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Leander Fischer

Die Forelle

Roman

 

 

 

 

Wallstein Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

© Wallstein Verlag, Göttingen 2020

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Stine Wiemann

 

ISBN (Print) 978-3-8353-3730-5

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4562-1

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4563-8

Inhalt

Prolog: Goldkopf

1. Siegi bindet immer wieder viele, viele Fliegen

2. Friedl besetzt das Wasser und Ernstl verhindert das Schlachten

3. Wie Nina diesen Siegi so findet und wie Siegi mit etwas Hilfe die perfekte Goldkopfnymphe bindet

4. Eine pubertierende Teenagerin befindet sich am Flussufer

5. Was die Ritz-D-Nymphe in ihrem Innersten zusammenhält

6. Schuldige werden gefunden

7. Schwarzwichte und Bösefischer werden gebunden

8. Siegi findet den wilden Fleischhacker im zwielichtigen Wald

9. Menschen, die in malerischen Gegenden herumstehen und gegenständliche Malerei bereden

10. Siegi hört eine Radiosendung über Kleinstarbeit am Rasterteil

11. Siegi versucht sich in der ernstllosen Zeit zurechtzufinden

12. Kurti und die Rinder

13. Die Fremden im Dorf

14. Siegi findet sich in der ernstllosen Zeit zurecht

15. Pauli, Kurti, Jochen, Siegi und die Kunst

16. Siegi dröselt seinen Ernstlfaden auf und zwirbelt ihn wieder zusammen

17. Siegi isst mit Frau Thalinger

18. Siegi Heehrmann und die Oberers

19. »Auch ein Polizeirat ist ein Mensch und ist verheirat.« Gerhard Bronner

20. Knoten

21. Siegi holt sich den ultimativen Satansbraten

22. Vier Fliegenfischer ziehen in diesen ihren Krieg

23. Nina findet sich in der ernstllosen Zeit gut zurecht

24. Ein Bindezimmer für sich allein

25. Ernstl und Siegi packeln miteinander

26. Mercedes bringt Siegi die Spinne bei

27. Graf von Kaun und die niedrige Kunst der Ausstellung

28. Siegi bringt dem Grafen die Schlaubergerguldafliege bei

29. Siegi und Archiebald gehen ohne Tschick Ritz-D-Fischen

30. Jean hält Siegi aus

31. Siegi ist ein gefragter Mann

32. Drei Freunde durchstreifen ihrer drei Feinde Revier

33. Obacht, Siegi, picknickende Oberbösewichte zu beobachten

34. Siegi fischt ganz allein mit Charly Fly und Red Tac

35. Siegi sucht und findet Zuflucht nicht nur bei lachenden Haberern

36. Siegi findet sich langsam mit dem Attentat auf sein Auto ab

37. Vier Freunde finden sich zum Umtrunk ein in Harris Stube

38. Siegi versucht den bisher dicksten Fang an den Mann zu bringen

39. Siegi und Archie haben einen Traum

40. Jean boxt Siegi raus

41. In Harris Umtrunkstube warten vier Freunde auf den fünften im Bunde

42. Der Haberer hat sich ausgelacht

Epilog: Zampano-Opas

Dank

Prolog: Goldkopf

»So, pass auf jetzt!«, noch wusste ich nichts über Ernstl, über sein Leben, über seine Ansichten, »setz dich her!«, warum er immer barfuß war, warum seine Hände ständig zitterten, »trink was!«, ob er längst das Delirium tremens oder einfach schon ein tattergreises Alter erreicht hatte. »Gentlemen!«, während Ernstl einschenkte, klackerte der Flaschenhals in solcher Frequenz auf das Glas, dass es fast ein einziger Ton wurde. Kurz trillerte das Geräusch noch im Zimmer, wurde immer leiser, verebbte, Stille. Ernstl knallte die halbvolle Doppelliterflasche auf die Tischplatte, an der wir nebeneinandersaßen, jeder einen randvollen Pokal vor sich, beide den Blick durch das Fenster in den sonnengefluteten Garten gerichtet. Die Farbe des Mittagslichts und des Weins glichen sich. Es war nicht Ernstls erster. »Endlich«, sagte er, als seine Herbergsgeberin Nina draußen an die Grundwasserpumpe trat. Aus dem Hahn schoss sogleich ein glitzernder Strahl in einen Waschzuber. Beim Aufprall spritzten die Tropfen durch die Luft, verwandelten sich in Weißwein und dann zu einem Wirrwarr aus Spektralfarben, fielen auf die Gartenerde, als wäre nichts gewesen. Ernstl nahm einen Schluck, legte einen Köder zwischen uns, flüsterte: »Die Goldkopfnymphe, eines der fängigsten Muster, die wir kennen«, ob Ernstl von sich im Majestätsplural sprach oder die Fliegenfischgemeinschaft meinte oder beides, wusste ich ebenfalls nicht: »Bitte?«, sagte ich. »Bitte fortfahren, oder was?« – »Nein, bitte was, also, was bitte?« – »Ja, was, was bitte? Gold-Kopf-Nymphe! Murmel aus Gold, auf den Haken gefädelt, ist schwer, geht unter, Nymphe, im Gegensatz zur leichten Trockenfliege, die oben schwimmt«, Ernstl hielt währenddessen die Fliege direkt vor meine Augen, wozu er den Hakenbogen zwischen Daumen und Zeigefinger nahm. Seine Hand zitterte so stark, dass ich glaubte, gleich erwache der Köder zum Leben und schwirre durchs Zimmer. Doch dann warf Ernstl ihn wieder auf die Tischplatte, wo er reglos liegen blieb. Ohne dass ich einen Luftzug gespürt, Schritte oder die Türe aufgehen gehört hätte, ging Nina an uns vorbei in das Zimmer nebenan. Ich sagte: »Aber was meinst du mit Muster?« – »Nina, Nina!«, schrie Ernstl durch die Tür. Sogleich erschien sie im Rahmen. »Sie haben uns einen Trottel geschickt, einen völligen Idioten, den geben wir an den Volki ab.« Während Ernstl sein Glas austrank, hob aus einem überdimensionierten Käfig, den Nina unterm Arm trug, ein hohes, vielstimmiges Fiepen an. Es begleitete ihre Antwort, die darunter wie ein Hauchen verklang, dazu ihr Blick, ausdruckslos, nicht gerichtet, in sich gekehrt: »Nimms nicht so schwer!«, womit sie wieder verschwand. Ich wertete das als Zuspruch an mich: »Ist der Köder kaputt? Der hat keinen Widerhaken?« Ernstl trank einen großen Schluck aus der Doppelliterflasche: »Das gehört sich so.« – »Warum?« – »Damit der Fisch leichter entkommt.« – »Ist das nicht widersinnig?« – »Du willst fliegenfischen. Warum?« – »Die Wurftechnik fand ich immer schon toll, so leicht, unbeschwert.« Und genauso sei es, sagte er. Ein Widerhaken sei widersinnig. Der Fisch habe eine faire Chance. Und fingen wir ihn doch, setzten wir ihn zurück. Nur das Erlebnis zähle, nicht das Ergebnis. Eine uralte, quasi humanistische, in England zur Hochkultur perfektionierte Gentlemenbetätigung. Wenn etwas totgeschlagen werde, bloß die Zeit, völlig widerhakenlos, sinnlos, undsoweiter, well, Ernstl deutete mit einem zittrigen, versöhnlichen Schwenken auf die Tischplatte. Mein Blick ging darüber hinaus, durch das Fenster, in den Garten, wo Nina kniete und aus dem Waschzuber den ersten reglosen Katzensäuglingskörper hievte. »Schau nicht so, erschlagen tränkt das Fell mit Blut. Dann sind die Haare für die Katz.« Wieder klackerte das Glas.

