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Albrecht Schöne

Erinnerungen

 

 

 

 

 

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

 

 

© Wallstein Verlag, Göttingen 2020

www.wallstein-verlag.de

Umschlag: Marion Wiebel, Wallstein Verlag

Foto: © Rainer Wohlfahrt, Kahl a. M.

 

ISBN (Print) 978-3-8353-3811-1

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4546-1

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4547-8

Inhalt

Zueignung

Der Geburtstagsbrief

Besichtigung der Narben

Unser Gevierteilter

Die Fahne hoch

Lasst alle Hoffnung fahren!

Ein Haus im Riesengebirge

Der Reichsjugendverwahrloste

Mein Schutzpatron

Kriegsfreiwillig

dum spiro spero

Der Wehrkraftzersetzer

Come on!

Heimkehr

Unter Holzfällern

Studentenjahre

Heiraten

Zurück zur Universität

Georgia Augusta

Am Katheder, am Schreibtisch

Doktorandenkolloquium

Alewyns Tafelrunde

Studentenrevolte

Fernreisen

Die hochgebaute Stadt

Göttinger Germanistenkongress

Pour le mérite?

Letzte Dinge

Bildnachweis

Anmerkungen

 

 

Für

 

Jakob

Henriette

Carlotta

Florentin

 

und

 

Philippa

Antonia

Sophia

Marie

Zueignung

Juli 2016

 

Liebe Enkelkinder,

 

was ich Euch hier erzählen will, muss aufgeschrieben werden. Auf dem Papier kann es dann warten, bis Ihr Euch, nacheinander, zu interessieren beginnt für solche Geschichten aus dem Leben Eures Großvaters oder dem seiner Eltern und noch älterer Vorfahren. Was könnte Mariechen damit jetzt schon anfangen? »Lieber Großvata mein erster Zahn ist raus!« hat diese Abc-Schützin mir neulich geschrieben. Und selbst Jakob, der Älteste unter Euch, hat in seiner Rechtsanwalts-Praxis an Vordringlichem genug zu tun.

Was sich vor dem eigenen Leben abgespielt hat, geht uns ja überhaupt erst spät richtig an. In seinen ersten Jahren lebt jeder nur in seinem Hier und Jetzt, empfindet, erfasst und bedenkt allein das je Gegenwärtige. Allmählich richtet sich unsere Aufmerksamkeit dann auch auf Künftiges, auf das, was wir erwarten und erhoffen können oder befürchten müssen, und auf das, was wir vorhaben. Zuletzt erst kann Vergangenes wichtig werden.

Das betrifft hier nicht nur Euer Leseinteresse. In anderer Weise gilt es auch für mich beim Aufschreiben. Bei alten Leuten verhält die Gegenwart im Gewohnten und wird die Zukunft absehbar. So haben sie Zeit, darüber nachzudenken, wie alles kam. Thomas Manns Geschichten von ›Joseph und seinen Brüdern‹ beginnen mit dem Satz: »Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?« Bis auf den Grund dieses Brunnens können wir ohnehin nicht schauen. Doch in mancher Hinsicht werden unsere Augen wohl etwas weitsichtiger, wenn sie altern. Also dann gerade, wenn sie eigentlich schon kurzsichtig geworden sind.

Ich komme nur langsam voran beim Schreiben. Ein Tagebuch, das mir jetzt dienlich wäre, habe ich leider nie geführt, aufbewahrte Taschenkalender geben allenfalls Datierungen her, und auf unser Erinnerungsvermögen ist wenig Verlass. Nicht allein meine Altersvergesslichkeit kommt da ins Spiel. Was wir in späteren Zeiten erleben, erfahren und unternehmen, wie wir im Nachhinein denken und urteilen, das bestimmt unweigerlich auch über unsere Erinnerungen an Vergangenes, löscht sie aus oder legt sie wieder frei, schwächt ab oder überspitzt. Ständig übermalen wir da, ohne das recht zu bemerken. Zur Warnung kann man bei Nietzsche lesen: »‚Das habe ich getan‘, sagt mein Gedächtnis. ‚Das kann ich nicht getan haben‘ – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.«[1] Ähnlich geht es auch umgekehrt. ‚Das habe ich nicht getan‘, sagt mein Gedächtnis dann. Anders wünschen es sich mein Stolz oder mein Rechtfertigungsverlangen und meine Eitelkeit. Endlich – gibt das Gedächtnis nach. So »hat das Vergessen seine Unschuld verloren«.[2]

Unberührt von solchen Gedächtnisschwächen oder Verdrängungsmechanismen und Aufbesserungsbedürfnissen bleibt immerhin der Wortlaut der schriftlichen Zeugnisse, auf die ich hier zurückgreifen und mich stützen kann. Was ich dabei aus gedruckten oder ungedruckten Briefen und anderen Texten wörtlich wiedergebe, wird durch spitze Anführungszeichen als ein urkundengetreues Zitat markiert: »…«. Bei mündlichen Äußerungen will ich sie nur benutzen, wenn ich deren Wortlaut in sicherer Erinnerung habe – zu haben glaube.

Erst als ich mich nicht mehr mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen beschäftigen mochte, habe ich mit der Aufzeichnung dieser Erinnerungen begonnen. So ist ungewiss, ob ich noch zu Ende erzählen kann. Ich schreibe auf meinem Laptop. Jakob gibt mir dabei Nachhilfeunterricht (mit der digitalen Kulturrevolution verändert sich das Verhältnis zwischen den Generationen: In verehrungsvoller Dankbarkeit und Bewunderung lernen nicht mehr die Enkel von ihren Großeltern, sondern wir Alten von den Jüngeren). Alles was noch fertig wird, wird Jakobus dann auf dem Computer ausdrucken – für Euch, auch für Eure Eltern natürlich und für einige Freunde.

 

 

November 2019

 

Diese Regelung ist inzwischen hinfällig geworden. Als ich etwa zur Hälfte fertig war mit meinen Aufzeichnungen, habe ich Thedel v. Wallmoden, der mir seit seiner Studienzeit nahesteht, davon erzählt. Er hat sich die ersten Texte angesehen und mir zugeredet, das Ganze drucken zu lassen; er würde das gern übernehmen. Ich habe nicht widerstanden, finde seinen Göttinger Wallstein Verlag dafür auch am passendsten. Für fremde Leser sind solche auf die eigene Person bezogenen und familiären Mitteilungen an sich nicht sonderlich interessant. Aber sie können doch zu erkennen geben, in welcher Weise die großen Geschehnisse einer Zeit auf ein kleines, einzelnes Leben eingewirkt haben, wie sich politische, gesellschaftliche, kulturelle Vorgänge und Veränderungen dort abbilden oder widerspiegeln. In alltags- und mentalitätsgeschichtlicher Hinsicht wäre eine Veröffentlichung dieser Erinnerungen wohl zu rechtfertigen.

