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Christoph Marx

Von Berlin nach Timbuktu

Der
Afrikaforscher Heinrich Barth

Biographie

 

 

 

 

 

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Wallstein Verlag, Göttingen 2021

www.wallstein-verlag.de

Umschlag: Susanne Gerhards, Düsseldorf

Umschlagbild: Ansicht von Timbuktu 1853,

ISBN (Print) 978-3-8353-5009-0

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4725-0

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4726-7

Inhalt

Einleitung

Herkunft, Jugend und Studium
1821 – 1845

Die Mittelmeerreise
1845 – 1847

Die große Afrikareise I: Zum Tschadsee
1849 – 1852

Die Kunst des Reisens

Die Afrikareise II: Nach Timbuktu
1852 – 1855

Die Jahre in London
1856 – 1858

Als Gelehrter in Berlin
1859 – 1865

Barth als Wissenschaftsorganisator

Barths späte Reisen
und sein Wissenschaftsverständnis

Schlusswort

Anmerkungen

Abkürzungen

Archive

Literatur

Bildnachweis

Einleitung

Alexander von Humboldt (1769-1859), der berühmteste Forschungsreisende seiner Zeit, sprach Heinrich Barth in einem Brief als »theurer Reise-College« an, »der uns einen Welttheil aufgeschlossen hat«.[1] Barth war in verschiedener Hinsicht sein Kollege, denn ein halbes Jahrhundert vor Barths großer Afrikareise hatte Humboldt selbst eine lange Forschungsreise durch Süd- und Mittelamerika absolviert. Doch die beiden hatten mehr miteinander gemeinsam als die Durchführung bahnbrechender Reisen, denn sie waren in erster Linie Wissenschaftler. Sie gehören damit einer Entwicklung an, die mit den Weltumseglungen und der Erforschung des Pazifik einsetzte und die man als »zweites Entdeckungszeitalter« bezeichnet hat.[2] Mit diesem Begriff ist eine Form systematischer Erforschung bislang unbekannter Teile der Welt gemeint. Es unterschied sich vom ersten, mit Kolumbus beginnenden Entdeckungszeitalter, weil die Forschungsreisen wissenschaftlich grundiert und von den Ideen der Aufklärung motiviert waren. Dieses zweite Entdeckungszeitalter umfasste knapp 100 Jahre. Es begann mit James Cook (1728-1779) und den beiden Naturforschern Reinhold und Georg Forster (1754-1794), erreichte seinen Höhepunkt mit der Forschungsreise Alexander von Humboldts in Süd- und Mittelamerika und fand seinen Abschluss mit der großen Afrikareise Heinrich Barths. Setzt man mit Barths Tod eine Zäsur in der Geschichte der Afrikareisen, verändert sich die bis heute verbreitete Perspektive, Barth als einen Vorboten des Imperialismus zu identifizieren. Der auffallende Unterschied zwischen Barth und späteren Afrikareisenden lässt sich so viel nachvollziehbarer erklären: seine grundsätzliche Offenheit in der Begegnung mit Afrikanerinnen und Afrikanern, der humanitäre Impuls seiner Forschungen, der wissenschaftliche Charakter des ganzen Unternehmens.

Als Barth im Alter von 44 Jahren 1865 starb, wurde es schnell still um ihn – gerade weil er nicht mehr ins imperialistische Zeitalter passte und sich mit seiner differenzierten Darstellung afrikanischer Gesellschaften und deren Geschichte nicht für die kolonialistische Expansion der Europäer instrumentalisieren ließ. Als einige verdienstvolle Autoren in den 1960er Jahren versuchten, Barth anlässlich seines 100. Todestages sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland wiederzuentdecken, waren die Erfolge höchst bescheiden.[3] Das lag möglicherweise daran, dass Forschungsreisen zu der Zeit kein Interessenfeld der historischen Forschung waren und keine aktuelle Kolonialismusdiskussion eine Anschlussfähigkeit eröffnet hätte. Die historische Last des Kolonialismus erschloss sich auch in den gerade unabhängig gewordenen afrikanischen Staaten erst im Lauf der folgenden Jahrzehnte.

Darum wurde die Frage nach Barths Verhältnis zum Imperialismus interessanter, als die europäische Kolonialherrschaft insgesamt stärker thematisiert und problematisiert wurde. Barth erschien manchen jetzt als direkter Vorläufer der späteren imperialistischen Eroberer, seine Forschungen als Vorarbeiten für die Ausbreitung europäischer Macht in Afrika. Dabei wurde und wird auf seine gelegentlichen Bemerkungen Bezug genommen, in denen er für Kolonisierung eintrat. Allerdings beachten die meisten Autoren nicht, dass Barth »Kolonisieren« im Sinn von Besiedeln verstand und nicht als »Kolonialisieren«, nämlich die Unterwerfung der Afrikaner unter eine europäische Fremdherrschaft. Viele Historiker berücksichtigen den Bedeutungswandel des Begriffs Kolonisieren nicht hinreichend und sitzen dergleichen Missverständnissen auf.[4] Besiedeln konnte nämlich auch heißen, dass Barth die Besiedlung einer Region durch andere Afrikaner befürwortete und nicht unbedingt ein Fürsprecher europäischer Ansiedlung in Afrika war.

Die Aufteilung Afrikas durch die europäischen Mächte war ein unvorhergesehener und plötzlich einsetzender Vorgang, der die Zeitgenossen überraschte und die Historiker lange beschäftigte. Für Barth lag diese Aufteilung außerhalb seines Erwartungshorizonts. Deutsche Interessen ließen sich kaum anmelden, weil es Deutschland in seiner Zeit gar nicht gab. Zur Expansion Frankreichs in Afrika hatte Barth ein zwiespältiges Verhältnis: Einerseits trat er für verstärkten Austausch und Verkehr zwischen Afrika und Europa ein, andererseits lehnte er den militärischen Charakter des französischen Vorgehens ab. Deren weitgehendes Unverständnis für die afrikanische Kultur und namentlich für den Islam hieß er keineswegs gut.

Gerade weil Barth den späteren Imperialismus nicht vorhersehen konnte, ist es sinnvoller, ihn dem zweiten Entdeckungszeitalter zuzuordnen.

Die hier vorgelegte Biographie geht über die bisherigen hinaus, weil sie Barth nicht nur als Afrikaforscher in den Blick nimmt. In der überschaubaren Forschungsliteratur über Barth steht seine große Afrikareise verständlicherweise im Zentrum, viele Bücher beschränken sich jedoch darauf.