»Früher hast du mir wenigstens welche mitgebracht«, als ich noch in dem nahe gelegenen See auf Barsche fischte oder während des Urlaubs in Tiefseen mit lebendigen Ködern auf dreifachen Haken Seeteufel erbeutete, »ab und zu zumindest«, wenn ich welche fing. »Nie bist du da!« – »Er wartet sicher schon.« – »Soll er, bis er alt wird.« – »Ist er. Deswegen ja. Ich muss.« –»Geh bitte!« Wenn ich den Fluss allein hinauffuhr, dachte ich viel an Lena, und erst während meiner Unterweisungen. Sie war eine Goldkopfnymphe, mein Schatz, und ihre Maria, die Jüngste, damals noch nicht geboren, wurde wieder eine. Die Söhne schlugen mir nach, hatten meine Haare und Augen. Sie bekamen meine Abwesenheit nur an den Wochenenden und am Esstisch mit. Das Kartoffelnkochen ließ ich an meinen freien Vormittagen bleiben. Statt gebratener Fleischscheiben lagen Minutenterrinen bereit, sobald Lukas und Johannes nach Hause kamen vom Gymnasium. Meine Arbeit begann, sobald ihre endete. Als Musikschullehrer unterrichtete ich Kinder nach ihrem Unterricht auf den Saiten von Violine, Viola und Gitarre, zeitweise Mandoline, schwer aus der Mode, so gut wie vorbei. Wie der Duft von Hechten und Flundern in unserer Wohnung am Wochenende. Wie es roch, ich wusste es nicht, Lena kochte inzwischen. Ich kam immer später. Oft schlief sie schon. Das Geschirr war bereits kalt, die Küche stets durchgelüftet. Ich zitterte dann am Fenster, stellte auf Kipp, schaute hinaus zum Fluss. Auf der Fensterscheibe spiegelte sich die Kreuzspinne im Eck. Mücken rochen offensichtlich meinen Schweiß, schwärmten in ihr Netz. Äschen, Forellen und Saiblinge, das wusste ich, fressen eben Insekten, und deren detailgetreue Doppelgänger Zeit, dachte ich, überlegte sogar, mich ebenfalls bei Nina einzuquartieren, um die Wege zu verkürzen. Während Ernstl in der Morgendämmerung alle willigen Fische fing, musste ich die Kinder zum Bahnhof chauffieren. Sobald der Zug anrollte, fuhr ich zur Herberge. Meist traf ich ein, als Ernstl gerade zurückkam. Ansonsten wartete ich. Und doch entstand jedes Mal, umso bestürzender, je öfter ich kam, eine seltsame Verwirrung, wer wem den Vortritt über die Schwelle lassen sollte. Wir standen uns dann gegenüber, deuteten gegenseitig mit unseren Handrücken Richtung Tür. »Bitte«, sagte Ernstl, »bitte«, ich, »Herr Heehrmann, nehmen Sie an?« – »Und wie ich annehme, Herr Thalinger«, und ich ging Ernstl hinterher, barfüßige Schritte schmatzten auf den frisch gewischten Eichendielen im Gang. Es klang wie der Nachhall eben gestillten Hungers und das Vorspiel bald wieder unbändigen Appetits.

»Erstens das Köpfchen, die goldene Kugel, durch das Loch auf den Haken fädeln!«, die Öse ganz vorne hielt die durchbohrte Murmel, haargenau und passscharf die Durchmesser, »zweitens den Hakenbogen einspannen!«, der Anblick des Bindestocks auf der Tischplatte überraschte mich, es handelte sich um ein Bleipodest, darauf ein aufrecht stehender, torpedoförmiger Schaft, so lang, breit und hoch wie mein Arm, die Spitze, der Sprengkopf gewissermaßen, war mittig in zwei Hälften geteilt, wie ein Schraubstock funktionierten sie, mit einem Justierrädchen drehte ich die Klemmteile auseinander und zusammen, dass der Haken schwebte vor meiner Brust, »drittens gleich mit dem Faden das Köpfchen fixieren!«, Ernstl dirigierte derart rücksichtslos, dass ich mit dem Binden fast nicht hinterherkam, »viertens jetzt das weiße Katzenfell um den Resthaken wickeln, für den Körper!«, unbefriedigend hässlich gerieten meine ersten Fliegen, ihre Unförmigkeit beschämte mich, »am allerschwierigsten fünftens den Hahnenhalsbalg zur Hand«, die gesperberten Fiebern kitzelten an meinen Fingern, »aus dem Lederfleck eine Hechel reißen«, mit einem Rupfzupfgeräusch, »hinter dem Köpfchen den Nabel der Feder niederbinden«, Hahnenhals an Nymphenkehle, »und den Kiel rundherum schürzen«, der Federschaft lag sodann am Haken an und die Fiebern waren abgespreizt wie eine Halskrause, »das werden die Beinchen. Herrlich, der Hechelkranz!«, er lechzte fiebernd nach dieser Löwenmähne. »Und nun noch. Nina, Nina! Komm!«, mit einer goldenen Nagelschere schnitt Ernstl ihr eine Strähne aus dem Haar, »sechstens, die Flügelchen, exzellent!«, die ich zum Abschluss über das Katzenfell spannte, »siebtens, Schlussknoten!«, schnapp, schnipp, whip finished. Während Ernstl seine zittrigen Hände bewegungslos trank, band ich den halben Vormittag weiter. Niemals gingen Ninas Haare zur Neige. Unerschöpflich war ihr Schopf. Immer besser gelangen die Fliegen.