Nur wird es schwierig für mich, das beim Schreiben zu berücksichtigen. Es macht einen Unterschied, ob ich dabei an meine Enkel und Kinder, allenfalls noch an wenige Nahestehende denke oder einen größeren, anonymen Leserkreis im Auge haben muss. Wie denn beides zugleich? Was wir mitteilen und wie wir das ausdrücken, richtet sich immer nach dem Adressaten. Etwa im Briefverkehr ist ganz offensichtlich, was eigentlich für alle Mitteilungen gilt: Der Adressat selber hat mitgewirkt, hat geradewegs mitgeschrieben an dem, was er zu lesen bekommt. Nur Euch wollte ich beim Erzählen vor Augen haben – als hättet Ihr mich gefragt: Großvater, wie ist es damals bei Euch gewesen? Was war mit Deinen Eltern oder eigenen Großeltern? Wie ist es mit Dir weitergegangen? Nun müsst Ihr zulassen und muss ich daran denken, dass Fremde uns zuhören. Euch und ihnen zugleich kann ich es eigentlich nicht recht machen. Auf einiges Allgemeine und Grundsätzlichere wenigstens will ich jetzt ausführlicher eingehen, als anfangs gedacht. Manches Persönliche dagegen werde ich nachträglich straffen und künftig eher für mich behalten. Ohnehin erzählt man selbst Kindern oder Enkeln nicht alles und jedes. Ich denke, sie möchten das auch gar nicht. Jedenfalls ändert sich nichts daran, dass alles hier zu Papier Gebrachte eigentlich für Euch bestimmt ist.

„Ich denke“ – so muss ich ständig bei diesen Aufzeichnungen schreiben, „Ich bin“, „Ich habe …“. Bei meinem beruflichen Geschäft, in wissenschaftlichen Abhandlungen, ist das verpönt. Dort sucht man ein Personalpronomen überhaupt zu vermeiden. Oder man schreibt ärgerlicherweise „Wir“, auch wenn keineswegs mehrere Autoren beteiligt sind. Gewiss will das nicht als ein Majestätsplural verstanden werden, soll es nur die eigene Leistung nicht hervorkehren. Doch kaschiert es auch die Eigenverantwortlichkeit des Schreibers. Und wo es den Leser mit ins Boot holt oder nötigt, behauptet es eine fraglose Gültigkeit der Aussage. »Wir wissen nun, dass …«, »Wir sehen also, weshalb …«: Da lässt man keinen Zweifel mehr zu, unterdrückt den Widerspruchsgeist und behindert die Kritik, redet allemal ein wenig monarchisch. Hier jedenfalls besagt mein „Ich“, dass ich selber einstehe für alles, was ich zu erinnern meine, was ich beschreibe und behaupte.

In der literaturwissenschaftlichen Erzähltheorie war es eine Zeit lang gebräuchlich, Ich-Erzählungen und Er-Erzählungen zu unterscheiden. Man spricht von einer Er-Erzählung, wenn ein allwissender Autor eigenverantwortlich über deren Hauptfigur berichtet (so beginnt Franz Kafkas ›Die Verwandlung‹ mit dem Satz: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.«). Hingegen spricht man von Ich-Erzählungen, wenn der Protagonist selber als verantwortlicher Wortführer eingesetzt wird (Kafkas ›Ein Landarzt‹ beginnt mit den Worten: »Ich war in großer Verlegenheit: eine dringende Reise stand mir bevor; ein Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn Meilen entfernten Dorfe«). »Er« oder »Ich« – gefabelt wird natürlich in beiden Erzählweisen. Auch wo handfestes Realitätsmaterial eingeht in eine poetische Erzählung, wird es dort umprogrammiert und eingeschmolzen in eine andere Art von Wirklichkeitsbeschreibung und Wahrheitsmitteilung. ›Der Bauernspiegel‹, ein 1836 erschienener Roman von Jeremias Gotthelf, entschieden autobiographisch fundiert, beginnt mit den Sätzen: »Ich bin geboren in der Gemeinde Unverstand, in einem Jahre, welches man nicht zählte nach Christus. Mein Vater war der älteste Sohn eines Bauern, der einen ziemlich großen Hof besaß und noch vier Söhne und drei Töchter hatte.« Mit den gleichen Worten fangen gleich auch meine eigenen Ich-Erzählungen an: »Ich bin geboren in …«. Freilich geht es dann anders weiter. Aber dass man, Platon folgend, bei den Dichtern auf Lügen gefasst sein muss (die Gemeinde, in der Gotthelf geboren wurde, hieß ja keineswegs »Unverstand«), dass man in autobiographischen Schriften hingegen reine Wahrheit erfährt (den standesamtlichen Geburtsort »Barby an der Elbe« in meinem Fall), scheint ebenso richtig oder unrichtig wie häufig das Umgekehrte. Die Pilatus-Frage des Johannesevangeliums 18,38 – hier bleibt sie offen: Was eigentlich ist denn »Wahrheit«?

Der Geburtstagsbrief   Ich bin geboren in Barby an der Elbe am 17. Juli 1925 – sieben Jahre also nach dem Ende des ersten Weltkriegs, vierzehn Jahre vor dem Beginn des zweiten.

Wie stand es damals um mein Geburtsland? Zur Auffrischung der Geschichtskenntnisse: 1918, als das deutsche Kaiserreich von seinen Kriegsgegnern besiegt war, hatte sich Wilhelm II., sein letzter Monarch, nach Holland in Sicherheit gebracht. Nach heftigen revolutionären Unruhen kam 1919 unter dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert die Verfassung einer parlamentarischen Demokratie zustande, in der nun alle Bürger, auch die Frauen, vom 20. Lebensjahr an mit gleichem Stimmgewicht wahlberechtigt waren. Diese nach dem Sitz der Nationalversammlung benannte ›Weimarer Republik‹ verlor mit dem Versailler Friedensvertrag nicht nur den überseeischen deutschen Kolonialbesitz. Sie musste auch weite Teile des eigenen Landes abtreten, ein Zehntel etwa, vor allem Elsass-Lothringen an Frankreich und zur Wiederherstellung eines souveränen polnischen Staates und der Errichtung einer ‚Freien Stadt Danzig‘ fast ganz Posen und Westpreußen und das oberschlesische Kohlerevier. Mit einer einseitigen Kriegsschuld Deutschlands und seiner Verbündeten wurden überdies erdrückende wirtschaftliche Reparationen begründet. Unter Berufung auf vernachlässigte Zwangsablieferungen deutscher Kohle besetzten dann 1923 französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, und eine Inflation, welche besonders Deutschlands Mittelschichten verarmen ließ, erreichte schwindelerregende Höhen. – Ein rechtsradikaler Putschversuch wurde am 9. November 1923 an der Münchner Feldherrnhalle mit polizeilicher Waffengewalt vereitelt, und der zu fünfjähriger Festungshaft verurteilte Haupträdelsführer Adolf Hitler aus dem österreichischen Braunau am Inn begann in der Gefangenenanstalt von Landsberg am Lech sein Programmbuch ›Mein Kampf‹ zu verfassen.

