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Ulrike Kolb

Erinnerungen
so nah

 

 

 

 

 

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Bibliografische Information der

Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

© Wallstein Verlag, Göttingen 2021

www.wallstein-verlag.de

Vom Verlag gesetzt aus der Stempel Garamond

Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf

ISBN (Print) 978-3-8353-3835-7

ISBN (E-Book, pdf)978-3-8353-4674-1

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4675-8

Inhalt

Erinnerungen so nah

Dank

Impressum

 

 

 

Der Tod meiner Mutter hat mich in einen Erinnerungskanal gestoßen.

Seither taumele ich darin herum, als hätte sich die Schwerkraft aufgelöst.

Am Ende ihres Lebens war sie zum Beginn ihres Lebens zurückgekehrt. Als sie noch sprechen konnte, sagte sie einmal, jetzt bin ich das Kind, und du bist die Mutter. Kurz vor ihrem Tod saß ich neben ihrem Bett, hielt ihre federleichte Hand und sang ihr französische Lieder vor. Sie war im Saarland geboren und hatte mit zwei Sprachen gelebt. Die deutsche beherrschte sie, die französische liebte sie. Und so sangen wir »la vie en rose« oder »c’est si bon«. Sie summte mit, und von Zeit zu Zeit murmelte sie, ja, c’est bon. In diesen Stunden kam ich ihr sehr nahe und, wer weiß, sie mir vielleicht auch. Unser lebenslanger Kampf wich einer wundersamen Sanftheit. Ich küsste sie, und sie murmelte etwas, das ich nicht verstand …

 

Als sie dann eines Sonntags im Oktober gestorben war und ich ihr weißes Gesicht im Kissen ruhen sah, überfiel mich eine Trauer, wie ich sie so nicht erwartet hatte. Ihr Mund war leicht geöffnet, ihre Haut schon kalt, und meine Küsse auf ihre Stirn blieben ohne das lebenslange warme Echo. Ich konnte es nicht fassen, obwohl ich doch darauf vorbereitet war.

Alles hatte ich nach ihrem Willen verfügt. Als sie nichts mehr essen wollte, wurde ihr keine flüssige Nahrung gegeben. Und als sie am Ende nichts mehr trinken wollte, wurde ihr auch nichts mehr eingeflößt. Mir war bewusst, dass sie in wenigen Tagen sterben würde. Und doch war ihr Tod ein Gefühlssturz, ein unerwarteter Schock für mich.

 

Mit einem Trick hatte ich sie in ein Altersheim gebracht. In ihrer Wohnung, in der sie bis zu ihrem 94. Lebensjahr alleine und ohne Hilfe gelebt hatte, kam sie nun nicht mehr zurecht. Aber das nahm sie selbst nicht wahr. Hilfe wollte sie nicht, niemand sollte ihre Kreise stören, schon seit über zehn Jahren nicht. Und ein Altersheim kam für sie nicht infrage. Kam ich darauf zu sprechen, warf sie mir vor, ich wolle sie verschicken, und das würde sie sich nicht gefallen lassen. Von Verschickung sprach man während der NS-Zeit. Um Kinder vor den Bombardements in den Städten zu schützen, brachte man sie aufs Land.

Solange meine Mutter konnte, blieb sie in ihrer Wohnung allein. Niemanden ließ sie herein, nur meine Geschwister und mich. Aber irgendwann merkten wir, dass sie verwirrt war. Sie fand zwar noch den Weg zum Supermarkt im Nachbarhaus, aber dort irrte sie zwischen den Regalen herum und wusste nicht mehr, wo die Dinge stehen, die sie suchte. Und die Dinge hatte sie bald auch vergessen. Davon erfuhr ich, als ich sie einmal dorthin begleitete und erlebte, wie sie einem Mitarbeiter vorwarf, er räume absichtlich die Waren weg, die sie immer kaufe. Ich versuchte, einzulenken, aber sie schrie mich an. Das lasse sie sich nicht gefallen. Du weißt ja nicht, was los ist hier in dem Laden! Ich will den Chef sprechen, meine Tochter ist eine einflussreiche Frau! Beharrlichkeit war schon immer ihre Stärke. Ich machte dem Mitarbeiter heimlich Zeichen, und er verstand. Er war vertraut mit alten verwirrten Menschen.