Mittlerweile ist der umfangreiche Briefwechsel Barths erschlossen und online zugänglich: www.heinrich-barth.ub.uni-due.de. Durch die systematische Auswertung der ca. 1700 Briefe lassen sich Barths Leben, seine Forschungen, politischen Ansichten, privaten Verhältnisse und seine wissenschaftliche Karriere leichter und gleichzeitig intensiver rekonstruieren, als das bislang möglich war. Darum werden in diesem Buch seine Reise um das Mittelmeer sowie die späteren Reisen, die er unternahm, ebenso untersucht wie seine wissenschaftlichen Arbeiten und seine Aktivitäten als Organisator von Forschungsreisen. Außerdem wurden Barths kleinere Publikationen in verschiedenen Zeitschriften mit herangezogen. Ihre Lektüre ließ erkennen, dass sich seine wissenschaftliche Konzeption weiterentwickelte und Barth nicht nur der Autor von empirisch gesättigten Darstellungen im Genre des Reiseberichts war, sondern zu einer systematischeren Forschung überging. Sein früher Tod im Alter von 44 Jahren hat leider verhindert, dass er die bereits geplanten größeren Arbeiten abschließen konnte. Auch kehrte er in späteren Jahren zu seinem ursprünglichen Interessengebiet, dem Mittelmeerraum, zurück und veröffentlichte Aufsätze und Vorträge, aus denen sich die konzeptionelle Fortentwicklung in beiden Themenfeldern, Afrika und Mittelmeer, rekonstruieren lässt.

Mit Barths Tod brach seine wissenschaftliche Karriere kurz vor ihrem eigentlichen »Take-Off« ab, was maßgeblich dazu beitrug, dass er für die Wissenschaftsgeschichte uninteressant erschien und vergessen wurde. Diese Darstellung seines Lebens, seiner Reisen, seiner wissenschaftlichen Konzeption und seines breit gefächerten Engagements zur Forschungsförderung wird hoffentlich helfen, ihn wiederzuentdecken – denn es lohnt sich.

Herkunft, Jugend und Studium
1821-1845

Die Geschichte eines Welterkunders beginnt in der Stadt, die im Zeitalter der Segelschiffe das Tor zur Welt war: Hamburg, die größte Hafenstadt im deutschsprachigen Raum, eine Stadt der Kaufleute und Seefahrer. Hamburg nutzte die napoleonische Zeit, die Auflösung des Alten Reiches und vieler überkommener Bindungen, um sich zu erneuern. Der alte Dom wurde abgerissen, die Befestigungen geschleift, die Stadt expandierte, auf der Elbchaussee richteten sich die Wohlhabenden in ihren repräsentativen Landhäusern ein. Hamburg wurde ab 1845 mit Gaslaternen beleuchtet, die Reichen benutzten sie auch schon in ihren Häusern. Fernhandel und Handwerk prägten aber weiterhin die Wirtschaft. Durch die napoleonische Besetzung der Stadt hatte Hamburg zwei Drittel seines Schiffsbestands verloren, und zunächst fehlte das Kapital für einen Neuanfang aus eigener Kraft. Darum investierten britische Kaufleute in den Handel und in die Schifffahrt, sie gründeten Firmen oder Dependencen, weshalb die Stadt ökonomisch lange mit England verbunden blieb. Durch die Unabhängigkeit der ehemaligen spanischen Kolonien in Süd- und Mittelamerika erlebte der Handel mit den neuen Staaten, insbesondere mit Brasilien, einen deutlichen Aufschwung, der die bereits blühenden kommerziellen Beziehungen zu den USA ergänzte und erweiterte.[1] 1847 wurde die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien Gesellschaft (HAPAG) als Gemeinschaftsunternehmen von 33 Kaufleuten gegründet.[2] Entlang von Handel und Handwerk verlief eine soziale Polarisierung, denn während Kaufleute vom Aufschwung des internationalen Kommerzes profitierten und zu teilweise beträchtlichem Wohlstand kamen, blieb das Handwerk ein auf die Stadt selbst bezogenes Gewerbe. Gleichwohl gab es auch hier einzelne Meister, die, etwa im Bauwesen, reich wurden. Allerdings hatten deren Gesellen kaum etwas vom Aufschwung, sie lebten wegen des knappen Wohnraums in beengten und überteuerten Wohnungen. So vertiefte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Klassenspaltung erheblich, da Pauperismus in Hamburg verbreitet war, die Arbeiter extrem ausgebeutet wurden und nicht am wachsenden Reichtum der nach London zweitgrößten Hafenstadt Europas partizipierten.

Die Familie Barth

Der soziale Graben war jedoch nicht gänzlich unüberbrückbar, gelegentlich gelang es Handwerkern, ihn zu überspringen und in die Kaufmannschaft aufzurücken. Meist griffen ihnen wohlhabende Unterstützer unter die Arme, d. h. man brauchte Beziehungen und Kontakte, kurz: Patronage. Ein Beispiel dafür war Johann Christoph Heinrich Barth (1787-1856) aus Willmersdorf in Thüringen.[3] Er kam aus armen, dörflichen Verhältnissen und wurde, als beide Eltern starben, 1801 zu seinem Onkel Johann Heinrich Ludwig Barth nach Hamburg geschickt, um dort das Metzgerhandwerk zu erlernen.[4] Hamburg, um 1800 mit ca. 160.000 Einwohnern eine der größten Städte im deutschsprachigen Raum, bot als Hafenstadt mehr Möglichkeiten, zu Wohlstand zu kommen, als andere Städte. Barth nutzte die Chancen, die ihm die neue Umgebung bot, er blieb für den Rest seines Lebens in der großen, weltoffenen Hafenstadt und arbeitete sich vom Metzger und Fleischhändler zum geachteten Import-Export-Kaufmann hoch, er wurde wohlhabend. Offenbar begann er mit dem Verkauf von Räucherfleisch, ob er sein Geschäft dann weiter diversifizierte, ist leider nicht überliefert. Als sehr begabtem Geschäftsmann gelang es ihm, sich aus der Armut eines Handwerkergesellen hochzuarbeiten. Möglicherweise übertrieb der preußische Gesandte Bunsen etwas, als er ihn dem Foreign Office gegenüber als »einen sehr reichen Mann« bezeichnete,[5] doch muss sein Reichtum nicht unbeträchtlich gewesen sein, denn Christoph Barths Schwiegersohn Gustav Schubert fühlte sich zunächst »inmitten des mich umgebenden Wohlstandes« als »armer Schlucker«.[6] Ihren Kindern vermittelten die Eltern »strenge Moralität, Gewissenhaftigkeit, peinliche Ordnungsliebe, Sinn für Häuslichkeit und Familienleben«.[7]

Barth senior profitierte bei seinen Geschäftsbeziehungen von den alten Kontakten der Hansestadt nach Großbritannien. Zwar hatte auch er nach dem großen Brand 1842 finanzielle Engpässe und war auf Mieteinnahmen angewiesen, doch schon drei Jahre später konnte er seinem Sohn Heinrich eine mehrjährige Mittelmeerreise bezahlen, die viel teurer wurde, als ursprünglich veranschlagt. Dem jüngeren Sohn Ludwig finanzierte er ein Landgut und die Geschwister erbten nach dem Tod ihrer Eltern so viel, dass Heinrich Barth einige Jahre davon leben und von seinem eigenen Geld Zuschüsse zu Afrikaexpeditionen geben konnte.