Freilich hat die am 15. November 1923 eingeführte Rentenmark Deutschlands Währung rasch wieder gefestigt. Von den geradezu „Goldenen zwanziger Jahren“ wurde dann geredet. Jedenfalls schienen in meinem Geburtsjahr 1925 die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse halbwegs stabilisiert. Als Kandidat der Rechtsparteien wurde damals der 77jährige Generalfeldmarschall v. Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt. Wohl stellte der vorzeitig auf Bewährung freigelassene Weltkriegs-Gefreite Hitler, 36 Jahre alt, die zuvor aufgelöste und verbotene kleine ›Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei‹ wieder auf (‚national‘ gegen die Bolschewisten, ‚sozialistisch‘ gegen den Kapitalismus angehend). Aber seinen von rabiatem Judenhass getriebenen, mit der Energie eines Besessenen und mit wirkungsmächtigem Agitationsvermögen geführten Kampf um die Macht konnte man noch für wenig aussichtsreich halten. – Meine Eltern waren schon urteilsfähige Zeitgenossen dieser Vorgänge. Doch haben sie ihren Kindern nie erzählt, was sie davon erfahren, was sie damals selber erlebt, gehofft oder gefürchtet hatten. Wie das so geht, haben wir sie danach auch gar nicht gefragt.

Meine Mutter Agnes Moeller (in ihrer Familie und von unserem Vater meist Angelein genannt) hatte vor der Heirat im April 1923 als Bankangestellte in Magdeburg gearbeitet. Sie kam aus einem dörflichen Pfarrhaus in Sachsen-Anhalt. Auch mein Vater Friedrich Schöne, der als Studienreferendar am Magdeburger Gymnasium ‚Zum Kloster Unser Lieben Frauen‘ und später als Studienrat in meinem Geburtsstädtchen Barby an der Elbe gleichfalls an einem Internats-Gymnasium Deutsch, Geschichte, Religion und Sport unterrichtete, stammte aus einer Pfarrersfamilie. Er kam aus dem schlesischen Ohlau.

Denn mein Urgroßvater Schöne war nach Schlesien gezogen, um dort als Geistlicher den Lutheranern beizustehen, die sich aus Glaubens- und Gewissensgründen der vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. verfügten Zwangsunion lutherischer und calvinistisch-reformierter Protestanten nicht hatten fügen wollen. Unter Friedrich Wilhelm IV. hat man sie seit 1840 /41 als eine vom Kirchenregiment des Landesherrn unabhängige, also von der unierten Staatskirche getrennte Freikirche dann wieder geduldet. Zuvor aber waren diese widerborstig orthodoxen ‚Altlutheraner‘ ein Jahrzehnt lang drakonisch verfolgt worden, selbst mit militärischer Gewaltanwendung. Sie wurden mit Strafgeldern belegt und eingesperrt, ihre Pfarrer amtsenthoben, steckbrieflich gesucht und inhaftiert. Nur in Hinterstuben, Wäldern oder verlassenen Steinbrüchen, manchmal auch nur bei Nacht hatten sie ihre Gottesdienste abhalten und trauen, taufen, konfirmieren können. Ein wenig lächelnd wurde in meiner Kinderzeit von einem unserer geistlichen Vorfahren behauptet, es habe dieser standhafte Zinnsoldat am Ende der Gottesdienste seine Gemeinde singen lassen (nach der Melodie von ›Nun danket alle Gott‹):

Die Reformierten sind vom Papste zwar geschieden,

Und dennoch leben wir mit ihnen nicht in Frieden.

Denn erstens lehren sie vom Abendmahl nicht recht.

Und zweitens ist die Lehr’ der Gnadenwahl ganz schlecht.[3]

Dieser Freikirche gehörten auch unsere Eltern an.[4] Aber sie verstanden das gewiss nicht als allein seligmachend, hielten sich und ihre drei altlutherisch konfirmierten Kinder Albrecht, Hanna und Jobst eher doch an das bedenkenswerte, über allen Konfessionshader hinwegtröstende Wort aus dem Johannesevangelium: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.«

 

Ich war ihr erstes Kind. Und wie sehr sie mich zu sich gewünscht haben, lässt der Brief erkennen, den mir mein Vater geschrieben hat, als ich zehn Tage alt war. Erreicht hat er mich freilich erst siebenundzwanzig Jahre später. Nach seinem Tod fand ich ihn unter den nachgelassenen Papieren. Verfasst in der alten ‚Sütterlinschrift‘, welche die Jüngeren jetzt kaum mehr entziffern können. Denn zur Vereinheitlichung der Schreibweisen in einem nationalsozialistisch vereinten Europa wurden 1941 die fortan beibehaltenen lateinischen Buchstaben vorgeschrieben, und der Reichsleiter der NSDAP, Martin Bormann, verdammte den der bisherigen deutschen Kurrentschrift entsprechenden Fraktur-Druck in einem parteiamtlich-internen Rundschreiben als »Schwabacher Judenlettern«. In solchen ausgemerzten Lettern ist mein Geburtstagsbrief gehalten. Er kommt in vieler Hinsicht von weit her, beschreibt die wohl im besten Sinn dieses Wortes bildungsbürgerliche Lebensweise und Denkungsart einer vergangenen Zeit.

 

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Das väterliche Arbeitszimmer in Barby mit den im Geburtstagsbrief erwähnten Gegenständen und Bildern (rechts über dem Stehpult König Karl I. von England)

 

»26. Juli 25

Jetzt schläfst Du sattgetrunken in Deinem blauen Wägelchen.

Durchs offne Fenster kommt die warme Sommernachtluft. Drei Bilder hängen über dem Schreibpult an dem Dein Wagen steht: der König Karl I von England, hochmütig-müde und abenteuerlich-haltlos zugleich, gepflegt und brutal – so sollst Du nicht werden. Aber sehen und erkennen sollst Du das hoffentlich mal. Und dann in kleinem Goldrähmchen das lachende Brautbild Deiner Mutter; endlich der Schattenriß des verlorenen Sohnes, der vor der Vision seiner Mutter auf den Knieen liegt. Wenn Du schon faßtest, was Deine dunklen, fließend blauen Augen spiegeln, könntest Du im Halblicht der Petroleumlampe an der roten Wand über den Bücherreihen noch andre Bilder sehen: Rembrandts Landschaft mit den 3 Bäumen, und das Hundertguldenblatt [beides, versteht sich, Nachdrucke dieser Rembrandtschen Radierungen], den blanken Messingleuchter mit drei Kerzen, und den weißen Marmorstein. Dein Onkel Christian [Schöne] hat ihn von der Akropolis mitgebracht, Dein Urgroßvater Hermann hat das englische Schabkunstblatt [mit König Karl I.] gesammelt, Dein Vater hat als Student die Schattenrisse geschnitten und den Leuchter seiner jungen Frau geschenkt, die ganz erschrocken war über die große und unnötige Ausgabe.