In jener Zeit fing es damit an, dass sie fast jede Nacht bei mir anrief und mich bat, ja anflehte, sie in ein Krankenhaus zu bringen. Ihre Stimme klang alarmierend, von Panik erfüllt. Und auch die Gründe, deretwegen ich kommen sollte, schienen besorgniserregend. Die ersten Male fuhr ich sofort los und brachte sie, die klein und leicht wie ein Kind geworden war, zur Notaufnahme der nächsten Klinik, wartete mit ihr dort ein oder zwei Stunden, bis wir an die Reihe kamen, um dann vom Arzt zu erfahren, dass sie weder einen Herzinfarkt hatte noch aus dem Darm blutete noch dass sie im nächsten Moment ersticken könnte. Bei den vielen nächtlichen Untersuchungen erwies sich, dass meine Mutter eine erstaunlich gesunde Frau war. Ein anderes Mal, als sie mich wieder nachts weckte und ich mit ihr zur Notaufnahme fuhr, wurden wir abgewiesen. Sie brauche einen Psychotherapeuten, keinen Internisten, sagte man uns. Das leuchtete mir ein. Und ich begriff, dass sie nicht mehr alleine leben konnte. Als sie wieder einmal nachts um drei Uhr anrief, vertröstete ich sie auf den nächsten Morgen. Nur schwer ließ sie sich beruhigen. Das Krankenhaus habe alles vorbereitet für sie, schwindelte ich. Statt in einem Krankenhaus aber hatte ich sie in einem Altersheim angemeldet.

Mit Hilfe meines Mannes brachte ich sie um die Mittagszeit dorthin. In einem kleinen verglasten Séparée neben einem großen, hellen Speisesaal lud man uns zum Mittagessen ein. Ein Ritual für Neuankömmlinge, aus dieser gewissen Distanz sollten sie sich mit der neuen Umgebung vertraut machen können. Das Treiben der Bewohner und Pflegerinnen durch die Glasscheibe zu beobachten bot eine Möglichkeit, sich ein Bild von der Gesellschaft hier zu machen. Meine Mutter hatte sehr schnell kapiert, dass sie nicht in einem Krankenhaus gelandet war.

Was sich dann abspielte, übertraf all meine Befürchtungen. Meine Mutter richtete sich auf und setzte zu einer Schimpfkanonade an, wie ich sie seit Jahren nicht mehr von ihr gehört hatte. Eine Kaskade von Ausdrücken der Abscheu über die anderen Bewohner, die sich mit ihren Rollatoren oder an den Armen von Pflegerinnen nach und nach zu ihren Tischen bewegten. Und zwischen ihnen ein Hund, ein sanft blickender Husky, der sich streicheln ließ.

 

Wo hast du mich hingebracht, lauter Verrückte, lauter Crétins, widerliche Typen, nichts als Krüppel, guck doch mal, dem läuft schon die Spucke runter, das ist doch ekelhaft … was für ein Albtraum, hier bleib ich nicht, das ist klar, und dieser Fraß, den kann man doch nicht essen … und der Idiot da hat einfach sein Gebiss auf den Teller geschmissen, was sind das für Proleten, Prost Mahlzeit, und dieser Typ, wie der vor sich hin heult, das ist ja ein Zoo hier, widerliche animalische Veranstaltung, hier kannst du mich doch nicht lassen, wenn ich so aussähe, würd ich mich umbringen, verdammt, was hast du mit mir vor? Du willst mich umbringen, ja, du hinterhältige Tochter … das hast du ja schon mal versucht, gib’s zu, ich war dir immer lästig, immer hast du mich allein gelassen, mein Gott, was für ein Schicksal, dabei war ich dir immer eine gute Mutter, hab dir immer geholfen, wenn du mal wieder in der Patsche … und dieser ekelerregende Köter da, wie der stinkt, der stinkt ja durch die Tür durch, pfui Teufel, mir wird schlecht von dem Gestank, widerlich, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein …

Aber jetzt mach die Ohren auf, Madame: Nicht so, du schwarze Seele, du hast immer auf der Seite deines Vaters gestanden, jaja, ich weiß mehr, als du denkst, aber ich dachte, ich könnte dir vergeben, ich war nie nachtragend … und jetzt das – das also ist dein Dank, so wird man erledigt … aber ich will dir mal was sagen, ich lass mich nicht fertigmachen, ich nicht, kommt nicht in Frage, da wirst du dich noch wundern, ich habe mehr Kraft, als du denkst, und blöd bin ich auch nicht, du Verräterin, du niederträchtige, jetzt kommen die auch noch, diese Schwestern, die wollen mir jetzt eine Spritze geben, das seh ich nämlich, die eine hat schon die Hand in der Tasche, ihr könnt mich nicht für dumm verkaufen, nein, mich nicht, das ist ein Riesenskandal hier, das werde ich veröffentlichen, ja, da guckst du, gell, aber ich habe meine Beziehungen, das steht morgen in der Zeitung, glaub nur nicht, dass ich zu Kreuze krieche, ich nicht, das hat mir meine Mutter Gottseidank beigebracht, noch nie im Leben bin ich zu Kreuze gekrochen, auch nicht jetzt, Madame, da kannst du noch so verlogen daherquatschen, ich glaub dir kein Wort, du mit deinem verlogenen sozialen Tick, aber Mitleid mit deiner Mutter hast du nie verspürt!

