Jahren noch weiter ausgearbeitete sozialgeschichtliche Darstellung eines zu engen und eindeutigen Zusammenhangs von Antisemitismus und Krise dann immer heftiger in die Kritik, und eine neue Diskussion um die Auslöser, die gesellschaftlichen Grundlagen von Antisemitismus und um Kontinuität und Diskontinuität nicht nur im deutschen Antisemitismus entwickelte sich. »Die Interpretation des Antisemitismus als Epiphänomen allgemeiner sozialökonomischer Krisen« habe dabei »an Überzeugungskraft verloren«58, bilanzierte Till van Rahden 1998.

Die sehr heterogenen ideen-, mentalitäts- und kulturgeschichtlichen Ansätze der historischen Antisemitismusforschung, die in den letzten beiden Jahrzehnten Konjunktur hatten, wenden sich daher verstärkt den mentalen Strukturen zu, die sich als Phänomene der longue durée nur sehr langsam wandeln, und fragen nach tradierten Mythen, Topoi und Stereotypen, nach Bildern von Juden, die bereits vor der Krise existierten, während der Krise ihre Wirkung verstärken konnten und die Krise schließlich überdauerten. Es gehört nämlich, wie Reinhard Rürup feststellt, »zu den auffälligen Besonderheiten des modernen Antisemitismus, dass er mit der Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft und der Überwindung der jeweiligen Krisen nicht wieder verschwunden ist, sondern sich ideologisch, teilweise auch organisatorisch verfestigte und in neuen Krisensituationen weiter radikalisiert werden konnte«59.

Das komplexe Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität antisemitischen Denkens in Verbindung mit der Frage nach möglichen latenten Schichten von Antisemitismus ist ein zentraler, viel diskutierter und noch immer umstrittener Punkt in der historischen Antisemitismusforschung, vor allem in jener Forschung, die sich mit der Bedeutung von Antisemitismus für den Aufstieg und die Etablierung der NSDAP auseinandersetzt.60 In Reaktion auf die intentionalistischen Erklärungsansätze der 1960er Jahre ist man hier noch immer darum bemüht, sich von der allzu einfachen Erklärung eines schon immer vorhandenen Antisemitismus und einer von Anfang an von der NSDAP verfolgten Vernichtungspolitik zu distanzieren. »Gründlichere Analysen«, so Ian Kershaw im Jahr 2001, »tendieren […] zu einer stärkeren Betonung der Diskontinuitäten als der Kontinuitäten zwischen dem Antisemitismus in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg und dem der Nationalsozialisten.«61 Antisemitismus, geht Kershaw noch einen Schritt weiter, sei eben nicht das »primäre Motiv« für den Aufstieg der NSDAP und auch nicht die »Ursache für den Holocaust« gewesen.62 In der Wahlpropaganda habe der Antisemitismus sogar »eher am Rande gestanden«63, referierte Ulrich Herbert noch 1998 den Forschungsstand. Insgesamt sei »das Bild einer starken NSDAP und eines nur schwachen Antisemitismus« entstanden, so formulierte es auch Dirk Walter 1999 »überspitzt«.64

Dagegen warnte Shulamit Volkov65 schon 1999 vor der Überbetonung der Diskontinuität in der Geschichte des Antisemitismus. Man habe, so Volkov, auf dem Weg der Differenzierung und der Betonung der Diskontinuitäten anscheinend »erneut die Richtung verloren«66. Vor allem neuere Arbeiten, die sich mit der Reaktion deutscher Juden auf den Antisemitismus während der Weimarer Jahre beschäftigen, weisen denn auch verstärkt auf die Konstanz antisemitischer Bedrohungen hin.67 Gleichwohl entstehe in der historischen Forschung noch immer, das merkt Cornelia Hecht im Jahr 2004 in ihrer Studie zu jüdischem Leben während der Weimarer Republik kritisch an, der Eindruck, »der Antisemitismus sei eher eine Randerscheinung, kein Massenphänomen gewesen«68. Die »bereits vor 1933 auf mehreren Ebenen einsetzende (schleichende) Exklusion der deutschen Juden«69 sei dagegen bislang wenig zur Kenntnis genommen worden.

