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Ralf Bönt

Berliner Stille

Ralf Bönt

Berliner Stille

Erzählungen

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Inhalt

Steine

Essen

Dialogisch Manhattan

Namenlose

Das weiße Herz

Berliner Stille

Zweihundert

Russischer Rap

Valparaíso

Steine

Schon vor den Ferien war es in Deutschland richtig warm gewesen, und als sie nach einer langen Bahnfahrt Anfang August in Italien aus dem Zug stiegen, war es nicht mehr nur warm. Wie unfrischer Tau legte sich die Hitze um ihre Körper. Sie deponierten das Gepäck, liefen nebeneinander her ein Stück Richtung Hafen und setzten sich vor einem Café mit den Rücken zur Wand unter eine bunte Markise. Der Ober im weißen Frack brachte mit gleichgültigem Blick und geübten Bewegungen eine grüne Flasche ohne Etikett, während sie mit den Fingern an den Preisen entlangfahrend in der Karte lasen. Prosciutto klang exotisch und sie schlugen es nach, so jung waren sie.

Wahrscheinlich war es die erste Alpenüberquerung ohne Eltern, vielleicht auch seine oder ihre erste Alpenüberquerung überhaupt: Zwischenstop nach einigen Stunden im Münchner Kopfbahnhof, Umsteigen in den überfüllten Brennerexpress. Später Zollbeamte, die an der österreichischen, dann nachts an der italienischen Grenze in schweren Stiefeln und mit am Gürtel baumelnden Schlagstöcken durch die Abteile gehen. Einen von zu Hause abgehauenen, vielleicht zwölfjährigen Jungen, der sich unter einer Sitzbank versteckt hält, bemerken die Grenzer nicht. Mit den anderen Reisenden im Abteil einigen sich unsere beiden darauf, daß er wohl bis Rom kommen und irgendwann, wenn sein Geld aufgebraucht ist, aufgegriffen und nach Hause geflogen würde.

Ob sie ihren Eltern gesagt hat, wo sie ist? Kann sein, denn die Reise war ihr nicht verboten wie vorher der Umgang mit ihm oder später wenigstens noch das Mitfahren auf seinem Motorrad. Auch seine Eltern hatten nur kurz und vage protestiert, als sie die ersten Male morgens aus seinem Zimmer kam, scheu grüßte und sich aus der Tür stahl, um mit dem Käfer zur Arbeit zu fahren. Sie mochten das Mädchen trotz ihrer bäuerlichen Wortkargheit, und gaben sich Mühe, darüber hinwegzusehen, daß sie nicht froh schien und viel älter als er war. Reden hätte er eh nicht mit sich lassen.

Und wann hatte es angefangen mit den beiden? Einen Urlaub vorher? In einer Gruppe Jugendlicher, die zusammen ein Ferienhaus in der Bretagne mieten? Sie ist die Älteste und er der Jüngste, und sie fahren auch da mit der Bahn hin und holen ihre Fahrräder im Bahnhof ab, das Transportmittel ihrer Wahl bis zum Ferienort an der Küste. In der Gruppe ist sie die Langsamste, und er bleibt bei ihr, als sich die anderen bei Einbruch der Dunkelheit entschließen, schon mal vorzufahren. Als letzte erreichen die beiden deshalb das schlichte Holzhaus, in dem die anderen ein Abendessen vorbereiten und alle anderen Doppelzimmer schon verteilt haben: »Wir haben gedacht, ihr nehmt das vordere Zimmer«, sagt einer. Sie will das untere, er nimmt das Bett oben. Kein Grund zum Grinsen.

Die Gruppe verbringt den Urlaub wie gedacht: Am Strand liegen und lesen, bei Regen Wanderungen ins Hinterland unternehmen, bei auflaufendem Wasser mit dem kleinen Holzboot aufs Meer hinausrudern. Aus einem Wettrudern wird eine Sportveranstaltung mit acht Disziplinen: Rudern, Schwimmen, Laufen, Kniebeugen, Klimmzüge, Liegestütze, Radfahren, Steine stemmen. Fußball lehnen die Frauen ab. Einer mietet sich ein Motorrad und stürzt, ohne sich zu verletzten. Ein Versicherungsfall. Abends trinken sie zum Kartenspiel und sind laut, was er nicht mag.