Jaja, du mit deinen Täuschungsmanövern, glaubst du, ich hätt dich nicht längst durchschaut, ich wusste es, du und deine Juden, naja, hab ja nie was gesagt, aber ich weiß mehr, als ihr alle denkt, ihr wollt Leute wie mich ja nur fertigmachen, und nicht nur mich … jaja, ich weiß alles … und du, Hubertus, ahnungslos wie du bist, machst da auch noch mit, obwohl du ja ein ganz anderes Format hast … ich kann dir nur raten, pass auf … ich rühr das Essen nicht an, keinen Bissen, ich lass mich nicht vergiften …

Und zu einer inzwischen herbeigeeilten Pflegerin gewandt: Ja, Sie, Schwester, ich durchschaue auch Sie … und sie schlug mit ihrer kleinen Hand auf den Tisch, die Idioten hier mit ihrem dreckigen Köter, nein, ich entschuldige mich nicht … bitte vergeben Sie mir, dass ich mich nicht um die Ecke bringen lasse … das würd Ihnen noch passen, gell … Und dann wieder zu mir gewandt, mit diesem gewissen Leuchten in den Augen: Du Muttermörderin … jaja, mach mal die Ohren auf … mein ganzes Leben war ein Kampf, und bis zum letzten Atemzug wird es ein Kampf sein … ja, sitz nicht so blöd herum, tu endlich was, ich wollte in ein Krankenhaus, jetzt sitz ich hier in dieser Irrenanstalt … das ist Freiheitsberaubung … diese Crétins … widerlich, dieser Methusalem da, lauter Blöde, wie der mit dem Kopf wackelt, in dieser Anstalt soll ich abgespritzt werden … ich habe eine Schlange an meinem Busen genährt … wirst schon sehn, wo du hinkommst, wenn du mal … das hab ich davon, dass ich dich immer in Watte gepackt hab, in der Hölle wirst du schmoren, in einer Spezialhölle für Mördertöchter …

Wo ist eigentlich dein Bruder, hast du ihn auch hinters Licht geführt? Der wird mich retten, aber er ahnt ja nicht, dass ich in der Schlangengrube gefangen bin, Fraa-aank! Fraa-aank! Hilf mir, komm sofort her, rette mich! … ich soll nicht so schreien? Sag das noch mal! Ich schreie, so laut ich will, und wenn ihr mich totschlagt, ich schreie … ich schreie, wann und wo und so laut ich will … lass dir das gesagt sein, ein für alle Mal, basta …

Aus ihren aufgerissenen Augen flackert Panik, das ehemals lebhafte schöne Blau ist schon lange erloschen. Ich will ihre Hand nehmen, die sie mir schreckhaft, noch bevor ich sie berühren kann, entzieht. Kein Wort bringe ich heraus, und in meinem Kopf verknotet sich der Gedanke, dass sie mit ihren Vorwürfen an mich womöglich recht haben könnte.

Ratlos stehe ich auf und suche den Weg zu ihrem Zimmer. In dem langen Gang zum Aufzug merke ich, dass ich weine wie früher als Kind, mit vorgeschobener Unterlippe. Und darüber muss ich zugleich lachen. Im zweiten Stock taste ich mich zu der Tür mit ihrem Namen.

 

Einen Tag zuvor hatte ich den kleinen Raum mit Bad für sie vorbereitet, eine Kommode und ein kleines Bücherregal aus ihrer Wohnung aufgestellt und Fotografien unserer Familie an die Wand gehängt. Unter den Augen meiner Ahnen sehe ich mich, als wäre ich selbst eine von ihnen – weit entfernt von meiner eigenen Person. Ich sehe mir bei schweren, langsamen Bewegungen zu, als wäre ich jemand anderes als ich selbst.

Aus dem Koffer meiner Mutter nehme ich Kleider und räume sie in den Schrank, der so schmal ist, dass er nur für das Nötigste reicht. Stelle eine Vase mit rosafarbenen Rosen auf den Tisch. Rosa war ihre Lieblingsfarbe, orangefarbene oder dunkle Blumen konnte sie nicht ausstehen.

