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Max Brod

Ausgewählte Werke

Herausgegeben von Hans-Gerd Koch

und Hans Dieter Zimmermann

in Zusammenarbeit mit Barbora Šramková

und Norbert Miller

Max Brod

Der Prager Kreis

 

Mit einem Vorwort von
Peter Demetz

 

 

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Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung Köln

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet
diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2016
www.wallstein-verlag.de
Vom Verlag gesetzt aus Aldus Roman
Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf
Druck und Verarbeitung: Hubert & Co, Göttingen
ISBN (Print) 978-3-8353-1795-6
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-2908-9
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-2909-6

Inhalt

Vorwort (Peter Demetz)

ERSTES KAPITEL
Ahnensaal
Versuch einer historischen Einordnung

ZWEITES KAPITEL
Die drittletzte Generation vor dem »engeren Prager Kreis«

DRITTES KAPITEL
Die beiden letzten Halbgenerationen vor der Zeit des »engeren Prager Kreises«

VIERTES KAPITEL
Der engere Kreis

FÜNFTES KAPITEL
Der weitere Kreis und seine Ausstrahlungen

Bibliographie

Nachwort (Steffen Höhne)

Editorische Notiz

Über den Autor

Register

Vorwort

Als Sechzehnjähriger strich ich fast jeden Tag durch die Prager Gassen, und da war eine in der Altstadt, abbröckelndes Gemäuer, Feuchtigkeit aufsteigend in alte Häuserwände, gewaltige schwarze Tore (so will mir heute scheinen), die sprach ganz besonders von der zerrissenen Vergangenheit der Stadt zu mir. Die tschechische Straßentafel besagte Husova Ulice (Hus-Gasse), die deutsche aber Dominikanergasse, und ich hatte die Wahl, entweder an Geist und Leiden des tschechischen Reformators zu denken oder an die philosophischen Verteidiger der einen und heiligen Kirche (»Typische Taferlpolitik«, meinte meine jüdische Großmama). Die ganze Stadt war, wie diese zwiespältige Straßentafel, eine Übung im Lesen der Vergangenheit, nur stand der Text nicht unveränderlich fest, und es kam ganz darauf an, woher man stammte und welcher Sprache man sich zu bedienen pflegte.

Prag war eine Stadt aus zwei oder drei Städten, das Muster ihrer Monumente war geprägt von tschechischen, jüdischen und österreichischen Traditionen oder gar ihren Mischungen, Doppelungen und Interferenzen; das Glück der einen war der Schrecken der anderen, und was die einen als Recht und Erfüllung rühmten, war den anderen Entrechtung und Rache. »Ganz Praha ist ein Goldnetz aus Gedichten«, diese Gedichtzeile Detlev von Liliencrons ging mir oft durch den Kopf, aber er war ja nur zu Besuch gekommen (natürlich: Hôtel Blauer Stern), und wer hier lebte, in der einen oder anderen Religionsgruppe oder Sprachgesellschaft, der kannte eher die Plätze der öffentlichen Hinrichtungen oder die Marterkeller, in denen die historischen Bewegungen endeten (begannen). Der Hradschin, mit der Kathedrale und den Königsgemächern; die Bethlehemskapelle, in welcher Hus gepredigt; der alte jüdische Friedhof mit den schiefen Grabsteinen; das Denkmal des Herzog Wenzel vor dem böhmischen Nationalmuseum, das alles war, je nach Glauben, Sprache und politischer Richtung des Betrachtenden, Zukunftsprogramm oder wehmütige Elegie, romantische Ballade oder scharfe Provokation. Es geschah leicht, daß Freunde oder gar Mitglieder einer Familie in der gleichen Stadt lebten und doch wieder nicht, denn jeder partikulären Perspektive hoben sich durch den Raster der besonderen Tradition bestimmte Gebäude, Straßenzüge, Gärten, Gotteshäuser und Monumente entgegen, die in der Erfahrung anderer fehlten (nur die Bahnhöfe und Straßenbahnen, die hatten alle gemeinsam). Mein jüdischer Onkel, der die tschechisch-nationale Národní Politika las und die Kinder in die tschechische Schule schickte, war Bürger einer anderen Stadt als mein deutscher Onkel, der die deutschnationale Bohemia las, oder gar mein jüdischer Onkel deutscher Zunge, der sich das liberale Prager Tagblatt zu Gemüte führte und die neue Wagner-Aufführung in der deutschen Oper rühmte, anstatt endlich eine Eintrittskarte ins tschechische Nationaltheater zu kaufen, um sich dort Smetanas Prodaná Nevěsta anzuhören. Die Glaswände gingen mitten durch die Sippen und Familien; und wenn der Národní Politika-Onkel sonntags auf den Wyschehrad spazieren ging, erfüllte er eine slawisch nationale Wallfahrtspflicht, während der Prager Tagblatt-Onkel auf dem gleichen Hügel über der Moldau, wo sich der Sage nach die ersten Tschechenfürsten niedergelassen, nur seine Virginia rauchte und keinerlei politischen Gefühlen nachhing.

Die deutsche Literatur dieser Stadt, geschrieben von vielen jüdischen Schriftstellern und wenigen Prager Deutschen, war ein widersprüchliches und flüchtiges Phänomen der intellektuellen Geschichte, in dem sich Aufbruch und Enge, Energie und Niedergang zu merkwürdigen Texten verknüpften. In den vier oder fünf Jahrzehnten vor der Verfassung von 1849 war die deutsche Literatur in Prag ganz und gar provinziell. Goethe, kein Prager, schrieb das allerschönste Prager Gedicht »St. Nepomuks Vorabend«, aber sobald die erste Generation der durch die Verfassung emanzipierten Juden aus den Provinzghettos in die bömische Hauptstadt und ihre Bildungsstätten, Bibliotheken, Zeitungen und politischen Clubs drängte und sich für literarische Arbeit in tschechischer oder deutscher Sprache entschied (oder gar für beide, wie Siegfried Kapper), war es mit der Biedermeier-Provinz zu Ende; ihre kritische Intelligenz erprobte sich in liberaler Weltlichkeit und in der Assimilation an die Traditionen der tschechischen Aufklärung oder der deutschen klassischen Poesie. Die Entscheidungen waren weder einfach noch vorgegeben; der tschechische Antisemitismus des neunzehnten Jahrhunderts war nicht weniger massiv als der deutsche, und wenn die tschechischen Arbeiter dem jüdischen Kaufmann in der kleinen Landstadt die Fenster einschlugen, wie es meinem Großvater mütterlicherseits und vielen andern geschah, zog der jüdische Kaufmann in die liberalere Hauptstadt, setzte seine Geschäfte im großen fort und war dem Kaiser Franz Joseph für Ruhe und Ordnung dankbar (später übertrugen die schreibenden Söhne dieser Kaufleute ihre Verehrung auf den Philosophen T. G. Masaryk, den Präsidenten und Landesvater der Republik). Fünfzig Jahre lang, zwischen 1890 und 1939, konstituierte die Prager deutsche Literatur eine Versammlung paradoxer Talente und unerhörter Geheimnisse, und doch geschah das alles wie auf einer dahinschmelzenden Eisscholle, welche die Schriftsteller deutscher Sprache auf eine immer geringere Fläche zusammendrängte. Viele der Begabtesten, Hadwiger, Rilke, Werfel, flüchteten in die Ferne und Weite Deutschlands, sobald sie die Enge fühlten, und selbst Franz Kafka, den Bodenständigen, trieb es nach Berlin, wie vor ihm Karl Kautsky, der auch nicht weit von der Prager Theinkirche zur Welt kam. Berlin war die lockende Alternative, und nur wenn einer aus dem ländlichen Mähren kam, suchte er sein Autorenglück, wie Alma Mahler, in Wien.