Einmal am Strand bemerkt sie seine zarten Härchen unter dem Bauchnabel: »Da will wohl was los sein?« Er lächelt, in ihrer Stimme ist ein verwunderter Oberton des Respekts vor seiner kommenden Männlichkeit. In der zweiten Woche betritt er einmal spät das Zimmer, und merkt nicht, daß sie wach in der Dunkelheit liegt. Bevor er in sein oberes Bett klettert, schnappt sie seine Hand. Dazu glotzt sie ihn wortlos an. Ihr sei nach Anfassen gewesen, sagt sie später, es habe mit ihm nichts zu tun. Er schweigt darauf. »Es könnte jetzt auch Ralf oder Matthias hier liegen«, sagt sie, »ich meine, das ist egal. Das wollte ich sagen.«

Am nächsten Morgen spielen sie vor den anderen Theater: Als sei nichts geschehen. Dennoch rudern sie allein aufs Wasser hinaus, im Regen, gehen abends zusammen spazieren, liegen nachts in ihrem Bett. Am zweiten Tag will sie vor den anderen Gleichgültigkeit spielen, indem sie grob und unfreundlich zu ihm ist. Er ist fünfzehn und weiß nicht, wie ihm geschieht.

»Wie war der Urlaub«, wird er zu Hause gefragt. Er sagt: »Gut.« Und fährt abends mit dem Fahrrad auf den Berg, auf dem sie in einem einzelnen Haus am Waldrand wohnt. Manchmal steht sein Fahrrad bis morgens vor dem Haus, bis ihr Vater, neben der Mutter sein einziger Komplize, das Hausverbot gegen ihn ausspricht. Seitdem kommt sie zu ihm, denn ihre Körper haben sich an das Zusammensein gewöhnt. Oft liegen sie stundenlang wortlos nebeneinander, als ob sie auf einen Bus warteten, der sie weit weg bringen soll, zur Küste vielleicht, in eine einsame, weite, flache, nichtssagende Gegend oder in die Berge. Manchmal hören sie Musik, bis es Mitternacht wird, sie aufsteht und sagt, sie müsse jetzt schlafen, sich auszieht und wieder hinlegt. Ihr Geruch, für ihn eine würzige Süße, gehört in sein Leben wie das Gesicht seiner Mutter. Bis zum Wintereinbruch zieht auch er sich aus, bevor sie im engen Bett schlafen.

Als seine Eltern wissen wollen, ob seine Freundin überhaupt noch manchmal nach Hause gehe, schlägt er den Blick nieder und sagt, es sei nicht, was sie vielleicht dächten: »Es ist einfach nur schön, zusammen zu sein.« Seitdem lassen sie ihn in Ruhe.

Weihnachten passiert nichts.

Silvester feiern sie mit den anderen und vermeiden jede Berührung, obwohl ihre Liebe längst offenbar ist. Wenn sie wie meistens allein sind, fassen sie sich an den Händen oder küssen sich. Wenn sie sich beim Zähneputzen zufällig zusammen im Spiegel zu sehen kriegen, finden sie, sie sähen einander ähnlich, ohne daß einer von beiden es sagte. Das Erwachen aus dem Schlaf der Körper geht allmählich. Erst liegt eine Hand in einem Schritt, dann zeigt eine andere ihr Tage später, daß sie richtig anfassen soll. Wie zwei Mumien sich einander aus den Bandagen zu befreien versuchen, so schneiden sie sich gegenseitig aus der Angst: Erst vorsichtig und steif, dann gekonnter und jeden Tag mutiger, schließlich behende. Am Ende des Winters bedeckt er ihren Körper mit Küssen und hält gerade inne, als sie in seine Haare fährt, um seinen Kopf mit einem festen Griff in ihren Schoß zu pressen, wo er seinen Hunger entdeckt.