Die sehr unterschiedlichen Bewertungen der Präsenz, Virulenz und Kontinuität von Antisemitismus in Deutschland und seiner Bedeutung etwa für den Aufstieg der NSDAP liegen – zumindest zum Teil – in einem uneinheitlichen Verständnis von Antisemitismus bzw. vom »Antisemiten« begründet. So schreibt etwa Ian Kershaw, man sei »in der Regel zuerst Nationalsozialist« geworden »und dann erst Antisemit – zumindest radikaler Antisemit –, nicht vice versa«70. Die klare Aussage, man werde erst Nationalsozialist und dann Antisemit, wollte oder konnte Kershaw anscheinend so nicht stehenlassen –und so spezifiziert er seinen Antisemiten als »radikalen« Antisemiten. So »verbessert«, erhält der Satz aber eine vollkommen andere Bedeutung: Durch einen kleinen Einschub ist der Antisemit nun ein radikaler, offen agierender, aggressiver und organisierter Judenhasser. Noch deutlicher wird die Schwie rigkeit, Antisemitismus überhaupt zu definieren und einen Begriff für die verschiedenen Schattierungen antisemitischer Ressentiments zu finden, zum Beispiel bei William Sheridan Allen in seiner Lokalstudie über die Kleinstadt Thalburg. Allen argumentiert, genau wie Kershaw nach ihm, die Bewohner Thalburgs seien zum Antisemitismus gekommen, »weil sie sich vom Nationalsozialismus angezogen fühlten, nicht umgekehrt«71. Allen bleibt an dieser Stelle jedoch denkbar undeutlich: Es habe in Thalburg zwar einen Antisemitismus »in Form von Witzen oder Ausdrücken einer verallgemeinernden Abneigung«, aber »wenig wirklichen Antisemitismus«72 gegeben. Antisemitismus habe auf die Thalburger höchstens anziehend gewirkt »in einer überaus abstrahierten Form als eine unbestimmte Theorie, die nichts mit den täglichen Begegnungen mit den wirklichen Juden in Thalburg zu tun hatte«73.

Wird aber nur der »maßlose«, der radikale und offen formulierte Antisemitismus, der sich etwa in Pogromen entlud, als »wirklicher« Antisemitismus verstanden, so bleibt die Zahl der Antisemiten in der deutschen Gesellschaft tatsächlich gering. Die mentalen Strukturen, die tradierten und möglicherweise weit verbreiteten »Bilder vom Juden«, deren Bedeutung neuere Studien hervorheben, bleiben außen vor. Diese Beschränkung des Blicks auf den radikalen Antisemitismus birgt jedoch die große Gefahr, dass der Begriff vom »Antisemitismus« und vom »Antisemiten« allzu einfach gerät und damit an Erklärungskraft verliert. Die Konzentration auf den definierten »radikalen« Antisemiten, die den Gegenstand zunächst klarer und analytisch einfacher zu fassen macht, würde die Erkenntnismöglichkeiten entscheidend beschränken. Denn die radikalen Antisemiten agierten nicht im luftleeren Raum, sie waren anerkannter und integrierter Teil der deutschen Gesellschaft, sie reagierten auf Veränderungen im gesellschaftlichen Klima und veränderten es durch ihre Agitation, sie erhielten Unterstützung und stießen auf Gegenwehr. Bezieht man die Wechselwirkungen zwischen dem Denken und Handeln radikaler Antisemiten und ihrer Umgebung nicht in die Überlegungen mit ein, gehen zentrale Einsichten verloren.

Einen Versuch, das Verhältnis zwischen verschiedenen Erscheinungsformen von Antisemitismus, zwischen mentalen Bildern und radikalem antisemitischem Engagement, zu fassen und zudem zu erklären, wie und warum tradierte antisemitische Stereotype eine Krise überlebten und dann in der nächsten möglicherweise sogar gestärkt wieder hervorbrechen konnten, unternimmt Detlev Claussen in seiner Studie Grenzen der Aufklärung. Er prägt dafür die Begriffe des primären, manifesten Antisemitismus einerseits und einer latenten Form des antisemitischen Vorurteils andererseits. Latenter Antisemitismus entspricht nach Claussen den von der Mentalitätsgeschichte beschriebenen, sich nur langsam wandelnden und entwickelnden »Bildern vom Juden«. Er erscheine, so Claussen, »in der modernen bürgerlichen Gesellschaft im Normalfall nicht«74. Manifester Antisemitismus hingegen werde offen und bewusst ausagiert, er sei offen formulierte Weltanschauung, politisches Programm, und versuche, den vorhandenen aber kaum wahrnehmbaren latenten Antisemitismus zu mobilisieren.75 Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Formen, erläutert Claussen, sei erst durch die Erfahrung der Judenverfolgung im »Dritten Reich« möglich und nötig geworden, denn die nationalsozialistische Judenverfolgung werfe so vehement wie nie zuvor die Frage auf, wie antisemitische Ressentiments einer zunächst kleinen Gruppe in nur wenigen Jahren ihre zerstörerische Gewalt entfalten konnten.