 

Draußen scheint die Sonne, es ist Mai, und frisches Grün flimmert vor dem Fenster. Allmählich komme ich zur Ruhe. Zeitlupenhaft räume ich Cremes und Fläschchen ins Bad und stelle Bücher ins Regal, ihre Lieblingsbücher der letzten Zeit. Denn sie hat immer gelesen, lesen war für sie so wichtig wie essen und trinken gewesen. Mozartbriefe, eine Biografie über Königin Luise, Döblins Erzählungen, den Briefwechsel zwischen Cosima Wagner und Nietzsche, Gedichte von Ingeborg Bachmann.

Jetzt ist alles vorbereitet für sie, sogar ihr Kommunionsbild hängt über dem Bett. In ihren antiken französischen Sessel gelehnt, überlege ich, wie es weitergehen soll an diesem Tag, bis ich mich endlich aufraffe und wieder nach unten zu gehen wage. Ich bin auf alles gefasst.

 

Da sehe ich sie schon von Weitem – ein Strahlen wie zu ihren besten Zeiten. Sie hält ein Glas Wein in der Hand und ist vollkommen verwandelt. Wir haben uns so angeregt unterhalten, Ulrikchen, du hast wirklich einen wunderbaren Mann. Der zwinkert mir entgegen. Und vertrauensvoll begleitet sie uns in ihr Zimmer. Sie findet alles »ganz reizend«. Der Zauber männlicher Attraktivität hat mal wieder seine Wirkung bei ihr getan.

 

Als ein paar Tage nach meiner Geburt 1942 die ersten britischen Bomben auf Saarbrücken fielen, brachte mein Vater meine Mutter und mich nach Lothringen aufs Land. Dort wohnten wir in einem schönen Herrenhaus, das die Deutschen beschlagnahmt hatten. Hier blieben wir bis Kriegsende.

Ich weiß nicht, wer vor uns dort gewohnt hatte und wer die Eigentümer waren. Meine Mutter hatte mir erzählt, dass mein Vater als Mitglied der Reiter-SA gute Beziehungen hatte und also diese Unterkunft für uns hat »organisieren« können. Seine guten Beziehungen habe ich erst vor kurzem richtig begriffen, als ich in einem saarländischen Geschichtsbuch recherchierte. Von meinem Vater selbst wusste ich, dass er als Turnierreiter und Mitglied des Reitervereins Saarbrücken gezwungen gewesen sei, in die Reiter-SA einzutreten. Denn sonst, so sagte er, hätte er an keinem wichtigen Turnier mehr teilnehmen können.

Dort, in dem lothringischen Landhaus, war ich meistens mit meiner Mutter, meiner Großmutter und dem französischen Hausmeister alleine. Kaum habe ich Erinnerungen daran, nur die eine: Ich ängstigte mich vor Gänsen. Denn einmal, als ich mit einem Butterbrot in der Hand nach draußen kam, schnappte mir eine Gans, die mir riesig erschien, das Brot aus der Hand.

Außerdem gab es ein Pferd namens Hansi, das ich Hahi nannte – Hahi soll mein erstes Wort gewesen sein. Den Duft von Pferden liebe ich bis heute. Fotos aus dieser Zeit zeigen die Freunde meiner Eltern, die uns gerne dort besuchen kamen, denn der Park und das große Haus waren eine Idylle. Auf den Fotos sieht man junge Frauen mit ihren Kindern, die es sich gutgehen lassen. Man liegt in Liegestühlen und hält die Beine nackt in die Sonne, alle sind schick gekleidet und frisiert, man genießt. Im Winter werden große Tafeln mit üppigem Essen aufgedeckt, und die Damen tragen schicke Kleider. Wunderbare Kronleuchter spenden feierliches Licht.

Es ist die gleiche Zeit, in der die Eltern meiner Freundin in Auschwitz waren und dort ihre ersten beiden Kinder im Gas verloren.

 

Als der Krieg zu Ende war, zogen wir in das Industriedorf Völklingen / Fenne, wo mein Vater eine Marmeladenfabrik von seinem gefallenen Bruder geerbt hatte. Wir lebten in einem Haus direkt bei der Fabrik. Es gab keinen Garten, dafür einen asphaltierten Hof mit einer großen Holzgarage für Lastwagen und mit einem kleineren Haus daneben, in dem Arbeiter wohnten, die aus der Ferne kamen. Einige von ihnen waren Marokkaner, einer ein Russe, der eine Deutsche geheiratet hatte, und immer wieder Franzosen.

Der Fabrikhof war ein Spielgelände mit unendlichen Möglichkeiten und einem hohen Schornstein. Meine Eltern hatten mir und den anderen Kindern, die sich hier herumtrieben, streng verboten, über die Eisenstiege hochzuklettern.

Genau das jedoch war die größte Verlockung, eine Mutprobe, eine Heldentat, und wer es wagte, war König.