 

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Die Eltern Johann Christoph Heinrich Barth
und Carolina Charlotte Elisabeth, geb. Zadow

 

Dabei hatte Barth senior es nicht leicht gehabt, denn der Aufstieg war ihm wahrlich nicht in die Wiege gelegt. Noch in späten Jahren zeigen seine Briefe, dass er nur über eine geringe Bildung verfügte. Die Haltung des sozialen Aufsteigers, bei dem sich Ambition und Stolz auf das Erreichte mit dünnhäutiger Reizbarkeit verbanden, wenn seine Leistung nicht anerkannt wurde, prägte auch seinen Sohn Heinrich und lässt manche Reaktion verständlicher werden, die man oft dessen »schroffem« Charakter zuschrieb.

Christoph Barth heiratete 1814 in Hamburg Carolina Charlotte Elisabeth Zadow (1789 oder 1791-1862), die Tochter eines Schuhmachers aus Hannover, von der ein Foto erhalten ist, aber die sonst kaum Spuren hinterlassen hat. Der Sohn Heinrich hatte zu seinem Vater zeitlebens ein besonders inniges, von Bewunderung geprägtes Verhältnis, während die Mutter in seinen Briefen zwar erwähnt wird, aber nie mit der gleichen Anteilnahme. Möglicherweise hing dies mit ihrem labilen Gesundheitszustand zusammen, denn sie verbrachte oft viele Wochen im Ferienhaus an der Elbe, während ihr Mann in Hamburg seinen Geschäften nachging.[8]

Das Paar wurde mit fünf Kindern gesegnet, wobei zwischen den Geschwistern teilweise große Altersunterschiede lagen. Henriette, die älteste, und Ludwig, den jüngsten, trennte ein Altersabstand von 16 Jahren. Ob in die Jahre zwischen den Geburtstagen der Geschwister noch weitere Geburten fielen, ist nicht bekannt, doch bei der damaligen hohen Kindersterblichkeit ist es auffällig, dass alle fünf bekannten Barth-Geschwister das Erwachsenenalter erreichten. Darum ist nicht auszuschließen, dass es noch früh verstorbene Geschwister gab, die in der Familienkorrespondenz keine Erwähnung fanden. Henriette (8.11.1816-3.4.1888), Heinrich Barths älteste Schwester, war intellektuell interessiert, erhielt aber als Frau nicht die Chance, die höhere Schule zu besuchen und ihre Begabung weiterzuentwickeln, auch wenn Bruder Heinrich zumindest ansatzweise Frauen dieses Recht zubilligte. In seinen Briefen von der ersten Reise, die ihn 1840 nach Italien führte, richtete Heinrich zuweilen das Wort direkt an Henriette, da er mit ihr das Interesse an der Antike, aber auch an der italienischen Kunst teilte. »Von den schönsten Statuen, die hier sind, werdet auch wohl Ihr, wenigstens Schwester Henriette, Viel gehört haben.«[9] Die beiden verband auch die Begeisterung für Literatur, wobei Goethe obenan stand, dessen italienische Reise Barths Route zweifellos vorbestimmt haben dürfte, während seine Schwester von dem gelobten Land nur träumen durfte. Ähnlich wie ihr jüngerer Bruder galt Henriette als »schroff«,[10] was vielleicht einer der Gründe war, dass sie unverheiratet blieb: Ihre Schwester Mathilde hätte »der guten, lieben Schwester ein besseres Loos gewünscht, einen bestimmten Wirkungsbereich. Sie fühlt leider so oft eine unendliche Leere, eine Sehnsucht nach einem gleich gestimmten Herzen[,] die natürlich im Elternhause bei diesen beiden einfachen Leuten nicht gestillt werden kann.«[11]

Drei Jahre nach ihr, am 26. März 1819, wurde der älteste Sohn, Theodor, geboren, über den so wenig bekannt ist, dass die älteren Biographen, sogar Barths Schwager Gustav v. Schubert, der 1897, über dreißig Jahre nach Barths Tod, die erste Darstellung seines Lebens verfasste, ihn völlig übersahen und nur von vier Geschwistern wussten.[12] Theodor hat kein einziges Selbstzeugnis hinterlassen, keinen Brief, kein Bild; er bleibt eine schattenhafte Figur, der bald aus dem Leben der Familie entschwand. Heinrich hatte offenbar ein sehr gespanntes Verhältnis zu diesem Bruder, denn in einem der Briefe an seinen Schwager berichtete er: »Wir Beide haben eigentlich keine Bruderliebe und Freundschaft in unserer Kindheit genossen. Bei Theodor entwickelte sich von früh an eine so rohe Natur, daß ich fast nur in feindliche Berührung mit ihm trat.«[13]

Theodor erlernte das Handwerk des Vaters und wurde Metzger. Offenbar war er leichtsinnig und gab Geld aus, das er nicht hatte. Im Dezember 1839 war von Schulden die Rede, nicht zum ersten Mal, denn der Vater bezahlte sie zwar, ging aber auf deutliche Distanz zu seinem in Nürnberg lebenden Sohn, dem er die Rückkehr nach Hamburg nicht gestatten wollte. Heinrich machte sich zum Fürsprecher seines älteren Bruders, denn »alle Hoffnung gebe ich in Rücksicht auf ihn noch nicht auf, obgleich er immer älter und älter wird«. Falls er nach Berlin käme, wollte Barth ihm gut zureden, »jedoch das ist eben das Schlimme bei ihm, daß er keine festen Vorsätze hat und sich wie ein Rohr vom Winde hin und hertreiben läßt«.[14]

