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Teresa Präauer

Für den Herrscher aus Übersee

Teresa Präauer

Für den Herrscher
aus Übersee

Roman

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Ich bin mit dem Schreiben nicht nachgekommen, da hab ich mich ins Fluggerät gesetzt und bin losgeflogen.

In einem bohnenförmigen Fluggerät, unten drei Räder, hinten ein Propeller, oben ein weißer Schirm, der geschnitten ist wie ein Lindenblütenblatt, sitzt, den Helm über den Kopf gezogen, die Handschuhe über die Finger, ein Tuch um den Mund, die Fliegerin. Vor ihr fliegen, in V-Formation, die Vögel, weiß, grau, mit eingezogenen Patschfüßen und in den Wind gestreckten Schnäbeln.

Unter ihnen ist das Land geteilt in Felder, gelb und braun, dazwischen sind kleine Seen und Flüsse. Bäume, die Früchte tragen, und solche, an denen das Laub schon rot ist. Über allem ist der Himmel weiß und durchzogen von farbigen Streifen, die sich in den Gewässern unten am Land spiegeln. Die Fliegerin fliegt mit den Vögeln, und der Wind bläst ihnen entgegen, und die Sonne brennt ihnen ins Gesicht.

Menschen sind aus ihren Autos gestiegen und winken zum Himmel hinauf. Über einem von schwarzen Spuren durchzogenen Feld sitzt ein riesenhafter heller Fleck, der alles Darunterliegende überdeckt.

Es ist der Daumen des Bruders, der die Postkarte mit der Fliegerin und ihrem Autogramm in seiner Hand hält. Wir betrachten sie jetzt wortlos und kleben sie an die Wand, ohne die beschriftete Rückseite zu beachten.

Der Großvater kommt ins Zimmer, sieht die Karte und fragt, ob wir nicht lesen können. Weil, sagt er, er kann es nämlich, und streckt dabei Zeigefinger und Mittelfinger seiner rechten Hand in die Luft. Fau, ruft er, wie in Sieg, Fau wie in Vogel, und Fau, wie die Vögel fliegen!

Das V ist leicht zu schreiben und baut den Weg zum W. Umgedreht ergibt das V fast ein A, und mit A beginnt aller Anfang. Und mit A beginnen auch die Augen. Die Augen vom Pfau sitzen auf seinen Federn und sehen dort blau, grün, braun und rund aus wie viele O. O, sagen der Bruder und ich mit offenem Mund.

Der Großvater und die Großmutter wohnen in einem Haus auf einem Hügel. In ihrem Garten wohnen viele Vögel, von denen wir schreiben und lesen lernen.

Es ist Sommer, und unsere Eltern sind fort. Sie reisen um die Welt und schicken uns täglich eine Karte. Auf den Vorderseiten dieser Karten skizzieren sie das Panorama des Ortes, an dem sie sich jeweils befinden, auf der Rückseite schreiben sie Anweisungen und Grüße. Wir wissen, wenn die Kartenpanoramen um unser Zimmer im Kreis verlaufen und sich ihre Reihe schließt, kommen die Eltern wieder.

Inzwischen ist genug zu tun. Die Vögel der Großeltern abends heimzuholen und morgens ihre Eier aus den Nestern zu klauben ist meines Bruders und meine Aufgabe.

Es sind Hühner, Rebhühner, ein Pfau, ein Fasan und viele kleinere, Ziervögel genannt. Die Hühner und Rebhühner rupfen tagsüber Gras im Garten und haben für die Nacht einen überdachten Unterschlupf. Die Ziervögel bleiben in einer Voliere. Der Pfau und der Fasan schreiten, wenn die Sonne scheint, die an Haus und Garten grenzenden Felder ab bis dorthin, wo der Wald beginnt und das Grundstück der Großeltern endet. Wenn der Bruder und ich unten im Garten stehen, sehen wir zum Feld hinauf und sehen dort die beiden, den Fasan vorne, den Pfau hinten nach. Manchmal rotieren sie als bunte Kreise ein paar Meter in der Luft überm Feld und stürzen gleich darauf wieder ab. Der Pfau hinten, der Fasan vorne. Am Abend fangen wir die Vögel ein und bringen sie zurück in den Verschlag.

Der Bruder und ich sind zwei. Wir sehen einander ähnlich, obwohl der Bruder jünger ist. Wir haben die gleichen Haare, die gleichen Augen, die gleichen Finger, die gleichen Zehen, und unter den Nägeln sind wir gleich schwarz, wenn wir aus dem Garten kommen und uns an den Küchentisch setzen.

