Axel C. Hüntelmann

Paul Ehrlich

Paul Ehrlich, 1909. Photopostkarte. Paul Ehrlich sendet

»Herzliche grüße – A revoir« (Wellcome Library, London)

Axel C. Hüntelmann

Paul Ehrlich

Leben, Forschung, Ökonomien, Netzwerke

WALLSTEIN VERLAG

In memoriam

Margret Hüntelmann

(8. Juni 1936 – 14. März 2009)

Meiner Familie gewidmet:

Astrid, Burkhard, Roland und Wilhelm

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.wallstein-verlag.de

vom Verlag gesetzt aus der Adobe Garamond

Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf,

unter Verwendung einer Photographie von Paul Ehrlich,

»Das Illustrierte Blatt«, Titelbild, 29.8.1915


ISBN (Print) 978-3-8353-2119-9

ISBN (eBook, pdf) 978-3-8353-2120-5

ISBN (eBook, epub) 978-3-8353-2119-9

Inhalt

Teil I

Paul Ehrlich

1854 – 1915

Einleitung

Eltern, Kindheit, Schule, Studium (bis 1878)

Paul Ehrlich als Assistenzarzt an der Charité (1878-1885)

Krise, Krankheit, Umbruch – von der Klinik zum Labor (1885-1891)

Mitarbeiter am Institut für Infektionskrankheiten (1891-1896)

Direktor des Instituts für Serumforschung und Serumprüfung (1896-1899)

Direktor des Instituts für experimentelle Therapie (1899-1906)

Zauberkugeln – Höhepunkte eines Forscher-Lebens (1906-1913)

Bilanz eines Lebens

Teil II

Ökonomien und Netzwerke

Forschungspraxis, Arbeitsalltag, Arbeitsorganisation

Veränderungen der Arbeitsorganisation

Arbeitsrhythmen – Jahresrhythmus und Tagesablauf

Korrespondenz und Sonderdrucke

Administratives Organisationssystem – Kopierbücher und Blöcke

Die Bedeutung der Protokollbücher, dargestellt am Beispiel der Auseinandersetzung mit Wilhelm Röhl

Organisierte Forschungspraxis

Forschungspraxis und Ökonomien

Institutionelle Arbeitsteilung

Netzwerke und Ökonomien – Beziehungen zwischen Industrie, Staat und Wissenschaft

Das Netzwerk – eine Metapher, ein Konstrukt

Medizinalverwaltung und Ministerialbürokratie – Friedrich Althoff

Kollegen und Konkurrenten, Freunde und Feinde: Emil von Behring und Ludwig Brieger

Förderer und Mäzen – Ludwig Darmstaedter

Wirtschaft und Wissenschaft – Arthur von Weinberg

Mitarbeiter und Assistenten.

Familie – Freunde – Verwandte.

Internationale Verbindungen.

Multiplexe persönliche Netzwerke

Paul Ehrlich – Netzwerke und Stammbäume in einer ambivalenten Moderne

Widersprüche, Konflikte, Ambivalenzen – Gleichzeitigkeiten von Ungleichzeitigem

Dank

Abbildungen

Archivalien

Quellen

Literatur

Teil I 

Paul Ehrlich 
1854 – 1915

Einleitung

Daß es mir gelungen ist, zu einem günstigen Resultat zu gelangen, ist nicht allein mein Verdienst. Wie es im Fischereibetrieb dem, der die Fische eines breiten Flusses abfangen will, nur gelingt, einen Erfolg zu erzielen, wenn Netz an Netz gereiht und die letzte Ausgangspforte versperrt wird, so ist für den Experimentator eines weiten Gebietes das Gelingen von dem harmonischen Ineinandergreifen der Arbeit vieler abhängig (PE 1910, Vorwort).

Auf den ersten Seiten der Veröffentlichung »Die experimentelle Chemotherapie der Spirillosen« konkretisierte Paul Ehrlich die Bedeutung der von ihm angeführten Netzmetapher. Die Kooperation Ehrlichs mit seinen Mitarbeitern, die Vorstudien von Kollegen im In- und Ausland sowie die Förderung durch industrielle Partner habe den Erfolg der experimentellen Chemotherapie erst ermöglicht.

Die Netzmetapher wirft ein Schlaglicht auf die Arbeit von Paul Ehrlich. Das Netz ist ein Gefüge, eine Struktur oder eine Formation, »die zusammenhält, verbindet, ordnet und strukturiert« (Fangerau/Halling 2009a: 7). Das von Ehrlich skizzierte Bild des Netzwerkes verweist auf die Struktur seiner Forschung. Die lückenlose Aneinanderreihung von Netzen versinnbildlicht Ehrlichs systematische Vorgehensweise und die rationale Arbeitsteilung. Ferner nennt Ehrlich mit seinen Mitarbeitern, Kollegen, Förderern und industriellen Partnern die Gruppen in dem Netzwerk, die maßgeblich zum Gelingen der Arbeit beigetragen haben.

Netze und Netzwerke bezeichnet Hartmut Böhme als eine »Leitmetapher der Moderne« (Böhme 2004: 17). Die Metapher und deren Verwendung verweisen auf die Modernität der Ehrlich’schen Forschung und darauf, dass Ehrlich ein Wissenschaftler der Moderne par excellence war. Zur Veranschaulichung seiner Ideen und seiner Arbeit bediente sich Ehrlich zahlreicher Bilder und Metaphern: auf Parasiten zielende chemische Zauberkugeln, Seitenketten und Zellen mit Fangarmen, Krankheitserreger, die wie ein Schmetterling mit Nadeln fixiert wurden, und Arbeitsstrukturen wie engmaschige Netze, mittels derer man therapeutisch wirksame Präparate fischen konnte. Das in dem von Ehrlich geleiteten Institut entwickelte Präparat erwies sich als ›Jahrhundertfang‹ – um in der Metapher zu bleiben.

Die Veröffentlichung des Bandes »Die experimentelle Chemotherapie der Spirillosen« im Herbst 1910 erfolgte auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Ende Oktober 1910 erklärte Ehrlich die Phase der experimentellen Erprobung des Präparates »606« als abgeschlossen (Zirkular PE 25.10.1910, PEC 57/16), und im Dezember 1910 gab er das Heilmittel nach tausendfacher Erprobung für die Öffentlichkeit frei, damit es sich in der praktischen Anwendung bewähren könne (GA III Nr. 23: 319). Rechtzeitig war es den Farbwerken Höchst gelungen, das bislang als »Ehrlich-Hata-606« bekannte Präparat im industriellen Maßstab herzustellen und als »Salvarsan« erfolgreich zu vermarkten.

Mit dem Salvarsan hatte Ehrlich ein im Vergleich zu den langwierigen Quecksilber-Kuren relativ einfach zu verabreichendes Arzneimittel entwickelt, das nach Meinung der Zeitgenossen äußerst wirksam Syphilis heilte. Ehrlich hatte bereits 1908 den Nobelpreis für Medizin für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Immunologie erhalten, doch öffentliche Bekanntheit und internationale Berühmtheit erlangte er mit der Entwicklung des Salvarsans. Bereits 1910 wurde Ehrlich auf der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte als »Wohltäter der Menschheit« gefeiert (Neisser 1910).

