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Ralph Dutli

Liebe Olive

Eine kleine Kulturgeschichte

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Für Olivier

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

© Wallstein Verlag, Göttingen 2013
www.wallstein-verlag.de

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In der allwissenden Ratgeberliteratur und in bunten Rezeptbüchern wird über das »flüssige Gold« des Olivenöls gejubelt. Das Kulinarische und Gesundheitsfördernde der Olive und ihres Öls hat in zahlreichen Lifestyle-Büchern und Wellness-Bibeln schon öfter seinen modischen Niederschlag gefunden.

In diesem Buch geht es um etwas anderes: um die Jahrtausende umspannende Kulturgeschichte eines erstaunlichen Baumes und einer besonderen Frucht, um eine Lebenskunst – und Weisheitslehre. Von der Bibel bis zum Science-fiction-Roman des 21. Jahrhunderts reicht die Spannweite der hier versammelten, mit vielen Überraschungen aufwartenden Quellen.

Kein anderer Baum ist so eng verbunden mit der Entwicklung der mediterranen und europäischen Kultur, der Religion und der Demokratie, der Medizin, des internationalen Tauschhandels, des Sportes, der Kunst, der Literatur. Der Olivenbaum ist ein vielverzweigter Urbaum, an dessen luftigen Ästen, wenn nicht alles, so doch vieles von dem hängt, was die menschliche Kultur der letzten Jahrtausende hervorgebracht hat.

Was hat Odysseus’ Ehebett in der Kulturgeschichte der Olive zu suchen? Warum heißt die griechische Hauptstadt Athen und nicht Poseidonia? Wie kommt der französische Renaissance-Dichter Joachim Du Bellay dazu, einen ganzen Olivenhain von Sonetten zu dichten? Weshalb ist auf Ambrogio Lorenzettis Fresken der »Guten Regierung« im Rathaus von Siena die Allegorie des Friedens mit so ausgeprägt weiblichen Reizen ausgestattet? Irrt sich Shakespeare, wenn er »Oliven von endloser Dauer« verkündet? Was bedeuten »gefüllte Oliven« beim ungarischen Romanschriftsteller Sándor Márai?

Ob wir im Olivenbaum den ersten Demokraten des Abendlandes oder van Goghs letzten Therapeuten vermuten dürfen, in der Hand des sterbenden Somerset Maugham einen Fetisch für die Sehnsucht nach dem Süden entdecken oder mit dem Philosophen Mark Aurel in der fallenden Olive ein Symbol für das Menschenleben erkennen – eine Vielzahl amüsanter, Staunen erregender oder nachdenklich stimmender Geschichten ist aufgehoben in dieser kleinen Frucht mit dem botanischen Namen »Olea europaea sativa«.

In zwanzig Oliven-Kapiteln – zweimal zwei symbolische Handvoll Oliven – geht es um Kult und Magie der Olive in Mythos und Moderne, um den ewigen menschlichen Traum von Glück und Fülle, um die Zerstörungskraft der Zeit und die Beharrlichkeit eines geduldigen Baumes und Überlebenskünstlers. Der englische Schriftsteller Lawrence Durrell fand in der Olive den »Geschmack, der älter ist als der des Fleisches und des Weines – so alt wie der des klaren Wassers«. Der französische Dichter René Char entdeckte »die Ewigkeit einer einzigen Olive«, und sein Kollege Francis Ponge sah im Olivenöl das geeignete geistige Schmiermittel für eine dumpfe »Epoche der Mechanik« und der »Dürre der Herzen«. Sein Rezept für geistige Ölung ist auch für unsere Zeit noch immer bedeutsam und notwendig.

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Entkleide mich, sagt der Olivenbaum,
ich werde dich kleiden.
Mach meinen Fuß fett –
ich fette dir den Schnabel.

Provenzalisches Sprichwort

Der Olivenhain ist wie eine Bibliothek,
die man besucht, um das Leben zu vergessen
oder es besser kennenzulernen.

Jean Giono

Ist das Leben wie eine Olive eine bittere Frucht,
so greife nur beide scharf mit der Presse an,
sie liefern das süßeste Öl.

Jean Paul, Titan

1. Olive

Sein eigener Königimage

In der Bibel, im Buch der Richter, spielt der Olivenbaum sogar eine staatspolitische Rolle. Der machtgierige, gewalttätige Abimelech will in der Stadt Sichem Alleinherrscher werden und lässt mit Hilfe gedungener Mörder kurzerhand seine siebzig Brüder erschlagen. Darauf lässt sich der kaltblütige Abimelech zum König krönen. Nur einer entkommt dem Massaker, weil er sich verstecken konnte. Es ist der jüngste Bruder, Jotam.