Ich verfertigte sie ohne Unterlass, fast besessen, außer Rand und Band, eine um die andere, vormittagelang, eingespannt in den Bindestock, ausgespannt nach dem Schlussknoten, stets von Neuem die Gestaltwandelei, bis mir die Hände schwer wurden über der Tischplatte unter Ernstls Anweisungen in der Herbergsküche Ninas. »Erst musst du ein Muster wirklich beherrschen«, ich verstand das, lehrte ich doch meine Musikschüler genauso das Gitarrenspiel, »dann kannst du die Bindeweise variieren«, ich hielt die Kinder dazu an, statt Stücke ständig durchzuspielen, die Melodien zumindest zu Übungszwecken zu zerlegen, in Akkorden zu spielen, Rhythmen zu wechseln, bis sie innigst in den Fingern waren, »wenn die Fliegen nur so aus deinen Händen fliegen, gehen wir fischen«. »Hast du punktiert geübt?«, fragte ich meine Schüler schon streichfähig. »Ja«, sagten sie. »Hast du triolisch geübt?«, fragte ich. »Ja«, die Antwort. »Hast du im Sechsvierteltakt geübt?«, die Frage. »Ja.« – »Und warum kannst du das dann immer noch nicht?«

Nachmittags um eins ließ ich den zehnjährigen Anfängerjungen acht Viertelnoten als vier punktierte Viertel und jeweils anschließende Achtel spielen, sodass die zwei Takte abschließend wieder vollständig waren. Vormittags trank Ernstl ein Achterl nach dem anderen und ließ mich bis elf die Nymphenbeinchen mal wie gehabt mit schwarz-weißer Hahnenhechel binden, mal mit braunen, mal mit schwarzen, den Körper abwechselnd mit weißem Katzenfell, grüner Wolle und aus blauem Flachs, aber nur Ninas Haar, das stets der Flügel war. Das offensichtlich eben pubertierende Mädchen, das sich seit kurzem die Haare mit Tönung und das Gesicht mit Schminke färbte, dass es aussah wie eine gescheckte Katze, ließ ich mittwochs zwölf Viertelnoten triolisch spielen, sodass der im Viervierteltakt geschriebene Marsch wie ein Dreiviertelwalzer klang. Dann fragte mich die Kleine, viel eher zum Tanzen in irgendwelchen Diskotheken als zum Üben aufgelegt, woher die Bogenhaare kämen, und ich sagte für gewöhnlich aus dem Hengstschweif. Als sie, meine langjährigste, fortgeschrittenste und einzige Geigenschülerin, wissen wollte, woraus die Saiten waren und ich Trottel wahrheitsgemäß antwortete, das wäre verchromter Darm, wollte die Bratze nicht mehr spielen und nannte mich Barbar. Ernstl hieß mich hin und wieder, der Goldkopfnymphe zusätzlich einen Rehhaarschwanz anzubinden, mal ließ er es, doch ständig deklamierte er, »aber Vorsicht, Salmoniden beißen zart. Erst bloß, um zu testen. Wie Säuglinge. Die haben mehr Gefühl am Gaumen als in den Händen. Die nehmen statt zu tasten die Dinge in den Mund. Wenn der Schwanz der Fliege zu weit über den Hakenbogen vorsteht und die Forelle sich von hinten nähert, erwischt sie zwar die Schwanzspitze, den Haken jedoch nicht, und wir sind gearscht.« Das pubertierende Mädchen tauchte auch die nächsten drei Mittwoche nicht auf und wollte offenbar nie wieder eine ohnehin bloß von der Musikschule geborgte dreiviertel Übungsgeige anfassen. Weil es so unerhört schade um das nun brachliegende Talent dieses pubertierenden Mädchens war, sah ich am vierten Mittwoch schon die überaus adrette Mutter mit Sonnenbrille, schwarzer Federboa um die champagnercremefarbenen Schultern und Witwenhut über der puderweißen Nase in mein Unterrichtskämmerchen stolzieren und mir ins Gesicht spucken, vor meinem inneren Auge zumindest, woraufhin ich nur sagte, Hahnenfedern, oder, und der Lippenstift, Tran von Moby, nicht wahr, blutleer wäre der. Doch ich blieb allein in meinem Unterrichtszimmer, schloss anschließend die Musikschultüren ab, fuhr zu Ernstl, der mich längst wie selbstverständlich am Windfang in Empfang nahm, sperrte später die Wohnung auf und legte mich nachts neben Lena wieder, die noch wachte. Auf ihren Vorschlag hin rief ich am fünften Mittwochvormittag bei der Pubertierenden zu Hause an. Statt der Eltern ging die Tochter dran. Natürlich schwänzte das Luder die Schule. Und selbstverständlich erzählte ich ihr, sie sei zu gut, um dem Unterricht so lange fernzubleiben, außerdem gelte für diese von der Musikschule zur Verfügung gestellten Leihinstrumente nicht, was ich über Sehnen und Bogenhaare gesagt hatte, das treffe nur auf höchstklassige Konzertviolinen zu, im Falle dieser ihrer Geige handle es sich um Kunststoffimitate. Und, fügte ich noch am Telefon hinzu, sie solle, um das Versäumte nachzuholen, bis zur nächsten Stunde versuchen, die ersten und zweiten drei Viertelnoten triolisch zu spielen, die nächsten zwei Viertelnoten allerdings gerade, undsofort. Wenn es helfe, solle sie Silben zählen, »Ka-me-run, Ka-me-run, Cey-lon«, beispielsweise, oder »E-ben-holz, E-ben-holz, teak-schwarz«, oder »Mis-sou-ri, Mis-sou-ri, Lon-don«. »Streunerin«, sagte Ernstl, »da hilft nur ertränken.«

Wenn wir auf die Wiese gingen, durfte ich seine Fliegenfischstange tragen. »Das Servieren ist schon das grundlegende Erlebnis«, ich führte meinen Arm zurück, »immer in Verlängerung die Rute denken!«, ich verharrte eine Sekunde, solange sich die Schnur hinter meinem Rücken in der Luft streckte, bis ich ein Zucken an der Stange spürte, »Spitze aufgeladen, jawohl, auf eins!«, und meinen Arm vorbewegte wie einen Uhrzeiger, »aus der Schulter werfen wir!«, und wieder zurück, »auf elf, warten, eins!«, und wieder, »Kellner sind wir!«, und, »elf, zwei-und-zwanzig«, wieder, »eins a!«