Ehrlich war es mit der Entwicklung des Salvarsans gelungen, die praktische Relevanz der von ihm postulierten Seitenkettentheorie zu beweisen. Salvarsan gilt als das erste auf theoretischen Vorüberlegungen beruhende, systematisch entwickelte, spezifisch wirksame Therapeutikum. Dem Salvarsan sind bis heute zahllose Arzneimittel gefolgt. Insofern markiert das Salvarsan den Anfang der modernen Chemotherapie (Schadewaldt 2001) und einen Meilenstein bei der erfolgreichen Bekämpfung von Krankheiten (Mochmann/Köhler 1984; Müller-Jahncke u. a. 2005).

Bis zur Entwicklung des Salvarsans hatte Ehrlich auf verschiedensten lebenswissenschaftlichen Gebieten gearbeitet. Schon früh galt er als Kapazität auf dem Gebiet der Histologie und Farbenchemie. Bis zur Mitte der 1880er Jahre hatte er zahlreiche methodische und technische Neuerungen bei Verfahren zur Färbung von Bakterien und Gewebe eingeführt, um die Diagnose von Krankheiten sicherer zu gestalten. Darüber hinaus hatte Ehrlich zur Histologie und Pathologie des Blutes geforscht und hierzu ein maßgebliches Handbuch veröffentlicht (Ehrlich/Lazarus 1898). Überdies war er seit den 1890er Jahren an der Entwicklung, Wertbemessung und Standardisierung von Seren und Impfstoffen beteiligt, und mit der Seitenkettentheorie hatte er eine theoretische Diskussionsgrundlage zur Erklärung immunologischer Prozesse konzipiert. Nach der Jahrhundertwende engagierte sich Ehrlich einige Jahre in der experimentellen Krebsforschung. Zuletzt ist Ehrlichs Name untrennbar verbunden mit seinen Arbeiten zur Chemotherapie. Ehrlich gilt als ›Entdecker‹ der Mastzellen, als ›Mitbegründer‹ der Serumtherapie und als ›Schöpfer‹ der Chemotherapie (Löwe 1950; Satter 1963). Ehrlichs interdisziplinäre Arbeit veranlasste Fritz Sörgel zu der berechtigten Frage: »Welche Berufsbezeichnung wird Ehrlichs Wirken gerecht?« (Sörgel u. a. 2004a)

Die Liste der grob skizzierten Arbeiten mag hinreichend erklären, warum die preußische Ministerialbürokratie Ehrlich bereits Ende des 19. Jahrhunderts als »Zierde der Deutschen Wissenschaft« pries (Institutsakten 22/1) und warum Ehrlichs Bedeutung für die medizinische Wissenschaft mit derjenigen von Rudolf Virchow (1821-1902), Louis Pasteur (1822-1895) oder Robert Koch (1843-1910) verglichen wird.

Schon zu Ehrlichs Lebzeiten existierte die Idee, eine Biographie über ihn zu verfassen. In der Medizin wurde wie in nur wenigen Disziplinen der Habitus gepflegt, die eigenen Leistungen am Lebensabend biographisch zu verewigen (Gradmann 1998; 2003). Literarische Vorbilder gab es für Ehrlich zuhauf: Beispielsweise waren die Jugenderinnerungen seines früheren Freiburger Professors Adolf Kußmaul (1822-1902) 1899 erschienen, und der von Ehrlich hochverehrte ›Lehrer‹ Heinrich Wilhelm G. von Waldeyer-Hartz (1836-1921) schrieb bezugnehmend auf Kußmaul in den 1910er Jahren an seiner eigenen Biographie (Waldeyer 1921). Biographien fanden sich auch in Ehrlichs Bibliothek (Bibliotheksverzeichnis, PEC 2/5), wie diejenige von Svante Arrhenius (1859-1927) (Arrhenius 1913). Viele seiner Kollegen verfassten später ihre Memoiren wie Friedrich von Müller (1858-1941) (Müller 1953), Bernhard Naunyn (1839-1925) (Naunyn 1925) oder Carl Ludwig Schleich 1859-1919 (Schleich 1920). Geschrieben wurde die eigene Biographie am Ende des Lebens als Erinnerung, Rückblende, Selbstvergewisserung, um Rechenschaft über das eigene Leben und vor der Nachwelt abzulegen und vor allem um den Stolz auf die eigenen Leistungen den nachfolgenden Generationen in Erinnerung zu rufen. Zudem galt es, den eigenen Anteil am ›Fortschritt‹ und am Modernisierungsprozess darzustellen. Schrieb man nicht selbst, so schrieben andere: Schüler, Nachfolger, Angehörige, berufene Zeitgenossen (Klein 2009, Fetz 2009). Ehrlich selbst hatte an der Biographie seines Freundes und Cousins Carl Weigert (1845-1904) mitgewirkt und dessen Publika tionen für die »Gesammelten Werke« geordnet, ausgewählt und redigiert (Rieder 1906; GA III Nr. 47; Schriftwechsel zwischen PE und Robert Rieder sowie PE und Ludwig Weigert, 1905, PEC 24 Kopierbuch XVII).

Obwohl Ehrlichs Freunde wie Christian A. Herter (1865-1910) immer wieder Interesse an Ehrlichs biographischem Werdegang äußerten und ihn zur Abfassung seiner Memoiren ermunterten, verfolgte Ehrlich den Plan nur halbherzig. Um das Interesse der amerikanischen medizinischen Öffentlichkeit an der Person Ehrlichs zu stillen, hatten Christian A. Herter und Marguerite Marks, die Ehefrau von Ehrlichs Mitarbeiter Lewis Hart Marks, einen kurzen Aufsatz über Ehrlich verfasst (Herter 1910; Marks 1910). Arthur von Weinberg (1860-1943) verfasste zu Ehrlichs sechzigstem Geburtstag eine biographische Skizze über ihn.

Nach dem Tod von Paul Ehrlich nahm seine Witwe die Idee wieder auf, eine Biographie über ihren Ehemann schreiben zu lassen. Im Oktober 1915 kontaktierte sie Mitglieder der Familie Ehrlich, frühere Mitschüler, Jugend- und Studienfreunde, Kollegen und Assistenten ihres Mannes. In den Briefen bat sie um Informationen über Paul Ehrlich. Die von Hedwig Ehrlich (1864-1948) in Auftrag gegebene Biographie wurde allerdings nie geschrieben. Mehrere Familienmitglieder haben das Projekt, eine Biographie über Ehrlich und seine »Ahnen« zu schreiben, immer wieder neu aufgegriffen. Bis in die 1930er Jahre arbeitete sein Neffe Gerd Knoche an einer mehrere Generationen übergreifenden Familien-Biographie (Knoche 1936), und ebenso hat Felix Pinkus (1868-1947), ein Neffe von Hedwig Ehrlich, seine Erinnerungen an Paul Ehrlich verfasst (Erinnerungen Pinkus). Einen letzten Versuch, eine Biographie über ihren Großvater zu schreiben, unternahmen in den 1940er und 1950er Jahren Ehrlichs Enkel Hans-Wolfgang (1908-1987) und Günther (1910-1997) Schwerin (Notes on a biography on Paul Ehrlich PEC 59/1). Die gesammelten Erinnerungen, Erzählungen und Anekdoten bildeten neben spärlichen autobiographischen Aussagen Ehrlichs die Quellen, aus der die späteren Biographien über Paul Ehrlich schöpften.