Du kleiner Kerl, der Du jetzt aus sattem Kinderschlaf aufseufzest, wann wirst Du zum ersten Mal mit funkelnden Augen und heißen Wangen in die Schätze greifen, die da neben Deinem Wagen stehen? Den ersten Band Goethe und Shakespeare, Tolstoi und Hebbel aufschlagen?

Du bist jetzt 10 Tage alt.

Am Freitag, 17. Juli mittags um ½ 12 Uhr hast Du Deinen ersten Schrei getan. Ich hab ihn gehört und Deine Mutter, die sich nach acht harten Stunden mit fröhlichem Lächeln zurücklegte, als Du glücklich zur Welt gekommen warst. Es war ein heller, heißer Sommertag und acht seinesgleichen folgten ihm, bis ein Gewitterregen die ungewöhnliche Glut ein bißchen kühlte. Aber noch heute, nach einem trüben und verhangenen Tage, sind um Mitternacht am offnen Fenster 20°.

Du wogst 100 Gramm weniger 7 Pfund, als Dich Frau Titsch, die Hebamme zum erstenmal auf die Waage legte, und Deine Länge will sie mit 54 cm. gemessen haben; ich weiß nicht recht wie, denn Du strampeltest gewaltig. Zehn Minuten nach Deiner Geburt kam Mariele Möller, die Schwester Deiner Mutter, die ich morgens um 7 Uhr telefonisch gerufen hatte, weil wir Dich eigentlich erst eine Woche später erwartet hatten. Um 1 Uhr erfuhr Deine Großmutter Moeller in Langenweddingen am Telefon von mir Deine Ankunft. „Gott sei Dank“ sagte sie, es kam aus übervollem Herzen, und trug Deiner Mutter tausendmal tausend Grüße auf. Dann rief ich den Arzt an, Dr. Rieper kam nach einer kurzen Stunde und nähte mit drei Nadeln den Riß, den Deine kleinen Schultern in Deiner Mutter Leib gerissen hatten. Und meine liebste Frau biß mit lachenden Augen die Zähne zusammen, so lieb hatte sie Dich und mich, und heftete die Augen auf das schöne Bild von dem traumvoll dunklen Hollunderbusch, das über unserm Bett hängt. Am Nachmittag telegrafierte ich an meine Mutter, Deine Großmutter Schöne, die in diesen Tagen in Fürth im Saargebiet zur Pflege Deiner Tante Katharina war, die am 8. Juli ein kleines Mädchen Gertrud geboren hatte.

In den nächsten Tagen hab ich die ersten Bilder von Dir aufgenommen und die gute Nachricht auf 70 Postkarten an Verwandte und Bekannte geschrieben.

Am Montag, 20. stand Dein Wägelchen zum erstenmal in der Sommersonne im Park [der Barbyer Internatsschule]. Am Sonntag war ich in der Kirche und sang zu der Choralmelodie lauter neue Strophen von Dir und Gottes himmlischer Gnade, der Sonne, den windbewegten Baumkronen und den blühenden Rosen im Garten. Superintendent Matthes aber, der Deine Mutter gern mochte, kündigte von der Kanzel Deine Geburt ab mit persönlichen und herzlichen Worten, daß mir’s unter den paar Kirchenbesuchern auf meiner Bank ein bißchen schwül wurde, Dich und mich so öffentlich vor den lieben Gott citiert zu hören. Aber es war doch ein tiefes und schönes Gebet, daß Du in Deinem künftigen Leben Gott suchen und finden wollest. Wie Du das Wort auch einmal verstehen willst: es faßt den Inhalt eines Lebens.

Deine Mutter hat viele herzliche Glückwünsche bekommen, und auch die hergebrachten waren kaum geheuchelt. Ihr Zimmer, unser Schlafzimmer, in dem Du geboren bist, steht immer noch voll frischer Rosen.

Bis heute ist alles gut und glücklich gegangen, was mit Deinem Eintritt in die Welt zusammenhängt. Aber heute mittag, als Deine Mutter, nachdem die Fäden aus der Dammnaht gezogen waren und sie die ersten paar Schritte vom Bett auf einen Stuhl getan hatte, sich zum ersten Aufstehen rüstete, stieg die bislang friedliche Temperaturkurve. Um 2 Uhr hatte sie 38,6 Fieber, sodaß ich den Arzt holte. Die Möglichkeit einer Infektion liegt vor, so heißt es, aber Temperatur u. Puls sind verhältnismäßig gutartig, ohne Schüttelfrost, sodaß wir kein Kindbettfieber fürchten wollen. Gegen 10 Uhr fiel auch wirklich die Hitze, und nun hast Du so tapfer zur Nacht getrunken, daß Du ungewiegt schläfst, hoffentlich einem glücklichen und gesunden Morgen Deiner Mutter entgegen. –«

 

Diese Hoffnung erfüllte sich rasch. Am 1. September dann konnten eine längst wieder gesundete Mutter und ein glücklicher Vater ihr erstes Kind im Kreis seiner weiteren Familie und seiner Paten taufen lassen.

 

Die Bücher, die Gegenstände und die Bilder, von denen in diesem Brief die Rede ist, besitzen wir noch. Außer dem genannten »Schattenriß des verlorenen Sohnes« auch noch mehrere andere, wirklich meisterliche Scherenschnitte meines Vaters aus seiner Primaner- und ersten Studentenzeit – bevor ihm 1917 in Flandern der rechte Arm abgeschossen wurde, denn dafür braucht man zwei Hände. Und das nach einem Gemälde van Dycks gefertigte alte englische Schabkunstblatt mit dem Porträt Karls I. (der am Ende geköpft wurde[5]) ruft mir bei Gelegenheit noch immer in Erinnerung, wie ich nicht werden sollte.

 

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Die Taufgesellschaft am 1. September 1925 (das Kindchen auf dem Schoß der Hebamme Titsch!)
Fotografiert vom Patenonkel Werner Simonson

 

Kostbarer doch als solche handgreiflichen Güter ist das unsichtbare und unverlierbare Geschenk, das dieser Geburtstagsbrief in Worte fasste. Dass meine Eltern mich zu sich wünschten und mich liebten, habe ich immer gewusst, ohne dass ich darüber nachdachte, und ohne dass sie selber davon viel redeten. Dass dergleichen nicht selbstverständlich ist und eine Mitgift fürs ganze Leben, habe ich spät erst begriffen.

Als ich 1948, vor der Abreise zum Studienbeginn in Freiburg, zuletzt am Krankenbett meiner Mutter saß und wir beide wussten, das könnte ein Abschied für immer sein, hat sie mir anvertraut, dass mein Vater sie zweimal im Leben ungescheut habe sehen lassen, wie er weinte. Einmal sei das geschehen, als er nach meiner Geburt in ihr Zimmer kam, mich zum ersten Mal sah und mich zu sich nahm. Unter Tränen habe er da gesagt: »Er hat zwei Arme!« Von dem anderen Mal hat sie nicht gesprochen.