»Heute haben wir den Volki getroffen am Fluss«, erzählte mir Ernstl, während ich uns chauffierte, »hat uns vollgejammert, vom Sterben der Bachforellen, halten die steigenden Temperaturen, die Kraftwerke und die Klärung nicht aus, brauchen kaltes Wasser, schnelle Strömung, werden impotent wegen der Hormone, vermischen ihr Erbgut, kreuzen sich mit Regenbogenforellen, die vor Jahrzehnten aus den USA eingewandert sind, bald nur noch Hybriden und Bastarde im Wasser. Jetzt rechts rein! Keine reinrassigen Bachforellen mehr. Hat er eh recht. Der alte Haudegen. Aber wirklich. Der schmeißt seinen Vereinskollegen einmal jährlich kreuz und quer mit dem Säbel Narben ins Gesicht. Was für ein Minderwertigkeitskomplexler. Jetzt links rein! Seine Fliegen sehen aus wie der Struwwelpeter. Er macht den Hansschleudererpeppiwurf. Du bist jetzt schon besser. Aussteigen!« Am Schrottplatz angekommen verlangte Ernstl nach einem Radio. »Ein neues oder ein altes Modell?«, fragte die Händlerin. »Ein älteres eher.« – »Aha. Willst du auch einen Empfänger? Heute hat der Volki den letzten gekauft. Vielleicht verkauft er ihn dir.« – »Glauben wir zwar nicht, aber egal. Kann auch ein neueres sein. Hauptsache Kupfer ist drin«, zum Binden verwendete Ernstl wirklich alles. Ich setzte ihn samt erstandenem Radio bei der Herberge ab, fuhr weiter in die Musikschule.

Abends gingen wir zum Fluss. Auf einer Brücke hieß mich Ernstl zu warten. Ruhig war die Wasseroberfläche. Sie spiegelte die grünen Lindenblätter, auf denen wiederum tiefgelbe Reflexe des Sonnenuntergangs spielten. Es roch klar und rein. Plötzlich ein Platschen. Das Schlagen einer Schwanzflosse, ein Fisch, krumm im Flug sein Leib, tauchte wieder ein, »es geht los«, sagte Ernstl, »der Abendsprung!«, griff aus seiner Jackentasche Notizbuch und Stift, die er mir gab, und verschiedenste Fliegen, die er reihenweise auf das Geländer legte, »schreib auf, welche sie nehmen!« Er schnipste sie so schnell hintereinander, »schreib, schreib, verdammt, das währt nicht lang!«, dass ich fast mit dem Notieren nicht hinterherkam, ins Wasser, das voll aufsteigender Sauerstoffblasen brodelte, »die holen sich die unter Wasser schlüpfenden Insekten«, überall zerlegten Wassertropfen das Sonnenlicht in Regenbogengesprenkel. Die Forellen sprangen und tauchten ein, »keine Sorge! Die Haken haben wir abgezwickt«, so viele, so schnell, dass nur Klatschen zu hören war, ein Spektakel, zwanzig Minuten, »vorbei!«, das Schauspiel, tosender als alle Standing Ovations ob aller Abo-Ouvertüren à la Johann Sohn aller Österoperettensaisonen zusammen. »Lass uns essen gehen.«

Beim Wirten setzten wir uns an die Plätze, die am weitesten entfernt waren vom Stammtischeck. Die ersten unserer sogenannten Vereinskollegen rotteten sich dort schon zusammen. Ernstl bestellte eine Flasche Weißwein, Ham & Eggs und Toast Hawaii. Die Bedienung stutzte. Ich widmete mich dem Auswerten des Notizheftes. Als die groben Schweineschnitzel, die hässlichen Humpen aufgetragen wurden, obwohl wir zuerst bestellt hatten, grollte Ernstl, diese Scheißproleten seien nur zum Saufen hier, »wir haben die Zeit nicht.« Trotz des Rückstands schaffte Ernstl den ganzen Liter, während die Stammtischler ihr Bier leerten. »Barfüßiger«, riefen sie, »hält dir der die Stange oder den Speer?«, ich schreckte auf und Ernstl schrie: »Dies ist mein Fähndrich, dies ist meine rechte Hand!«, und als ich vom Tisch hochsah, erblickte ich Ernstls Faust. Er hielt sie dem freudlosen Gelächter entgegen, den hoch- und niedergehenden, eigentlich hängenden Bierbrüsten entgegen, den fetten Daumen entgegen, die Bierdeckel vom Krug hebelten, den auf und ab wogenden Kiefern entgegen, den pusteligen Nasen, den sich plusternden Backen, den belegten Zungen, den aufeinanderschlagenden Zahnreihen, zwischen denen schon die Schnitzelklumpen waren, den schallenden Gurgeln. Wie ein Sturzbach, wie ein Fassanstich Bier schütteten sie uns die Schallwellen entgegen, die auf Ernstl und mich preschten durch die Stube. Wie sonst nur das Poltern zweier gegeneinanderprostender Bierkrüge rollte die grollende Woge daher mit der Gewalt eines Dammbruchs. Tief kam das Brummen erst aus dem Zwerchfell heraus, dann die spitzen, kreischenden Hohnstimmen, wie schäumende, spritzende Gischtzungen, die sich nach uns streckten und in die kalten Eckzähne, Fänge, Lefzen, Masken und Schnauzen einer Schar Schäferhunde verwandelten, die aus der Welle heraushechelten, nach uns lechzend.

Ernstl ballte seine Finger gegen den Eichenholzstammtisch und die Buchentheke, auf der das lediglich aus uns einnebelnden, faulig süß riechenden Zwiebelstücken in Kartoffelsalat und einer Schüssel saftelnden Rotkrauts bestehende Salatbuffet vor sich hin vegetierte. Ernstl schmiss seine Faust noch entschiedener der Walnussanrichte entgegen, ihren nikotingelb angelaufenen Glasscheiben und dem flaschenweise dahinter ruhenden Wacholderbeerschnaps, abgerissen und verkommen, kaum mehr zu entziffern die Etikette, und am allerentschlossensten erhob Ernstl sich und seinen Arm und seine Faust, zitternd und zürnend, gegen die Widersacher, die überall an den Wänden hängenden Präparate. Ausgestopfte kapitale Forellen starrten uns an, gestrandet, vertrocknet aufgelesen, aus noch feuchten Flussuferwiesen, durchstochen von Widerhaken die Kiefer, genagelt auf Schwemmholzplatten mit Gravur, die Art, Datum, oder Stelle des Fangs verschwiegen, einstimmig die Inschriften: Volki. Wie die Schlachtstaccati eines pöbelnden Mobs umringten sie uns. Der beißende Spott streunte um die Tische, unsere Zehen keinen Schritt mehr von den messerscharfen, aber schartigen Reißzähnen. Nicht mal der steigende Pegel schien die Fische wiederzubeleben, nicht mal dieses Rudel blutrünstiger Kreaturen, halb Hunde, halb Hyänen, sie zu ängstigen. Ganz im Gegenteil schwebte Volkis Geist über der Flut und befehligte seine Rotte hohler Schädel, Skelette, gellende Marionetten und geschwätzige Handlanger, Schlafwandler und Opportunisten, befasst mit ihrem Aasfraß, in Bierhumpen gefangen und gedrillt, getauft und eingeschworen.