Die ersten Biographien über Ehrlich wurden von Zeitzeugen verfasst, die ihn noch persönlich gekannt hatten. Als Erstes erschien 1922 in der Reihe »Meister der Heilkunde« die Biographie von Adolf Lazarus (1867-1925), einem früheren Assistenten Ehrlichs (Lazarus 1922). Zum siebzigsten Geburtstag von Paul Ehrlich erschien zwei Jahre später eine Bio-Ergographie, die von seiner Sekretärin Martha Marquardt verfasst worden war (Marquardt 1924), sowie eine biographische Würdigung von Wilhelm Kolle (1868-1935) und Hans Sachs (1877-1945) (Kolle/Sachs 1924), Ehrlichs Mitarbeiter und Nachfolger als Institutsdirektor. Zehn Jahre später hat Gerhard Venzmer (1893-1986) eine weitere Biographie über Paul Ehrlich geschrieben, der größtenteils Gespräche mit Hedwig Ehrlich zugrunde lagen und die auf dem privaten Quellenfundus basiert. Im nationalsozialistischen Deutschland fand die Publikation keinen Verlag, sie erschien erst 1948 auf dem deutschen Nachkriegsbuchmarkt (Venzmer 1948). In Japan hatte derweil Kiyoshi Shiga (1871-1951), ein früherer Assistent Ehrlichs, 1940 eine Biographie über ihn publiziert (Inhaltsverzeichnis, deutsche Übersetzung, Typoskript, PEC 59/1).

Die frühen Biographien, die neben dem Quellenfundus auf persönlichen Erinnerungen beruhten, und ebenso die späteren Biographien von Hans Löwe (1950), Walter Greiling (1954), Heinrich Satter (1963) und Ernst Bäumler (1979) reflektieren nicht oder nur ungenügend ihren eigenen Standpunkt und den Status der konstruierten Quellen.

Das Dilemma der unzureichenden Quellenkritik soll an der letzten von Ernst Bäumler verfassten Biographie verdeutlicht werden. Die Darstellung der persönlichen Wesenszüge von Paul Ehrlich, seiner Kindheit, Jugend und Studienzeit basiert auf den Biographien von Martha Marquardt oder Gerhard Venzmer. Die auf persönlichen Erinnerungen beruhenden Biographien von Adolf Lazarus und Martha Marquardt enthalten zahlreiche Fehler und Ungenauigkeiten, die von späteren Biographen fortgeschrieben wurden. Mitder Übernahme von Informationen wurde auch deren Tendenz übernommen. Alle späteren Autoren schreiben eine retrospektive Biographie, d. h., ihr Ausgangspunkt ist der Nobelpreisträger und »Schöpfer der Chemotherapie« Paul Ehrlich, verzerrt durch die subjektivpersönliche Perspektive seiner Sekretärin Marquardt, seines Schülers Lazarus und nicht zuletzt seiner Ehefrau Hedwig. Alle Informationen werden auf den Ausgangs- bzw. Endpunkt des erfolgreichen Forschers hin zugeschrieben: Konflikte und Krisen umgedeutet sowie Um- und Irrwege begradigt.

Die überbordende Fülle seiner Tätigkeiten und die Einzigartigkeit der Forschungsleistung haben Zeitgenossen Ehrlichs und seine Biographen dazu veranlasst, das Bild eines genialen Übermenschen, eines Heroen und Heiligen der Wissenschaft zu zeichnen, dessen Genius sich schon früh abzuzeichnen begann und seiner Entfaltung und Vollendung harrte. Ein weiterer Topos in den bisherigen Biographien ist die Charakterisierung Ehrlichs als selbstvergessener, kindlicher Professor, der fern irdischer Interessen in seinem Laboratorium zahllose Experimente ausführt, um die wissenschaftliche Wahrheit zu ergründen und der leidenden Menschheit Heilung zu bringen.

Beide Narrative sind eher Fiktion, als dass sie das Leben und den Alltag von Paul Ehrlich spiegeln, der wesentlich in der Organisation von Wissen und Literatur bestand sowie der Verwaltung einer arbeitsteilig organisierten wissenschaftlichen Kooperation. Im zweiten Teil der vorliegenden Biographie werde ich der Frage nachgehen, wie es Ehrlich überhaupt möglich war, zwei Institute zu leiten, kontinuierlich mit Vertretern der chemischen Industrie und wissenschaftlichen Kollegen zu kommunizieren und in unterschiedlichsten lebenswissenschaftlichen Bereichen wie der Histologie, Hämatologie, Immunologie und Serologie zu forschen, mit der Chemotherapie einen neuen Forschungszweig zu begründen und sich in der Krebsforschung zu engagieren. In der vorliegenden Biographie werden erstens der Lebenweg von Paul Ehrlich und seine wissenschaftliche Arbeit dargestellt. Zweitens konzentriert sich die Biographie auf die institutionellen und strukturellen Rahmenbedingung seiner Arbeit unter der Annahme, dass das umfangreiche und transdisziplinäre Werk von Ehrlich die Installation eines Netzwerkes und standardisierte Verfahren der Kommunikation, Kooperation und Organisation bedingte, wobei Ehrlich den zentralen Verknüpfungspunkt darstellte.

Die Biographie basiert auf umfangreichen Archivrecherchen und den wissenschaftlichen Publikationen Ehrlichs. Zu seinem sechzigsten Geburtstag hatten Schüler, Mitarbeiter und Freunde eine Festschrift herausgegeben, die einen Überblick über Ehrlichs wissenschaftliches Schaffenswerk gibt. Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre erschienen in mehreren Bänden die »Gesammelten Arbeiten« (GA I-III) von Paul Ehrlich. Ein geplanter vierter Band mit seiner Korrespondenz ist allerdings nie erschienen (Silverstein 2002b). Das von Hedwig Ehrlich zusammengetragene Material über Ehrlichs Kindheit und Jugend und andere persönliche Informationen werden unter der Annahme herangezogen, dass es sich um Quellen handelt, die aus der Erinnerung lange nach dem jeweiligen Ereignis verfasst wurden.

Die Grundlage der Biographie bildet der persönliche Nachlass Ehrlichs im Rockefeller Archive Center in Tarrytown, der erstmals in toto für eine Ehrlich-Biographie ausgewertet wurde. Die Paul Ehrlich Collection enthält Briefe von unterschiedlichen Absendern an Ehrlich sowie die Kopierbücher der ausgehenden Institutsbriefe (ausführlich S. 238-246). Darüber hinaus wurden Schriftwechsel und Akten aus dem Emil-von-Behring-Archiv (Marburg), dem Bundesarchiv (Berlin-Lichterfelde), dem Geheimen Staatsarchiv (Berlin-Dahlem), dem Paul-Ehrlich-Institut (Langen), dem Stadtarchiv Frankfurt, dem Institut Pasteur (Paris) und der »Sammlung Darmstaedter« und dem Nachlass Erich Wernickes in der Berliner Staatsbibliothek ausgewertet. Darüber hinaus konnte ich den Nachlass von Ernst Bäumler im Medizinhistorischen Museum in Berlin sichten, der in Kopie den Schriftwechsel zwischen Paul Ehrlich und seinem Neffen Franz Sachs enthält, der sich im Original im Leo Baeck Institute in New York befindet. Weiterhin enthält der Nachlass Bäumlers zahlreiche Schriftwechsel zwischen Ehrlich und den Farbwerken vorm. Meister Lucius & Brüning AG in Höchst (Firmenname seit 1880, zu Höchst siehe Bäumler 1989, nachfolgend bezeichnet als Farbwerke Höchst). Die Korrespondenz zwischen Ehrlich und den Farbwerken Höchst liegt auszugsweise in einer Quellenedition vor (Dokumente aus Höchster Archiven), so dass mittelbar auch Archivbestände der Farbwerke Höchst berücksichtigt wurden.