Dann erwartet uns schon der Großvater und erteilt uns Flugstunden mit Teller und Besteck. Er dirigiert unsere Nasen und Arme. Der Bruder und ich reißen die Messer in die Luft und schmeißen die Köpfe zurück. Wir steigen vom Boden auf die Sitzbank und auf den Esstisch. Der Großvater bläst uns als Wind entgegen und ruft die Namen der Himmelsrichtungen. Die Großmutter ruft: Landung!, und setzt mit der Schürze das Signal.

Starten und Landen sind Manöver: Die Vögel sollen mitsteigen und mitsinken, aber nicht verletzt werden von Teilen des Fluggeräts. Die Fliegerin fliegt langsam, hört kaum den Motor, und neigt ihren Körper zu allen Seiten, um den Flug zu steuern. Ein bisschen so, denkt sie da, wie sie die Vögel, als sie noch in ihren Eierschalen hockten, schon in ihren Händen gehalten und gedreht hat.

Die Fliegerin gibt Gas, und die Vögel fliegen nun unter dem Fluggerät in einem Muster, innerhalb dessen sie ihre Plätze wechseln. Dann fliegt die Fliegerin selbst in der Mitte und sieht nah bei sich die Vögel atmen, während diese die Flügel auf und ab bewegen.

Jedem davon hat sie einen Namen gegeben: Rote Beine, Buschige Federn, Glubschende Augen fliegen zwischen und unter den Wolken hindurch.

In den Himmel hinauf fliegen und die Wolken umrunden wollen der Bruder und ich. Nach dem Essen schleichen wir auf den Dachboden und bauen uns zwei Apparaturen aus Papier, Stoff und Draht, die wir uns, jeder eine, über den Oberkörper stülpen und um den Bauch herum festbinden. Wir laufen aus dem Haus und die Wiese hinunter und rudern mit den Armen. Wir rufen, wir fliegen, während wir fallen, bis die Großeltern uns hören.

Der Großvater steht vorm Haus, sieht uns eine Zeitlang zu, schüttelt den Kopf und schreit immer wieder: Das sieht nicht gut aus! Der Bruder und ich beachten ihn nicht. Der Garten liegt hinter uns, jetzt werfen wir uns den Hügel hinunter bis fast zur Straße unten, und der Wind pfeift uns um die Ohren.

Schwerer als Luft?, hören wir jetzt den Großvater aus der Ferne, schwerer als Blei ist das! Er läuft ins Haus, kommt zurück, lädt sein Festtagsgewehr und knallt eine Salve Schwarzpulver in die Luft. Der Bruder und ich packen unsere Apparaturen und trotten schwer beladen ins Haus zurück.

Kein Wort mehr wollen wir mit dem Großvater wechseln. Bis zum Abend ist es still im Haus, bis uns die Großmutter zum Essen ruft. Der Großvater sitzt am Tisch und raucht. Die Großmutter steht am Herd, und aus den Töpfen dampft es heraus. Eine Fliege summt, bis die Großmutter mit der flachen Hand daraufklatscht. Der Großvater brummt, steht auf und geht jetzt in der Küche auf und ab und trommelt seine Schritte in den Boden.

Der Bruder beginnt, zwischen die Schritte hineinzuklatschen. Ich beginne, mit einem Löffel auf die Teller im Abwaschbecken und auf die Töpfe am Herd zu schlagen. Die Großmutter klatscht noch einmal auf die tote Fliege, und noch einmal, und klopft dazwischen aufs Fensterbrett.

Danach wird wieder miteinander gesprochen. Der Großvater umarmt uns, sagt, ich habe genauso begonnen wie ihr. Er öffnet sein Bier mit dem Messer und beginnt:

Zwischen dem einen und dem anderen reichte gerade einmal ein kurzer Frieden, um einen Papierflieger zu fangen im Pausenhof und ihn auseinanderzufalten zum Pilotenschein, Stempel drauf, und, so der Großvater, bevor ich noch erfahren hatte, für wen man einzutreten und gegen wen man sich zu stellen hatte, war schon mein Proviant gepackt. Das Zweifache des Körpergewichts, heißt es bei den Zugvögeln, bei mir waren es sieben Sachen exakt, und ab in Richtung Übersee. Ich bin in den Himmel hinauf geflogen und hab mit dem Zählen der Tage aufgehört. Und es war die Hölle, stürmisch und kalt, und ich träumte bei Nacht, ich sei schon abgeschossen zwischen den Weltmächten. Und wenn ich damals eure Großmutter schon gekannt hätte, hätte ich alles das nur ertragen, wenn ich an sie hätte denken können.