Ab jetzt ist sein Gang aufrecht, und wenn er spricht, dann lauter. Seit dem Frühjahr, als sie endlich das erste Mal miteinander schlafen, wartet sie jeden Abend ungehalten darauf, er findet es jedesmal eine größere Mahlzeit, und sie, wenn sie danach daliegt, noch schöner. Er sagt ihr das. Ihr Vater hebt das Hausverbot auf. Wenn sie im Kreis der Freunde sind, nimmt er keine Scheu mehr bei ihr wahr. Als Paar kaufen sie im Sommer zwei Fahrkarten nach Korsika: Zug und Fähre. Frei sind sie. Nehmen den Zug nach München. In München umsteigen in den überfüllten Brennerexpress. Nachts die Zollbeamten sehen grimmig und dabei albern aus, wie sie mit den schweren Stiefeln und an Gürteln baumelnden Schlagstöcken extra polternd durch die Waggons und Abteile gehen.

In Livorno ist es wieder Tag, die Hitze legt sich auf Augen, Stirn, Arme und Hirn. Was essen. Erst ein Café, vor dem sie mit den Rücken zur Wand unter einer bunten Markise sitzen, dann eine Pizzeria. Prosciutto nachschlagen. Nach der Pizza laufen sie wieder durch das fremde Licht nebeneinander zum Bahnhof zurück, um ihre Fahrräder abzuholen. Sie ihr Hollandrad, er sein Rennrad. Gepäck verteilen, Zelt und Schlafsäcke festzurren, dann fahren sie zum Hafen. Neuer Schweiß weicht den klebrigen alten Schweiß erst auf und klebt dann selbst. Die meisten anderen Passagiere schweigen, Hitze macht mundfaul, man steht an den Autos herum und wartet, bis die Arbeiter der Reederei etwas brüllen oder mit den Armen fuchteln. Auch ein paar andere Radtouristen sind da, man nickt auf dem Deck einander bestätigend zu.

»Die Fähre nehmen«, sagte er, »ist wie träumen«, und später sollte er, wenn er mit einer Frau in ein Bett steigt, denken und manchmal auch sagen: »Ins Bett gehen ist wie mit dem Schiff losfahren.« – Und sie?

Sie schweigt. Die Fähre legt ab. Er redet von seinen Plänen, nach dem Studium würde er höchstens zehn Jahre arbeiten, dann kauft er sich ein Haus im Süden, Südfrankreich zum Beispiel, und bringt den Rest Geld mit einem Restaurant zusammen, das nur am Wochenende aufhätte. Vielleicht auch Neuseeland oder was ganz anderes in Norwegen oder Kanada. Er bräuchte nicht viel zum Leben, eigentlich sei er schon jetzt ganz zufrieden.

Bastia vor sich, verfallen die anderen Passagiere in die übliche Nervosität. Die beiden bleiben noch lange auf dem Boden des Decks sitzen, als das Schiff angelegt hat, sie mit geschlossenen Augen, er mit dem Blick in den blauen Himmel. Als sie unbehindert von Bord gegangen sind, setzen sie sich gleich auf die Fahrräder, denn sie wollen noch in einen kleinen Ort, ganze zwölf Kilometer entfernt, an der Westküste. Auf der Karte ist dort ein Zeltplatz am Meer. Aber noch in der Stadt geht es ganz gut bergan und ab dem Ortsausgang steil. Trotz Seeluft und spätem Nachmittag brennt die Sonne auf das Paar herunter, als gäbe es kein anderes auf der Welt. Sie machen eine Pause, eine zweite, dann immer öfter eine, reden immer weniger, müssen schließlich an einem Privathaus klingeln und von einem abweisenden Korsen Wasser erbetteln.

»Das ist ein richtiger Paß«, sagte er, als sie wieder fahren, sie mit verzerrtem Gesicht, er auf dem Rennrad.