Besichtigung der Narben   Schon unser Geburtsausweis ist eine Narbe. Dieser Umbilicus, wie Mediziner den Bauchnabel nennen, zeigt die erste Verletzung an, die jedem Lebenden zuteilgeworden ist. »Warum hast du mich aus meiner Mutter Leib kommen lassen?« hat im Alten Testament der leidende Hiob geklagt – »Ach dass ich umgekommen wäre und mich nie ein Auge gesehen hätte! So wäre ich wie die, die nie gewesen sind, vom Mutterleib weg zum Grabe gebracht.« Ich weiß von Stunden, in denen man sich das wohl wünschte: Ohne unsere früheste Narbe wäre uns keine der späteren mehr zugefügt worden (auch nicht die unsichtbaren, die man nur metaphorisch so nennt). Aber von Kindesbeinen an sind sie doch Überlebens- und Verheilungszeichen. Von denen will ich hier erzählen.

Als ich vor Jahren mit unserem Sohn am Strand der Ferieninsel Sylt lag, wurde Tobias auf eine meiner Narben aufmerksam und fragte danach. Damals haben wir gesucht und abgezählt, wie viele davon ich mit mir herumtrage. Die kaum noch erkennbaren eingerechnet, kamen wir auf mehr als vierzig. Nach Erkundigungen bei Freunden und Bekannten geht das entschieden über den Normalbefund hinaus. Fast ließe sich meine Lebensgeschichte anhand dieser Narben abhandeln. Ganz so weit möchte ich es nicht treiben.

 

An das erste Überlebenszeichen, das chirurgische Eingriffe an mir hinterlassen haben, heftet sich meine früheste Kindheitserinnerung. Ungelöscht im Gedächtnis wohl nur, weil ich unseren Vater dabei auf ungewohnte Weise schreien hörte. Vierjährig hatte man mich aus Barby an der Elbe in eine Magdeburger Kinderklinik gebracht, spezialisiert auf Mittelohrentzündungen, die in der Flussnähe wohl besonders häufig auftreten. Sie konnten zu dieser Zeit noch nicht mit einem Antibiotikum geheilt werden, mussten in bedrohlichen Fällen also operiert werden. Zweimal war mir damals schon der Schädel aufgemeißelt worden, ohne dauerhaften Erfolg. Als ich danach in meinem Krankenbett lag, hörte ich bei offener Tür über den Flur hinweg aus einem gegenüberliegenden Zimmer die übermäßig laute Stimme meines Vaters. Wie man mir später erzählte, hatte ihm der behandelnde Chirurg eröffnet, dass ein weiterer Eingriff aussichtslos erscheine. Aber so heftig hat der Verzweifelte ihn angeherrscht, dass er nachgab und ich durch eine dritte Operation denn doch gerettet wurde. – Viel später stellte sich auch noch heraus, dass etwa zur gleichen Zeit in dieser Klinik das kleine Mädchen lag, das ich 23 Jahre danach heiraten durfte. Ich denke mir, dass unsere Rollbetten damals auf dem Flur aneinander vorbeigeschoben wurden, und möchte glauben, dass wir dabei einander wahrgenommen haben. Liebe ist doch wohl eine Art Wiedererkennen.

Viele solcher Operationsnarben trage ich mit mir herum. Kriegsnarben nur wenige, davon später. Vor allem aber Unfallnarben – die meisten keineswegs selbst verschuldet durch einen Leichtsinn, den Freunde und Anverwandte mir manchmal vorhalten. Sechsjährig saß ich in Naumburg auf einer kleinen Mauer, als sich von hinten ein Schäferhund in mein Hinterteil verbiss und mich gar nicht mehr loslassen wollte. So fing es an. Ich konnte wahrhaftig nichts dafür. Und wenigstens zwei solche Unschuldsfälle will ich hier noch memorieren.

Einundzwanzigjährig spaltete ich für den Kachelofen des Schwenningdorfer Pfarrhauses Brennholz in schmale Scheite. Mein Vater, mit dem ich nach dem Krieg dort aufgenommen worden war, las mir dabei Jean Paul’sche Aphorismen vor. Diese kleine Feldpostausgabe habe ich noch, kann deshalb die beiden dort angestrichenen, wirksamsten Stellen rekapitulieren. »Kleider«, ließ der einarmige Vorleser mich hören, »sind die Waffen, womit die Schönen streiten und die sie gleich den Soldaten dann nur von sich werfen, wenn sie überwunden sind.« Und dann: »Liebet eure Feinde; heißt bei den Weibern: besucht eure Freundinnen und trinkt Tee.« Einander ansteckend lachten wir so sehr, dass ich nicht mehr aufpassen konnte und mir mit dem Beil ein schmales Stückchen Fleisch und Knochen vom linken Daumen abhackte. Für immer erinnerte mich diese schmale Narbe daran, dass auch die schöne Literatur Spuren hinterlassen kann in der handfesten Wirklichkeit.

 

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Nach der Mittelohr-Operation 1929 (mit meiner Schildkröte)

 

Fünfzigjährig traf mich dann mit dem Hufschlag eines Pferdes die bedrohlichste meiner Unfallverletzungen. Mit der Reiterei also hing das zusammen, von der ich, um meine Schreckensmeldungen etwas abzupolstern, zunächst doch Fröhliches erzählen will. Mein Vater, schlesischer Husar im ersten Weltkrieg, hatte mich schon als kleinen Jungen auf ein Pony gesetzt, und dieses »größte Glück der Erde«, das nach dem Sprichwort »auf dem Rücken der Pferde« liegt, ist mir fast lebenslang zuteilgeworden. Ich habe viele herrliche Erinnerungen daran.

Von den karolingischen Haimonskindern wird berichtet, dass sie zu viert auf dem gleichen Pferd saßen. So ist einmal auch unsere zwölfjährige Tochter mit mir zusammen geritten. Bei einer der jährlichen Vereinsmeisterschaften unseres Göttinger Kreisreitervereins hatte ich es bis in die Ehrenrunde des siegreichen Pferdes und seines Reiters geschafft. Bettina wurde damals Jugendmeisterin, und weil wir das gleiche Pferd hatten, half ihr bei der Siegerehrung einer der Turnierrichter zu mir herauf. Sie saß auf der Kruppe und hielt sich fest, indem sie mich von hinten umarmte. So galoppierten wir in unsere beklatschte Ehrenrunde, und für uns beide war das ein ziemlich großes Glück dieser Erde.