Die von Claussen formulierte Unterscheidung zwischen »latentem« und »manifestem« Antisemitismus ist in der historischen Antisemitismusforschung bisher kaum aufgegriffen worden. Sicherlich stellt die Analyse von »latentem«, also nicht bewusst und offen formuliertem und unter der Oberfläche schwelendem Gedankengut für die historische Forschung eine große Schwierigkeit dar – schließlich ist »latenter« Antisemitismus nur schwer in den Quellen zu finden und damit zu belegen. Psychische Sachverhalte sind, so fasst es Klaus Holz zusammen, »nicht unmittelbar zugänglich […] wie Zeitungsartikel«, sie seien »nicht selbst Kommunikation« und könnten »deshalb nur indirekt anhand dessen, was vorliegt, erschlossen werden«76. Dennoch zeigen die ungeschickten Versuche, den »wirklichen« Antisemitismus von einem »abstrakten« Antisemitismus zu unterscheiden und den Antisemiten der Klarheit halber zum radikalen Antisemiten zu machen, dass es kaum möglich ist, eben dieser Frage nach den verschiedenen Formen antisemitischen Denkens auszuweichen. An dieser Stelle scheint mir der Hinweis auf grundlegende Mechanismen und Folgen vorurteilsvollen Denkens hilfreich. Denn um die Reaktionen – oder auch die Aktionen – der Menschen zu verstehen, so beschreibt es der Psychoanalytiker Otto Fenichel, »ist es unerläßlich, auch das, was reagiert, was erregt, gehemmt oder verschoben wird«77, zu verstehen.

Die vorliegende Untersuchung arbeitet mit einem Antisemitismusbegriff, der antisemitische Vorurteile auch jenseits eines bewusst formulierten und radikalen antisemitischen Weltbildes einbezieht, sie fragt nach möglichen latent vorhandenen Schichten antisemitischen Denkens. Antisemitismus, so die Grundthese, ist nicht einfach gleichzusetzen mit offenem und offensiv formuliertem Hass gegen Juden. Der entscheidende mentale Schritt, der dem manifesten Antisemitismus Kraft und Wucht verleiht, ist möglicherweise bereits die Anerkennung des »Andersseins« des »Jüdischen«, das verbunden ist mit einem diffus wahrgenommenen Unwohlsein, mit Unsicherheit und Fremdheitserfahrungen.

Wie antisemitische Vorurteile wirken, die Wahrnehmung des Einzelnen beeinflussen und auf diese Weise immer wieder scheinbare »konkrete« Belege für abstrakte Stereotype produzieren, bringt Jean-Paul Sartre in seinen Betrachtungen zur Judenfrage auf den Punkt: »Schauen Sie«, so beschreibt Sartre den unreflektierten Ausgangspunkt vieler antisemitischer Äußerungen, den er schon hundertmal gehört habe, »es muß doch etwas mit den Juden los sein. Sie erzeugen in mir ein physisches Unbehagen«78. Der »Jude« oder, genauer, das Stereotyp des Juden ruft Affekte hervor, deren Auslöser ganz offensichtlich »der Jude« zu sein scheint – also muss »doch etwas los sein« mit ihm.79 Woher aber kommt das »physische Unbehagen«, ist tatsächlich »der Jude« selbst der Auslöser dafür, dass er als anders, als befremdend oder gar unangenehm wahrgenommen wird?

Die sozialpsychologisch begründete Vorurteilsforschung80 bietet eine einleuchtende Erklärung für das offenbar tatsächlich gefühlte Unbehagen der Antisemiten: den Vorgang der »Projektion«. Das Individuum, das seine eigenen »Neigungen«, seine eigenen Sehnsüchte, Wünsche, Ängste, Aggressionen, seine Triebe nicht zu ertragen, ja nicht einmal wahrzunehmen vermag, »sieht« seine negativen Phantasien in »andere hinein«81, so die Formulierung von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Dieses »Hineinsehen«, die Projektion, ist ein grundlegender Mechanismus in der menschlichen Psyche.82 So veräußerlicht, können die unliebsamen Emotionen und Triebe nun im Anderen erkannt, verurteilt und verfolgt werden.

Die zwei Phasen der Bildung eines Vorurteils, so erklärt es der Psychoanalytiker Martin Wangh, »bestehen in der Entfremdung eines Stücks des Selbst von sich zum einen, in der unbewußten Projektion dieses Stücks auf einen Außenseiter zum andern«83. Dabei ist die Projektion umso einfacher, je klarer der Andere auch in der Gesellschaft schon definiert ist: »Alles Gute«, so erklärt Wangh, »wird den Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft zugeschrieben; diese wird idealisiert. Alles Schlechte hingegen wird dem Fremden zugeschoben.«84 Dabei hat die Abgrenzung der »ingroup«, zu der der Vorurteilsvolle gehört, gegen die »outgroup«, die Objekt der Vorurteile ist, vor allem den Sinn, den Zusammenhalt der ingroup zu festigen und ihr Prestige durch den Abgleich mit der herabgesetzten outgroup zu heben.85 Auch die neuere Antisemitismusforschung betont die Stärkung und die Definition der eigenen Gruppe mit Hilfe des Fremdbildes, gegen das man sich abgrenzt.86