Wie schon im Sommer zuvor packen sie alle schweren Sachen auf sein Rad, alle leichten auf ihrs. Aber es hilft nichts. Erst in der Dämmerung sind sie oben, und wortlos rollen sie zur Küste hinunter, stellen im Dunkeln ihr Zelt auf, in dem sie sofort in tiefen Schlaf fällt, und er noch lange wie eine Kugel in einer Schachtel herumrollt, bevor er Ruhe findet. Wenn er später, als Mann, ohne Schlaf liegt, denkt er oft daran, daß man nie weiß, wann man das letzte Mal miteinander schläft.

Dann weckt sie ihn in der Dunkelheit: ein Gewitter. Hält sich an ihm fest: »Ich habe Angst bei Gewittern.«

Er lacht: »Das brauchst du nicht. Statistisch gesehen war die Abfahrt vorhin sehr viel gefährlicher, und jedesmal, wenn du zu Hause mit dem Auto irgendwohin fährst, ist es das auch.«

Ein Donner, der über das Wasser heran und über sie weg gegen den Berg rollt, beendet seinen Satz. »Ich habe Angst, laß uns nach vorne gehen, da sind wir sicher.«

»Wo vorne?«

»Zur Rezeption«, sagt sie mit Angst in der Stimme.

Er lacht, hält sie im Arm, in einem Leben, wie er es sich vorstelle, sagt er, sollte man keine Angst vor einem kleinen Gewitter haben. Wenn er nach Kanada ginge, würde bestimmt noch ganz anderes warten. Als die Blitze heller werden und der Donner kompakter ist, liegt sie still an seiner Seite. Herz pocht. Wind reißt am Zelt, als er vorschlägt, am nächsten Morgen sehr früh loszufahren: »Am besten, wir sitzen schon um sechs auf dem Rad, dann haben wir drei oder vier Stunden, bevor es heiß wird.«

Sie geht mit, als nach einem Blitz eine Wasserfontäne laut prasselnd zurück ins Meer fällt.

»Das war nah«, sagt er, und seine Stimme kommt ihm tief vor. Als das Gewitter endlich abebbt, schlafen die beiden wieder ein, und sie schlafen fest bis zum Morgen. Vielleicht war es die Nacht, in der er vom Fliegen geträumt hat, bis die Sonne zu heiß aufs kleine Zelt brennt.

Er steht gleich auf. Sieben Uhr dreißig. Zum Duschen und Zähneputzen geht er nach vorne, durch unzählige vom Wind niedergerissene Zelte, dann durch Dutzende Schlafsäcke im Sanitärtrakt, wohin sich die meisten Camper gerettet hatten. Kaum jemand war in seinem Zelt geblieben. Wortlos kocht er anschließend Kaffee, weckt seine Liebe, die zum Duschen geht, nach einer halben Stunde wiederkommt, langsam frühstückt, dann ihre Sachen einpackt. Es ist neun, als sie eine ihrer beiden Satteltaschen wieder entleert, und noch mal neu und besser packt, Sockenpaare sauber ineinander steckt, die benutzten paarweise so in vorbereitete kleine Plastiktütchen steckt, daß sie genau in eine freie Ecke der Satteltasche passen. Sie schüttelt die noch frischen Socken einzeln aus und faltet sie identisch und quadratisch, legt die Paare aufeinander, auch drei frische T-Shirts faltet sie auf dem Boden neu und schiebt sie vorsichtig in die Tasche, vermeidet so gut es geht Knitterei. Bis der Schlafsack ausgeschüttelt, sauber zusammengerollt und mittig auf dem Gepäckträger festgeschnallt ist, ist es halb zehn, und sie fahren nach vorne, zahlen in der Rezeption.