Auch unsere beiden ersten Enkelkinder habe ich, als sie noch klein waren, nacheinander oft mitgenommen, wenn es durch die Göttinger Wälder ging. Vor dem Sattel war dann ein Deckenpolster über den Widerrist gelegt. Von beiden Seiten durch meine zum Zügel ausgestreckten Arme gesichert, waren sie völlig sorglos, trauten ihrem Großvater damals noch alles zu. Das ging anfangs behutsam im Schritt, später auch rascher, sogar mit vorsichtigen Sprüngen über gefällte Bäume. Einmal, im ‚leichten Trab‘, bei dem sich der Reiter mit jedem zweiten Tritt des Pferdes in den Steigbügeln aufrichtet, drehte sich die sonst immer nach vorn schauende, vielleicht vierjährige Henriette zu mir um, sah diese Bewegung und rief mit fröhlichem Staunen: »Großvater! Du wächst und schrumpfst!« Wie recht sie da hatte – ohne schon zu wissen, dass das Emporwachsen und wieder Zusammenschrumpfen fürs ganze Leben gilt (ich bin nur noch 170 cm groß, wenn ich das schreibe, und hatte es 1943 bei der militärischen Musterung immerhin auf 176 cm gebracht).

Ganz herrlich, das will ich nicht unerwähnt lassen, war dann im Herbst 2001 ein großer Rundritt mit unserer Tochter und ihren beiden ältesten, inzwischen schon sattelfesten Kindern durch das Land der Kaschuben. Über Küstrin waren wir dazu mit dem Auto in ein einsames polnisches Forsthaus gefahren (wo am ersten Abend aus Grass’ ›Blechtrommel‹ vorgelesen wurde: die Geschichte von der Großmutter auf dem kaschubischen Kartoffelacker, unter deren Röcken sich der kleine Brandstifter Koljaiczek versteckt hat und ungehörig zu schaffen macht). Von der Förstersfrau geführt, sind wir auf deren Trakehnern dann eine Woche lang durch die Kaschubei geritten, jede Nacht mit Schlafsäcken in einer anderen Försterei übernachtend, tagsüber viele Stunden lang im Sattel, in einer wunderschönen, von Menschenhand noch fast unberührten, wald- und seenreichen Landschaft. Auch das ging ohne nennenswerte Unfälle ab.

Aber: Lange zuvor schon war einmal der Göttinger Pferdepfleger krank geworden, und reihum mussten die Reiter selber den Futterdienst übernehmen. So fuhr ich im Februar 1975 frühmorgens zu unserem Vereinsstall, um Hafer in alle Krippen zu schütten. Bei einer der engen Boxen war dieser Trog von der Stallgasse aus nicht erreichbar. Ich öffnete die Stalltür, und weil sich das mir unbekannte Pferd nicht, wie gewohnt, gleich an meinen Futtereimer drängte, sondern mir unbewegt die Hinterhand zukehrte, schob ich mich sehr vorsichtig hinein. Drin leerte ich die Haferkörner aus, drückte mich rückwärtsgehend wieder an der Stallwand entlang zum Ausgang und redete begütigend auf den Sonderling ein. Aber als ich genau hinter ihm stand, keilte er aus, offensichtlich gezielt. Ein Hinterhuf traf mich in den Unterleib und warf mich durch die offene Tür auf die Gasse. In den Ställen der alten Kavallerie trugen solche Schlägerpferde ein warnendes rotes Band um die Schweifrübe, »Füttern vom Wachtmeister an aufwärts!« sollte das heißen. Dieses Warnzeichen gab es hier leider nicht. Laut vor mich hin stöhnend lag ich auf der Stallgasse, bis zwei Mädchen kamen, die morgens reiten wollten und nun den restlichen Futterdienst übernahmen. Ich fuhr noch selber nach Hause, wurde aber rasch in die Chirurgische Universitätsklinik verfrachtet. Ohne äußere Verletzung. Innen war ein kleiner Knochenteil von der Wirbelsäule abgesplittert, das wurde als harmlos bewertet. Auch zeigte sich die linke Niere etwas eingerissen. Vor allem aber und noch unbemerkt war die Milz geborsten und blutete langsam in ihre Kapsel hinein. Für solche Fälle, sagte mir damals ein altgedienter Oberarzt, gelte die medizinische Bauernregel: »Stumpfes Bauchtrauma – Aufmachen und nachsehn, was los ist!« Um mich als einen Professor ihrer Universität waren freilich die medizinischen Ordinarien selber bemüht: der Röntgenologe, der Internist, der Nephrologe und der Chirurg. Drei Tage lang untersuchten und beobachteten sie ihren Patienten und wollten einen operativen Eingriff an der verletzten Niere möglichst nicht riskieren. Dann riss unter jähem heftigem Schmerz die Milzkapsel (eine zweizeitige Ruptur nennt man das). Aber nach einer eiligen invasiven Fehldiagnose des Internisten meinte man, es handele sich offenbar um eine psychische Reaktion auf das tagelange Gespräch an meinem Krankenbett über eine Operation und deren Risiken. In diesen kritischen Stunden besuchte mich unser Freund Klaus Kühns, internistischer Chefarzt am Northeimer Provinzkrankenhaus. Er sah meine inzwischen schon deutlich hippokratischen Gesichtszüge, hörte vom fortgesetzten Zögern der beteiligten Mediziner und drang mit Zivilcourage unangemeldet und sicher unerwünscht in die Mittagskonferenz dieser sehr standesbewussten Universitätskoryphäen ein. Dort gab man seinem massiven Drängen schließlich nach, einigermaßen widerwillig vermutlich, glaubte aber immer noch, den angemahnten chirurgischen Eingriff auf den Abend verschieben zu können, weil dann alle vier Chefs abkömmlich waren und zugegen sein konnten. Auch dabei wurde zunächst noch die Niere versorgt. Zuletzt erst öffnete man die Bauchdecke und sah die blutige Bescherung. Da ging es um Haaresbreite.

 

Freilich geht oft genug ein Unglück an uns vorbei, ohne dass man bemerkt, in welcher Gefahr man tatsächlich schwebte, oder wahrhaben möchte, was man riskierte. So will ich am Ende dieser Narbenbesichtigungen zum Ausgleich zwei Fälle doch erwähnen, die glücklich verliefen und spurenfrei blieben, mir aber auch bei anderem Ausgang keine Verletzungszeichen hätten zufügen können (weil die halt nur trägt, wer überlebt).