Nur in wenigen späteren Briefen fand Theodor Erwähnung, aber trotz der frühen Entfremdung reagierte Heinrich erfreut auf Nachrichten über seinen Bruder: »Freilich möchte ich ihn gern einmal wieder sehn und mit ihm sprechen; wenn er mir nur erst antwortete, worauf ich schon lange warte.«[15] Anscheinend fasste Theodor wieder Tritt, denn Vater Barth war mit der weiteren Entwicklung seines Ältesten zufrieden und Heinrich schrieb ein Jahr später: »Daß Du von Theodor die beßten Hoffnungen hegst, macht mir außerordentliche Freude. Wenn er sich brav und tüchtig zeigt, wirst Du ihm gewiß Alles so angenehm, wie möglich, machen.«[16] Ein paar Jahre später wanderte Theodor aus, nachdem diese Möglichkeit schon früher besprochen, aber verworfen worden war.[17] Ein Theodor Barth, geb. um 1819 und von Beruf Metzger, wird auf der Passagierliste des Schiffes »St. Pauli« geführt, das am 26. Dezember 1842 von Stade nach Nelson in Neuseeland segelte, wo es am 14. Juni 1843 eintraf.[18] Das Datum seiner Ankunft in Neuseeland war der Familie genau bekannt und die Abfahrt eines Schiffes am 30. Juni von Wellington ebenso, was darauf hindeutet, dass Theodor sich nur wenige Monate in Neuseeland aufhielt und dann weiter nach Australien fuhr.[19] Offenbar fand er keine Anstellung in seinem erlernten Beruf und hatte Schwierigkeiten, in Neuseeland Fuß zu fassen, weshalb er mit einer von mehreren Gruppen deutscher Einwanderer 1845 in Richtung Australien weiterzog. Möglicherweise hatte Theodor erneut Schulden gemacht und musste deswegen Deutschland verlassen, denn Heinrich gab ein Jahr später seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Briefe der Familie »den vielfach verschuldeten aber doch lieben Bruder in einer nicht zu kläglichen Lage antreffen«.[20] Die Familie war beunruhigt, als die Post von der anderen Seite der Welt ausblieb: »Wegen Theodor wirst auch du einigermaßen bekümmert sein, daß nach so langer Zeit noch keine Nachricht eingetroffen ist. Es muß doch recht bald Etwas kommen, und dann hoffentlich um so erfreulicher. Was wird der Alles erlebt und gesehn haben! Wenn er nur dadurch verständiger und energischer geworden ist und seinen guten Seiten das Uebergewicht über die schlechten gegeben hat.«[21] Ab 1846 wird sein Name noch mehrfach in der Lokalpresse in Adelaide und in South Australia im Zusammenhang mit nicht abgeholter Post erwähnt,[22] was ein Hinweis darauf sein könnte, dass er nicht mehr lebte. Nach 1847 verschwand er aus der Familienkorrespondenz und wurde nie mehr erwähnt.

Während Theodor ein Handwerk erlernt hatte, muss Heinrichs Intelligenz und Begabung schon in der Kindheit aufgefallen sein, denn der Vater setzte früh seine ganze Hoffnung und projizierte seine eigenen Aufstiegsambitionen auf seinen begabten zweitältesten Sohn Johann Heinrich, der am 16. Februar 1821 um 23 Uhr geboren und am 1. April in der St. Nicolai-Kirche in Hamburg getauft wurde.[23]

Doch zunächst zu den jüngeren Geschwistern: Seine zweite Schwester, Mathilde (28.6.1825-28.5.1894), war Heinrichs Liebling, was sicherlich auch an dem geringen Altersunterschied lag. Während Henriette zehn Jahre älter war, war Mathilde eine Spielkameradin gewesen und später die zärtlich umsorgte jüngere Schwester, zu deren Beschützer Heinrich sich aufwarf. Er achtete Henriette, aber an Mathilde hing er sehr. Als einzige Erinnerung an die Familie nahm er auf der Afrikareise ein Daguerrotyp seiner Schwester mit.[24] Noch bis in die Zeit nach der Afrikareise machte Heinrich sich Sorgen um ihre schwache Gesundheit. Welche Beschwerden sie genau hatte, lässt sich aus den vagen Bemerkungen nicht mehr rekonstruieren, in der Familienkorrespondenz ist nur von häufigen Erkältungen und langer Bettlägerigkeit die Rede. Sie war wie Heinrich selbst an Musik interessiert und spielte gut Klavier. Ähnlich wie Henriette interessierte sie sich für Literatur und Theater.[25] 1849 heiratete Mathilde den sächsischen Offizier Gustav Schubert und wurde Mutter von zwei Söhnen.

 

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Heinrichs Schwester Mathilde und ihr Mann Gustav v. Schubert,
der erste Biograph Heinrich Barths

 

Schließlich gab es noch das Nesthäkchen, den jüngsten Sohn Ludwig, am 18.4.1832 geboren (gest. 14.6.1892), geradezu ein Nachzügler. Später erwarb er sich ähnlich wie Theodor den Ruf eines Taugenichts, der leichtfertig Geld ausgab, das schöne Leben liebte und offenbar nicht viel von der Arbeit hielt. Heinrich und die beiden Schwestern kostete es viel Nerven und Aufwand, den Bruder aus seinen finanziellen Notlagen zu befreien und ihm zu einer gefestigten Existenz als Landvermesser und Landwirt zu verhelfen. Zudem heiratete Ludwig als 23-Jähriger Amelie Lierow und musste eine wachsende Familie von schließlich sieben Kindern ernähren.

Heinrich war eine Art Leitname in der Familie, denn er taucht in allen Generationen, bei Männern wie Frauen auf, auch Ludwigs ältester Sohn sollte den Namen seines berühmten Onkels tragen. Dieser hieß Johann mit erstem Vornamen, das war in der Zeit allgemein üblich. Doch galt der zweite Vorname als der eigentliche, wie es sich bei vielen berühmten Männern findet, man denke nur an Sebastian Bach oder Wolfgang Goethe. Barth hat seinen Vornamen Johann nie benutzt, er nannte sich stets und ausschließlich Heinrich.

Sein Vater Johann Christoph Barth war ein sozialer Aufsteiger, der auf das von ihm Erreichte sicherlich stolz war, zählte er doch zu den arrivierten Bürgern der Hansestadt. Doch strebte Barth senior für seine Familie nach Höherem und pflanzte gezielt die eigenen Ambitionen in seinen vielversprechenden zweitältesten Sohn Heinrich. Das Mittel zum weiteren Aufstieg war die Bildung, die ihm selbst fehlte und deren Mangel er als Hemmnis empfand, wie die Entschuldigungen für seine fehlerhaften Briefe erkennen lassen. Christoph Barth sollte nicht enttäuscht werden, denn Heinrich war mehr als nur wissensdurstig, er war schon früh geradezu fanatisch bildungsbeflissen, was auf Kosten seiner Freundschaften in der Schule ging.

Schulzeit

Barth besuchte bereits als Fünfjähriger eine Privatschule und ging ab 1832 auf das Johanneum, bis heute das angesehenste und traditionsreiche Gymnasium der Stadt, was allein schon ein Beleg für die Ambitionen seines Vaters war.[26] 1529 gegründet, war das Johanneum die Eliteschule schlechthin, der 1826 errichtete Neubau befand sich auf dem Gelände des abgerissenen Domes in der Innenstadt. Wie sehr sich der gesellschaftliche Aufstieg an der Bildung bemaß, wird sichtbar, wenn man bedenkt, dass es in der Zeit noch keine Schulpflicht gab und der Besuch einer Schule, und besonders eines so exquisiten Gymnasiums wie des Johanneum, vom Geldbeutel der Eltern abhing. Barths Vater war auch später immer bereit, seinen Sohn Heinrich zu fördern, bis hin zur Finanzierung der Mittelmeerreise von 1845-1847 und kräftiger Zuschüsse zur großen Afrikaexpedition.