»Sakrament, verschluck dich nicht!«, flüsterte Ernstl, das Gelächter war versandet. Dann kam unser Essen. Er setzte sich wieder hin, schnitt mir das Starren sowie die Fassungslosigkeit ab, indem er mich hieß, die Notizen weiter mit den gestrigen abzugleichen. Ich tat, was er sagte, während mein Essen auskühlte. So ging es Tag für Tag. An allen Abenden war die Goldkopfnymphe am fängigsten.

Manchmal wies mich Ernstl an, die Hahnenfeder nicht gerade zwischen Kopf und Körper, sondern diagonal, den ganzen Körper entlang um den Haken zu wickeln, so entsteht eine Rippung. Der unter Zug gewundene Federkiel drückt das Katzenfell nieder, oder die Wolle, oder den Flachs, schneidet ein, und ausgleichsmäßig treten zwischen den Hechelfiebern die freien Flächen noch bauschiger hervor. In ein Korsett werde sie ihre Tochter jetzt nähen und zum Ballettunterricht schicken, teilte mir die Mutter der Pubertierenden in einem wutentbrannten Anruf alsbald mit. Ich hielt das für eine recht wirkungslose Drohung wie eine zu lange Schwanzfeder oder ein Lagenwechsel, den es nicht braucht, um den Ton zu greifen, nur dem Schauen des Publikums geschuldet, obwohl es doch hören sollte. Die Tochter jedenfalls spiele zwar wieder, aber was falle diesem System ein, was denke ich mir dabei, als einem Vertreter desselben, sie sagte wirklich desselben, vielversprechende Kinder mit zweitklassigen Instrumenten zu traktieren, und das im Mozart-Beethoven-Haydn-Schubert-Land. Ich sagte ihr, mit der Reihenfolge stimme etwas nicht, und legte auf, musste ich doch schon wieder zu Ernstl, um erstens eine goldene Kugel durch das Loch auf den Haken zu fädeln für das Köpfchen, zweitens den Hakenbogen in den torpedoförmigen und schraubstockmäßig funktionierenden Bindestock einzuspannen, drittens das goldene Köpfchen mit dem Faden zu fixieren, viertens mit dem Faden blauen Flachs niederzubinden, denselben ohne den Faden als langsam entstehenden Körper um den Resthaken zu wickeln, wieder abzuschnüren und überstehenden Flachs abzuschneiden, fünftens eine schwarze Hahnenfeder, die Fiebern in eine Hechelspirale zu Land und zu tanzenden Beinchen im Wasser, den Kiel zu einer Rippung im blauen Flachskörper zu verwandeln, sechstens aus Ninas Haar die Flügelscheide am Rücken der Fliege zu machen und siebtens Rehhaar, das ich zu streicheln liebte, bevor ich eine Brise losschnitt vom Lederfleck, zum Schwänzchen der Goldkopfnymphe zu adeln. Achtens zirkelte ich ihr den Schlussknoten zwischen Körper und Kopf, als legte ich ihr eine Schlinge um den Hals, und wenn es wahr ist, dass Würgen erregt, so vollendete ich diese Fliege mit einem Orgasmus. »Sieh nur, was du getan hast«, und mit dem schnippenden Schrei der Schere, die den Faden final unter Zug mit jenem Sirren abschnitt, zerstreute Ernstl meine Freude wie Staub in den Wind, »du hast Ninas Haar auf den Körper, über die Hahnenfiebern gebunden, sie damit wieder niedergedrückt. Die hättest du vorher auslichten müssen. Jetzt stehen sie wie Schlingen weg! Du hast ein Monster geschaffen, einen Struwwelpeter. Der ist für die Fisch!« Als hieße er Hans, guckte Ernstl zum Plafond. Nina schritt ein: »Das merkt doch kein Fisch.« – »Aber wir«, sagte Ernstl zu ihr, schaute sie an, riss seine Augen auf, blickte zu mir, sagte dann, »bind das nochmal!« – »Spiel das nochmal!«, sagte ich nachmittags lustlos zu dem Achtzehnjährigen, »aber diesmal spiel zu jedem einzelnen Melodieton den passenden Akkord, und zwar in der Lage, dass der Melodieton jeweils der höchste im Akkord bleibt!«, er übte auf sein Abschlusskonzert hin. Er würde es sogar vergeigen, obwohl er, bereits seit er fünf Jahre alt war, bei mir Gitarrenunterricht nahm. Im Werden waren mir die Kinder lieber. Doch jenes pubertierende Mädchen kam nicht wieder in mein Unterrichtszimmer. Auch ans Telefon ging niemand. »Ganz toll, wirklich ganz tolle Idee, Lena, eine weniger.« – »Super, dann kannst du ja noch öfter, und auch beim nächsten Mal einfach zu deinem Ernstl gehen.« – »Das werde ich auch, das war meine beste.« – »Super, er ist ja auch deiner«, sagte sie, schon im Halbschlaf, erst durch mein Eintreten ins Zimmer und mein Schlüpfen unter die Decke des Ehebetts geweckt. Sie war sicher nur traumhappig grantig. »Dann seid ihr alle vereint«, sagte Lena, »eine glückliche Familie, Opa, Papa, Tochter.« – »Lena, es passt eh.«