Der Großvater öffnet noch ein Bier, es ist Abend. Die Großmutter zündet am Tisch die Kerze an. Wenn es dunkel ist, sieht man nichts, sagt sie und verlässt die Küche. Unsere Limonadeflaschen leuchten jetzt grün und rot. Der Großvater hält eine Zigarette in die Kerzenflamme, raucht sie bis fast zum Schluss und lässt dann den Bruder und mich je einmal ziehen. Es dreht uns vom Sessel wie zwei Propeller. Am Boden ausgestreckt sehen wir die Sterne. Der Großvater erklärt uns Navigation und Orientierung.

Irgendwo zwischen Himmel und Erde hab ich die Japanerin kennengelernt, sagt der Großvater, und hat dabei eine Kinderstimme. Zuerst habe ich nur ihre Frisur gesehen: einen riesigen Korb aus Haaren, zu Zöpfen geflochten und um den Hinterkopf gedreht, besteckt mit Blumen und Vögeln, so war damals die Mode. Und ich hab sie riechen können, so der Großvater, ich hab die Vögel in ihrer Frisur zwitschern gehört, oder waren das ihr Kleid und ihre Schuhe? Und dann hab ich ihr Kleid vergessen und ihre Haare und die Lippen gesehen, rosa, und kreidig weiß die Haut.

Und sie hat mich zuerst angeschaut mit einem Blick wie: Solche wie dich gibt’s wie Kirschblüten im Frühling, so viele, dass man sie nicht zählen wird und dass die Luft davon schon weiß ist und rosa. Dass ich in dieser Zeit ein schöner, großer Mann gewesen bin, ist ihr im Blütenregen zuerst noch gar nicht aufgefallen.

Der Bruder und ich, noch am Boden liegend, enthalten uns einer Wertung der großväterlichen Schönheit, auch als der Großvater jetzt ein Fotoalbum aufschlägt und das offene Buch zu uns herunterhält, um den Beweis anzutreten: Seht ihr, der Größte, der Dunkelste, der Tapferste: das bin ich. Kein anderer ist auf dem Bild zu sehen, sagen wir wie aus einem Mund. Ja eben!, ruft der Großvater und drückt seine Zigarette zwischen unseren Gesichtern auf dem Fußboden aus.

Es riecht angebrannt, deutet die Japanerin mit fächelnder Hand, als nun der junge Großvater näher rückt, und zeigt dann auf ihr Flugzeug. Dass eine so schöne, so zarte Frau, und ganz in Seide gekleidet, raschelnd wie Papier, eine so schwere Maschine fliegt?, fragt sich der Großvater da. Und dass sie nach einer Notlandung, die sie doch beinah das Leben gekostet hat, noch aussieht wie frisch aus dem Bilderbuch geschnitten? Und dass mir, wenn sie spricht, ist, als wüchsen der Reihe nach Blüten aus ihrem Mund und fielen zu Boden, ja, dass sie wirklich fallen, und ich mich bücke und sie aufhebe und einen Strauß daraus binde.

So hören der Bruder und ich, noch niedergestreckt von unserer letzten Zigarette, den alten Großvater aus einem Himmel aus Blüten und Rauchschwaden herab zu uns sprechen, und wir hängen an seinen Lippen, wie er an den Lippen der Japanerin gehangen ist.

Der Himmel ist jetzt schwarz, und der Mond hängt dort oben, schmal wie der Mund eines lächelnden Mannes. Die Fliegerin ist gelandet, liegt unten auf der Erde und liest die Sterne, benannt nach Vögeln und Fischen, und ein Bild dort oben heißt auch: Fliegender Fisch. Die Vögel schlafen neben ihr im nassen Gras, und sie stehen jetzt unter ihrem Schutz. Die Fliegerin schläft die halbe Nacht mit einem wachen Auge, das in der zweiten Hälfte vom anderen Auge abgelöst wird.

Aufwachen! Die Großmutter fächelt mit einer frischen Postkarte der Eltern vor unseren schlafenden Gesichtern und verscheucht die darauf gelandeten, jetzt aufsummenden Stubenfliegen. Die Limonade pickt euch noch im Gesicht, ruft sie und spuckt in ihr Taschentuch. Der Bruder räkelt sich am Küchenboden und sagt: Großmutter, morgens haben wir Gold im Mund. Sie zeigt lachend ihre Zähne und rubbelt uns sauber. –

Ich lese die Karte der Eltern und bin enttäuscht, es befinden sich unter allen Zeichen nur zwei V und rundherum eine Handvoll A und O. Allein die Unterschrift des Vaters benötigt ein V und ein A, man kann sich ausrechnen, sagt der Bruder, was für den Rest dieser Karte zu erwarten ist, wenn außerdem der tägliche Gruß an die Großeltern dort Platz haben muss. Vielleicht sind wir auch enttäuscht, sage ich, dass es an jedem Tag immer eine Karte ist, nicht zwei, nicht vier, oder auch einmal gar keine. Nicht zu wenig und nicht zu viel, man weiß nicht, soll man die Eltern vermissen oder will man sie loswerden.