Max Brod war wie kein anderer dazu berufen, die Geschichte der Prager deutschen Literatur zu schreiben, denn sein Leben und seine Produktivität waren ihrem Aufschwung und ihrem bitteren Ende mit allen Nerven verbunden; und als man im volksdemokratischen Böhmen wieder öffentlich über den Prager Kreis nachzudenken wagte, sprach er als Nestor jener versunkenen Epoche, und seine Worte kamen wie aus einer anderen Zeit. Max Brod entstammte, wie viele andere Prager Schriftsteller, einer gutbürgerlichen Beamtenfamilie und studierte, wie sein Freund Kafka, Rechtswissenschaften an der Prager deutschen Universität, um sich für einen »Brotberuf« vorzubereiten, wie man damals sagte (möglichst mit »einfacher Frequenz«, d. h. mit Büroschluß am frühen Nachmittag, um den noch unverbrauchten Rest des Tages der Lektüre, der literarischen Arbeit, der Musik und dem kritischen Gespräch zu widmen). Während er beim Landesgericht hospitierte und zwölf Jahre lang in der Personalabteilung der Prager Postdirektion amtierte, erschienen seine bedeutendsten Essays, Gedichte und Romane. In den Umsturzjahren zählte er zu den Mitbegründern des Jüdischen Nationalrates in Prag, und die neue Republik berief ihn bald in das Pressedepartment des Ministerratspräsidiums und ehrte ihn durch den Staatspreis (1931). Aber es hielt ihn nicht lange im Staatsdienst. Schon in den frühen zwanziger Jahren wechselte er in die Redaktion des berühmten Prager Tagblattes, wo er über Theater, Musik und Literatur schrieb, im lebendigsten Kontakt mit seinen Freunden im tschechischen Literatur- und Musikleben Prags. Er verließ die Stadt im letzten Zug vor dem Einmarsch der Wehrmacht (dem eigentlichen Ende der Prager deutschen Literatur) und kehrte, wie er betonte, nach Israel heim, wo er rasch einen bedeutenden Wirkungskreis als künstlerischer Berater der Habimah Theatergruppe fand, die in ihren Anfängen bis in die Jahre der russischen Revolution zurückging. Max Brod arbeitete zehn Jahre lang an seinen philosophischen Studien, ehe er wieder, wie in einer erneuten Jugend, in Israel, in der Schweiz und in der Bundesrepublik philosophische Essays und historische Romane zu publizieren begann, auf ausgedehnten Vortragsreisen in Europa alte und neue Freunde besuchte und wohlverdiente Ehrungen entgegennahm – und nicht nur als Freund, Entdecker und Verteidiger Franz Kafkas.

Dieser Spätzeit entstammt, in engem Zusammenhang mit seiner Autobiographie Streitbares Leben (1960), das Buch über den Prager Kreis (1966), und was uns Brod darin an Erinnerungen, panoramatischen Ansichten, Porträts und Geschichten eröffnet, hat nichts an polemischer Überzeugungskraft und kritischem Engagement verloren. Es ist erlebte Literaturgeschichte, nicht unpersönliche Chronik; selbst die einführenden Abschnitte über Alfred Meissner und Karl Postl-Sealsfield sind eher Bekenntnisse zu wichtigen Vorbildern als distanzierte Bildnisse ferner Gestalten. Merkwürdig, daß unter den Vorbildern und Vorgängern Leopold Kompert fehlt, der in seinen böhmischen Ghettogeschichten lange vor den Zionisten für die Rückkehr des Judentums zu Handwerk und Scholle plädierte – aber sonst fehlt hier keiner der Prager und der Böhmen, und Max Brod scheut sich durchaus nicht, überraschend Kritisches locker und frei auszusprechen (der arme Egon Erwin Kisch kommt nicht gut weg, gar nicht zu reden von den allzu lärmenden Expressionisten). Brod und seine Freunde Kafka, Weltsch, der blinde Oskar Baum und später der talentierte Ludwig Winder, bilden den Kreis in der Mitte des Lebensberichtes, aber darum fügen sich, Kreis um Kreis, Gustav Meyrink und die Seinen im Café Continental, das deutsch-tschechische Philosophenkränzchen im Ingenieur-Café, Johannes Urzidil und seine Kollegen im Café Arco oder Zugereiste wie der talentierte Friedrich Torberg, der im wahrsten Sinne des Wortes in einem der Prager Schwimmbäder (die Prager sagten: Schwimmschulen) auftaucht. Der Prager Kreis ist einer der vielen Kreise, die alle ineinander übergriffen und selbst durch diesen oder jenen Café-Stammtisch nicht ganz definiert waren denn die Prager Schriftsteller waren (in einigem Gegensatz zu ihren Wiener oder Berliner Kollegen) leidenschaftliche Spaziergänger; der allabendliche Gang vom Pulverturm, durch die Zeltnergasse in die Altstadt und von dort über die Karlsbrücke, unter den flimmernden Sternen, hinauf durch die winkeligen Gassen der Kleinseite bis zum Schloß, das war für Kafka und seine Freunde, auch die weniger berühmten, schöne Gewohnheit, peripatetisches Glück, Lebensnotwendigkeit. Walter Benjamin hätte seine Freude an diesen Prager Flaneuren gehabt.