1988, bei einem Jubiläumsfest meines Verlages C. H. Beck im Kongresssaal des Deutschen Museums in München, hatte ich eine der beiden Festreden übernommen. Auf eine Kontroverse des 18. Jahrhunderts zwischen Lavater und Lichtenberg bezogen und anhand entsprechender Bilder ging es da um ›Physiognomische Übungen zur Beförderung der Menschenkenntnis und der Liebe zu Verlegern‹. Ich saß am Außenrand der ersten Reihe und hatte, als ich an der Reihe war, einen langen Weg bis zu der Treppe, die auf das Podium zum Rednerpult führte. Bei den ersten Schritten merkte ich, dass sich ein Hosenbein in die Kniekehle heraufgeschoben und dort verfaltet hatte. Beim Besteigen der Treppe musste das allen sichtbar werden. Also blieb ich stehen, beugte mich herab und brachte mit beiden Händen die Sache in Ordnung. Dabei stand ich nur wenige Meter entfernt von den Sitzplätzen des Bayerischen Justizministers und des Generalbundesanwalts Rebmann, dessen Amtsvorgänger Buback die Terroristen der ‚Rote Armee Fraktion‘ ermordet hatten. – Beim fröhlichen Zusammensein nach dieser Veranstaltung kam jemand zu mir und stellte sich vor als Leiter der Wachmannschaft, die diese beiden Ehrengäste sichern sollte. Wohl ein wenig angeheitert erklärte er, seine Leute seien so aufmerksam, dass gewiss alle fünf nach ihren Pistolenhalftern gegriffen hätten, als ich mich zu meinem seltsam aufgekrempelten Hosenbein herunterbeugte. Aber so reaktionsschnell wären sie doch auch, dass keiner von ihnen geschossen habe. Hätte nur einer von ihnen anders reagiert, hätte ich also die zur Rede stehende ›Liebe zu Verlegern‹ mit meinem Leben besiegeln können. Und welcher Verlag darf sich schon eines Märtyrers rühmen? Sehr passend zu dem, was mir drohte, lautete der letzte Satz meines Vortrags (wörtlich Lichtenberg zitierend, nur jetzt auf München und C. H. Beck bezogen): »Wer wollte dann nicht barfuß deine Tore suchen, du Gesegnete, die Schwelle des Verlagshauses küssen und sich glücklich preisen, mit seinem eignen Blut unter die Zahl seiner Autoren eingezeichnet zu werden?«

Unbeschadet habe ich auch den einigermaßen gefährlich anmutenden Flug mit einem Drachen überlebt, bei dem es früher sehr wohl zu selbstverschuldeten, oft tödlichen Unfällen kam. Denn als der am Steilhang eines Berges erfolgende Start noch ohne die später vorgeschriebene Aufsicht erfolgen konnte, vergaß ein aufgeregter Anfänger gelegentlich, seinen Tragegurt richtig ins Gestänge des Flugapparates einzuhaken; das führte natürlich zur Katastrophe. Mir hatten unsere Kinder zum 65. Geburtstag einen alten Wunsch erfüllt und einen Gutschein für solch einen Drachenflug geschenkt. Im Engadin, wo wir zum Skilaufen waren, gab es dafür oberhalb von St. Moritz ein Unternehmen, dessen Firmenname ‚Lufttaxi‘ meine besorgte Frau beruhigte. Selbstverständlich war ich ordentlich eingehakt und flog ohnehin im Doppelpack, also zusammen mit einem geschulten Piloten. Dabei schwebten wir mit unserem geflügelten Drachen nicht einfach ins tiefe Tal hinab, sondern konnten, in starkem Aufwind kreisend, zunächst so hoch steigen, dass sich über das schneebedeckte Alpengebirge hinweg ein herrlicher Blick eröffnete, weit nach Italien hinein. Was mich am tiefsten anging und unvergesslich blieb, war aber nicht diese irdische Aussicht, sondern das ungeheure reine Himmelsblau, das uns umfing, als wir unsere höchste Flughöhe erreicht hatten.

 

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Das hatte mir die Augen geschärft, als ich später in meiner eigenen Ausgabe von Dichtungen aus dem ›Zeitalter des Barock‹ noch einmal auf eine der epigrammatischen ›Grabschriften‹ aufmerksam wurde, die Johann Christian Hallmann 1682 aus dem Italienischen ins Deutsche übertragen hat – auf die des Ikaros nämlich, der mit seinen durch Wachs zusammengehaltenen Flügelfedern der Sonne zu nahe kam und in die Tiefe stürzte. Weder der Urheber Loredano noch sein deutscher Übersetzer hat je durch die Luft fliegen oder gar in Himmelshöhen aufsteigen können. Aber mit staunenswertem Imaginationsvermögen besagt der letzte ihrer vier Verse, was ich tatsächlich erlebte bei meinem Drachenflug:

 

Hier lieg’ ich Icarus mit Seuffzern in der Grufft /

Nicht etwan / daß der Todt das Leben mir geraubet /

Nein; sondern weil mir itzt nicht ferner ist erlaubet

Zu fliegen wie vorhin durch die saphirne Lufft.

 

Ich bin ja nicht abgestürzt. Doch auch was Ikaros hier beseufzt, ist nicht etwa sein Tod, sondern allein, dass ihm »nicht ferner ist erlaubet | Zu fliegen wie vorhin durch die saphirne Lufft.« Ohne Seufzen gilt das auch für mich. Manches im Leben sollte man besser als etwas Einmaliges bewahren. Dieses saphirnen Himmelsblaus wegen habe ich mir nie wieder erlaubet, mit einem Drachen zu fliegen. Einmal für immer.

Unser Gevierteilter   Vor dem Einschlafen hat uns unsere Mutter oft etwas vorgesungen. Sie hatte als junges Mädchen Klavier- und Gesangsunterricht gehabt, sang mit ihrer sehr schönen Sopranstimme häufig auch, wenn abends Gäste bei uns waren und man sie darum bat. Oder sie las uns vor, oft aus den Grimm’schen Märchen. Eingekuschelt in unsere warmen Betten verlangten wir, eher gegen ihren Willen, nach etwas möglichst Gruseligem. Sehr beliebt: ›Hänsel und Gretel‹, die von ihren armen verhungernden Eltern im Wald ausgesetzt werden und so in die Hände der bösen Hexe geraten: einer Menschenfresserin, die sich kleine Kinder schlachtet. Unserem Vater aber forderte ich, als Ältester der drei Geschwister, damals vor allem die Geschichte vom Gevierteilten ab, denn da ging es um unseren eigenen Ururur…großvater.