Dann aber geschieht Unvorhergesehenes. Jotam steigt auf einen Hügel, ruft die Männer von Sichem zu sich und erzählt ihnen ein Gleichnis. Es ist die Geschichte einer Königswahl: Wie die Bäume einen König suchten. Die Bäume fragten zuerst den Ölbaum, ob er diese Rolle übernehmen wolle. Doch der Ölbaum lehnt ohne lange zu zögern ab, denn er will sich nicht über die anderen Bäume erheben. »Aber der Ölbaum antwortete ihnen: ›Soll ich meine Fettigkeit lassen, die Gott und Menschen an mir preisen, und hingehen, dass ich über den Bäumen schwebe?‹ « (Buch der Richter, IX, 9). Danach fragen sie den Feigenbaum und dann den Weinstock, die ebenfalls ablehnen. Schließlich lässt sich der unnütze, sterile Dornbusch zum König wählen. Und fühlt sich geschmeichelt.

Jotam muss fliehen und sich verstecken, der Mörder Abimelech aber wütet, plündert und massakriert noch eine Weile, bis eine Frau von einem belagerten Turm herab einen Mühlstein auf ihn wirft und ihm die Hirnschale zertrümmert. Die Tat wird als Gottes gerechte Strafe bezeichnet. In der patriarchalischen Welt des Alten Testaments stellt es eine äußerst demütigende Schmach dar, von der Hand eines »Weibes« und per Mühlstein – kein schneidiges Wurfgeschoss – unehrenhaft außer Gefecht gesetzt zu werden. Abimelech ist nicht sofort tot, er muss seinen Diener – noch eine Demütigung, noch eine Strafe Gottes – um den Gnadenstoß bitten.

Jotams Erzählung ist ein immergültiges Gleichnis auf das dumpfe Wesen brutaler Machtentfaltung, die keine fruchtbare Gemeinschaft begründen kann. Gewalt ist steril wie der nutzlose Dornbusch, sie bringt keine Früchte, weder Freiheit noch Nutzen noch Genuss. Das Gleichnis verwirft die blindwütige Machtgier und lobt ein Königtum, das auf Bescheidenheit und klarer Gelassenheit beruht. Der Olivenbaum verzichtet aber nicht einzig aus Demut auf die Macht, sondern auch aus stolzem Selbstbewusstsein. Er kennt seinen Wert für die Menschen, er braucht keine Königskrone dazu. Er weiß, dass er mehr zu schenken hat als die anderen Bäume, vom Dornbusch ganz zu schweigen. Der Ölbaum ist sein eigener König. Es ist ein Königtum, das nicht auf Machtgier, Egozentrik und Anmaßung beruht, sondern auf Gegenliebe und Großzügigkeit.

Dass der Olivenbaum viel zu bieten hat, ist ein Faktum, das zu biblischen Zeiten längst im Gedächtnis der Menschheit verankert war. Er ist keine ganz gewöhnliche Nutzpflanze, kein simpler Lieferant eines Öls und eines Nahrungsmittels. So bescheiden und unscheinbar er dasteht, so kräftig sind seine ausgedehnten Wurzeln im Erdreich der Kultur, das von Zeit zu Zeit aufgelockert werden muss, wenn die Erträge stimmen sollen. Das Wort »Kultur« ist ohnehin wortgeschichtlich verknüpft mit der Urbarmachung der Erde, dem Anbau, dem Hegen und Veredeln, dem Reifenlassen von Pflanzen und deren Säften.

Kein anderer Baum ist so eng verbunden mit der Entwicklung der mediterranen und europäischen Kultur, der Religion und der Demokratie, der Medizin, des internationalen Tauschhandels, des Sportes, der Kunst, der Literatur. Der Olivenbaum ist ein vielverzweigter Urbaum, an dessen luftigen Ästen, wenn nicht alles, so doch vieles von dem hängt, was die menschliche Kultur der letzten Jahrtausende hervorgebracht hat.

Es gibt keine vom Menschen kultivierte Nutzpflanze, die – Verehrer der Weinrebe und ihres Saftes mögen es ihr verzeihen – so vielfältige kulturelle Aspekte vereinigt wie die Olive. Seit der Antike gilt sie als Lieferantin von Nahrung, Licht, Wärme, Arznei, Kosmetik. Oft war sie Inspirationsquelle für Zauber und Magie. Der Olivenbaum ist ein archaischer Zauberer, die zarte Olive eine trickreiche Zauberin. Doch Vorsicht: So viele wunderbare Aspekte haben Baum und Frucht, dass man sich hüten muss, in den Olivenkitsch abzugleiten. Auch von Betrug und Fälschertum, von Panschern und Pfuschern, von der menschlichen Eitelkeit und Habgier, von Gewalt, Gemeinheit und Anmaßung muss die Rede sein.