Max Brods intime Erinnerungen an die drei Altersstufen der Prager deutschen Literatur – die Klassizisten (Friedrich Adler), die Dekadenten (Paul Leppin) und die ›Neo-Realisten‹ der eigenen Generation – richtet ihre offene und verborgene Polemik gegen die Meinung, viele Prager Schriftsteller wären dem einstigen Ghetto gar nicht entflohen oder sie hätten, wie es der tschechische Literaturkritiker Pavel Eisner einmal formulierte, durch Religiosität, Sprache und bürgerliche Klassenzugehörigkeit ein »dreifaches Ghetto« gebildet, tragisch abgeschlossen in ihrer Enge von der energischen Entfaltung der politischen Energie, welche die Erneuerung des alten böhmischen Staatswesens in der neuen Republik zu verwirklichen suchte – also Düsteres, nichts Helles; Niedergang, nicht Erneuerung; Trauer, nicht Zukunftsträchtigkeit. Nicht einfach, in diesem ältesten aller Argumente über die Prager deutsche Literatur in dem auch Pavel Eisner eher beschreiben als werten will, die soziologischen Prämissen von der Selbstinterpretation der Prager zu trennen. Ohne Zweifel: sie waren alle Bürgersöhne, denn das Prager Proletariat war tschechisch, und es war charakteristisch für die linguistisch-soziologische Situation, daß Fritz Mauthner, allerdings ein jüdischer Deutschnationaler reinsten Wassers, fast weinte, als er Prag verließ und zum ersten Male an der böhmischen Grenze einen regionalen Dialekt hörte, vom deutschen »Volke« gesprochen, und nicht nur das korrekte Schul- und Papierdeutsch der Prager Oberschicht (allerdings mit Einschüben slawischer Lautbildung). Die »Sprachinsel« war nicht nur ein amtlicher Begriff, und selbst Max Brods frühe Romane verraten viel von der instinktiven Bemühung, der »Insel« zu entfliehen, und wär‘s nicht anderswohin als in die Umarmung einer tschechischen Plebejerin, die dem fiktiven Helden, aber nicht nur ihm, die Erlösung im »Volke«, im Großen, im Allgemeinen bedeutete. Diesem fiktiven Motiv der »erotischen Symbiose« entspricht die Mittlerfunktion der Prager deutschen Literatur, entsprechen Max Brods Entdeckung des guten Soldaten Schwejk und seine Übertragungen der Janáček-Opernlibretti ins Deutsche, die erst den Weltruhm dieses Musikers begründeten, Franz Werfels Übersetzungen des Hymnikers Březina und Otto Picks und Rudolf Fuchs‘ lebenslange Bemühungen, die tschechische Lyrik ins Deutsche zu übertragen. In diesem Akt der Grenzüberschreitung sind die ererbten Beschränkungen der Prager deutschen Literatur, wenn es welche waren, bestätigt und aufgehoben zugleich.

Peter Demetz

ERSTES KAPITEL
Ahnensaal

Versuch einer historischen Einordnung

Man spricht seit einiger Zeit viel von einer »Prager Schule«. Ich finde diesen Begriff nicht recht zutreffend. Denn zu einer Schule gehört doch wohl ein Lehrer und auch so etwas wie ein Schulprogramm. Wir hatten weder den einen noch das andere. Ich habe daher absichtlich eine Bezeichnung gewählt, die lockerer, schwankender, verschwimmender ist. Ich spreche lieber von einem »Prager Kreis«.

Die zeitliche Ausdehnung dieses Kreises ist schwer zu bestimmen, ebenso wie sich die quasi-räumliche Ausdehnung der Gruppe, der Personenstand, den sie umfaßte, der exakten Abgrenzung zu entziehen scheint.

Man kann füglich bis 1830 zurückgehen, dem Jahr, in dem Marie von Ebner-Eschenbach geboren wurde. Ihr Vater war der Baron Franz Dubsky, der noch gegen Napoleon gekämpft hat. Geboren wurde sie auf Schloß Zdislavic bei Ungarisch-Hradisch in Mähren. Dubsky, Zdislavic – slawische Namen. Und der Prager Kreis steht plötzlich seiner Ahnenschaft nach als böhmisch-mährisch-österreichischer im Licht der Historie. – Marie wird, da die Mutter sehr bald stirbt, nachdem sie ihr das Leben gegeben hat, von der Amme Anitschka und der Bäuerin Pepinka gepflegt. Im tschechischen Milieu aufgewachsen, beherrscht die Dichterin, die immer nur in deutscher Sprache schreibt, doch auch das Tschechische durchaus. Es ist kein Zufall, daß der repräsentative Roman dieser tapferen Adeligen Božena heißt, von einer starkgemuten Dienstmagd handelt und in einem Geständnis vor aller Öffentlichkeit kulminiert, wie es bei Tolstoi oder in Ostrowskis Gewitter (Katja Kabanová) vorkommt. – Das zweite Meisterwerk der Ebner-Eschenbach, Das Gemeindekind, handelt von Pavel, dem Kind des proletarischen Mörders Holub und seiner Frau Barbara, dem Bruder der ins Kloster gesperrten Milada. – Es wirkt wie eine ins Tschechisch-Mährische übersetzte Macht der Finsternis. Die Finsternis über dem armen Bauernland. – Pavel ist die tschechische Form von »Paul«, »holub« heißt im Tschechischen die Taube. Schon in den Namen verdichtet sich die slawische Welt. Und mehr als das. Die Ebner-Eschenbach, achtzigjährig, schreibt: »Daß Tolstoi gelebt hat, ist ein Ehrentitel für die ganze Menschheit.« Und über Tolstois Zwei Greise (die Erzählung, die Kafka aufs innigste geliebt und mir wundervoll vorgelesen hat): »Über alle Beschreibung schön. Man kann vor lauter Bewunderung traurig werden, süß und angenehm traurig.« – So dicht ist diese deutsche Erzählerin mit dem breiten, guten, mütterlichen, slawischen Gesicht, eine der bedeutendsten Künstlerinnen der alten habsburgischen Monarchie, von slawischen Einflüssen umspielt. Es scheint, daß dies auf uns alle nachgewirkt hat, obwohl (beispielsweise) ich ihre beiden obengenannten hochrealistischen Bücher nur in frühester Jugend gelesen und fast ganz vergessen habe. Erst jetzt habe ich sie wieder durchgeblättert und war überrascht. Aber Beeinflussungen pflanzen sich ja auch indirekt, atmosphärisch, nicht bloß im Wachbewußtsein fort. »In früheren Zeiten«, heißt es im Gemeindekind, »konnte einer ruhig vor seinem vollen Teller sitzen und sich’s schmecken lassen, ohne sich darum zu kümmern, daß der Teller seines Nachbarn leer war. Das geht jetzt nicht mehr, außer bei den geistig völlig Blinden.« – Josef Mühlberger, der 1930 eine tieflotende Studie über die Ebner-Eschenbach veröffentlicht hat (Verlag der Literarischen Adalbert Stifter-Gesellschaft in Eger), findet in solchen und ähnlichen Stellen eine Parallele zu meinem Werk. Er schreibt: »Besessenheit bleibt (sc. in den Romanen der Ebner-Eschenbach) außerhalb der Diskussion; Trägheit des Herzens muß überwunden werden, sonst ist der Mensch sündhaft und schuldig. Erhellend mag hier auf Brods Trennung von edlem und unedlem Unglück in der Welt (sc. unbehebbarem und behebbarem Leid) hingewiesen werden.«