Heinrichs Interessen richteten sich frühzeitig auf den Bildungskanon, der an humanistischen Gymnasien in dieser Zeit vermittelt wurde.[27] Er lernte Latein und Griechisch und konnte bald die antiken Schriftsteller im Original lesen. Englisch soll er bereits mit 14 Jahren fließend gesprochen haben, vermutlich auch Französisch, denn er berichtet später nie von Französischunterricht und bewegte sich in Frankreich wie ein Fisch im Wasser. Ob er sich schon in der Schule mit der arabischen Sprache beschäftigte, wie Mitschüler munkelten,[28] ist nicht belegt und eher unwahrscheinlich.

Barth war vor allem an den historischen und philologischen Fächern interessiert, weniger an den Naturwissenschaften, in denen er sich erst im Erwachsenenalter die Kenntnisse aneignen musste, die er benötigte, als er die Geographie zu seinem wissenschaftlichen Metier erwählte. Er besaß eine für einen Schüler außergewöhnlich umfangreiche Büchersammlung, die er ständig durch Zukäufe bei Auktionen vergrößerte. Neben den Büchern selbst verschlang er auch Bibliographien, die er auswendig hersagen konnte. Das erschien seinen Mitschülern einigermaßen seltsam, er verfügte über ein »erstaunliches Gedächtnis«, doch hatten seine Mitschüler trotzdem »keine hohe Meinung von Barth; er galt der Mehrzahl seiner Mitschüler als ein Pedant«, der sogar mit einer »ernsten morosen Miene« Sport betrieb. Tatsächlich war er schon als Schüler ein rechter Bücherwurm, der jeden Tag viele Stunden studierte und sich auf diese Weise eine umfassende Bildung aneignete.[29]

Nach Heinrich Barths plötzlichem Tod erinnerte sich ein früherer Klassenkamerad, dass keiner seiner Mitschüler seinen späteren Aufstieg zur europäischen Berühmtheit vorausgeahnt hätte, obwohl er »kein gewöhnlicher Schüler« war. Dies bezog sich aber eher darauf, dass er zu den meisten seiner Mitschüler wenig Kontakt unterhielt. Barth stand in den Pausen »meist am Ende der Bank, auf der er seinen Platz hatte, eine vornehme Zurückhaltung gegen seine Mitschüler beobachtend und nur mit diesem und jenem seiner näheren Bekannten, die an ihn herantraten, ein Wort wechselnd. Selten verzog sich seine Miene zu einem vornehmen Lächeln, herzlich lachen habe ich ihn nie hören.«[30] Eine Zeitlang wohnte er während seiner Schulzeit am Johanneum bei dem dortigen Lehrer und promovierten Theologen Cornelius Müller in Pension.[31]

Nicht nur die Eltern und die jüngere Schwester waren oft krank, auch Heinrich war eher schwächlich und kränkelte häufig. Es ist bezeichnend für seinen Charakter, dass er das nicht hinnahm, sondern sein starker Wille brach sich schon früh Bahn, denn er machte »allerlei Uebungen mit den Armen, brachte dieselben möglichst nahe auf dem Rücken zusammen, um den Brustkasten hervortreten zu lassen und übte so in diesen Pausen eine Zimmer-Gymnastik, welche ihm als Correctiv für das viele Sitzen in den Unterrichtsstunden dienen sollte, ohne daß er nöthig hätte sich in die Spiele der Mitschüler auf dem Klassenhofe zu mischen.« Zielgerichtet kräftigte er seinen Körper »durch vieles, auch im Winter fortgesetztes, kaltes Baden und Schwimmen, sowie durch eifrige Theilnahme an den Turnübungen«.[32] Im Alter von zehn Jahren trat Barth der Hamburger Turnerschaft bei.[33] Seine Zielstrebigkeit war unübersehbar, aber sie hatte noch kein erkennbares Ziel.

Ein solches fand er in der Schule nicht, denn obwohl das Johanneum eine hoch angesehene Eliteschule war, blickte Barth später mit scharfer Kritik auf die Paukerei zurück, die dort gepflegt wurde. Von lebendigem Verständnis der Welt war »der Unterricht, den ich, der Unterricht, den die meisten meiner Altersgenossen bekommen, wenigstens dort in Hamburg, hölleweit entfernt. Eingefercht wurden wir in der Schule in gedankenlose Phrasen, die Sprachen, dieses unergründlich tiefe und staunenswerthe Organ des Menschen, allen seinen Gedanken Ausdruck zu geben, seine Theilnahme, seine Liebe seinem Nebenmenschen darzustellen, als ein todtes Material, wie ein Stück Holz wurden sie uns eingepaukt, die herrlichsten Schöpfungen des menschlichen Geistes[,] abgetödtet wurden sie uns aufgetischt, um sie mit Ekel hinunterzuschlucken.«[34]

Barth schloss die Schule am 4. Oktober 1839 mit dem Abitur ab und war erleichtert: »Nicht zu jung habe ich die Schule verlassen – ja wäre ich auch nur kurze Zeit länger dort geblieben, ich wäre gänzlich verkommen, erstorben wäre ich an Geist und Körper – aber zu unreif, zu verdummt durch den geistlosesten, hohlsten Unterricht war ich, um den freien Flug zu erfassen, den die Wissenschaft genommen hat.«[35]

Stolz auf seine Leistungen und mit einem gehörigen Selbstbewusstsein als der zu Höherem Ausersehene in der Familie ausgestattet, konnte der gerade 19-Jährige seine Eltern mit etwas altklugen Ratschlägen wie diesen beehren: »Liebe Mutter, Dir empfehle ich dann das Inn[e]re des Hauses um so sorgfältiger zu hüten und d[en] lieben Kleinen [Ludwig] unter Schloß und Riegel zu halten; diesen Lieben empfehle ich fleißigen Fortschritt auf ihrer Bahn.«[36] Doch wurde es ihm angesichts der hohen Erwartungen seines Vaters zuweilen etwas mulmig, wenn er sah, »wie ungeheuer Ihr mich überschätzt und was für übertriebene Hoffnungen Ihr von Eurem Söhnlein habt. Ich muß wahrhaftig fürchten, Euren Erwartungen bei Weitem nicht zu genügen. Leicht ist es, Einen einzunehmen, der Wenig erwartet, schwer aber, oder unmöglich, zu hoch gespannten Hoffnungen zu genügen. Mein Wille freilich ist mächtig und ich möchte gerne recht hoch hinaus.«[37] Obwohl er in der Schule eher ein Einzelgänger war, war er kein verschlossener, introvertierter Charakter, denn zeit seines Lebens schloss er schnell Bekanntschaften, ging auf andere Menschen zu und hatte durchaus die Begabung, andere an sich zu binden und sie für sich zu interessieren.