Im Morgengrauen fischte Ernstl ein, zwei, manchmal auch drei Stunden, taufrisch und unverwunden kämpfte er sich fassadenklettersicher die jenseits des Dorfes gelegenen, verforsteten Böschungen hinab ans Wasser, hie und da an Lianen, Zweige und Büsche fassend, legte er sogleich Finger an seiner Stange Korkgriff und barfüßig Dutzende Meter stromaufwärts zurück, durchs grundgeschotterte Flussbett, mit hochgenadelten, sicherheitsgekrempelten Hosenbeinen, ins hodenkrebskalte Erregungsgewässer hinein, Bisse in den Schenkeln und den Ellen, vorbei an Strömungsschatten stiller Sandbänke, rauschende Kaskadenterrassen entlang und den Katarakt hinauf, rein in die Klamm, zwischen sich verjüngende Geröllwände, kaum ein Quant Lichteinfall, mehrere Mann hoch aufschießend der Stein beiderseits, eingekeilt warf er die Fliegen, fing Fische und bewältigte diese Strecke unverstiegen auf Kies, dirigierte sodann die Köder durch die daliegende Äschenpassage von einsamen Brücken aus, auf deren Geländer er das Licht schon altern sah wie den Himmel, vom althergebrachten Ultramarin zum neugeborenen Babyblau, von Blutopferrot zu heiter bis wolkigem Ausschussentsorgungsorange, so nahm er die letzte Forellenetappe durch den langsam erwachenden, Zierblumenblüten aufschlüsselnden und von Bienensummen umbrummten Kurpark, der sogar den sprudelschreienden Fluss hörbar entspannte, schließlich sichtlich krümmte, sodass Ernstls Gewässer dann doch vorbeiführte, wieder wegnickend und wegknickend, an der Wirtenkreuzung, wo Ernstl gerne innehielt, in den Hocksitz ging, wenn denn da jemand lag.

Der sich herablassende Schatten traf statt des Straßengrabens manches Mal Ernstls Feinde, beispielsweise den Bäckermeister, dem Ernstl sogleich mit der einen Hand die Fransen aus der Stirn schob, um andrer Hand die Haarspitzen schnapp, schnipp etwas nachzubessern, oder Ferdl die drei viertel gerauchte Zigarette aus der klammerreflektierenden Hand zu nehmen und ihm die vergangene Glut ins Gesicht zu reiben, ein schwarzes Kreuz auf die Nasenwurzel zu setzen. Waren weder Haare noch Asche parat, was ab und an vorkam, entfernte Ernstl Ferdl eben den Hemdknopf in der Brusttasche und ließ eine Fliege hineinfallen, freilich mit reichlich angesägter Öse, die Ferdl, sobald er nicht mehr döse, sogleich ans Vorfach binde und beim vorsichtigsten Forellenknabbern verliere. Ernstl selbst führte der Fluss dann am Gasthof vorbei, an der Schonstrecke, am Bahnhof und an des Dorfes letzten zersiedelten Ausläuferhäusern, deren rückseitige Gärten Ernstl kurzerhand betrat, nur durch eine schmale Rehgipswand von den schlafenden Eigentümern getrennt, auch wenn er die Wählscheiben einiger Frühaufsteher schon zum Rasseln brachte und sich Klagen von Hausfriedensverfechtern einfing, während er noch eifrig ein paar letzte Nymphen eintreiben ließ an Stellen, die von andernorts gar nicht anzufischen waren, indes die Anzeigen von Anrufbeantwortern entgegengenommen wurden in der Wachstube, die eher einer Ernüchterungszelle glich, mit Forellen behängt die Aluminiumwände, Geweihe, Prositneutagsfotografien und Verdienstorden, dazwischen der Schreibtisch, dahinter sitzend, Kaffee atmend, Kapuziner draus machend, allmorgendlich angeschottert der Dorfsheriff, dem anspringende Anrufbeantwortung kaum mehr abrang als ein Stirnrunzeln, wann das denn aufhörte, ein Aufstehen dann doch, ein Drehen am Regler, sodass die aufgebrachten Stimmen zwar noch vernehmbar, aber nicht mehr verstehbar waren, leise genug, erträglich für Fredl klangen, zumal Ernstl, das wusste man, schon alle Forellen abgehakt hatte im Wasser, noch nicht mal ins Wasser, dafür war er bekannt, dass er seine willigen Gespielen und besten Freunde an knietiefen, ufernahen Stellen befreite, ohne zu landen, und schon selbst zusah, dass er Land gewann, sich aus dem geenterten Garten schlich, sich vertschüsste die restlichen paar Hundertschritte den Fluss hinauf, sich zu putzen über die Schwelle, um sich zu verziehen ins Zimmer wie hinter Gardinen und unter die Decke jener außerhalb des Dorfes gelegenen Herberge Zum lachenden Haberer, der ich auch schon zustrebte, schleunigst nach dem morgendlichen Lokruf, während Lukas und Johannes von der Elektromotive genau in die andere Richtung gen Horizont gezogen wurden, am Schienenstrang gen Unterland, den Strom entlang ins Oberland, dass ich Ernstl im Flussbett auf Asphaltpiste überholte, nicht ohne das Fenster herunterzulassen und dem Murmeln zu lauschen, das hörbar wurde, schaltete ich bloß hoch, drosselte ich doch die Drehzahl, strengte ich mich nur genug an, das Wasser als Vibrato trullernde und Salti schlagende Operettenaltmutterstimme über der pochenden, kontrapunktierenden Basspassage des Viertaktmotors.