Es gibt noch andere, ähnliche Parallelen. Eine Standesgenossin der Ebner-Eschenbach war Bertha von Suttner, die 1843 als Tochter des Feldmarschalleutnants Graf Kinsky in Prag geboren wurde. Die Waffen nieder! hieß ihr Roman, dessen Titel als kühner fanfarenhafter Aufruf die Welt durchhallte. Ich möchte diese Fanfare umfassender machen: Nieder mit dem unedlen behebbaren Unglück, mit dem Hunger und mit sozialer Ausbeutung! – Dieser Kampf hat leider vorläufig zu einer Niederlage des guten Willens geführt. Bertha von Suttner starb 1914, symbolischerweise im Jahr, da der erste Weltkrieg ausbrach; die großartige, künstlerisch weit gestaltungsmächtigere Ebner-Eschenbach im Jahr, da dieses Weltunglück, in dem wir noch heute mittendrin stecken, zu einer seiner ersten grauenhaften Eskalationen ansetzte, den Schlachten um Verdun (1916). Die beiden adeligen Frauen stimmten darin überein, daß sie sich gegen Standesvorurteile, gegen Unhumanität jeglicher Art energisch zur Wehr setzten. Marie von Ebner-Eschenbach verkehrte in ihrem Heimatdorf Zdislavic höchst vertraulich und mitmenschlich (wofür ihre Werke zeugen) mit den armen Bauernfamilien, immer zu Rat und Hilfe bereit; nur im Winter lebte sie in Wien, beobachtete mit Mißtrauen und unablässig wacher Kritik die »hohen Gesellschaftskreise«, denen sie selbst angehörte. Ich glaube mich (ganz undeutlich) daran zu erinnern, daß ich als ganz junger Mensch in dem Eckhaus Spiegelgasse 1 – Graben, als ich dort klopfenden Herzens meinen ersten Besuch bei Richard Schaukal machte, in einem tieferen Stockwerk an einem metallglänzenden Türschildchen vorübergeschritten bin, das ganz unglaubhafterweise, aber doch wirklich den Namen »Marie von Ebner-Eschenbach« trug. Mein ehrfürchtiges Vorbeigehn kam mir wie ein Traumausflug ins Land der klassischen Dichtung vor und erhöhte damals das Prestige Schaukals und Wiens in meinen Augen ganz gewaltig. – Bei Frau von Suttner kam der Widerstand gegen alle Konvention mächtig zum Ausbruch, als sie gegen den Willen ihrer hocharistokratischen Eltern einen Schriftsteller (sei es auch ein Freiherr) heiratete. Das junge Paar lebte dann neun Jahre in Tiflis im Kaukasus, ehe es nach Österreich zurückkehrte. »Es gibt nur einen obersten Grundsatz der Moral: Wahrheit«, schrieb sie 1883 in der Münchener revolutionär hervorbrechenden Zeitschrift »Gesellschaft«, und legte die Leitsätze ihres Schaffens und Lebens dar, eine Geistesverwandte Ibsens. – Beide Frauen, sympathisch, kämpferisch, aufrichtig und aufrecht, haben in ihrem Wesen manches, was an die großen tschechischen Dichterinnen gemahnt, an Božena Němcová (1820 bis 1862), die Dichterin des aus reinstem Herzen geschaffenen Erinnerungsbuches von der Großmutter, an Eliška Krásnohorská, der wir das wundervolle Textbuch zu Smetanas Kuß verdanken, einer Oper, die ebenso schön, ebenso eigenartig, ebenso lustig ist wie die Verkaufte Braut (wie ich immer wiederholen werde, bis man die ganz unbegreifliche Vernachlässigung dieses so erfreulichen Hauptwerkes auf der deutschen und internationalen Opernbühne korrigieren wird), und der leidenschaftlichen Gabriela Preissová, deren Drama Ihre Ziehtochter (Jenufa) Janáček zu seinem Meisterwerk hinriß. Ich habe die letztere in ihrer schönen Wohnung auf dem Prager Franzensquai oft besucht. Sie war damals schon eine alte Dame, schön, radikale Tschechin, freundlich und, wie ich mich wohl entsinne, nicht undiplomatisch in ihrem sehr ruhigen Benehmen. Über nationale Fragen konnten wir zu keinem Übereinkommen gelangen. Auf künstlerischem Gebiet verstanden wir einander sofort.

Wie alles Große wird die Ebner-Eschenbach simplifiziert, ihre durchsichtige Herzensnoblesse wird (ähnlich wie bei Adalbert Stifter) als Naivität, als eine Art Manko an höherer Kompliziertheit dargestellt. Die entscheidenden Worte hat auch in diesem Punkt Josef Mühlberger geschrieben, indem er in dem oben zitierten Buche über sie ein Kapitel dem oft übersehenen »Dämonischen« dieser gar nicht einfachen Dichtergestalt widmet. Er findet in vielem, was die Ebner-Eschenbach geschrieben, vor allem in ihrer Erzählung Das Schädliche, ihre dämonische Unterströmung auskristallisiert. Das Dämonische, so analysiert er, ist da als das »nicht durch menschliche Einsicht und menschlichen Willen Leitbare, in seiner vollen Unerbittlichkeit dargestellt. Hier handelt es sich nicht nur um Augenblicke, da der Mensch überschwemmt und fortgeschwemmt wird von den Untergründigkeiten (›Es gibt seltsame Dinge in der Menschenseele, die klarste hat ihre dunklen Stunden‹); hier ist die Besessenheit des Menschen vom Bösen, der darum weiß, darunter leidet, sich ihrer aber nicht erwehren, sich nicht davon befreien kann. Nichts ist Edith, der Trägerin des Schändlichen, ›heilig auf dieser unheiligen Erde‹. ›Das einzige, was sie wohl je wirklich geliebt hat, war das Böse. Weil sie aber nicht treu sein konnte, war sie auch dem Bösen manchmal untreu.‹ Dabei ist sie von Anmut, kräftiger Leidenschaft, Hingabe und Zärtlichkeit gegen ihren Gatten; in lichten Augenblicken weiß sie um ihre Verworfenheit, ohne sich davon loslösen zu können. In dieser Erzählung erreicht der vielfach nur geheim und im heftigen Kampfe mit dem Optimismus stehende Pessimismus der Dichterin seinen klarsten Ausdruck. Wie alle ihre Erzählungen ist auch diese ein ›Vernichtungskampf gegen das Böse‹, diesmal aber aus einem Wissen um Unwidersetzlichkeit und Unbezwingbarkeit mit der Vernichtung des Menschen durch das Böse endend. Das Böse in der Welt: Es ist ein Grundklang in ihrem Gesamtwerk, ein Zug, der ihr Denken und Dichten – wie auch in allen Erscheinungsformen ihres Denkens – mit dem Religiösen verknüpft. Es wird noch da und dort darauf hingewiesen werden, wie sehr die Ebner ostdeutscher Geistigkeit verbunden ist. Auf die Ähnlichkeit ihres metaphysischen Weltbildes mit dem Max Brods, wie es sich besonders in seinen letzten Romanen entfaltet, sei hier schon hingedeutet. Aus einer elegischen Grundstimmung heraus wird der Kampf gegen das Böse in der Welt unternommen, mit tausend Schmerzen und Zweifeln in der Brust wird das Gutsein und Guttun gefordert. Der Ausspruch der Dichterin: ›Man muß das Gute tun, damit es in der Welt sei‹, wie oft ist er leichtfertig angeführt worden, ohne das Wissen um den metaphysischen Schmerz, dem er entspringt: Die Welt ist ungut, das ist das ruhende Wissen dieser Worte; ruhendes Wissen ist zugleich das Glück darüber, daß Gutes getan werden kann. Dieser kleine Hinweis mag schon die Ahnung wecken, daß das Wesen der Dichterin nicht so rund und geschlossen, so billig optimistisch (›Die adelige Dame mit dem gütigen Herzen‹) gesehen werden darf, wie es bisher fast immer geschah. Auch Stifter ist eine Zeitlang so registriert worden. Bis, da seine Zeit kam, die Unruhe seines Lebens erkannt worden ist und aus ihr heraus sein Werk erst in die wahre Verklärung gerückt werden konnte. Erst bei dieser Deutung und Erkenntnis wird auch das Werk der Ebner aus der verbrauchten Luft von Volkslesehallen, dahin es verbannt zu sein scheint, seine Auferstehung in unsere lebendige Gegenwart feiern.«