Das Spektrum von Ehrlichs Arbeiten umfasst verschiedene Aspekte zur Geschichte der Chemie und der Pharmazie, der Lebenswissenschaften wie der Bakteriologie, Histologie, Krebsforschung, Immunologie, Serologie sowie zur Geschichte der Juden im deutschen Kaiserreich oder zur Geschichte des Bürgertums. Die Biographie Ehrlichs bildet auch einen Aspekt deutscher (Wissenschafts-)Geschichte ab (Szöllösi-Janze 2000). Aufgrund der Themenvielfalt können nicht alle Facetten seiner Arbeit gleichgewichtig dargestellt werden. Zur besseren Lesbarkeit wurde auf Fußnoten und die Diskussion der Forschungsliteratur verzichtet, da die Biographie sonst wesentlich umfangreicher geworden wäre. Die Literaturangaben im Text verstehen sich, soweit es sich nicht um Belegstellen handelt, um Hinweise zu weitergehender und ergänzender Literatur. Die Kurztitel und Quellenangaben werden in den entsprechenden Verzeichnissen im Anhang ausführlich aufgelöst. Bei Zitaten aus den Briefen Ehrlichs wurde auf eine Angleichung an die moderne Rechtschreibung verzichtet, vor allem um die Besonderheit von Ehrlichs Orthographie zu würdigen und auch um die Authenzität zu wahren. Fehlerhafte Hinweise wurden nur dann kenntlich gemacht, wenn es sich m. E. um sachliche Fehler oder um Flüchtigkeitsfehler handelt.

Die Abbildungen zeigen überwiegend Photographien von Paul Ehrlich, seiner Familie und seiner Wohn- und Arbeitsumgebung. Auf die bekannten Abbildungen von Ehrlichs Zeitgenossen, wie sie in den Biographien von Martha Marquardt und Ernst Bäumler zu finden sind, wurde verzichtet. Die Abbildungen sollen Ehrlichs Lebensweg illustrieren und die körperlichen Veränderungen im Laufe seines arbeitsreichen Lebens zeigen. Im zweiten Teil wurden solche Bilder ausgewählt, die die beschriebenen Prozesse veranschaulichen.

Diese Biographie gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil wird chronologisch Ehrlichs Leben dargestellt. Sein Leben beinhaltete nicht nur Arbeit und Wissenschaft, sondern auch privates Leid und Glück. Um deutlich zu machen, dass der Ehemann, Vater, Verwandte und Freund Paul Ehrlich die gleiche Person ist wie der Wissenschaftler und Institutsdirektor; und dass berufliche Schwierigkeiten sich ebenso auf das Privatleben auswirkten, wie der private Alltag Konsequenzen für das Berufsleben hatte, wurde versucht, beide Aspekte zu schildern und die Perspektive dort zu wechseln, wo sich in den Quellen die Gelegenheit hierzu eröffnet. Dieser Perspektivenwechsel findet sich auch in Ehrlichs Briefen wieder: In Briefen an den Ministerialdirektor im Kultusministerium, Friedrich Althoff (1839-1908), oder an wissenschaftliche Kollegen wechselte Ehrlich übergangslos von fachlichen Themen und institutionellen Problemen zu privaten Anekdoten und Berichten über seinen Gesundheitszustand. Privatleben, wissenschaftliche Arbeit und institutionelle Organisation waren untrennbar miteinander verbunden und an strukturelle Rahmenbedingungen geknüpft. Weiterhin werden die verschiedenen Arbeiten nicht getrennt voneinander dargestellt, sondern deren Verwobenheit und wechselseitige Bezugnahme nachgezeichnet. Die Parallelität, die Gleichzeitigkeit verschiedener Arbeiten, die sich gegenseitig bedingen und voneinander ableiten, wird deutlich bei den Untersuchungen zur Pathologie des Blutes, zur klinischen Erprobung des Tuberkulins, zur Farbtherapie des Methylenblaus und zur Entwicklung des Diphtherieserums zu Beginn der 1890er Jahre.

In dem auf die Einleitung folgenden Kapitel werden Ehrlichs Elternhaus, seine Kindheit und Schulzeit in Schlesien, sein Medizinstudium in Breslau, Straßburg, Freiburg und seine Promotion 1878 in Leipzig geschildert. Nach seinem Studium arbeitete Paul Ehrlich als Assistent und Oberarzt an der Charité in Berlin. In diesem annähernd zehn Jahre währenden Zeitraum lag der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit – neben der klinischen Tätigkeit – auf dem Gebiet der Histologie, Hämatologie und Farbenchemie. Nach beruflicher Krise, Krankheit und einem längeren Erholungsaufenthalt in Ägypten Ende der 1880er Jahre fand Paul Ehrlich im neu gegründeten Institut für Infektionskrankheiten Unterkunft, wo er sich besonders immunologischen Fragestellungen zuwandte. Institutionell manifestierte sich das neue Arbeitsfeld der Immunologie und Serumtherapie 1896 mit der Gründung des Instituts für Serumforschung und Serumprüfung, dessen Direktor Ehrlich wurde. Eine neue Wendung erfuhr sein Arbeitsgebiet Ende des Jahrhunderts mit der Verlegung des Instituts nach Frankfurt am Main. Im umbenannten Institut für experimentelle Therapie bildete die Serumforschung und -regulation nur einen Aspekt des Aufgabenfeldes. Seit der Jahrhundertwende beschäftigte sich Ehrlich zunehmend mit Fragen der experimentellen Therapie, der therapeutischen Verwendung von Farbstoffen und chemischen Substanzen. Mit der Entwicklung des Salvarsans feierte Ehrlich seinen größten Erfolg. Im letzten Kapitel des ersten Teils werden die letzten Jahre seines Lebens geschildert.

Im zweiten Teil der Biographie soll nach der Forschungsorganisation und -praxis Ehrlichs gefragt und losgelöst von der chronologischen Entwicklung sollen bestimmte Charakteristika seiner wissenschaftlichen Arbeit und seiner Forschungsorganisation analysiert und aufgezeigt werden. Weitestgehend wurde versucht, auf Wiederholungen zu verzichten, doch ließen sich Redundanzen nicht immer vermeiden.