Von unserem Wohnhaus aus konnte man über einen schmalen überdachten Steg in die Fabrik kommen. Sie war aus rotem Backstein und ihr Herzstück eine große, mit roten Kacheln ausgeschlagene Halle, in deren Zentrum drei haushohe, rotgold glänzende, immer blank geputzte Kupferkessel standen.

Hier wurde in schwarzen Gummistiefeln gearbeitet, der Boden war immer nass, und der Gesang der Arbeiterinnen erscholl im Echo der hohen Halle so geheimnisvoll und wunderbar, dass ich ihn heute noch höre. Herr über das Reich war der Marmeladenkocher »Onkel Herrmann«. Er war nicht tatsächlich mein Onkel, aber in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts redeten Kinder die Männer einfach mit »Onkel« an.

 

Onkel Herrmann wohnte in einer Wohnung nahe der unseren, und ich besuchte ihn oft heimlich. Er lebte allein, die Wände seines Wohnzimmers schmückten große Gemälde mit Meereswellen, und auf dem Tisch lag immer ein frisches Spitzendeckchen. In mehreren Romanen habe ich über ihn geschrieben, denn es gab einen ganz bestimmten Grund, weshalb ich so oft zu ihm ging.

Er erzählte mir grausame Geschichten, die ich immer und immer wieder hören wollte. Sein weißes, kurzes Haar leuchtete unter der Lampe. Er saß in seinem Sessel, und ich hockte immer auf dem Teppich vor ihm. Was er mir erzählte, durfte ich nicht weitersagen, nicht einmal meinen Eltern. Sonst dürfe ich nicht mehr zu ihm kommen, drohte er mit erhobenem Finger. Es war wie ein Ritual. Er hatte den Arm auf der Sessellehne und stöhnte leicht vor sich hin.

Na, meine kleine Ulli, was wollen wir denn heute machen?

Erzählen!

Ach, was soll ich denn erzählen …

Bidde bidde!

Dein Onkel war ein guter Mann, ich habe ihm mein Leben zu verdanken.

Mein Onkel Gerhard?

Nein, dein Onkel Waldemar.

Der, der tot ist?

Ja, der, der tot ist.

War der lieb?

Ja, der war sehr lieb.

Und warum ist der tot?

Er ist auf eine Mine getreten.

Ist er dann in die Luft geflogen?

Nein, Kind – Onkel Herrmann stöhnte tief auf … Ach, lassen wir das …

Aber nach einer Weile ich wieder: Onkel, erzähl doch …

Was soll ich denn noch erzählen?

Von den Frauen!

Von welchen Frauen?

Von denen eben!

Von welchen denn?

Er stützte den Kopf in die Hand und ich sah, wie auf seiner Stirn Schweißperlen glitzerten.

Von den Frauen, die schreien!

Nein, Kind, das ist nichts für Kinder.

Doch, bidde bidde, erzähl doch.

 

Und wie immer erreichte ich mein Ziel, und er erzählte von schreienden Frauen, deren Achseln man aufgeschnitten hatte, bevor man sie in kochend heißes Wasser gestoßen hat.

Haben die laut geschrien, Onkel?

Ja, Kind – er seufzte, und sein Kopf fiel noch tiefer in seine Hand.

Und duuu … hast du auch geschrien?

Vielleicht, Kind, ich weiß es nicht.

Und hast du die aus dem Wasser gezogen?

Nein, Kind, das war verboten.

Aber warum war das denn verboten?

Ach Kind … und er fiel wieder in Schweigen, aber ich wusste, dass er irgendwann weiterreden würde …

Und wenn du die doch rausgezogen hättest?

Dann wäre ich erschossen worden.

Von wem denn, Onkel?

Schweigen …

Mit einem richtigen Gewehr, Onkel?

Ja, mit einem Schießgewehr.

Aber das haben doch die Soldaten, das Gewehr! …

Ja, das haben die Soldaten und auch noch andere böse Menschen …

Hat der Onkel Waldemar auch ein Gewehr gehabt?

Ja, aber er ist trotzdem tot …

So etwa ging unser Gespräch eine Weile lang, bis Onkel Herrmann eingeschlafen war und gar nicht mehr antwortete. Dann schlich ich mich aus der Wohnung und lief hinüber in unser Haus und verkroch mich im Bett, wo ich mir die Frauen, die schreien, vorstellte und dabei Daumen lutschte, was ich nicht sollte.