 

Gern gibt man dem Blick das ganze Panorama der lieblichen böhmischen Landschaft frei, aus deren geschichtlichen Tiefen so viel Deutsches und Tschechisches herüberblinkt, das uns noch heute herzensnah ist. Goethe von 1806 bis 1822 fast jährlich zum Kuraufenthalt in Karlsbad, Teplitz, Franzensbad, worüber Johannes Urzidil ein aufschlußreiches Buch geschrieben hat. Goethes freundschaftliche Beziehung zum gelehrten Grafen Kaspar Maria von Sternberg, der zu den tschechischen »Patrioten« im maßvollen Adelsmilieu, zu den Mitgründern des »Böhmischen Nationalmuseums« zählte. Goethes Begeisterung für die von Václav Hanka aufgefundene (richtiger: gefälschte, aber genial-schöpferisch gefälschte) Königinhofer Handschrift. Seine treffsicher versumstellende Bearbeitung »aus dem Altböhmischen«, das anmutig-düstere Gedicht Das Sträußchen. Kleist, die Rahel Varnhagen, Clemens Brentano und andere während der napoleonischen Kriegswirren Zuflucht in Prag suchend. So schien sich eine viel innigere Symbiose zwischen Deutschen und Tschechen anzubahnen, als sie später je Wirklichkeit geworden ist. Es liegt ja ein grundsätzlicher Irrtum in Varnhagens allzu glättendem, allzu leicht eine Friedensillusion bengalisch anstrahlendem Ausspruch, den Wolkan in seiner Literaturgeschichte der Sudetenländer (siehe Bibliographie) anführt, mit dem richtigen Hinweis darauf, daß man »damals die grundsätzlichen Gegensätze zwischen Deutschen und Tschechen (das heißt die Gegensätze in ihrer Politik) noch nicht erkannt hatte«. Varnhagen sagt: »Wenn die böhmischen Dichter, selbst indem sie alten Mustern folgen, nicht umhin können, durch Sinnesart, Ausdrucksweise und Gedichtformen doch auch in heutiger Bildung Deutsche zu sein, so sind hinwieder die deutschen Dichter in Böhmen durch entschiedene Neigung und stetes Zurückgehen zum Altnationalen ihrerseits recht eigentlich böhmisch.« – Zu der eben erwähnten Literaturgeschichte Wolkans, aus der ich später auch noch die Spartakus-Verszeilen Alfred Meißners zitiere, sei hier noch bemerkt, daß sie für die ältere Geschichte der deutschen Literatur in Böhmen, namentlich für die Zeit des grandiosen Streitgesprächs des Bauern mit dem Tode, der ihm seine liebe Frau geraubt hat (Der Ackermann aus Böhmen, Saaz, 15. Jahrhundert), aber auch für die Zeit der Reformation, dann für das Groteske des 17. und 18. Jahrhunderts viel Erhellendes heranträgt, in der Darstellung der damaligen (1925!) Gegenwart aber allzu chauvinistisch wird und manches Wesentliche falsch sieht. Es genügt wohl der Hinweis, daß in dem ein Jahr nach Kafkas Tod erschienenen Bericht der Name »Kafka« überhaupt nicht erwähnt wird. Ebenso fällt auch über Paul Leppin kein einziges Wort. Stifter wird wohl in seiner überragenden Bedeutung erkannt, sein grausiges Krebsleiden und sein ebenso grausiger Selbstmord jedoch mit folgenden Worten übertüncht: »Aber seit langem schon war er leidend gewesen; jetzt artete seine Krankheit in eine Leberschwindsucht aus; am 28. Jänner 1868 verschied Stifter.«

 

Von den Männern des Jahres 1848 waren wir wohl politisch, nicht aber literarisch beeindruckt. Ich glaube, im Namen meiner Freunde zu sprechen, nicht bloß im eigenen Namen, wenn ich, meinem Gedächtnis, sei es auch nur ungefähr, vertrauend, heute annehme, daß die »Achtundvierziger« in Deutschland, zu denen ja in gewissem Sinne auch Heine, auch Freiligrath u. a. gehörten, sowie die originaltschechischen Dichter (Čelakowský, Karel Jaromír Erben, Neruda, die Němcová u. a.) eine weit stärkere Wirkung auf uns übten als die auf böhmischem Boden gewachsenen deutschen Dichter jener um das Jahr 1848 als Kulminationspunkt kreisenden Zeit, die wie Moritz Hartmann (Kelch und Schwert) oder Karl Egon Ebert (Wlasta) tschechische Historie und Legende pathetisch mit einigermaßen hohlen Untertönen besangen. Nur das philosophische Hauptwerk (nicht die erzählenden Schriften) von Hieronymus Lorm (Heinrich Landesmann) möchte ich von dem Fluch der Mittelmäßigkeit ausnehmen. Sein »grundloser Optimismus« zeigt Ansätze, die in der »Vertrauensentscheidung« von Felix Weltsch nachmals schärfere Kontur gewannen. Es liegt hier wohl keine direkte Beeinflussung vor, aber der Mutterboden, das Judentum, hat mitgewirkt.