In je einem Kapitel werden die Forschungspraxis, der Arbeitsalltag und die Arbeitsorganisation rekonstruiert, um die Bedingungen zu benennen, unter denen es Ehrlich möglich war, zwei Institute zu leiten und gleichzeitig auf dem Gebiet der Chemotherapie, der Bekämpfung der Krebserkrankung und der Immunologie zu forschen. Eine Voraussetzung waren die eng miteinander verwobenen Beziehungsnetze. Die zahlreichen Verbindungen zur Ministerialbürokratie, zur Industrie und zu Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen aus dem In- und Ausland und die Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeitern werden in einem weiteren Kapitel untersucht. Abschließend soll die Bedeutung der Netzwerke für Ehrlich beurteilt werden. Im Resüme werden die Faktoren seines Erfolges kurz zusammengefasst. Es sollen die Lebensleistung gewürdigt, die Widersprüche und Paradoxien in Ehrlichs Leben skizziert und als Ambivalenzen der Moderne interpretiert werden.

Eltern, Kindheit, Schule, Studium (bis 1878)

In zahlreichen Biographien bekannter Persönlichkeiten werden Kindheit und Jugend meist nur vage beschrieben und sind gekennzeichnet von Mythen und ungenauen Mutmaßungen. Dies mag aus der Schwierigkeit resultieren, dass Biographien ex post geschrieben werden. Sofern die zu untersuchende Person nicht aus einer besonderen Familien stammt, wo die Dokumentation dieser frühen Lebensphase üblich ist, bleibt man auf Beschreibungen angewiesen, die retrospektiv Charaktereigenschaften der erwachsenen Person auf die Kindheit übertragen. Dies ist bei Paul Ehrlich nicht viel anders. Die Beschreibungen von Paul Ehrlichs Kindheit und Jugend beziehen sich in den vorhandenen Biographien nur auf wenige Daten, größtenteils auf Anekdoten und teilweise auf Ego-Dokumente, die von Paul Ehrlich nach 1900 selbst verfasst wurden, beispielsweise anlässlich der Feier zur Nobelpreis-Verleihung oder zu seinem sechzigsten Geburtstag. Zudem hat seine Witwe Hedwig Ehrlich und der von ihr autorisierte unbekannte Biograph nach dem Tod ihres Mannes Anfragen an frühere Freunde, Schulkameraden und Weggefährten aus der Jugendzeit bezüglich Erinnerungen über Paul Ehrlich gerichtet, die darauf abzielten, inwieweit Ehrlich nicht bereits in seiner Kindheit und Jugend eine besondere Affinität zu chemischen Experimenten gehabt habe (PEC 51/10 und PEC 60/11; Hüntelmann 2011). Die Quellen, die diese frühe Lebensphase dokumentieren, bedürfen daher einer besonders vorsichtigen Interpretation und Kontextualisierung.

Paul Ehrlich wurde am 14. März 1854 in Strehlen als zweites Kind von Ismar und Rosa Ehrlich geboren. Die an der Ohle, einem Nebenfluss der Oder, gelegene Kreisstadt in Niederschlesien zählte Mitte des Jahrhunderts ungefähr fünftausend Einwohner. Die Gegend um Strehlen mit ihrem fruchtbaren Boden, der hügeligen Landschaft und ausgedehnten Wäldern war ländlich und landwirtschaftlich geprägt trotz der Nähe zum vierzig Kilometer weiter nördlich gelegenen Breslau, der Hauptstadt der preußischen Provinz Schlesien. In Strehlen residierten Behörden der Kreisverwaltung und das Amts gericht, außerdem hatten sich in der Stadt einige größere Gewerbebetriebe wie eine Zuckerfabrik und eine Ziegelbrennerei angesiedelt. Weithin bekannt war Strehlen für die größten Granitsteinbrüche in Europa, in denen zahlreiche Menschen Beschäftigung fanden (Hoffmann 1965; Bäumler 1979). Die Ehrlichs wohnten in der zweiten Generation in Strehlen. Heymann Ehrlich (1784-1875), Pauls Großvater väterlicherseits, war zwar in Michelwitz bei Brieg geboren, jedoch zog er in frühen Jahren nach Strehlen, wo er mit Caroline Leubuscher (1793-1862) verheirat war. Die Familie von Pauls Mutter Rosa Ehrlich (1826-1909), die Tochter von Abraham Weigert (1785-1868) und Rosa Cohn (1791-1866), kam aus Rosenberg, einer weiter östlich gelegenen Kleinstadt in Oberschlesien. Alle Vorfahren mütterlicher- und väter licherseits hatten seit mehreren Generationen in Schlesien gelebt: in Zülz bei Neustadt, Bischdorf in der Nähe von Rosenberg, Münsterberg oder Brieg (Stammbaum PFC 2/28; Knoche 1936).

Paul entstammte einer Familie von Destillateuren und Schankwirten. Sein Vater Ismar Ehrlich (1818-1898) betrieb eine kleine Likörfabrik in Strehlen. Absatz fanden die Getränke in der Gaststätte »Krug zum Rautenkranz«, die vornehmlich von der Mutter geführt wurde (Marquardt 1951: 2). Des Weiteren erzielte der Vater Einkünfte als Lotterie-Einnehmer (Zeugnis PEC 2/1). Bereits Pauls Großväter waren Gastwirte, Bierbrauer und Destillateure gewesen. Darüber hinaus waren sie zeitweise auch als Getreidehändler tätig, und Abraham Weigert hatte seinen Lebensunterhalt zuweilen als Pottasche-Sieder und Tuchmacher bestritten (Knoche 1936; Bäumler 1979: 29).

Die Familie Ehrlich war jüdischen Glaubens. Der Beruf des Branntweinbrenners und Schankpächters wurden von Juden im osteuropäischen Raum und den östlichen Teilen Schlesiens oft ergriffen (Lowenstein 2003: 171), weil ihnen viele andere berufliche Tätigkeiten verschlossen geblieben waren (Knoche 1936). So vergegenwärtigte Abraham Weigert am Ende seines Lebens die Schwierigkeiten, denen seine Familie im Laufe der Zeit ausgesetzt war (Erinnerungen Abraham Weigert PEC 51/16). Der Rückblick dokumentiert skizzenhaft die Geschichte der Familie Weigert. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war das Leben der jüdischen Familie überschattet von existentiellen Nöten, allgemeiner Unsicherheit, Schicksalsschlägen, beengten Wohnverhältnissen sowie Berufs- und Wohnortwechsel.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts verbesserte sich die Situation der schlesischen bzw. der preußischen Juden allmählich. Diese Veränderungen sind einzubetten in den soziokul turellen Kontext der Aufklärung und den Aufstieg des Bürgertums, der wirtschaftlichen Liberalisierung und Industrialisierung, der demographischen Umwälzung und der Auflösung der Ständeordnung. Die Transformation der preußischen Juden ereignete sich im Rahmen des einsetzenden Modernisierungsprozesses. Die Verbesserung der politischen Lage der preußischen Juden wurde eingeleitet durch die schrittweise staatsrechtliche Gleichstellung. Mit der unter napoleonischer Besatzung erlassenen Städteordnung von 1808 erhielten die in einer Ortschaft ansässigen Juden die gleichen Bürgerrechte und -pflichten zugesprochen wie ihre christlichen Nachbarn, und vier Jahre später wurden mit dem sogenannten Emanzipationsedikt alle im Landesterritorium lebenden Juden zu preußischen Staatsbürgern erklärt. Die Juden waren nunmehr im Wesentlichen allen anderen preußischen Bürgern gleichgestellt. Allerdings war von den staatsbürgerlichen Privilegien die Möglichkeit ausgenommen, eine akademische Karriere oder die Beamten- und Offizierslaufbahn einzuschlagen. Folglich blieb den jüdischen Bürgern als gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeit in erster Linie die Betätigung in der Wirtschaft (Sorkin 1987; Volkov 1994b; Maser 1999; Reinke 2007; Lässig 2004).