Schon lange bevor man sich im nationalsozialistischen Deutschland um den Nachweis seiner ‚arischen‘ Abstammung kümmern musste, hatte sich mein Onkel, der Mediziner Christian Schöne, für unsere Vorfahren interessiert. Durch seine Nachforschungen in Kirchenbüchern, verschiedenen Archiven und anhand von Stammbüchern nahestehender Familien ist eine umfangreiche Ahnentafel zustande gekommen. Im ‚Mannesstamm‘ geht sie bis zu dem 1699 gestorbenen Kossaten Christian Schöne zurück. Über drei Generationen hin waren auch dessen männliche Nachkommen solche Hintersassen, also von einem Grundherrn abhängige Kleinbauern, die in Kotten wohnten und nur geringen eigenen Feldbesitz hatten. Seit 1815 kamen dann über die mütterlichen Linien angesehenere Stände ins Spiel. Mit solchen Vorfahren reicht unsere Ahnentafel bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts zurück und führt gelegentlich ganz wundervolle Namen an – aus dem Jahr 1351 etwa den mit Agnes v. Bellersheim vermählten Ritter Wigand v. Buches zu Berstadt oder einen 1427 geborenen Hans Wolff zur Todenwarth. Seit der Reformation aber sind in dieser Ahnentafel vor allem Geistliche verzeichnet. Nicht nur meine beiden Großväter, schon alle vier Urgroßväter und viele vor ihnen waren Pfarrer. Häufig gab es da auch Juristen, Landrichter etwa oder Ratsherren und Bürgermeister, gelegentlich Kaufleute, Mediziner, Professoren. Und wo aus deren Nachlässen eigenhändige Aufzeichnungen überliefert waren, beschaffte der Ahnenforscher Christian Schöne sogar charakterologische Gutachten von Graphologen, die sich mit alten Handschriften befassten. Leider sind diese Papiere seit dem Kriegsende 1945 verschollen.

Nicht so die Auskünfte über den Gevierteilten. Was mein Vater uns Kindern an schauerlichen Einzelheiten zumuten mochte, wenn nach dieser Gute-Nacht-Geschichte verlangt wurde, weiß ich nicht mehr. Aber was er selber gewusst hat, kann ich jetzt seinen frühen, im Nachlass erhaltenen Aufzeichnungen und Exzerpten aus Urkunden der Dresdener und Jenaer Archive entnehmen.

Zu unseren Vorfahren gehören Gregor Brück, der als Kanzler Kurfürst Friedrichs des Weisen ein maßgeblicher politischer Ratgeber der Reformation gewesen ist und 1530 die Vorrede zur ›Confessio Augustana‹ verfasste (den einzigen frommen und weisen Juristen hat Luther ihn im April oder Mai 1532 in einer Tischrede genannt), und ebenso Luthers Freund Lucas Cranach der Ältere, der Maler der Reformation.[6] Beide wohnten in Wittenberg, und zwei ihrer Kinder wurden miteinander verheiratet: Barbara Cranach (ein Patenkind Luthers) mit Christian Brück (dem er leider nicht als Taufpate beigestanden hat). Um diesen Ahnherrn geht es jetzt.

 

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Christian Brück (Pontanus)
Radierung seines Schwiegervaters Lucas Cranach d. Ä.

 

Als Doktor des Römischen und des Kanonischen Rechts wurde er 1555 Kanzler des Herzogs von Gotha und war in diesem Amt dann in die sogenannten ›Grumbachschen Händel‹ verwickelt.[7] Der umtriebige fränkische Reichsritter Wilhelm v. Grumbach, nach dem diese Episode in der Geschichte der ernestinischen Wettiner benannt wird, suchte einen allgemeinen Aufstand der deutschen Ritterschaft anzuzetteln, die nicht länger ‚landsässig‘ den fürstlichen Territorialherren, sondern reichsunmittelbar nur dem Kaiser untergeben sein sollte. Wegen Landfriedensbruchs hatte Kaiser Ferdinand I. und wieder Maximilian II. die Reichsacht über ihn verhängt. Aber der in Gotha residierende Herzog Johann Friedrich II., der ihm und seinem bewaffneten Anhang 1564 Zuflucht gewährt hatte, weigerte sich, den Geächteten auszuliefern. Denn zusammen mit seinem Kanzler Brück bestärkte Grumbach die Hoffnungen dieses Ernestiners auf Wiedergewinnung der Landesteile und der Kurwürde, die dessen Vater nach dem Schmalkaldischen Krieg an die Albertinische Linie der Wettiner verloren hatte. Nach etwas zweifelhaften Berichten haben die beiden den offenbar ziemlich dümmlichen Herzog sogar davon zu überzeugen versucht, dass er selber zum Kaiser bestimmt sei, indem sie ihm einen Kristall vor Augen hielten und dahinter ein goldenes Zepter stellten. Aber bevor Grumbach seinen Aufstand noch recht in Gang setzen konnte, vollstreckte der kaisertreue Albertiner Kurfürst August von Sachsen die Reichsexekution: Mit 4600 Reitern und 5000 Mann Fußvolk rückte er Ende 1566 vor Gotha und belagerte die Stadt – bis dort am 5. April 1567 das eingeschlossene Kriegsvolk meuterte, bald darauf die Tore geöffnet wurden und man mit Grumbach und seinem Anhang auch unseren armen Christian Brück dem Kurfürsten überantwortete. Den Gothaer Herzog brachte man zu lebenslanger kaiserlicher Haft nach Österreich. Mehrere Anführer der Grumbach’schen Truppe wurden enthauptet, die beiden Haupträdelsführer aber öffentlich gevierteilt.

In einer Vernehmung, die zunächst noch »güthlich«, also nicht unter der Folter vorgenommen wurde, hatte Brück behauptet, er habe seinen Herzog »zu keinem Ungehorsam wider Kais. Ma[jestä]t. verleitet, sundern zur unterthenigsten Abbittunge geraten«. Von Grumbachs aufständischem Vorhaben habe er nichts gewusst, hätte aber darauf gedrungen, dass der Geächtete aus Gotha »abgeschafft und hinweck gethan« würde. Mit den von ihm verfassten Schriften gegen den Kurfürsten und denen »wider den Kayser« sei er nur den Befehlen seines herzoglichen Herrn und Freundes gefolgt, habe sie aber möglichst »gelimpfflich« gehalten.[8]

Als dann der Ritter Grumbach, auf die Folterleiter gespannt, »Zeter über D. Brückenn geschrien« hatte, wurde der wieder hinzugeholt. Jetzt flehte er fußfällig, ihm das Leben zu schenken: ein Leibeigener des sächsischen Kurfürsten wolle er dann sein und bleiben. Sonst aber bäte er, mit dem Schwert hingerichtet, also von »gegenwärtiger tortur verschonet« zu werden. »Mann weis wohl«, wurde ihm entgegnet, »das ihr ein schwetzer seit, ewre redekunst gilt itzo nicht«. Wäre er in die Fußstapfen seines seligen Vaters, des Wittenberger Kanzlers Gregor Brück, getreten, der »ein ehrlich undt redlich mann gewesenn«, befände er sich nicht an diesem Ort! »Darauf Brück jemmerlichen zu weinenn undt zu klagenn angefangenn, undt inn deme vom scharfrichter auch zur Leiter geführet undt aufgetzogenn« wurde. Eine äußerst schmerzvolle Folterung war das, und diesem »peinlichen« Verhör wohnten neben anderen hochgeborenen Zeugen und zwei protokollierenden Notaren sogar der Kurfürst von Sachsen, der Herzog von Holstein und der Ernestiner-Herzog Johann Wilhelm bei – »ann einem tische, so umb undt umb mit einem grünen seidenenn vorhang umbdtzogenn gewesenn, daß man ihr keine sehenn könnenn«.[9]

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