Von jener ganzen revolutionären und hochachtbaren, doch künstlerisch sterilen Generation sind uns unter den Deutschen aber doch zwei Namen wirklich lebendig geworden, die, deutlich sichtbar und in exaktester Darbietung ihrer Welt und Umwelt, als die ersten »romantischen Realisten« (über diese Terminologie später) nach Stifter und der Ebner-Eschenbach, alle ihre Zeitgenossen überragten: Alfred Meißner und Karl Postl. Dieser (1793 bis 1864), der unter dem Namen Charles Sealsfield weltberühmt wurde, war aus dem Prager Kreuzherrenstift auf bis heute noch nicht klargestellte Art entwichen, lebte und schrieb dann als Metternichgegner in Nordamerika, London, Paris und in der Schweiz; ein politischer Emigrant also, Ahnherr der Emigrantenscharen des nächsten Jahrhunderts. Seine atemlos glühende, unheimlich stille Schilderung der »Jacintoprärie«, in deren schauerlichen, unermeßlichen Weiten man die Orientierung verliert und nach Tagen todmüde, verhungert an den Anfangspunkt der Irrfahrt zurückgelangt – man ist im Kreise gegangen –, diese Meisterschilderung schien mir unser ganzes Mittelschul-Lehrbuch für deutsche Prosa zu überstrahlen. Später las ich wie im Rausch, doch auch um seines verwegen-plastischen Stils willen, sein ganzes Kajütenbuch; das Abenteuer der Jacintoprärie steht da an seinem richtigen Platz, daneben viele andere exotische Sitten- und Naturschilderungen, die hinter denen Chateaubriands nicht zurücktreten müssen. Da und dort stören antisemitische Anwandlungen. Vor ihnen schloß ich (zusammenzuckend) gern die Augen. Und ich glaube auch heute noch, daß man den großen Schriftsteller und Eigenbrötler Sealsfield eines schönen Tages richtig entdecken wird. Ich sehe das Kajütenbuch als vielgekauftes Taschenbuch vor meinen Augen schweben.

Welch ein merkwürdiges Leben, welche Reihe leidenschaftlich merkwürdiger Bücher! – Eduard Castle hat die bisher umfassendste Darstellung des Lebens von Postl-Sealsfield gegeben (siehe Bibliographie). Doch auch die mehr als 700 Seiten lösen das Rätsel des »großen Unbekannten« nicht, den man auch den »Dichter beider Hemisphären« genannt hat. Gespannt folgt man dem Aufstieg des jungen Klosterbruders, der nur seiner bäurisch-frommen Mutter zuliebe, nicht aus eigenem Antrieb in das Prager Kreuzherrenstift eintritt, verfolgt seine Karriere bis zum Sekretär des General-Großmeisters in diesem Orden, seine Beziehungen zu den höchsten Adelskreisen Prags, die Ausweitung seines kulturellen Gesichtskreises, über die Castle einen farbenreichen zeitgenössischen Bericht beibringt.

»Dem Besuch des adeligen Liebhabertheaters im Palaste des Grafen Clam-Gallas benahm der wohltätige Zweck alles Ärgerliche. Postl sah eine Aufführung von Schillers Maria Stuart. Die Gräfin Schlick schien ihm den stolzen, egoistisch-spröden, aber immer noch großen Charakter der Königin Elisabeth ganz unvergleichlich gut darzustellen. Wir besitzen ein Album der für die Vorstellung im März 1816 angefertigten historischen ›Costumes‹, vierundzwanzig kolorierte Blätter nach den Originalhandzeichnungen der Frau Gräfin von Schönborn, geborenen Freyinn von Kerpen (Wien bei Heinrich Friedrich Müller): es läßt uns den äußeren Aufwand, die Pracht und den Anstand dieser Vorstellung ahnen. Die Aufführung mag bei dem großen Beifall, den sie fand, und bei dem Hunger des gebildeten Publikums nach hoher dramatischer Dichtung und Darstellung auch noch in späteren Jahren wiederholt worden sein. Übrigens war sie nur ein schwaches Vorspiel zu der eine Woche später gegebenen Darstellung von Goethes Torquato Tasso, dem unnachahmbaren Gemälde des vornehmen Lebens. ›Es ist beinahe unmöglich, die Grenzlinie genauer zu ziehen, die feinen Nuancen einer durch höfischen Stolz und höhnische Verachtung gehemmten Liebe, welche der deutsche Dichterfürst so meisterhaft im Tasso zeichnet, besser zu malen als Prinz Thurn und Taxis und Graf Thun es getan haben. Sie bewegten sich in ihrer eigenen Sphäre, und ihr Spiel war naturwahr.‹« (Der Schluß dieses Berichts stammt aus Sealsfields Buch Austria as it is.) – Dann tritt der Kampf der Aufklärungspartei – oder wie man es damals nannte, der »Bewegungspartei«, die noch aus der Zeit Kaiser Josefs II. überdauerte, mit dem starren System des Kaisers Franz II. und Metternichs nach den napoleonischen Kriegen bestimmend ins Leben Postls. Ein großer Teil des Prager Hochadels, ja sogar der höheren Geistlichkeit in Prag war »josephinisch« gesinnt. Es war Modesache, in eine Freimaurerloge einzutreten oder die aufklärerischen Vorträge des katholischen Priesters und Universitätsprofessors Bolzano zu hören. Bolzano (sein Vater stammte aus Italien, vom Comer See, die Mutter war eine Deutsche) ist wahrscheinlich der genialste Geist, der je in Prag zur Welt gekommen ist. Seine Moraltheorie, seine mathematischen Forschungen, z. B. seine Stetigkeitslehre, und die Paradoxien des Unendlichen wie auch seine sozialpolitischen Maximen gehören der Unsterblichkeit an. – Postl hat sich zeitlebens als dankbarer Schüler dieses wahrhaft freisinnigen Geistlichen gefühlt. Bolzano wurde durch kaiserliches Amtsschreiben 1820 seines Lehramtes enthoben, für jede Erziehungsaufgabe unfähig erklärt, dem Erzbischof zur Korrektion übergeben (siehe die Schriften von Eduard Winter und Bibliographie). Noch schlimmer erging es seinem Lieblingsschüler, dem Präses und Professor am Leitmeritzer Priesterseminar, Michael Joseph Fesl. Dieser wurde verhaftet, als Gefangener wie ein Hochverräter unter strenger polizeilicher Eskorte in strengste Wiener Klosterhaft gebracht. Fesl, nach Bolzanos Zeugnis (so zitiert Castle), »ein junger Mann von den unbescholtensten Sitten und von einer glühenden Liebe für alles Gute beseelt, der eine überaus lebhafte Einbildungskraft und eine hinreißende Beredsamkeit, aber nur wenig Menschenkenntnis und noch weniger Besonnenheit hatte«. Der Fall erregte ungeheures Aufsehen. Der Adel sympathisierte mit dem gemaßregelten Bolzano. Ein Teil der Geistlichkeit unterstützte die erzreaktionäre Regierung. Die Studenten protestierten mit einem Gedicht an der schwarzen Tafel der philosophischen Fakultät, das mit den Zeilen begann:

 

Hat gleich der Staat mit schwachem Sinn

Des Böhmerlandes größten Patrioten unterdrückt …

 

In Postl regten sich Zweifel an diesem »schwachsinnigen Staat« wie an der katholischen Religion. »Denn wenn eine Religion nicht wahr ist«, schrieb er später, als er in einem ganz persönlichen biblischen Monotheismus ohne kirchliche Zeremonien sein Ideal sah, »nicht wahr in den Personen, die sie vertreten, wenn ihre wissenschaftlichen und moralischen Schildträger hinter diesem Schilde ganz andere Musik machen, wo soll dann die Religion noch wahr sein?« Am meisten empörte ihn, daß Angehörige der Geistlichkeit »aus von Eigensucht nicht freien Beweggründen« (Castle) materielle Vorteile aus der Absetzung Bolzanos, Fesls und ihrer Anhänger zogen. – Allmählich reifte in ihm der Plan, sich durch die Flucht ins Ausland dem Klosterzwang, der geistigen Bevormundung zu entziehen.