 

Viele Jahre später, als ich längst erwachsen war, erzählte ich meiner Mutter von diesen geheimen Zusammenkünften. Ja, sagte sie, das müssen Geschichten aus dem Konzentrationslager gewesen sein. Herr Herrmann war nämlich schwul und ist von deinem Onkel Waldemar, der auch schwul war, aus einem Lager gerettet worden. Er brauchte Arbeitskräfte, und da die meisten Männer im Krieg waren, entließ man gelegentlich Leute aus den Lagern, wenn sie irgendwo gebraucht wurden. So hat dein Onkel mehrere Männer gerettet.

 

Der Fabrikhof und die Fabrik waren der ideale Spielplatz. Die Kinder aus der Nachbarschaft kamen zu mir, und wir rannten um die Lastwagen und versteckten uns darunter, wir legten uns über die großen Kühlerhauben, die wir Schnauzen nannten, zogen einander die Hosen runter und spielten Arzt und Patient. Wir sammelten an windigen Tagen den von der nahen Stahlhütte hergewehten Ruß in Streichholzschachteln, die Jungen schwärzten damit ihre Gesichter, und wir spielten »Neger und Amiflittchen«. Wir balancierten auf den Fässern mit eingemachtem Obst, was ebenso streng verboten war, wie auf den Schornstein zu steigen. Aber wir taten es trotzdem. Wurden wir erwischt, gab es Prügel. Das Feld, wo die Fässer lagerten, erstreckte sich weit unter dem Bahndamm und hatte für uns den Vorteil großer Unübersichtlichkeit, dort konnten wir nicht gesehen werden.

Einmal jedoch setzte sich eines der Fässer in Bewegung, und ein kleiner Junge geriet mit dem Bein darunter. Wir konnten das schwere und mannshohe Fass nicht von ihm weg bewegen. Also mussten wir Hilfe suchen. Ich rief meine Mutter, die rief den Lastwagenfahrer Onkel Albert, der bewegte fluchend das Fass von dem kleinen Bein. Es war natürlich gebrochen, und wir bekamen alle zu Hause unsere Strafen. Meine Mutter steckte mich in den Keller, und mein Vater sprach ein Radikalverbot aus. Keine Kinder mehr auf das Fabrikgelände!

Über kurz oder lang kamen sie aber doch wieder. Denn immer noch besser so, fanden meine Eltern, als dass ich mich woanders herumtrieb. »Woanders« hieß: das Dorf, die Wohnungen der Leute, die in der Arbeitersiedlung lebten, das Gelände der ehemaligen Glasfabrik oder gar die andere Seite der Straße. Da stand das größte Kraftwerk des Saarlands, in meiner Erinnerung ein Riesenkomplex aus Schornsteinen, Eisenstreben, himmelhohen Wänden und hochhausgroßen Zylindern. Hier waren herrliche Schätze zu finden – nämlich Eisenstücke, für die man beim Eisenhändler ein paar Francs bekam, von denen man Bonbons kaufen konnte. Hinter dem Kraftwerk, jenseits der Saar, sah man die Feuer der Hütte hochlodern, schwarze Wolken ballten sich dazwischen, und der Himmel war wie eine Leinwand für stets dramatische Ereignisse.

 

Statt mich auf dem Kraftwerksgelände herumzutreiben, so meine Eltern, solle ich mit den anderen Kindern doch lieber auf dem Fabrikhof bleiben. Nach dem Unglück mit dem gebrochenen Bein hatten wir auch endlich Respekt vor den rollenden Fässern und waren vorsichtiger.

Eines unserer Lieblingsspiele ging so: Die Lastwagen standen mit angelassenem Motor da. Aus den Auspuffrohren drangen dicke weiße Wolken, über die wir Kinder vergnügt schreiend hin und her sprangen. Bis heute ist mir der Geruch des Auspuffgases vertraut, ja ich empfinde ihn als angenehm. So funktioniert wohl Prägung.

 

Außer Onkel Herrmann gab es noch andere Onkels, die meine Freunde waren. Vor allem Onkel Albert. Er war Lastwagenfahrer und transportierte Marmelade, Zuckerrübensirup, Marzipan, Nougat und andere Köstlichkeiten dorthin, wo der Absatzmarkt für die Produkte der Fenner Marmeladenfabrik war, nämlich nach Frankreich. Onkel Albert ist in meiner Erinnerung ein schöner Mann, er machte seine Witzchen mit mir, er zeigte mir, wie es unter einer Kühlerhaube aussieht, er hatte immer Zeit für einen Scherz, und vor allem sang er auf mein »bidde bidde« immer wieder augenzwinkernd das kleine Lied, das mir so gefiel: »Kleine Maus, zieh dich aus, mach dich nackig …« Dann drehte ich mich wie eine Tänzerin und hob mein Röckchen hoch, kicherte und alberte herum, bis ich nicht mehr konnte. Zu dieser Zeit hatte ich fest vor, Onkel Albert zu heiraten, wenn ich einmal groß wäre.