Die Olive beflügelt eben die menschliche Phantasie – im guten wie im schlechten. Aber zunächst ein schlichtes Faktum: Der Olivenbaum ist eines der besten, komfortabelsten Geschenke der Natur an die Menschheit. Keine faule Gabe, sondern ein kompaktes und vielfältiges Prachtgeschenk.

2. Olive

Der erste Demokratimage

Eine der schönsten Geschichten um den Olivenbaum ist die Legende von der Gründung der Stadt Athen. In der griechischen Mythologie waltet bekanntlich alles andere als souveräne Gelassenheit und götterhafte Abgeklärtheit. Die Menschen schufen sich einen Götterhimmel, in dem verblüffend ähnliche Verhältnisse wie auf der Erde existierten. Allzu entrückte und perfekte Götter sind fade und langweilig. Der Hellene brauchte Götter, in denen er sich wiedererkennen konnte, auch wenn er weniger Wirkungsmacht, Zauberkraft und technisches Know-how aufbieten konnte, und schon gar nicht Unsterblichkeit. Alles wie auf Erden also, aber mit unsterblichem Mehrwert.

Der Olymp kennt keine Ruhe. Da spielen sich Dramen um erotische Leidenschaft und Eifersucht ab, um Gier und Lustgewinn, um Frevel und Amtsmissbrauch, Vergeltung und Rache. Es herrschen öfter krude, unfreundliche Konkurrenzverhältnisse. Da wird getrickst und betrogen, überboten und ausgestochen.

Ein Wettstreit von Göttern lag am Ursprung der Stadt Athen. Nach Ratschluss der Zwölfgötter – eine Art himmlisches, göttlich palaverndes Parlament – sollte die Landschaft Attika derjenigen Gottheit gehören, die ihr das wertvollere Geschenk bieten konnte. Um dieses Privileg stritten zwei Kandidaten: der Meeresgott Poseidon und Athene, die Göttin der Weisheit, die aber als Kriegsund Friedensgöttin einen durchaus kämpferischen Aspekt hatte, mit den militärischen Attributen Schild, Speer und Helm dargestellt wurde. Sieger sollte sein, wer etwas Unvergängliches zum Nutzen des attischen Volkes erschaffen würde. Selbstverständlich ist Götterstreit kein primitiver Boxkampf, es ging um solide Werte und deren einleuchtende Nachhaltigkeit.

Zunächst hieb Poseidon seinen Dreizack in den Felsen auf der Akropolis, und sofort sprudelte eine salzige Quelle hervor. Es war ein vielversprechender Hinweis auf die künftige Herrschaft Attikas über das Meer. Aber von großem unmittelbarem Nutzen konnte die Quelle nicht sein, Salzwasser gab es rund um Griechenland schon genug. Wahrscheinlich ahnte Poseidon das auch selber, also musste er sich noch ein wenig anstrengen. Als Draufgabe spendierte er gleich noch das erste Pferd, mit dem man Lasten und Personen transportieren und große Wegstrecken einigermaßen mühelos, in komfortabel erhobener Position über dem Straßenstaub, bewältigen konnte. Kein schlechtes Angebot, und dennoch wird der Wellengott den kürzeren ziehen.

Athene pflanzte unweit jener Stelle eine Olive ein, welcher der allererste Ölbaum entspross. Kühneren Versionen desselben Mythos zufolge schlug sie ebenfalls mit einem Stab gegen den Felsen, und ein riesengroßer, unzählige Früchte tragender Ölbaum kam zum Vorschein. So wie sie selber in voller Montur, samt Schild, Speer und Helm, aus dem Kopf ihres Göttervaters Zeus geboren wurde, so kam voll entwickelt der erste reife Olivenbaum ans Tageslicht. Es war Zeus höchstpersönlich, der den weisen, aber nicht ganz unparteiischen Schiedsrichter spielte und seinem smarten Töchterchen den Sieg zusprach. Deshalb heißt die Stadt heute Athen, und nicht Poseidonia.

Athenes Geschenk war an Vielfältigkeit und Nachhaltigkeit nicht zu übertreffen. Sie spendete auf einen Schlag Licht- und Energiequelle, Salböl für den Toten- und Götterkult, Heilmittel und Schönheitselixier – und selbstverständlich wertvolles Öl, nebst Früchten als Speise. Ihr Geschenk vertrieb die Angst, brachte Sicherheit schenkendes Licht in die dunkle attische Nacht. Es heilte Wunden, garantierte schmackhafte Gerichte und war schlicht eine Freude für den Menschen.