Die Geschichte der abenteuerlichen, schwierigen, durch manchen Zufall verzögerten Flucht, deren genauer Weg bis heute nicht aufgedeckt ist (sie wurde am Anfang durch einen Kuraufenthalt in Karlsbad und Franzensbad vertuscht, führte dann ins Unbekannte), diese Geschichte gehört zu den spannendsten Episoden der literarischen Biographik, fast wie Casanovas Flucht aus den Bleikammern Venedigs. Eine wichtige Rolle in diesem ganzen Spiel »hatte Franz Joseph Graf Saurau inne, Meister der Loge ›Zur wahren Eintracht‹ in Wien, bei seiner Anstellung als Gubernialrat in Prag an die gleiche Loge ›Wahrheit und Einigkeit zu drei gekrönten Säulen im Orient zu Prag‹ angewiesen und affiliiert«. »Ein liberaler Despot nach josephinischem und ein sachkundiger und arbeitsamer Staatsbeamter nach bonapartistischem Zuschnitt, hatte er den Mut, sich freisinnig zu äußern, die Zeit Kaiser Josephs zu preisen, das System Metternichs zu tadeln. Als ein Verächter des Kastengeistes und der Standesvorurteile sah er in der Fortführung der josephinischen Agrarreformen das Mittel, die Monarchie blühend und den Thron stabil zu machen. Für Galizien wünschte er die Bauernbefreiung, für Böhmen schlug er die Möglichkeit des Freikaufs wie im Schlesischen und in Preußen vor.«

Von ihm erhoffte Postl Hilfe, eine Anstellung. Er schlich sich in Wien ein, wie der damalige Konfidentenausdruck lautete. Das heißt: Er kam nach Wien, ohne sich amtlich melden zu lassen. Mit Mühe entging er der Wiener Polizei und ihren zahllosen Spitzeln, den sogenannten »Naderern«. Endlich taucht er nach Monaten in Stuttgart auf. Es wurde das Gerücht ausgestreut, daß er mit einer Komtesse durchgegangen sei, sich an der Kassa des Ordens vergriffen habe. Es war Lüge. Aber seine Heimat, seine heißgeliebten Eltern und Geschwister in dem deutschen Wein- und Obstdorf bei Znaim (Südmähren) hat Postl nie mehr wiedergesehen, österreichischen Boden sein Leben lang nicht mehr betreten, mit keinem seiner Angehörigen je korrespondiert. Er blieb verschollen. Kafkas Roman vom Verschollenen wurde 100 Jahre, ehe er geschrieben war, zur Wirklichkeit, ohne daß Kafka je von Sealsfield Kenntnis gehabt hätte. Erst nach Sealsfields Tode kam Postls Identität mit dem berühmten »amerikanischen« Autor Charles Sealsfield allmählich ans Licht. Auf seinem Grabstein steht nichts als ein Psalmzitat und die Aufschrift »Charles Sealsfield Bürger von Nord Amerika«. Vor seinem Tod traf Sealsfield die Anordnung (die niemand verstand und die daher unausgeführt blieb), es sollten auf seinem Grabstein »vor allem ober dem Namen Charles Sealsfield die Buchstaben C. P. angebracht werden«. Es sind die Anfangsbuchstaben seines wirklichen Namens Carl Postl. Als ihn der reformierte Geistliche Hemmann (in Solothurn), der dem Vereinsamten in seinem letzten Lebensjahr am nächsten stand und ihn häufig besuchte, nach der Bedeutung dieser Buchstaben fragte, die Postl übrigens englisch (Si – Pi) aussprach, wurde der auch sonst wortkarge Dichter unwirsch und sagte nur: »Das ist meine Signatur.« So wahrte er bis zum Letzten das Geheimnis. – Das Petschaft, mit dem er sein Testament siegelte, zeigt (nach Castle) ein S mit darübergeschlungenem C – diese Verbindung kann zur Not auch für ein P gelten. Meißner war der erste, der dann behauptete, Sealsfield habe verordnet, »daß man ihm auf seinem Grabstein eine Chiffre setze, eine nur hieroglyphische Andeutung seines wahren Namens, wie sie zu seinem vom Geheimnis umgebenen Dasein stimmte. Ein C und S in lateinischer Kursivschrift sollten so gestellt werden, daß das ganze ein P ergebe; es sollte nämlich das C, mit seiner Wölbung auf dem S liegend, dieses umschlingen.« – Die Angabe Meißners ist verworren. Richtigerweise ist sie auf Sealsfields Petschaft, nicht auf seinen Grabstein zu beziehen.

All die Maßnahmen der halben oder ganzen Geheimhaltung führt Castle in seinem umfangreichen Buche darauf zurück, daß freimaurerische Logen Sealsfield bei seiner Entweichung aus dem Kreuzherrenkloster unterstützt und ihm dafür eine Schweige- und Pseudonymitäts-Verpflichtung auferlegt hätten, die er streng, ja über den Tod hinaus einhielt. Da ich auf dem ebenso umfangreichen wie kompliziert gegliederten Gebiet der Freimaurerei weder Erfahrungen noch theoretische Kenntnisse besitze, muß ich die Verantwortung für diese These völlig Herrn Professor Castle überlassen. Einen zwingenden Beweis für die das ganze Buch durchziehende Behauptung hat Castle meines Erachtens nicht erbracht, obwohl er in seinem höchst interessanten und detailliert untermalten, das ganze Zeitalter der Restauration und der vielen Revolutionen umfassenden Tatsachenbericht immer wieder zu solchen Beweisen ansetzt. Mit zwingenden Schlüssen bis ans Ende geführt hat er keinen; er muß sich immer wieder mit Argumenten ad hominem, mit Indizien begnügen, wobei er sich freilich darauf berufen kann, daß Geheimnis und Stillschweigen mit zur Freimaurerei gehören. So wird ihm in Variation des klassischen Kretenser-Schlusses das Geheimnis gleichsam zum Beweis des Geheimnisses.