Die Bedeutung des Begriffs der Emanzipation beschränkte sich nicht nur auf formale Aspekte wie die rechtliche Gleichstellung der Juden, sondern sie beinhaltete überdies die soziale Integration der Juden in die nichtjüdische Gesellschaft. Die Diskussion, wie die Eingliederung der Juden in die deutsche Gesellschaft verwirklicht werden könne, wurde jahrzehntelang von Juden und Andersgläubigen öffentlich kontrovers geführt und prägte das sogenannte Zeitalter der Emanzipation zwischen 1780 und 1870. Die de jure Gleichstellung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Benachteiligung und Ausgrenzung jüdischer Mitbürger bis Mitte des 19. Jahrhunderts vorherrschende Praxis blieb. Die Gleichstellung der Juden erfolgte nicht auf einem geraden Pfad, sondern über Umwege und Rückschritte. Shulamit Volkov spricht von einem Zickzackkurs der rechtlichen Gleichstellung (Volkov 1994a: 17; 1994b).

In der Diskussion über die gesellschaftliche Integration der Juden war der Begriff der Emanzipation eng verbunden mit dem zeitgenössischen Terminus »Assimilation«. Hierunter wurde die Öffnung der Juden gegenüber der deutschen Gesellschaft verstanden sowie ihr Bemühen, dieser Gesellschaft anzugehören. Die Adaption soziokultureller Werte außerhalb der jüdischen Gemeinschaft und die Übernahme von Normen der bürgerlichen Lebensführung wird heute als Akkulturation bezeichnet, um die aktive Herausbildung entsprechender Lebensformen und die aus diesen Adaptionsprozessen resultierenden Rückwirkungen auf die deutsche Gesellschaft hervorzuheben. Andererseits warf die Akkulturation innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland auch Fragen nach dem jüdischen Selbstverständnis auf, und die gesellschaftliche Integration konnte zum Aufgeben jüdischer Tradition und zur Auflösung religiössozialer Gemeinschaften führen (Vol kov 1994a; Brenner u. a. 2000; Reinke 2007: 3; Lässig 2004).

Die unter den Begriffen Emanzipation und Akkulturation zusammengefassten gesellschaftlichen Entwicklungen bildeten den Hintergrund, vor dem die Weigerts aus bescheidenen Verhältnissen zur schlesischen Oberschicht aufstiegen und zu Wohlstand und Ansehen gelangten. Die von Till van Rahden in seiner Untersuchung über die Breslauer Juden getroffene Aussage gilt exemplarisch für die Familie Weigert. »Am Anfang steht eine eindrucksvolle Aufstiegsgeschichte aus Armut und Randständigkeit« (Rahden 2000: 42). Die sich mit der rechtlichen Gleichstellung bietenden Chancen und Vorteile wusste die Familie Weigert auszunutzen. In seinen Erinnerungen resümierte Abraham Weigert stolz, dass seine Familie sich in der feindlich gesinnten Umwelt dank ihrer weitverzweigten Netzwerke und aufgrund ihres kaufmännischen Geschicks erfolgreich behaupten konnte (Erinnerungen Abraham Weigert PEC 51/16). Eine Generation später setzte Abrahams Sohn Hermann Elias Weigert (1819-1908) die Familiensaga fort. Trotz materieller Nöte und bescheidener Lebensverhältnisse wurde ihm und seinem älteren Bruder Salomon in den 1820er und 1830er Jahren der Besuch des Gymnasiums ermöglicht. Hermann Elias Weigert reiste 1830 noch mit einem Leiterwagen – der billigsten Fahrgelegenheit – von Rosenberg in das 14 Meilen entfernte Breslau. Die unerquickliche Reise zwischen Fässern und Säcken dauerte in der Regel vier Tage. In Breslau wurde er als Schüler des evangelischen Elisabeth-Gymnasiums an wechselnden »Tischen« der Verwandtschaft verköstigt, die Familie schickte gelegentlich Pakete mit Brot und Butter, und im Herbst ernährte sich Hermann Elias Weigert von Feldfrüchten und Rüben, die er auf den vor der Stadt liegenden Feldern sammelte. Zudem erhielt er ein kleines monatliches Stipendium von wohltätigen Glaubensgenossen. Nach Abschluss der Schule waren Salomon und Hermann Elias Weigert in Berlin und in ihrer schlesischen Heimat im Textilge-werbe tätig (Weigert 1895/1976). Die Brüder waren Neuerungen gegenüber auf geschlossen und sozial mobil (Richarz 1975). Hermann Elias Weigert arbeitete in Frankreich und England, um sich dort technische Kenntnisse und besondere Fertigkeiten bei der automatisierten Herstellung von Stoffen anzueignen und seine Sprachkenntnisse fortzubilden. Die Unternehmen, an denen die Brüder Weigert beteiligt waren, stiegen nach anfänglichen Schwierigkeiten in den 1840er Jahren zu führenden Herstellern von Textilien auf. Salomon Weigert wurde 1851 zum Kommerzienrat und zum preu-ßischen Ausstellungskommissar für die Weltausstellung in London ernannt. Sein Bruder Hermann Elias Weigert löste im Alter von fünfzig Jahren 1869 sein Unternehmen auf, um in Berlin von den Zinsen seines erwirtschafteten Vermögens zu leben (Weigert 1895/1976). In den Lebenserinnerungen zeichnen Vater und Sohn das Bild ihres sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs. Der Erfolg gründete auf Erfahrungen im Handel, regionale Familiennetze, eine hohe Risikobereitschaft und die Fähigkeit, auf ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen flexibel zu reagieren; Eigenschaften, die sich die jüdische Bevölkerung als gesellschaftlich ausgegrenzte Minderheit aneignen musste, um unter eingeschränkten Bedingungen ihre Subsistenz zu sichern. Während des Modernisierungsprozesses erwiesen sich diese Erfahrungen als Vorteil. Die Familiengeschichten von Abraham und Hermann Elias Weigert können implizit auch als Selbstvergewisserung und als stolze Lebensbilanz sowie als Rückblick auf eine gelungene Akkulturation interpretiert werden, denn die Weigerts gehörten Mitte des 19. Jahrhunderts nach den Erinnerungen von Felix Pinkus, einem Neffen von Paul Ehrlich, zu den angesehensten jüdischen Familien Norddeutschlands (Erinnerung Felix Pinkus: 8). Abraham Weigerts Tochter Rosa wird Anfang der 1850er Jahre eine »gute Partie« und die Mitgift für den Bräutigam beträchtlich gewesen sein. Ihr Bruder Hermann Elias hatte bei seiner Vermählung 1853 eine Mitgift von achttausend Talern erhalten (Weigert 1895/1976: 331; Lowenstein 2003: 186).

