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Hermann Peter Piwitt
Erbarmen

Hermann Peter Piwitt

Erbarmen

Novelle

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2012
www.wallstein-verlag.de

Vom Verlag gesetzt aus der Stempel Garamond
Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf,
unter Verwendung der Fotografie: Frauenfüße aus der Autotür,
© Premium/AGE/Otto

Druck und Verarbeitung: Hubert & Co, Göttingen

ISBN (print) 978-3-8353-1043-8
ISBN (eBook, pdf) 978-3-8353-2254-7
ISBN (eBook, epub) 978-3-8353-2187-8

Die Hortensien verblassen, werden braun und welken. Ich hatte sie im Herbst tief heruntergeschnitten, und sie waren darüber schöner und reicher aufgeblüht. Ich hatte den Ratschlag eines alten, fast hundert Jahre alten Gartenbuchs befolgt, das mir Henrik einmal geschenkt hatte. Henrik, er hieß so; bevor ich ihn noch so nannte. Henrik. Er bestand darauf. Er war schon etwas über sechzig, als wir uns kennenlernten. Ich hatte noch keine vierzig. Als er kaum ein Jahr später starb, ging ihm die Weissagung nicht in Erfüllung, an die er geglaubt hatte, nämlich dass er neunzig würde. Er nannte sie das ›Frau-Sauer-Projekt‹. Oder einfach das ›Sauer-Projekt‹. Er erinnerte mich noch einmal daran, ein paar Wochen vor seinem Tod. Mutter sei es gewesen, die den Kleinen eines Tages im Krieg mit der S-Bahn in die noch unzerstörte Stadt, nach Altona, mitgenommen habe zu einer Hellseherin, einer Frau Sauer eben. Sie habe in einer düsteren alten Wohnung gehaust mit schwarzen, vor sich hinbröselnden und knackenden Möbeln. Bröselnd und knackend, es waren seine Worte. Viele Jahre lang sei darin wohl nicht gelüftet worden, sagte er; so habe es darin gestunken, nach Katze und alter Frau unterm Arm; er drückte es so aus. Frau Sauer habe sie gebeten, Platz zu nehmen und Kaffee und Plätzchen dazugestellt. Dann habe sie nach des Kleinen linker Hand gegriffen, mit einer Nadel unterhalb des Daumenballens leicht hineingestochen und gesagt: Um Gottes willen, Ihr Sohn wird neunzig!

Er lachte. Aber das glaubst du mir wieder nicht, oder?

Die Bäume draußen sind kahl inzwischen und stehen wie eingeschweißt in Nebel. Die Hortensie wird ein paar Blüten über die ersten Nachtfröste retten. Die letzte Nachtkerze ist gegen Morgen erloschen. Und der Winter kann kommen in das alte Haus, das mir mein Mann hinterlassen hatte. Alexander; möge er denn so heißen. Auch er starb; bei einem Unfall auf der Autobahn, einem Unfall mit dem Motorrad, genau genommen. Ich hatte ihn im Taxi kennengelernt. Ich hatte, geistesabwesend, auf einen Doktor der Philosophie hin studiert. Ich hatte, noch als Schulmädchen, den ganzen Nietzsche gelesen. Die Bücher waren voll von Ausrufezeichen und an den Rand geschriebenen Entzückungsschreien. Später bestand ich darauf, dass es die ersten Bücher gewesen seien, die ich überhaupt gelesen hatte. Das stimmte nicht. Früher noch las ich die ›Hasenschule‹.

Zehn Jahre später verstand ich seinen Nachruhm als einen Akt der Wiedergutmachung durch das schlechte Gewissen an einem zu Lebzeiten unentdeckten Talent. Damals war der Nietzsche-Kult gerade wieder aufgeblüht, vor allem in Frankreich. Da war ein leibhaftiger Deutscher, rätselhaft und verworren, dunkel und seherisch, und die Franzosen flogen drauf; intelligent waren sie schließlich selbst. Ich erledigte die ganze Lebensphilosophie in seiner Nachfolge gleich mit; für mich fiel sie noch hinter Kant zurück. Wie immer der Jüngere recht hatte, den Älteren einen ›Begriffskrüppel‹ zu nennen.

Mein Professor, damals, war ein Milchbart. Er hatte sogar einen. Ein dünnes Bärtchen auf der Oberlippe. Wir trafen uns bei einem Wein. Er versuchte mir auszureden, was sich als Doktorarbeit ins Unermessliche auswuchs und eh nicht mehr zu beenden war. Er murmelte etwas von Assistentenstelle, für den Fall, dass ich ihm verspräche, mich bei einem andern Thema kurzzufassen. Er stieß mit mir an. Er wälzte den Wein im Mund herum, bevor er ihn schluckte. Superb, nicht wahr? Er rückte näher. Sein Bärtchen streifte meine Wange. Ich nannte ihn einen ›Schleimer‹. Ich schmiss das Studium und fuhr Taxi.

Das Haus ist ruhig. Und auch ich bin ruhig jetzt. Ich habe gelernt, den Kopf ganz zu leeren. Zu leeren von allem, was ihn belästigen könnte. Alle lästigen Gedanken wie auf einen fernen Horizont zu entrücken. Und so stehe ich mit leerem Kopf vor dem großen Fenster, das seinerzeit den Blick in den Garten hinaus hatte öffnen sollen. Zum Wäldchen. Zwei Amseln hüpfen draußen über den verschneiten Rasen. Und es waren tatsächlich Boerne und Thiel: ich hatte sie beide im vergangenen Sommer so genannt, nach den zwei Tatortkommissaren aus Münster. Boerne dunkel und immer krekel. Thiel langsam, gutmütig, verlässlich.

Und, drinnen, vor dem Fenster der Schreibtisch. Da steht ein Bücherschrank. Noch einmal hatte es sollen anfangen mit uns, mit Alexander und mir. Es lief nicht, um es gleich zu sagen. Ich fühlte mich beaufsichtigt. Und wenn ich protestierte, wich er mir aus. Um Gottes willen! Eh, dass es hieße, er kontrolliere mich! Er zog sich zurück in seine Welt, bevor er sich meine zu erschließen wagte. Nur nicht widersprechen! Er kaufte sich eine alte BMW. Wie aus Schorsch Maiers Zeiten eine, seinerzeit! Er ließ sie mit Plexiglas rundum verkleiden, dass man bei Regen nicht nass wurde. Ich vor allem. Denn in Gedanken hatte er mich schon für den Rücksitz verplant. Er fuhr vielleicht zwei-, dreimal damit; ohne mich; denn so hatten wir nicht gewettet.