Ich schleuderte meine Rattenschwänze hin und her für ihn, und er war der Einzige, dem zuliebe ich mir das Daumenlutschen abzugewöhnen versuchte.

 

Es gab noch einen anderen Mann, der nicht als Ehemann infrage kam, der aber in einer für mich geheimnisvollen Weise mit »Heiraten« zu tun haben musste. Er hatte eine Armprothese, mit der er eine Taschenlampe greifen konnte. Mein Handel mit ihm war: Du zeigst mir den Arm ohne Kittel, und dann nimmst du ihn ab und schnallst ihn wieder an, dafür zeige ich dir meinen Po. Es war ein Handel, bei dem mir nicht ganz wohl war, weil ich den Mann nicht mochte. Aber meine Neugier war zu groß.

»Heiraten« stand für vieles Unerklärliche, Spannende. Heiraten war der Inbegriff all dessen, was ich nicht begreifen konnte, eine hochheilige Sache, die sehr schön sein musste, so schön wie auf der Schaukel, wenn ich auf dem Sitz stand und hoch flog und der kleine Fritz von nebenan mich anfeuerte, noch höher zu schaukeln.

Heiraten war ein Zauberwort. Schon der goldene Ring und der weiße Schleier. Als meine Tante heiratete und meine vier Jahre jüngere Schwester und ich die Brautschleppe tragen durften, musste ich so kichern, dass ich mir den Schleppensaum vors Gesicht hielt, weil ich mich schämte, dass ich mich bei einer so ernsten Sache gar nicht mehr einkriegen konnte vor Lachen und Gickeln. Ich ahnte, dass heiraten mit all dem zu tun hatte, was verboten war. Es war ein großes Versprechen für später. Auf jeden Fall würde ich auch einmal heiraten.

 

Meine Kindheit auf dem Fabrikhof war erfüllt von deftigen Gerüchen – Benzin, Maschinenöl, Marmelade, Sirup, gegorenes Obst, Zuckerrüben, Kernseife, Schweiß, das süße Parfum der Frauen und eben Autoabgase. Zur Erntezeit im Frühjahr und im Sommer kamen Saisonarbeiterinnen und pflückten an langen Tischen das Grün von den Erdbeeren, entkernten Kirschen oder Aprikosen und sangen dabei, zwitscherten und schwatzten. Ich drängelte mich dazwischen und sang mit. Gesungen wurde in zwei Sprachen, französisch und deutsch. Die Frauen hatten wunderschöne Stimmen und zogen die Töne weit auseinander.

 

Im Herbst, zur Zeit der Rübenernte, war der Fabrikhof meterhoch mit Zuckerrüben gefüllt, dazwischen huschten Katzen und manchmal auch Ratten. Die Rübenbauern kamen von nah und fern, luden ihre Rüben in Säcken auf eine riesige Waage ab und erhielten ihr Geld. Ich stand daneben und staunte über die Kräfte der Männer, die die Säcke auf die Waage hievten.

Es war viel los auf dem Fabrikhof, immer passierte etwas, manchmal auch Schreckliches. Ein Teil der Zuckerrüben wurde von Güterzügen, die auf einem der Bahngleise hinter dem Fabrikgelände hielten, in Loren geladen. Sie glitten an einem Drahtseil von den erhöht liegenden Gleisen hinab zu den Anlagen, wo sie verarbeitet wurden. Das heißt, sie wurden sortiert und gewaschen, geschnetzelt und in einen riesigen Kochbehälter geschüttet.

Einmal löste sich eine Lore von dem Seil und fiel auf einen Arbeiter. Er musste sofort ins Krankenhaus gebracht werden, und da nur der Privatwagen meines Vaters zur Verfügung stand, wurde der Verletzte damit zur Rettungsstation gefahren. Große blutige Flecken hatten sich auf den Stoffsitzen des Wagens ausgebreitet, und ich fuhr mit den Fingern immer wieder darüber und schauderte bei der Vorstellung, so nah an einem Unglück zu sein, ja, ein richtiges Unglück richtig anfassen und riechen zu können – denn auch der Geruch in dem Wagen hatte sich verändert. Ich löcherte meine Eltern immer wieder mit Fragen nach dem verletzten Mann, und was an ihm genau geblutet habe, und ob er wieder ganz gesund werden würde, und ob das so sei wie im Krieg, und ob der Mann geweint habe oder geschrien, und wie er ausgesehen habe, und ob seine Mama weinen würde, und wo man ihn überall verbunden habe.

Er ist bald wieder gesund, versicherte mir meine Mutter, er wird nicht sterben. Das wollte ich immer wieder hören, und immerzu fragte ich nach ihm, bis er endlich wieder auftauchte.