Einen ähnlichen sozialen Aufstieg und Verbürgerlichungsprozess wird die Familie Ehrlich erlebt haben. Mit dem Emanzipationsedikt hatte 1812 auch der in Strehlen lebende Heymann Ehrlich die bürgerlichen Rechte erworben (Moses 1995: 67). Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte es seine Familie zu einem beachtlichen Wohlstand gebracht. Im März 1916 erinnerte sich Alfred Neumann (1865-1920, in seiner Kindheit lebte die verwandte Familie Neumann in unmittelbarer Nachbarschaft zur Familie Ehrlich), dass diese zu den wohlhabendsten des Ortes gehörte (Neumann PEC 51/7). Sowohl das kommerzielle Brennen von Alkohol als auch die Vergabe von Lotterie-Konzessionen wurde nur vertrauenswürdigen Personen übertragen, denn beide Tätigkeiten waren mit der Verwaltung und Abführung staatlicher Gelder verbunden. Für die Konzession zur Produktion von Alkohol waren bedingt durch das staatliche Brannt weinmonopol entsprechende Taxen zu entrichten, und Juden waren geschätzt wegen ihrer Bereitschaft, als Pächter von Zöllen, Ak zisen, Brauereien und Brennereien zukünftig zu entrichtende Abgaben vorzustrecken (Moses 1995: 64). Die treuhänderische Verwaltung staatlicher Gelder mag einer der Gründe gewesen sein, dass die angesehene Familie Ehrlich in Strehlen, »wo ein eigentliches Bankgeschäft nicht vorhanden war, in Geldangelegenheiten die Berater, nicht nur der Bürger Strehlen’s, sondern auch der Gutsbesitzer des Kreises und der weiteren Umgebung waren« (Neumann PEC 51/7).

Die Familie Ehrlich pflegte gute Kontakte zu dem geistig gebildeten Landadel (Neumann PEC 51/7). Die Anekdoten über Heymann Ehrlichs geistes- und naturwissenschaftliche Neigungen, seine populärwissenschaftlichen Vorträge und die umfangreiche Hausbibliothek (Venzmer 1948; Marquardt 1951) verweisen im Kontext der Akkulturation auf den Verbürgerlichungsprozess der Familie und die Aneignung von sozialem und kulturellem Kapital (Lässig 2004). Man kann darüber spekulieren, inwieweit die Wahl des Vornamens die Integrationsbestrebungen der Familie Ehrlich belegen: Hatten die Eltern, Großeltern und frühere Generationen noch traditionell jüdische Namen wie Leib, Simon (Ehrlich 1750-1853) und Itzig (Brüder von Heymann, Familienstammbaum PFC B 2/28), Abraham (Weigert), Heymann oder Ismar, so wählten Rosa und Ismar Ehrlich für ihren Sohn den christlichrömischen und in den deutschen Gebieten gebräuchlichen Vornamen »Paul«.

Die Ehrlichs wohnte in einem weitläufigen Haus mit Hof und Ställen nahe der alten Stadtmauer am »Ring« in der »besten Lage« der Stadt (Venzmer 1948: 7, 11). In dieser bürgerlich behüteten und wirtschaftlich abgesicherten Umgebung verbrachte Paul Ehrlich seine Kindheit, als einziger Sohn von der Mutter abgöttisch geliebt und vom Großvater verwöhnt und gefördert. »Für die Entwicklung eines jungen Menschen von der Veranlagung und dem Temperament« von Paul Ehrlich war das familiäre Umfeld denkbar günstig (Neumann PEC 51/7). Im Abstand weniger Jahre folgten auf Bertha (1852-1911, verheiratete Sachs) und den Knaben Paul weitere Schwestern: 1857 wurde Anna († 1941, verheiratete Knoche), 1861 Elise († 1925, verheiratete Lobethal) und 1864 die jüngste Schwester Clara (verheiratete Redlich) geboren.

Das Ansehen, das die Familie Ehrlich in Strehlen genoss, lässt sich auch daraus ableiten, dass Ismar Ehrlich Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde war, die ungefähr 130 Mitglieder zählte (Bäumler 1979: 29). Es kann daher angenommen werden, dass der Sabbat und die jüdischen Festtage im Hause Ehrlich gefeiert und Paul und seine Schwestern religiös erzogen wurden.

In Strehlen besuchte Paul Ehrlich die Volksschule, und da es in der Kleinstadt keine höhere Bildungsanstalt gab, wurde er im Oktober 1864 im Alter von zehn Jahren in Breslau im angesehenen Maria-Magdalenen-Gymnasium eingeschult. Wie bei Pauls Onkel Hermann Elias und seinem Vetter Carl Weigert sollte eine höhere Schulbildung die besten Voraussetzungen für seine Zukunft schaffen. Im Rahmen der Akkulturationsbestrebungen war der Anteil jüdischer Schüler an höheren Schulen überproportional hoch. 1866 waren in Schlesien 14 Prozent der Gymnasiasten jüdischen Glaubens (Schatzker 1988: 77 f.). Im Unterschied hierzu betrug der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung ungefähr ein Prozent (Kaplan 2003: 227). In Breslau kamen Anfang der 1870er Jahre mehr als ein Viertel aller Gymna siasten aus jüdischen Familien und an den Breslauer »Eliteschulen«, insbesondere dem Maria-Mag dalenen-Gymnasium, war der jüdische Schüleranteil besonders hoch. Die Breslauer Gymnasien waren sozial exklusiv, und die Schüler stammten wie Paul überwiegend aus einem bürgerlichen Elternhaus (Rahden 2000: 179-193). Paul wurde in einer Pension untergebracht – was nicht unüblich war für Kinder aus der Provinz, wenn sie in der nächstgrößeren Stadt eine höhere Schule besuchten (Lowenstein 2003: 164 f.; Schatzker 1988: 75-82). Paul Ehrlich war der erste und zeitweilig einzige Pensionsgast, den der Privatgelehrte Professor Munck in seinem Haus aufnahm. Dort erhielt Paul neben dem Stiefsohn Heinrich Rosin (1855-1927) Nachhilfeunterricht, wurde verköstigt und auch erzogen (Rosin PEC 51/10).

Zusammen mit Heinrich Rosin besuchte Paul das Magdalenaeum. Als Kind war Paul Ehrlich in sich gekehrt und von ernstem Charakter. Ehemalige Klassenkameraden erinnerten sich an Paul Ehrlich nach dessen Tod übereinstimmend als stillen, zurückhaltenden und umgänglichen Mitschüler, der fleißig war und meist in den vordersten Reihen saß. Der Direktor des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg Max Grube (1854-1934) hatte 1917 beim Schreiben seiner Erinnerungen an Ehrlich ein lebhaftes Bild im Gedächtnis (Noack, Grube PEC 60/11): Das Bild eines kleinen, schmächtigen Jungen mit rot gewelltem Haar entspricht auch der Photographie, die Heinrich Rosin seinen Erinnerungen an Hedwig Ehrlich zum Andenken beigefügt hatte (Heinrich Rosin an HE, 4.12.1915, PEC 51/10).