Aus dem Wagen gestiegen schritt ich den Weg durch den Garten ab. Bärlapp und Bärlauch wuchsen bereits wie wild, satt und gesund machend in Wiesengrün, und ein orange gescheckter Kater huschte schnellstmöglich unter der ersten Latte des Zauns hindurch und war weg, verschwunden zwischen den Buchenstämmen außerhalb des Gartens, die jüngeren Brüder der Fassade, auf die ich zumarschierte. Jedes Astloch sah ich an diesem Morgen in dem hellen Holz und hörte fast die säuselnde Säge, die dem Wachstum ein Ende setzte, die fallenden Späne, die heiß werdenden Raspeln, die beinahe schmelzenden Feilen, den Feinschliff und das gemütliche Pfeifen des Meisters, das tumbe Kautabakausspucken des Holzknechts, und ich roch fast den Rauchausstoß, spürte die Lungenflügel der herumlümmelnden Hilfshackler, dann wieder Waldgeruch. Unsäglich klar trug ihn der Föhn heran. Ich blieb vor dem Windfang und den Holzstufen stehen, wandte mich von der Herberge ab und wartete wie so oft auf Ernstl, das Gesicht dem Weg durch den Garten, den auch er gehen würde, zugetan. Die Sonne setzte die jenseitigen Fichtennadeln ins Licht und warf ihren Schatten diesseits des Lattenzauns auf meine Brust. Dazwischen flimmerten gesiebte Sonnenstrahlen, jetzt in der gewöhnlichen und von keinerlei Rot mehr getrübten Farbe, auf meinem flanellenen Hemd. Die abstehenden Fussel leuchteten, zu welchen Fliegen man sie wohl veredeln könnte? Ich nahm den Stoff zwischen die Finger, er griff sich rau und gleichzeitig glatt. »Leg niemals Hand an dein schützend Gewand!«, Ernstls Stimme ließ mich hochschrecken, »Fliegen sind Wegwerfartikel, Hemden nicht.« – »Ich hab dich gar nicht kommen hören.« – »Was glaubst du«, und ging an mir vorbei, die Fliegenfischstange noch hoch erhoben, um den Korkgriff die zitternde Hand. Sie machte die Spitze wankend, als wollte er gerade auswerfen, »warum wir immer barfuß gehen.« – »Ja, warum eigentlich?« – »Wegen der langen Auswanderung nach dem Krieg. Als Südtiroler durften wir uns entscheiden. Entweder blieben wir ansässig. Innerhalb der neuen Grenzen würden wir Italiener. Oder wir gingen nach Österreich. Kontingentsflüchtlinge würden wir dann. Nirgends gehörten wir wirklich hin. Italien hatte gerade rechtzeitig kapituliert. Abgrundtief hassten sie die deutsche Sprache neuerdings. Die nette Nachbarschaft legte uns das Exil nahe. In Graz hatten wir wenigstens entfernte Verwandtschaft. Selbstverständlich spendierte uns der Staat kein Zugticket in die Steiermark. Fünfundvierzig wäre eh niemand freiwillig in einen Waggon gestiegen. Wir waren zu arm für ein Auto. Für Benzin erst recht, versteht sich. Also auch kein Moped. Wir gingen zu Fuß. Die Schuhe überlebten nicht. Es ging auch so. Die ganze Jugend sind wir barfuß gewesen. Und dann haben wir einfach nie angefangen, mit der Mode zu gehen. Außerdem, wer hungert schon und kauft sich Socken? Auf unserer Wanderung passierten wir Höfe. Keinen trockenen Kanten Brot hatten die Bauern für uns übrig. In Graz beäugten uns die Leute missgünstig. Wir lernten schnell, dass in dieser Zeit jeder zusätzliche Mensch ein Fressfeind war, sogar jedes unnütze Tier. Was meinst du, wie oft, barfuß in den rußigen Straßen. Auf den Mülldeponien der alliierten Kasernen. Streunende Katzen und wir. Immer wieder. Im Kampf um die Reste. Ein eh schon abgenagtes Fischskelett. Abschätzige Blicke, für das Tier, für uns, die machten keinen Unterschied, Passanten, genug Geld für Schuhe. Das Stigma wurde zu unserem Markenzeichen. Moralischer Reichtum, du verstehst?« – »Aber zu arm zum Fliegenfischen wart ihr nicht?« – »Seit jeher machen wir das nicht.« – »Sowas lernt man vom Vater oder gar nicht«, sagte ich. Auch mir hatte der Vater das Angeln beigebracht. Ernstl musterte mich, seine Augen blitzten im Frühlingslicht: »Hast du eh recht. Vom Himmelvater. Aber wirklich. Das Hungertuch wurde langsam, aber sicher zum Leichentuch. Hunderte Familien litten drunter. Davon hörte der Bischof. Und dann hörten wir ihn. Über das Radio erteilte er Absolution jedem Mann, der im Wald das Wild schoss. Oder wenn man die Kohlen von den Güterzügen nahm, die unnütz auf Rangierbahnhöfen standen. Schnalzt die Fische aus den Flüssen. Verziehen sei, in oberster, himmlischer Instanz. Doch was wuselte auf Irden herum, oberstes Fußvolk, neue Besatzer, keine Generalabsolution. Frage nicht, wie sie mit den Würmern unter ihren Soldatenstiefeln umsprangen. Vor ihren Augen, in Wilderer, Diebe und Schwarzfischer verwandelten wir uns. Der Fluss lag tief im Wald, weit abseits der Kasernen und Patrouillen, ungefährlicher. Unser Vater schickte uns also nach dem Fisch und ging selbst wegen der Kohlen. Ein Eschenast, biegsam, ein fadenscheiniger Zwirn, so fing das an, der Köder, aus Flicken zusammengetüftelt, ein Käfer voller Knoten und Knubbel. Die Fressfeinde, uneinsichtige Nazibauern von umliegenden Höfen, fett und fett, mit massenhaft Speck schmierten sie die Beamten, Mitläuferscheine für Höfe und Gesindel, Lizenz zum Töten, Fremdlinge wie wir, wen scherts, an schlechten Tagen, die guten, wenn wir hungerten, wenn Franzosen und Amis und Briten in den Auen keine Augen zudrückten. Aber die sicherten ja lieber Kohlen, im Sommer«, seine Hände zitterten noch stärker als sonst.