Doch Götter sind schlechte Verlierer. Poseidon war über den Ausgang des Wettbewerbs so erbost, dass er eine Dürre auslöste, die Attika ruinieren sollte. Und sein Sohn Allyrothios war so wütend, dass er mit einer in seinem Gewand versteckten Axt auf die Akropolis stieg, um den von Athene geschenkten Olivenbaum zu fällen. Als er ausholte, sprang ihm die Axt aus der Hand und tötete ihn selber. Der Baum war unverwundbar. Und Poseidons Dürre überlebte er ebenfalls.

Keiner konnte ihn vernichten, keiner mehr ihn ausreißen aus der attischen Erde. Weil die Götter bereits über ihn wachten. In Sophokles’ Drama Oidipus auf Kolonos halten die Götter ihre Augen offen: »denn das immeroffene Auge des Zeus, des / Ölbaumgottes, wird ihn bestrahlen und ebenso / das Blickfunkeln der Athena« (Verse 704-706, in der Übertragung Peter Handkes). In Griechenland galt der Ölbaum immer als heilig. Er war der weisen Göttin Athena glaukopis, der »Eulenäugigen«, geweiht. Die jungfräuliche Göttin wurde im Parthenon angebetet (parthenos heißt »jungfräulich«), dem schönsten Tempel der Akropolis. Die Skulpturen des Westgiebels, deren Rekonstruktion man heute im Athener Akropolis-Museum bewundern kann, schildern ihren Wettkampf mit Poseidon.

Im Parthenon soll sie als reich mit Gold verzierte Elfenbeinstatue gestanden haben: ein um 440 v. Chr. entstandenes Meisterwerk des berühmten Bildhauers Phidias. Im Erechtheion, einem anderen Tempel auf der Akropolis, war sie aus Olivenholz geschnitzt und galt in dieser bescheidenen Version als Beschützerin der Armen. Das Holz des Olivenbaums war schlicht das Holz der Heiligkeit.

Das Roden eines Olivenbaums wurde bei den Griechen mit aller Schärfe geahndet. Selbst über seine eigenen Olivenbäume konnte ein Bauer nicht frei verfügen. Nicht mehr als zwei pro Jahr durfte er verpflanzen. Das Holz durfte nur zu bestimmten sakralen Zwecken verwendet werden, zur Ausstattung von Tempeln, für Statuen. Verbrannt wurde es allein auf den Altären der Götter, zu ihrem Ruhm. Solon, der zu den griechischen »Sieben Weisen« gehörte, begünstigte den Olivenanbau durch seine historisch folgenreiche Gesetzgebung von 594 v. Chr. Der Baum stand unter dem Schutz des Areopag, des höchsten Gerichtes, des »Wächters der Gesetze«. Von hohen Geldstrafen, Beschlagnahmung sämtlicher Güter und Exilierung bis hin zur Todesstrafe reichten die Mittel der Vergeltung für Olivenbaumfrevel. Der Ölbaum war schlicht die Wurzel des athenischen Staatswesens, wer Hand an ihn legte, bekam es mit der staatlichen Repression zu tun.

Der griechische Historiker Thukydides (460 bis 396 v. Chr.) schreibt in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges, die Mittelmeervölker seien erst in dem Augenblick aus der Epoche der Barbarei herausgetreten, als sie anfingen, die Weinrebe und den Olivenbaum zu kultivieren. Ein frommer Wunsch: Natürlich gab es in späteren Epochen barbarische Massaker und Exzesse von machtgierigen Herrschern, und keine Olive konnte sie aufhalten oder ungeschehen machen. Dennoch galt schon in der Antike die Kultivierung des Ölbaums als zivilisatorischer Akt, als ein Siebenmeilenschritt in der Geschichte der menschlichen Zivilisation.

Athen gilt als die Urstätte der europäischen Demokratie. Nach der Oligarchie (der »Herrschaft weniger«) und der Alleinherrschaft (der »Tyrannis«) kam unter mühsamen Anstrengungen die Demokratie hervor, die »Herrschaft des Volkes«. Im Jahr 510 v. Chr. wurde die Tyrannis abgeschafft, 509 bis 507 mit der Reform des Kleisthenes die Demokratie erprobt nach dem neuen Prinzip »Gleiches Recht für alle Staatsbürger«. Von dieser unerhörten politischen Innovation leben wir noch heute.

Der Gründungsmythos der Stadt Athen ist unverbrüchlich mit dem Geschenk des Olivenbaums verbunden. Athen gilt als Erfinderin der Demokratie. Der heilige Ölbaum beim Erechtheion auf der Akropolis war also zugleich die zarte Urpflanze der Demokratie, ein Emblem der Demokratie. Der Olivenbaum war sozusagen der erste Demokrat.

3. Olive

Karger Boden sucht Überlebenskünstler image