Paul Ehrlich mit seiner älteren Schwester Bertha (RAC)

Paul Ehrlich als Schüler. Wahrscheinlich handelt es sich um das »Knabenbildnis von Paul«, das Heinrich Rosin im Dezember 1915 an Hedwig Ehrlich gesandt hat (RAC).

Ismar und Rosa Ehrlich, vermutlich das Hochzeitsbild, Anfang 1850er Jahre (RAC)

Heymann Ehrlich, vermutlich anlässlich der Hochzeit von Ismar und Rosa Ehrlich, Anfang 1850er Jahre (RAC)

Das Wohnzimmer der Familie Ehrlich, ca. 1870er bzw. 1880er Jahre. Rechts über dem Sessel hängt das in Marquardt 1951 und Bäumler 1979 abgedruckte Bild des hochbetagten Heymann Ehrlich (RAC).

Der Unterricht war für Schüler aller Konfessionen, abgesehen vom Religionsunterricht, gleich. Paul selbst hat rückblickend die »Schule immer als drückende Last empfunden« (PE an Christian Herter, 10.7.1909, PEC 1/17). Jüdische Schüler mussten an öffentlichen bzw. allgemeinen Schulen oftmals Demütigungen, antisemitische Beleidigungen und Zurückweisung seitens der Lehrer oder ihrer Mitschüler erdulden, von denen zahlreiche biographische Äußerungen aus dem Leo Baeck Institut zeugen (Schatzker 1988: 39-49, 71-89; Lowenstein 2003: 164 f.). Ehrlich hat sich über solche Schmähungen nie geäußert oder beklagt. Sein angepasstes, vorbildliches Verhalten entspricht jedoch dem Verhalten, das ähnlich von anderen jüdischen Biographen über ihre Schulzeit geschildert wird. Um Spott seitens der Mitschüler oder Tadel seitens der Lehrer zu entgehen, habe man sich möglichst unauffällig verhalten. Solche negativen Erfahrungen und die konservative, autoritäre Erziehung könnten eine Erklärung liefern, warum Ehrlich die Schule als drückende Last empfand.

Auf dem Gymnasium schloss Ehrlich allerdings auch zahlreiche Freundschaften, unter anderem mit Oscar Langendorff (1853-1908) und Albert Neisser (1855-1916), mit denen er bis ans Lebensende eng verbunden blieb. Über Paul Ehrlichs Schul- und Pensionszeit in Breslau berichtet Gerhard Venzmer anekdotisch, aber wenig valide (Venzmer 1948: 12-16). Die Schule und der Privatunterricht wurden unterbrochen durch regelmäßige Ferienaufenthalte bei der Familie. Der sogenannte Müller, ein zwischen Breslau und dem Umland verkehrender Omnibus, legte die Strecke in fünf Stunden zurück. In der Ferienzeit sind auch Besuche bei den Verwandten mütter licherseits überliefert. Bei der Familie Weigert im nahe gelegenen Rosenberg wird Paul gelegentlich den acht Jahre älteren Vetter Carl getroffen haben, der ihm später als Vorbild und oftmals als Ansprechpartner diente. Die Zeit jenseits der Schule wird der Junge Paul weniger mit der Erledigung der Ferienaufgaben zugebracht haben als vielmehr mit dem Lesen von Büchern aus der großväterlichen Bibliothek und mit Dingen, die man als Junge so unternimmt – jedenfalls erinnerte sich Hedwig Ehrlich an Erzählungen ihres Mannes, dass er nach Breslau stets mit einem schlechten Gewissen zurückgefahren sei, weil er die Hausaufgaben nicht erledigt habe und diese in der Nacht vor Schulanfang fertigstellen musste (HE an NN, 25.2.1917, PEC 60/11; Rosin PEC 51/10).

In Paul Ehrlichs Schulzeit ereigneten sich zwei Kriege, die seine Familie unmittelbar tangierten. Im Jahr 1866 bedrohte der Preußisch-Österreichische Krieg die Bewohner von Breslau und Strehlen. Über Paul Ehrlich berichtet eine Anekdote, er habe angesichts eines möglichen Einfalls österreichischer Truppen in Strehlen 1866 seine Münzsammlung vergraben (Knoche, Schuljahre PEC 51/4). Wenige Jahre später wird der Deutsch-Französische Krieg und die Gründung des deutschen Kaiserreiches 1871 die Familie Ehrlich und den Schüler Paul vermutlich in gleichem Maß begeistert haben wie die meisten Einwohner des neu geschaffenen Reiches (Lowenstein 2003: 222 f.). Pauls Cousin Carl Weigert hatte auch als Soldat mitgekämpft. Wenngleich keine Informationen darüber bekannt sind, wie die Familie Ehrlich die Reichsgründung aufgenommen hat, so werden sie als Juden die uneingeschränkte staatsbürgerliche Gleichstellung begrüßt haben, die bereits 1869 vom Nordeutschen Bund beschlossen und 1871 in der Verfassung des Deutschen Reiches ver ankert worden war (Kaplan 2003: 226, 510). Trotz eines möglichen reichsdeutschen Patriotismus werden die Ehrlichs und deren Verwandte sich vor allem als Schlesier empfunden haben. Wie Thomas Nipperdey betont, war das wesentliche Charakteristikum des neuen Staates, dass es sich um einen Bundesstaat handelte (Nipperdey 1998: 85), und das Zugehörigkeitsgefühl der Bewohner war an den Einzelstaat oder die geographische Region gebunden.

Anlässlich des sechzigsten Geburtstages von Paul Ehrlich erinnerte sich sein früherer Lehrer, Professor Rudolf Tardy, dass Ehrlich seine Mitschüler an Fleiß, Aufmerksamkeit und Wissen überragt habe (Tardy 1914). Das Urteil von Tardy überrascht insofern, als Ehrlich in dem von Tardy unterrichteten Fach Deutsch meist nur ein hinreichendes oder befriedigendes Ergebnis auf den Zeugnissen erzielte. Auf dem Abiturzeugnis wird abschließend zwar bemerkt, dass die Leistungen von Paul in der deutschen Sprache befriedigend seien, jedoch ließen seine Arbeiten eine logische Klarheit vermissen. Der Prüfungsaufsatz war sogar als unzureichend bewertet worden. Gute Leistungen erreichte Paul Ehrlich dagegen in Latein, Griechisch, Mathematik und in »Physik und Naturbeschreibung«. Ebenso wurde im Abgangszeugnis sein »sittliches Verhalten« als tadellos beurteilt – über all die Jahre seien Fleiß und Betragen in allen unterrichteten Gegenständen gleichmäßig gut gewesen (Zeugnisse PEC 2/1). Nach Ehrlichs eigener Beurteilung war er nur ein mittelmäßiger Schüler (Ehrlich Kommers 1909 PEC 3/8; PE an Christian Herter, 10.7.1909, PEC 1/17; Marquardt 1951: 96). Wohlabgewogen bemerkte Heinrich Rosin gegenüber Hedwig Ehrlich, dass ihr Mann zwar auf der Schule gut vorwärtsgekommen sei, man aber nicht sagen könne, »dass er so Grosses erwarten liess« (Rosin PEC 51/10).