Auch zeigte er, der zeitlebens, aber wider Willen, Junggeselle blieb, als Jugendlicher das altersübliche Interesse an Mädchen, die er kavaliersmäßig auf dem Heimweg begleitete, so dass er bei Gleichaltrigen sogar als eine Art »Experte« galt. Sein Jugendfreund Wilhelm Danzel zog ihn zu Rate, als er die etwas delikate Aufgabe erhielt, die jungen Töchter eines reichen Bürgers nach Italien zu begleiten, wo er den Cicerone abgeben sollte, gleichzeitig mit seinen Kenntnissen aber weitergehende Absichten verfolgte, »denn daß es keine der unbedeutendsten hiesigen Familien ist, die jetzt nach Italien geht, kannst du denken«.[38] Barth verstand seines Freundes Absichten nur zu genau, nämlich »zweien jungen Schönen in diesem liebereizenden Lande die Herzen zu stehlen«.[39] Ob der junge Barth Liebschaften hatte, ist nicht bekannt, doch fühlte er sich zeitlebens, wie er es in einem Brief ausdrückte, »zu den Weibern hingezogen«, schließlich hatte »das weibliche Gemüth du[rch] seine wunderlich anziehende Naivität und Weichheit für mich ganz besonderen Reiz«. Gegenüber Danzel bestätigte er: »Du meinst, ich kenne die Sphäre von jungen Mädchen – darin hast du vielleicht nicht Unrecht«, aber ohne dass er konkreter wurde.[40] Etwas wehmütig reagierte er, als er schon Student in Berlin war, auf die Nachricht aus der Heimatstadt, dass »die beiden jungen Mädchen, die ich zuweilen das Glück hatte nach Hause zu begleiten, […] Bräute« geworden waren.[41]

Die Familie Barth wohnte in der Hamburger Innenstadt am Hopfenmarkt und hatte ein Sommerhäuschen an der Elbe, wohin sie während der warmen Jahreszeit zog. »Ihr seid bei diesem herrlichen, vielleicht nur ein Wenig zu trockenem Frühlingswetter, hoffentlich schon recht lange draußen; ich wünsche es Euch herzlich, daß Ihr diese schönen Frühlingstage an der Elbe nicht möget versäumt haben. Ich bitte Euch dringend, so Viel Ihr nur irgend könnt, das Landleben dort zu genießen; es hat auf Euch stets einen überaus trefflichen Einfluß geübt«,[42] schrieb er im Mai 1843 aus Berlin. Heinrich liebte, wie der Rest der Familie, das Leben in der freien Natur, fern von der Großstadt und am Strand der Elbe. Während seiner Mittelmeerreise 1845-1847 malte er sich immer wieder sehnsüchtig aus, wie seine Eltern und Geschwister »behaglich« und »gemütlich« den Sommer miteinander verbrachten.

Studium in Berlin

Unmittelbar im Anschluss an das erfolgreiche Abitur nahm Barth 1839 sein Studium auf. Da es in Hamburg keine Universität gab, besuchte er die angesehenste Hochschule Preußens, die 1810 gegründete Berliner Universität. Diese entwickelte sich zu einem Magneten für aufstrebende Intellektuelle, und ein Lehrstuhl in Berlin war die Krönung vieler akademischer Karrieren. Die Universität weitete ihren Fächerkanon systematisch aus und richtete gerade in den Naturwissenschaften neue Professuren ein, so dass es keine bessere Adresse für einen aufstiegsorientierten jungen Mann gab als Berlin. Als eine Art Musteruniversität, an der die neuen Bildungskonzepte Wilhelm von Humboldts umgesetzt wurden, hatte Preußen durch eine geschickte Berufungspolitik berühmte Köpfe nach Berlin geholt, allen voran den Philosophen Georg Friedrich Hegel, der allerdings schon 1831 einer Choleraepidemie zum Opfer fiel. Als Barth 1839 nach Berlin kam, waren noch Wissenschaftler der frühen Jahre an der Universität tätig, von denen zwei seine wichtigsten Lehrer werden sollten, der Altphilologe August Boeckh und der Geograph Carl Ritter.

Barths Interesse galt, wie schon seine Beschäftigung mit der Antike während der Schulzeit erkennen ließ, der Altertumskunde, neben der Alten Geschichte den Sprachen Latein und Griechisch, was er bei dem Spezialisten für lateinische Literatur, Karl Zumpt, studierte. Aber er hörte auch Jakob Grimm über die Germania des Tacitus; bei August Boeckh und bei Karl Lachmann studierte er römische und griechische Literatur. Zur Altertumskunde zählte die Archäologie, die er bei Eduard Gerhard (1795-1867) studierte, dem Herausgeber der für das Fach wichtigen »Archäologischen Zeitung«. Für Barth bildeten die Altertumswissenschaften eine untrennbare Einheit.[43] Das Lehrer-Schüler-Verhältnis zu Gerhard, Boeckh und Ritter wandelte sich nach seiner Promotion zu einer lebenslangen kollegialen Freundschaft.[44]

Daneben besuchte Barth zahlreiche andere Vorlesungen, deren Themen Zeugnis über seine breit gelagerten Interessen ablegen. Die Namen der Dozenten bilden geradezu ein »Who is Who« der Geisteswissenschaften an der Berliner Universität dieser Zeit: Er hörte Logik und Metaphysik bei dem hegelianischen Philosophen Karl Werder, bei Joseph Schelling Philosophie der Mythologie und Philosophie der Offenbarung, zudem Geschichte der Philosophie bei Friedrich Adolf Trendelenburg (1802-1872). Er belegte historische Vorlesungen bei Leopold von Ranke (1795-1886), deutsche Rechtsgeschichte bei Carl Gustav Homeyer, Topographie und Geographie Griechenlands bei dem nur wenige Jahre älteren Ernst Curtius (1814-1896), griechische Literatur des Mittelalters bei dem Philologen Johannes Franz, bei Heinrich Eduard Dirksen römische Rechtsgeschichte, bei Karl Gottlob Zumpt dessen Vorlesung über Cicero und bei Agathon Benary römische Literatur.

 

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August Boeckh, nach einem Gemälde von Oscar Begas

 

August Boeckh (1785-1867) war zunächst der wichtigste seiner Lehrer und der Betreuer seiner Dissertation. Er stammte aus Karlsruhe und wurde mit der Gründung der Berliner Universität 1810 dort zum Professor für Rhetorik und klassische Literatur berufen. Als Angehöriger der Gründergeneration baute sich Boeckh über die Jahrzehnte, die er in Berlin tätig war, eine große Autorität auf, was sich nicht zuletzt darin niederschlug, dass er fünf Mal Rektor der Universität war und 26 Jahre lang der Sekretär der Philosophisch-historischen Klasse der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin. Da zu der Zeit der Zuschnitt der Fächer und Disziplinen noch weniger präzise war als heute, lehrte Boeckh auch Alte Geschichte. Er gilt als einer der Begründer der Epigraphik, weil er mit der Sammlung und Herausgabe griechischer Inschriften begann. Daneben publizierte er auch zu Gewichten, Münzen und Messeinheiten des Altertums und interessierte sich für Wirtschaftsgeschichte, was sich in seinem zweibändigen Werk über »Die Staatshaushaltung der Athener« niederschlug. Diesem Interesse ist es geschuldet, dass er Barth ein handelsgeschichtliches Thema für dessen Dissertation gab. Der Zweitgutachter der Promotion war Carl Ritter, der als Geograph nicht zu den altertumskundlichen Dozenten Barths zählte, aber im Lauf der Jahre zu Barths zentraler Bezugsperson wurde und dessen wachsendes Interesse an der Geographie förderte.