Beginnen wir in den Spuren von Professor Castle mit Stuttgart, der ersten Station auf dem Weg Postls nach Amerika. Hier findet er den »ersten hilfreichen Freund«, Hofrat Christian Carl André, einen »sehr tätigen Freimaurer, der in wichtigen Verbindungen mit merkwürdigen Mitgliedern der Brüderschaft stand«. In Brünn als Freimaurer verdächtigt und von der Zensur schikaniert, übersiedelte André 1821 nach Stuttgart, wo er bei Cotta den »Hesperus« erscheinen ließ. »Diese ›enzyklopädische Zeitschrift für gebildete Leser‹ kam den österreichischen Aufklärern in ihrem Kampf gegen das System Metternich nach besten Kräften zu Hilfe.« – André führt Postl in Cottas Haus ein, der ihn zur Mitarbeit an seinen Zeitschriften einlädt. – Die Schweizer Logenbrüder spielen dann in Castles Hypothesen eine große Rolle. Die Zürcher Loge »Modestia cum libertate« soll ihm die Überfahrt nach Amerika ermöglicht haben. Doch der Gewährsmann, den Castle anführt (Pfarrer Hemmann), schreibt wörtlich: »Meine Erwartungen, in der Richtung der Loge Licht zu bekommen, haben sich noch nicht erfüllt. Auf der einen Seite bewegt sich Sealsfield in Zürich durchaus unter Freimaurern, auf der andern Seite erklärt mir Dr. (Leonhard) von Muralt, ein Haupt der damaligen Loge, Sealsfield sei nie in der Loge gewesen, dagegen sei es möglich, daß einzelne Mitglieder derselben, die er mir nannte, ihm auf eigene Faust geholfen haben. Im Mitgliederverzeichnis schweizerischer Freimaurer-Logen findet sich sein Name ebensowenig als in demjenigen der Gäste, welche ins Lesezimmer eingeführt wurden.« – Dieses eine Beispiel für viele.

Es ist wahrscheinlich, so resümiert Castle die ganze Situation, daß die Hilfe der Loge Postl nur gegen das feierliche Gelöbnis zuteil wurde, »als Postl spurlos zu verschwinden und als ein ganz anderer Mensch unter fremdem Namen so fern wie möglich wieder aufzutreten, stets ein anderer, ein Fremder, ein Unbekannter zu bleiben. Viele werden geneigt sein, ein Versprechen dieser Art für eine phantastische Erfindung zu halten. Doch sei an ähnliche Fälle eines solchen erzwungenen Untertauchens eines Menschen auf Lebenszeit erinnert: So an jene unglückliche Prinzessin Stéphanie-Louise von Bourbon-Conti, die das Urbild für Goethes Natürliche Tochter abgegeben hat. Daß Postl seinen Namen und seine Herkunft bis über den Tod hinaus verhehlt, kann vernünftigerweise weder mit der Furcht erklärt werden, ›daß man ihn weniger ästimiere und daß er ein Geistlicher war, der das Kloster verlassen‹ (Alfred Meißner), noch mit der Scheu, ›vom interessanten Amerikaner zum simplen Österreicher herabzusinken und damit auf den Vorsprung zu verzichten, den ihm der bloße Name verlieh‹ (Hemmann) – solche Erwägungen konnten doch nur den Lebenden bestimmen, sein Inkognito zu wahren. Das Versteckspiel im Testament ließ sich zur Not noch aus der Besorgnis begreifen, daß der österreichische Staat den ohne Erlaubnis Ausgewanderten als einen Untertanen reklamieren und sein Vermögen für den Fiskus einziehen könnte, da er als Ordensperson nach dem bürgerlichen Gesetzbuch (§ 573) nicht testierfähig war. Gar nicht erklären läßt sich aber die Vernichtung aller Papiere – ob er sie nun selbst vernichtet hat oder ob sie nachträglich von einem Dritten vernichtet beziehungsweise der Öffentlichkeit entzogen worden sind.«

Also letzten Endes: ein non liquet. Was dagegen unbezweifelhaft feststeht, sind die abenteuerlichen Zickzackfahrten des unerhört bewegten äußeren Lebens und der seltsamen, stufenweise aufwärtsführenden literarischen Entwicklung Sealsfields sowie sein plötzliches Verstummen in den letzten Jahren. Er landet 1823 in Louisiana, fährt den Mississippi aufwärts nach New Orleans, wo er fünf Monate lang bleibt. Dann tritt er eine neue Fahrt an, die ihn in 10 Tagen an die Mündung des Ohio bringt. Immer beobachtend, soziologisch interessiert, durchstreift er die Gebiete von Pittsburg, Philadelphia, hat allerlei Geschäfte zu erledigen, bekommt einen Paß auf den Namen Charles Sealsfield (unbekannt auf welche Art), schreibt aber auch unter dem Pseudonym Sidons, manchmal verwendet er beide Namen als Doppelnamen, ist in Kentucky, dann wieder in New Orleans. Von da wird er als »politischer Emissär« nach Europa gesandt und versucht als Gegenspion (gegen die »Heilige Allianz« und Reaktion), Fühlung mit Metternich aufzunehmen. Metternichs Kreaturen sind schlau, durchschauen seine wahre Absicht, wimmeln ihn ab. Offenbar sah Postl selbst »den Fehlschlag ein; sein Versuch war denn doch zu plump angelegt gewesen, als daß er hätte gelingen können. Er gab daher eine Sache, der er noch nicht gewachsen war, vernünftigerweise auf«. – Das zweite Ziel seiner Europareise ist: ein Vertrag mit dem freisinnigen Verleger Cotta. Dieser Teil seiner Mission gelingt. Das Buch Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, nach ihren politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnissen betrachtet, erscheint. Der Autor nennt sich C. Sidons. Es ist eine Tendenzschrift für die Demokraten des Südens, gegen die Yankees des Nordens. – Der Weg des Autors führt nach London, zu Murray, dem Verleger Byrons. Das Buch ist voll von grandiosen Landschaftsbildern und politischer Agitation für die Sache des Fortschritts; merkwürdigerweise wird auch die Sklaverei der Schwarzen als Werk der Nächstenliebe und des Fortschritts angesehen, ohne das die Neger den Unbilden der Natur ausgeliefert wären. Es folgt das scharf satirische Werk Austria as it is. Rückreise von Le Havre nach den Vereinigten Staaten. Sensationserfolg des Buches gegen die österreichische Reaktion. Neue Arbeiten (Artikel und Novellen) für Cottas Zeitschriften. Die antireaktionäre Linie führt Postl schließlich zu dem millionenreichen Bruder Napoleons, Joseph, Exkönig von Spanien, der seine in der Schweiz vergrabenen Diamanten ins amerikanische Exil gerettet hat. Die Napoleoniden erscheinen nun Postl als Retter der Freiheit gegen Österreich. Postl schreibt seinen ersten großen Roman Tokeah or the White Rose, wobei er sich die Corinne ou L’Italie der Madame Staël zum Vorbild nimmt. Er will nicht private Schicksale geben; ein ganzes Volk soll der Held sein. Er schildert, was er gesehen hat. Er behauptet die Priorität gegenüber Chateaubriand und Cooper, dessen Letzter MohikanerDer Legitime und die Republikaner.Süden und Norden,