Sartres Antisemit wird dabei große Schwierigkeiten haben, sein »Unbehagen« gegenüber dem Fremden durch das Zusammentreffen und Bekanntwerden mit einem Juden zu überwinden. »Nicht die Erfahrung schafft den Begriff des Juden«, erklärt Sartre, »sondern das Vorurteil fälscht die Erfahrung.«87 Denn ein (unbewusster) psychischer Abwehrprozess wie die Projektion ist der Korrektur durch kognitive Einsicht nicht zugänglich, und es ist, das führt auch Allport aus, »einer der seltsamsten Züge des Vorurteils, daß wir an einem Vorausurteil festhalten, auch wenn wir es besser wissen«88.

Was das Vorurteil so sperrig und widerständig gegen rational begründete Korrekturen macht, ist eben die Tatsache, dass es mit Wertungen und Affekten hoch aufgeladen ist und dass es im seelischen Haushalt seines Trägers eine unverzichtbare Rolle spielt.89 Ein aggressives Vorurteil kann so nicht nur ungeahnte Gewalt entwickeln, es ist in der Persönlichkeit auch so tief verankert, dass es nicht einfach durch gegenteilige Erfahrungen beeinflusst und angesichts neuer Informationen als falsch erkannt werden kann, das Vorurteil »résiste aux preuves de sa fausseté«90. Diese Resistenz unterscheidet das »abnormale« Vorurteil auch ganz entscheidend von einem »normalen« Vor-Urteil,91 wie Wangh es nennt.92

Zentraler Bestandteil vorurteilsvollen Denkens sind die »Bilder in unseren Köpfen«93, die Stereotype, die – und das ist ihre zentrale Funktion – die weitere Wahrnehmung der Realität strukturieren, indem sie die Kategorien der Einordnung und Bewertung vorgeben. Stereotypie sei, so formuliert es Adorno in den Studien zum autoritären Charakter, »ein Kunstgriff, sich die Dinge bequem zurechtzulegen«94. Das Denken in Stereotypen geht dem Konkreten aus dem Weg und flüchtet sich ins Abstrakte; Unpassendes kann durch diese Abstraktion passend gemacht werden, der möglicherweise komplizierte und uneindeutige Einzelfall wird schnell einsortiert in eine festgelegte und umfassende Kategorie. Da die Tendenz zur Kategorisierung in Stereotypen »aus verborgenen, unbewußten Quellen gespeist wird«, fährt Adorno fort, können »die Verzerrungen, die sie zur Folge hat, nicht einfach durch einen Blick in die Wirklichkeit korrigiert werden«95. Der vorurteilsvolle Mensch, so übernimmt auch Gordon W. Allport die Argumentation der Studien, neige insgesamt zum Denken in Stereotypen. Die Vorurteile eines Menschen seien »wahrscheinlich […] die Spiegelung seiner gesamten Denkhaltung gegenüber der Welt, in der er lebt«96.

Doch das Denken und Wahrnehmen in abstrakten Stereotypen wird ergänzt durch einen weiteren wichtigen Mechanismus vorurteilsvollen Denkens, die »Personalisierung«. Diesen Vorgang beschreibt Adorno als die »›Verdinglichung‹ einer gesellschaftlichen Realität«97. Abstrakte oder nicht zuzuordnende Empfindungen werden Personen, Gegenständen oder Strukturen zugeschrieben und so lokalisierbar und handhabbar gemacht.98 Stereotypie, die Flucht ins Abstrakte, und Personalisierung, die Konkretisierung schwer fassbarer gesellschaftlicher Verhältnisse, sind für Adorno damit »zwei divergierende Teile einer eigentlich ›nichterlebten‹ Welt, Teile, die nicht nur miteinander unvereinbar sind, sondern denen auch nichts hinzugefügt werden darf, was das Bild der Wirklichkeit rekonstruieren würde«99. Die Kenntnis dieser Mechanismen vorurteilsvollen Denkens hilft, so Adorno, auch zu erklären, warum die Juden als »prädestinierte Sündenböcke« erscheinen. Denn die Juden seien »für den extrem Vorurteilsvollen aufs Äußerste stereotypisiert und gleichzeitig stärker personalisiert als irgendein anderer Popanz, weil sie nicht durch einen Beruf oder durch eine soziale Rolle definiert sind, sondern durch ihre Existenz als solche. Aus diesen und aus historischen Gründen sind sie wesentlich besser geeignet, die Funktion des ›schwarzen Mannes‹ zu übernehmen als die Bürokraten oder die Politiker […]. Die Fremdheit der Juden scheint die handlichste Formel zu sein, mit der Entfremdung der Gesellschaft fertig zu werden.«100