 

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Carl Ritter

 

Ritter (1779-1859) war ein frommer evangelischer Christ aus Quedlinburg, hatte in Halle studiert und war viele Jahre als Lehrer tätig. Daraus resultierten sein lebenslanges Interesse an der Pädagogik und sein Selbstverständnis, auch als Professor ein Lehrer und Erzieher zu sein.[45] Das schlug sich im Titel seines Hauptwerks nieder: »Die Erdkunde im Verhältnis zur Natur und Geschichte des Menschen, oder allgemeine vergleichende Geographie als sichere Grundlage des Studiums und Unterrichts in physikalischen und historischen Wissenschaften«. Ritter wurde zehn Jahre nach Boeckh, 1820, nach Berlin auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Erd-, Länder-, Völker- und Staatenkunde berufen und gilt neben Alexander von Humboldt als der Begründer der modernen Geographie.[46] Er war ein populärer und einflussreicher Professor, ein Mitbegründer und bis zu seinem Tod Vorsitzender der 1828 ins Leben gerufenen Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Wie die Benennung seines Lehrstuhls erkennen lässt, waren in der Geographie zu der Zeit noch Disziplinen vereinigt, die sich im Lauf des 19. Jahrhunderts verselbständigen sollten, wie etwa die Ethnologie. Die Geographie selbst differenzierte sich ebenfalls in Subdisziplinen aus, wie die physische oder die Kulturgeographie. Auch die politische Geschichte spielte in dieser Zeit noch als Staatenkunde in die Geographie hinein.[47]

Genau diese Zusammenschau der Geographie als einer Universalwissenschaft setzte sich bei Heinrich Barth fort,[48] der sie als eine Wissenschaft vom Menschen verstand, weshalb sie eine historische und ethnographische Wissenschaft sein musste: Für ihn war sie »der Inbegriff, das einigende Band aller übrigen Disciplinen und gerade wie die verschiedenen Bezüge der Wissenschaft sich ihrer im Leben haftenden Wurzel mehr bewußt werden, muß diese Wissenschaft stets größere Bedeutung gewinnen.«[49] Ritter hätte dem sicher zugestimmt, doch gab es einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Lehrer und seinem Schüler. Im Gegensatz zu Ritter, der in jüngeren Jahren mit seinen Zöglingen den Raum des Mont Blanc erforscht hatte, aber sonst ein typischer »Lehnstuhlgelehrter« war,[50] zog es Barth immer in die Welt hinaus. Er wollte alles mit eigenen Augen sehen, all das wirklich erlebt haben, was er in seinen Büchern beschrieb, für ihn war die Geographie in erster Linie eine Erfahrungswissenschaft.

Das Neue an der Ritterschen Geographie, was sie aus ihrer bisherigen Stellung als einer Hilfswissenschaft herauslöste und ihr den Rang einer eigenständigen Disziplin verlieh, war jedoch die Erkenntnis der inhärenten Dynamik des Geschehens auf der Erde.

Ritter schrieb keine Kompendien mehr, wie das bis dahin üblich gewesen war, in denen das Wissen additiv oder disparat vorgestellt wurde, sondern er führte »den Leser in eine ganz neue, bisher nie geschaute Welt, nämlich auf die Erde als den Schauplatz der Geschichte«.[51] Ritter stellte Zusammenhänge dar, er war offen für historische Prozesse und er erkannte in der Gestaltung der Erdoberfläche ein dynamisches Element, weshalb er Geographie und Geschichte eng miteinander verknüpfte. »Während jene ›kompendiarische Geographie‹ über Benennung und Darstellung der Einzelheiten nicht hinauskam, untersucht diese den Kausalzusammenhang der Erscheinungen, der physischen untereinander, wie der historischen mit jenen, und so wird sie zu einer Verhältnislehre im Range philosophischer Wissenschaften.«[52] Die Rittersche Geographie war keine Naturwissenschaft, die physische Geographie interessierte ihn nicht allzu sehr, sie war allenfalls Voraussetzung für das Wesentliche, nämlich die Geographie in ihrem Bezug auf die Menschheit. Ritter unterschied die von ihm angestrebte »Erdkunde« oder »Erdwissenschaft« von der bisherigen Geographie, die »nur Beschreibung, aber noch nicht einmal Lehre der wichtigsten Verhältnisse war«. Eine Erdwissenschaft zeichnete aus, dass sie »die wahrhafte Erkenntniß ihres innern organischen Zusammenhanges, ihrer wechselseitigen Wirkungen und gegenseitigen Kräfte« erreiche.[53]

Ritters Konzeption der Erde als »Erziehungshaus des Menschengeschlechts«[54] ist von seinem religiösen Verständnis her zu erfassen, wonach Gott die Welt geschaffen hat und dies dem Buch Genesis zufolge eine sinnhafte Gestaltung war. Die Erde ist »der Schauplatz aller menschlichen Wirksamkeit, ein Schauplatz göttlicher Offenbarung«.[55] Die Gliederung der Erdoberfläche erfüllt somit einen von Gott gegebenen Zweck, nämlich alle Möglichkeiten für die Selbsterziehung der Menschheit bereitzustellen, indem in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedliche Bedingungen zu unterschiedlichen Resultaten führen können, im Gesamtbild zur kulturellen Vielfalt der Menschheit. Ritter zielte darauf ab, diese Vielfalt der Kulturvoraussetzungen zu identifizieren und zu beschreiben, wobei er eine zirkuläre Argumentation nicht immer vermeiden konnte. Denn er musste von den Ergebnissen, den kulturellen Entwicklungen, rückschließen auf deren geographische Voraussetzungen, die ihrerseits die Kultur erklärten. Allerdings redete er keinem geographischen Determinismus das Wort, vielmehr sollte die Wissenschaft der Erdkunde den Menschen zur Erkenntnis seiner Abhängigkeit von den Naturräumen führen. Diese bot die Voraussetzung, um »das Gebiet seiner geistigen Freiheit und Unabhängigkeit zu erkennen«.[56] Denn der Mensch folgt »seinem eignen Entwicklungsgange nach ethischen Gesetzen«,[57] er befreit sich mit seiner Zivilisierung von den geographischen Abhängigkeiten: »Wenn schon die physikalische Natur und die Dimension fast dieselbe bleibt, so ist es das historische Element durch die neugeschaffenen Organe, durch beseelte Bewegung, durch den Kulturfortschritt, welches die Völker sich freier von Naturbedingungen bewegen lehrt.«[58]