Aber die Bilder auf den Karten und ihre Buchstabensammlungen gefallen uns: die Vorderseite beklebt oder bemalt, die Rückseite beschrieben mit unregelmäßigen Zeichen, die wir manchmal als unsere Buchstaben erkennen und manchmal für fremdländische Erfindungen der Eltern halten. Was nicht entzifferbar ist, schmücken die Großeltern beim Vorlesen mit reichen Worten aus.

Auf den Bildern sind oft Landschaften zu sehen: dunkle Wälder, blaue Flüsse, dort Frösche und Vögel, dann Sand, Wolken, das Wasser spritzt, und am Boden sieht man kleine Explosionen oder Kinder, die laufen. Es gibt Sonne und Gewitter, Tag, Nacht, Sommer. Manchmal wachsen Gebirge hinter Blumen oder Hütten in den Himmel, oder ein riesiges Tier fliegt über den Bäumen und sieht dabei aus, als würde es etwas verkünden. Manchmal ist die Luft voll mit Sternen, manchmal mit Mücken, manchmal mit Staub. Geräte stehen in der Gegend oder sind an Mauern gelehnt, Autos fahren Bergstraßen hinab. Gärten sind da und Gemüsebeete, oder die Großstadt mit Türmen und Straßenbahnen, manchmal winkt jemand heraus.

Manchmal sind es Menschengruppen, die Spiele spielen, springen, manche haben Hörner am Kopf oder tragen lange Reptilienschwänze oder Umhänge am Körper. Manchmal kann man diese Karten aufklappen oder etwas herausfalten oder mit einem Schieber das Dargestellte nach rechts und links ziehen. Manchmal sind die Karten an den Rändern ausgefranst, manchmal sind sie gold. Manchmal denken sich die Eltern für den Bruder und mich neue Namen aus oder schmücken unsere alten Namen mit Titeln: Für das schönste unter den Kinderpaaren im Reich der tauchenden Vögel und fliegenden Fische.

Und manchmal können auch die Kinder auf diesen Karten fliegen, und manchmal liegen ein paar Frauen splitternackt im Gras, und wir müssen uns selbst zusammenreimen, was das alles miteinander zu tun hat. Ferne Lande!, seufzt der Großvater.

Wie hat es dich hierher verschlagen, fragt der Großvater als junger Mann die Japanerin. Und als sie ihn nicht versteht, stellt er die Frage noch einmal mit Hand und Fuß. Aber sie hat sofort verstanden und schon begonnen, ihre Antwort zu tanzen, etwas wie: Ach, ich hab von Anfang an keine Lust gehabt auf die Weltgeschichte und bald versucht, an Höhe zu gewinnen, bis die Luft dünn geworden ist wie mein Kleid. Und sie deutet dabei auf ihr Kleid und streckt dann beide Arme von sich wie zwei Flügel: Ich bin über den großen Pass geflogen, und einige Tage hab ich Schnee und Sturm nur von oben gesehen. Es war schwierig zu landen, es war schwierig zu fliegen. Manchmal hab ich für Momente das Bewusstsein verloren vor Angst und Konzentration und bin daraus erwacht im nächsten Moment, als mein Kopf mit der Frisur ans Kabinenfenster geschlagen ist. Es war am Himmel oben die Hölle, und ich hab dann aufgehört, die Tage zu zählen, bis hier mein Flugzeug abgestürzt ist. Jetzt bin ich hier und stehe bei Null. Null, sagt der Großvater da und formt mit Zeigefinger und Daumen seiner rechten Hand die Zahl. Und formt sie auch mit links, steckt die beiden Nullen zusammen und hält sie sich als Brille auf die Nase, um die Japanerin besser sehen zu können.

Null ist ein Kreis und ein O, unterbrechen der Bruder und ich den Großvater, der mit Silberblick in die Ferne sieht.

O, sagen wir jetzt lauter, groß ist der Morgen, und wir werden jetzt die Eier holen. Gib uns ein paar Münzen, dann gehen wir noch weiter und bringen Brot und Fleisch und deine Zigaretten. Zigarette kommt von ziehen, sagt der Großvater, also, packt euch zusammen!

Wir steigen in unsere Fliegermontur und nehmen einen großzügigen Anlauf den Hügel hinunter.