Die in die unterste Öse der Stange gehakte Fliege wackelte, als wollte sie sich freischlagen, die Flügel mit Luft vollpumpen, spreizen und davonzischen. Das transparente Vorfach band sie aber, hielt sie zurück, straff gespannt, im Sonnenlicht glänzend, noch nass vom Fischen rannen daran die Wassertropfen hinab. Jetzt, in Bewegung versetzt, schleuderte das Vorfach Regenbogenperlen ab und spritzte sie zu allen Seiten wie die vom Tau feuchte Kette eines morgendlich geweckten Wachhundes. Die neongrüne Kunststoffschnur verschwand in der vergoldeten Spule und die Karbonstange wippte wie wild, dahinter die Wipfel der Fichten und Buchen, dahinter die verkarsteten Felswände der Kalkalpen, dahinter die schroffen Grate des Dachsteinmassivs, dahinter erhoben sich im Salzburger Land die zeitlos verfrosteten Tauern, der Großvenediger, von dem man an wolkenlosen Föhntagen am Horizont ein Meer roter Punkte sehen konnte, die aufgespannten Sonnenschirme an der Adriaküste Italiens, und dazwischen Südtirol, die vergletscherten Gipfel, die Gailtaler Alpen, zu ihren Füßen die Täler, durch die Ernstl einst gegangen war, »dann nahm das Wirtschaftswachstum seinen Lauf. Inzwischen können wir uns leisten, die Fische entwischen und wieder freizulassen. Gewissermaßen Reparationszahlungen an die Wildnis, unsere Art, es wiedergutzumachen. Deswegen gehen wir auch so früh los. Wenn wir die Forellen nicht fangen, fangen sie diese geschichtsvergessenen Nichtswisser von Bauerntrottel. Schau sie dir an und ihre Präparate. Volki, Volki, Volki steht drunter. Ein Datum gehört da hin. Aber sie, von der Vergangenheit hinein in die ewige Volkiwart. Aber wir, der letzte Gegenschlag. Fünfundvierzig haben wir die Sauproleten schon in den Fluss gedümpfelt. Untergetunkt, bis ihre Schädel Wasser gegluckert haben statt Bier. Natürlich sind unsere Stangen derweil abgetrieben. Das hat dann die Forellen vertrieben. Wir haben vielleicht dumm aus der Wäsche geschaut. Mit leeren Taschen sind wir nach Haus. Unser Gewand ging zunehmend für neue Köder drauf. Irgendwann blieb nur noch der Lendenschurz. Hat sich niemand mehr umgedreht nach uns. Wir waren das nackte Elend. Die Bauern haben das verbrochen, unsere Stangen mit lachendem Gesicht überm Knie zerbrochen. Das Ergebnis wollten sie nicht sehen. Sie haben es auch schnell vergessen mit Messwein, Wodka und Whiskey. Und wir wie die Kirchenmaus, aus der ein Elefantengedächtnis wächst. Merke dir, wie wir uns merken, was gewesen ist, merken es sich auch die Fische. Keiner fällt zweimal auf denselben Trick rein. Heute hilft ihnen ein Bauernschinken nichts mehr. Da geht keine Maus in die Falle. Da schaut kein Richter weg. Kein Fisch schwimmt deswegen weg von uns. Die Zungen sind feiner geworden. Proletenköder, dieses Elend kennen alle schon. Die Tricks müssen besser, immer ausgefallener werden. Extravaganz, nicht aus Dekadenz, sondern als einziges Rezept, um überhaupt noch zu fangen. Es ist quasi eine Bildungsmaßnahme, die Fische wieder zurückzusetzen. Für uns und für sie. Lernen durch Schmerz. Der Bierblick ist stumpf. Damit hauen sie alles tot. Deswegen müssen wir schauen, dass alle auf uns schauen, weil wir auf sie schauen. In diesem Fluss fangen nur noch wir. Und der Volki, leider. Aber der wird sich auch noch anschauen. Entwicklung in der Köderwicklung. Wir dürfen niemals ruhen. Wir fischen anders, Siegi«, Ernstl war unter dem Windfang der Herberge während dieses Monologs in einem steten sich beschleunigenden Metrum eine Stufe nach der anderen hinaufgestiegen, immer beide Füße nebeneinander setzend, und ich hatte gestaunt, dass die Holzsplitter an seinen Sohlen abknickten, ich keinen darin steckend erblickte, ich hätte sie gesehen, so nah waren wir uns, so hart war er. Er blieb stehen und öffnete die Tür und verkündete: »Bitte«, und schwenkte seinen Handrücken dem Eingang entgegen mit einer Vehemenz, die keinen Widerspruch dulden würde, und es war, als blickte ich jenseits der Holzplanken einer Brücke auf den Fluss im Frühlingsvormittag.

Winternachmittags schmachtete ich in der Musikschule und der Sturm wetterte gegen die Fenster meiner Zelle, häufte Schnee auf den Fensterbänken. Er lag bis zur Querstrebe des Kreuzes schon, worüber in ständigem Vibrato die Scheibe zitterte, dass ich bereits wettete, ob die untere Hälfte vom stetig wachsenden Schneegewicht lawinenartig zu mir hereingepresst oder eher die obere Hälfte von den frostigen Böen zerfetzt und in Scherben zu mir klirrend hereingewichst würde zwischen meine und meines Schülers Schuhsohlen, die im Takt wippten. Ein Allegro assai tippten wir aus den Knöcheln, allerdings alla breve, nur auf die Halben, ansonsten wären uns die Füße abgefallen, nach wenigen Takten sicherlich, nur das Metronom tickte die Viertel, hingestellt auf die innere Fensterbank kontrollierte, es unser sachtes Fersenstampfen, das Hoch und Nieder meines Halbabsatzes, das Auf und Ab seiner Gummisohle, das Bibbern unserer frierenden Oberschenkel, mit dem wir das alla breve aufs Parkett brachten, während der Wind draußen in irgendwelchen Hohlkörpern tanzte und Flocken durch die Luft heulte. Auf der Scheibe spiegelte ich mich, die Kommode gegenüber auch, auf der noch haufenweise Noten lagen, aufgestapelt bis unter die Dachschräge, gelochte, schnellgeheftete Kopien, obenauf das kreisrunde, handflächengroße, von orangefarbenem Kunststoff eingefasste, bernsteinfarbene Stück Kolophonium. Als ich mich so sah, völlig weg von der Musik, hielt ich unser Zucken und Zappeln plötzlich für eine winterliche Zitterpartie. Scheißkalt war es hier drin, weil er sich weigerte, die Heizung weiter aufzudrehen, der Herr Kollege aus dem Untergeschoss, in dessen Klavierzimmer unangebrachterweise der Thermostat angebracht war. Unsachgemäß krass geheizte Zimmer verstimmten den Steinway sicherlich, sagte er immer, gewiss nicht die Kollegenschaft. Und wenn, was machte das schon, er war ja immer noch vom Direktor der Darling und Spion, der jedes Jahr die sogenannten Visionen, Erregungen und Kritzeleien der Eltern auf irgendwelchen Nachfragebogen auswertete, hin und wieder ein bisschen kritisch interpretierte oder Unerfreuliches hinzudichtete.

Da kam ich auch schon aus dem Takt über meinem ganzen Ärger auf dieses Unterlander Kaff, die Schicky-Micky-Mäuschen-Kleinstadt. Mein Oberschenkel zitterte, mein Knöchel erstarrte, mein Halbabsatz verharrte. Entlarvt wurde ich gleich doppelt und dreifach, vom Weitergeigen meines Schülers, vom exakt schlagenden Metronom, von einer mechanisch genau halb so schnell wippenden Turnschuhsohle. Durch den orangefarbenen Nylonsocken sah ich die Sehne arbeiten und den Knöchel vor mich hin rhythmisieren, alla breve wie vorher ausgemacht, allegro assai, wie ausgewiesen in der Partitur, die zwischen mir und meinem Schüler aufgeschlagen am Notenständer lag, der ebenfalls vibrierte, da der Junge zu fest stampfte, ein Auf und Ab der Ferse pro Doppelschlag vom Metronom, indes der Wind wie wild sein Spiel trieb. Schneechaos herrschte nun schon wochenlang, seit der Kleine eingetreten war, die Knöchel geklammert um die kopierten Seiten des Köchelverzeichnisses sechshundertsechsundzwanzig, »Mozarts Requiem«, sagte er, »Sisi«, sagte ich, »jaja, spielen wir im Kirchenorchester, zu Weihnacht«, und ich lachte. »Zweite Geige bin ich«, sagte er, ich lachte abermals, sagte, »erste wirst du sein«, und spielte ihm das Stück vor. Seither kann ich mich keiner Stunde Unterricht ohne Niederschlag entsinnen, ohne dass es schneite.