Ritter sah die Erde als Ausdruck einer von Gott geschaffenen Harmonie, eines Ausgleichs von Gegensätzen, sie war eine »Offenbarung göttlicher Weisheit in der Form einer sichtbaren Welt«.[59] Dieser Auffassung diente seine Lehre von den geographischen Individuen. Diese waren für ihn die Grundeinheiten der Erdgestaltung, zunächst die großen Landmassen. Die sogenannte »Alte Welt« in ihrer wesentlich west-östlichen Lage kontrastierte mit der »Neuen Welt«, dem nord-südlich ausgerichteten amerikanischen Doppelkontinent. Die Kontinente (oder Erdteile) waren die eigentlichen Einheiten, die ebenfalls ein Bild der harmonisierten Gegensätze boten: Asien als Kontinent der Gegensätze, Afrika als der Erdteil der Gleichförmigkeit und Europa als Kontinent der starken Gliederung, aber auch der Harmonie, boten die Bühne, auf der die Menschheit sich in ihrer kulturellen Vielfalt entwickeln konnte.[60] Denn »jeder Mensch ist der Repräsentant seiner natürlichen Heimath, die ihn geboren und erzogen hat«. Die Erdgestaltung wirkt demnach auf die kulturelle Entwicklung. »Daher die unendliche Mannigfaltigkeit in den Erscheinungen, wie in den Bildungen und Charakteren, so auch in den Bestrebungen der Völker.«[61] Daraus ergab sich eine Nähe von Ritters Konzeption zu Herders Volksgeist-Lehre, nämlich dass »die Persönlichkeit des Volkes über die des Menschen hervorragt«.[62] Die Ähnlichkeit zu Hegels Philosophie der Weltgeschichte ist unübersehbar, und tatsächlich hat der Philosoph sich von seinem Berliner Geographen-Kollegen beraten und beeinflussen lassen.

 

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Leopold von Winter

 

Barth war den empirischen Wissenschaften zugewandt und setzte Ritters Konzeption der Geographie konsequenter als dieser selbst um, weil für ihn die Erfahrung entscheidend wurde. Was bei Ritter nur eine Forderung und ein manchmal etwas naturromantisches und religiös eingefärbtes Bekenntnis gewesen war, praktizierte Barth in der Weise wie Alexander von Humboldt, der andere wissenschaftliche Gigant dieser neuen Wissenschaft. Barth wollte die Welt, die er erforschte, beschrieb und analysierte, mit eigenen Augen und aus eigener Erfahrung wirklich kennen. Darin ähnelte er Humboldt, auch wenn er dessen stärker naturwissenschaftliche Auffassung der Geographie nicht teilte und primär Geisteswissenschaftler blieb. Barths außergewöhnliche Intelligenz und seine rasche Auffassungsgabe ermöglichten ihm in seinem späteren Leben die schnelle Durchdringung bis dahin völlig fremder Lebenswelten und Zusammenhänge.

In seinem studentischen Alltagsleben schloss er sich zunächst an andere Hamburger an, die in Berlin lebten, und fühlte sich unter ihnen in der großen Stadt »beinah wie zu Hause«, teilte sich mit sechs von ihnen ein Abonnement der »Augsburger Allgemeinen«, zu seiner Zeit eine der wichtigsten Zeitungen im deutschsprachigen Raum.[63] Berlin gefiel ihm »ganz gut«, doch waren die Wege, die er zurücklegen musste, »enorm«, der Tiergarten war »nicht übel«, wenn er einmal die Zeit fand, hinzugehen.[64] Barths Bekanntenkreis weitete sich rasch aus, er fand Zugang zu Gelehrtenzirkeln, was ihm später nützlich sein sollte, er freundete sich aber auch mit Kommilitonen an. Eine Freundschaft fürs Leben knüpfte er mit Leopold von Winter (1823-1893), der Rechtswissenschaften studierte und bald in der preußischen Verwaltung eine Karriere begann, die er später mit einer fast 30-jährigen Amtszeit als Oberbürgermeister von Danzig krönen sollte.

Die Bereitschaft des Vaters, die akademische Karriere seines vielversprechenden Sprösslings Heinrich zu fördern, äußerte sich als finanzielle Großzügigkeit, die dieser dankbar zu schätzen wusste, ebenso wie die Freiheit nach der Paukerei in der Schule:

»Ihr habt mich mit der größten Bereitwilligkeit studiren lassen, habt mir in allem darauf Bezüglichen freie Hand gelassen, habt mir große Opfer gebracht. Jetzt studire ich, herausgerissen aus dem Geist- und Seele tödtenden Unterricht, in die Nähe der größten, tiefsten Denker, der umfassendsten Gelehrten, der achtungswerthesten und liebenswürdigsten Menschen gebracht, durch Eure Nachsicht und Liebe in den Stand gesetzt die herrlichsten, üppigsten Länder, die größten Kunstwerke alter und neuer Zeiten zu schauen und zu studiren, unter einem Volk eine Zeit lang zu leben, dessen geistige Kraft nicht von andauernder Arbeit gelähmt ist, das frei und froh und leicht sich in der schönen Natur bewegt – erst jetzt, lieber Vater, erst jetzt habe ich mich heraufgemacht auf einen freien Standpunkt, von dem aus ich das ganze Weltgetreibe und das Verhältniß der Wissenschaft einigermaßen überschauen kann. Erst jetzt habe ich mich mit Liebe der Philosophie hingegeben, die alles einzelne Wissen mit Einem gemeinsamen Gedanken durchdringt und erst zur Wissenschaft macht.«[65]

Die Italienreise 1840

Der erwähnte Aufenthalt bezog sich auf Italien, denn der Vater finanzierte ihm nach dem ersten Jahr an der Universität 1840 eine mehrmonatige Reise »zu dem unversiegbaren Quell ewigen Lebens«.[66] Heinrich zieh sich selbst der Unmäßigkeit seiner finanziellen Forderungen für die Reise, doch bekannte er, dass allein das Vorhaben ihm »schon ungemein Viel genützt« hätte, »indem ich dadurch veranlaßt bin, mich auf die Italiänische Geschichte, die ein Leben enthält und eine Größe, wie die keines andern Volkes, und auf die italiänische Sprache fürs Erste vorzüglich zu werfen«. Offenbar hatte er bereits in Berlin Sprachunterricht genommen, und die Hochachtung vor den Italienern und deren Kultur blieb ihm sein Leben lang erhalten: »Das italiänische Volk ist jetzt freilich in unglücklicher Lage, das ist wahr, aber mehr durch fremde, als durch eigene Schuld. Das italiänische Volk steht in vielen Hinsichten bei Weitem über uns; jetzt in dieser Unterdrückung, wo es an allem Politischen keinen Antheil nimmt, und nur seinem Vergnügen und seinem Vortheil lebt, verdient es unser innigstes Mitleid.«

darfkann[67]