 

 

 

Es war die Zeit, als viel vom Krieg gesprochen wurde, jeder hatte eine Kriegsgeschichte zu erzählen. Zwar versuchte man, die Kinder damit zu verschonen, aber wir schnappten dennoch immer wieder etwas auf. So braute sich nach und nach ein düsteres Schreckensbild von Krieg in den kindlichen Vorstellungen zusammen, die dann in Spielen ihren Ausdruck fanden. Meine Großmutter be-flügelte meine kindlichen Fantasien, indem sie ausgiebig von den Brüdern meiner Mutter sprach. Einer von ihnen war zu dieser Zeit noch in russischer Gefangenschaft, von wo er Postkarten schickte. Wollte ich nicht essen, appellierte meine Mutter an mein mangelndes Mitgefühl: Der arme Onkel Walter ist im kalten Russland in Gefangenschaft, was meinst du, wie froh er wäre, wenn er deinen Teller leer essen dürfte. Du weißt ja gar nicht, wie gut es dir geht.

Der andere Onkel, Friedrich, war bereits zu Hause und hatte einen selbstgemachten Aluminiumlöffel mitgebracht, den ich stundenlang betastete, wobei ich mir wünschte, dieser Löffel könne etwas darüber verraten, was dieser Krieg war. Ich wusste, dass Löffel nicht sprechen können, aber irgendwie dachte ich, ich könne seinem Aussehen ein Geheimnis entwinden. Dass Krieg etwas mit töten zu tun hatte, ahnte ich bereits, also musste das Geheimnis etwas mit töten zu tun haben.

 

Immer wieder fragte ich meinen Onkel, ob er denn jemanden totgeschossen habe. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass er, der so lieb zu mir war, einen Menschen tötet. Und er hat mir verständlicherweise keine Antwort darauf gegeben.

 

Für ein paar Tage zu meiner Oma nach Neunkirchen fahren zu dürfen, war für mich das Schönste. Bei ihr durfte ich essen, was ich wollte. Sie zwang mir kein Fleisch auf und hatte immer viel zu erzählen. Eine meiner Lieblingsgeschichten war die von der Königin Marie-Antoinette. Wie sie vor den Häschern geflohen sei und wie sie hätte gerettet werden können. Denn, so meine Oma, deren Eitelkeit sei ihr Verderben gewesen: Sie saß zu lange vor dem Spiegel und machte sich zu lange schön, stundenlang hat sie sich von ihrer Zofe das Haar frisieren lassen – bis es zu spät war. Wäre sie ein paar Stunden früher losgefahren, wäre sie gerettet worden. Aber weil sie sich so lange frisiert und geschminkt hat, haben sie sie erwischt, und sie wurde geschnappt und geköpft. So ist das, wenn man zu eitel ist, mein Kind.

Oder sie erzählte vom Alten Fritz. Der ritt stolz durch die Straße, und als ein paar Jungens ihm entgegentollten, hielt er an und schimpfte: Macht, dass ihr in die Schule geht, ihr Bengel! Da lachten die Kinder ihm frech entgegen. Heut ist doch Königs Geburtstag, da haben wir doch frei! Und der König lachte mit.

Andere Geschichten meiner Oma rankten sich um die Katastrophen der Zeit, in ihrer unmittelbaren Nähe und in der Ferne. In ihrer Stadt Neunkirchen war einmal ein Gasometer explodiert. Es gab viele Todesopfer. Bildhaft erzählte mir meine Oma von dem Himmel damals, wie er sich rot färbte von den Flammen. Und sie versicherte mir, dass dies eine Strafe Gottes gewesen sei. Auch den Untergang der Titanic sah sie als göttliche Strafe – all diese Reichen, die an nichts als ihr eigenes Vergnügen denken, eitel und prassend. Und die dritte Gruppe ihrer Erzählungen handelte von den vielen Heiligen, die sie in ihren Nöten anrief und die alle ihre spezielle Zuständigkeit hatten.

Ihre Lieblingsheilige war Katharina, ihre Namensheilige. Auch meine Mutter hieß Katharina, wie es damals üblich war, der männliche Nachwuchs wurde nach dem Vater benannt, der weibliche nach der Mutter – zumindest mit einem der vielen Namen, die damals als familiäre Mitgift gegeben wurden. Die heilige Katharina, die sich nicht einmal von dem Kaiser in Versuchung bringen ließ, deren Folternarben auf der Stelle heilten und die, als die Folterknechte sie auf ein Wagenrad banden, auf wundersame Weise unversehrt blieb, weil das Rad zerbrach. Sie war eine Wohltäterin und Gelehrte.