»Laß uns noch Wasser kaufen«, sagt sie, »und Obst.«

Er ist froh, daß sie überhaupt mit ihm redet. Im Supermarkt kauft sie Joghurt, Milch, Obst, das sie draußen, wo er gewartet hat, umständlich in ihrem kleinen Rucksack verstaut, den sie dann anhebt, und stöhnt: »Ganz schön schwer.«

Dann endlich fahren sie los. Wohin wollen die beiden überhaupt? Eine Stunde geht es am Wasser entlang, prima. Dann eine Linkskurve, dahinter der Berg und die Sonne. Mittag. Er fährt vorne, sie schwitzt hinten. Nach einer weiteren halben Stunde hält er an: »Gib mir dein ganzes Gepäck. Alles, was bei mir irgendwie draufgeht.«

Sie packen am Straßenrand, Autos schneiden vorbei, sie nicken sich zu, fahren weiter, aber es hilft nichts. Er geht ab und zu aus dem Sattel, weil sie so langsam fahren, daß er mit dem schweren Gepäck kaum das Gleichgewicht halten kann. Fährt vor, wartet. Heißer Stillstand. Wenn er sich zwischen zwei an ihnen vorbeifahrenden Autos umdreht, sieht er ihr in Hitze aufgelöstes Gesicht wie ein Ausrufezeichen. Wenn er dicht vor ihr fährt, trifft ihn bei jeder ihrer Pedalumdrehungen ein Stoß stöhnender Atem im Nacken. So komme ich nie nach Kanada, mag er gedacht haben, als er absteigt, oder nach Neuseeland oder irgendwohin, als er sein Rad mit beiden Händen nimmt, über den Kopf hinaus hochhebt, und es dann mit Wucht in den Graben wirft, wo das Gepäck nur halb runterfällt und halb im Gummizug hängen bleibt. Ihre Tränen mischen sich auf der roten Haut in den Schweiß, der ihr vom Kinn und aus den Haaren tropft, als sie an ihm vorbeifährt.

»Scheiße«, brüllt er, »dann schieben wir halt, so ’ne Scheiße!«

Sie steigt ab und schiebt den Berg weiter hoch. Er sammelt Fahrrad und Gepäck ein, fährt hinter ihr her, steigt ab, schiebt hinter ihr her, hört bei jedem Schritt ein Stöhnen aus ihrem Mund. Der Schweißfleck auf ihrem Rükken: ein Vorwurf.

Sie passieren eine Tankstelle: »Schieb schon mal weiter«, ruft er, geht in den Laden und kauft Zigaretten. Raucht. Holt sie ein. Schiebt hinter ihr her, und irgendwann sind sie tatsächlich wieder oben, rollen bergab, fahren noch ein wenig am Wasser entlang, bis sie einen Zeltplatz finden, der auf Terrassen in den Hang gebaut ist, direkt am Wasser, unterhalb der Straße, ganz schön.

»Hier bleiben wir«, sagt er abends, sie trinken vor dem Zelt Rotwein aus Wassergläsern und sehen der Sonne dabei zu, wie sie kurz vor dem Untergang in den Dunst über dem Meer taucht, »das Radfahren hat ja überhaupt keinen Sinn.«

Sie sagt nichts, sieht ihn an.

»War eine bescheuerte Idee.«

Diesmal schlafen beide sehr gut. Am morgen gibt es Brötchen, Marmelade, Kaffee. Die Sonne ist warm, aber hier geht eine Brise. Das kleine, in goldenes Papier gewickelte Butterstück aus dem Campingladen vierteln sie erst auf einem Teller, dann teilt er sein zweites Viertel in neue Hälften, gibt ihr eines der Achtel von Messer zu Messer. Sie teilt es noch mal auf ihrem Teller und gibt ihm ein Sechzehntel wieder von Messer zu Messer zurück. Weil sie noch immer eine Brötchenhälfte unbestrichen vor sich liegen hat, teilt er erneut sein Sechzehntel in zwei Hälften und streicht eine ihr auf den Tellerrand, die sie ein letztes Mal teilt und ihm eine Hälfte als winzigen Tropfen Butter auf einer Messerspitze zurückgibt: »Kleiner geht’s nicht«, sagt sie, grinst vorsichtig.

»Glaubst du«, sagt er, teilt das Stück geschickt mit seiner Messerspitze auf ihrer und streicht ihr die Butter aufs Brötchen: »Für dich!« – Da lacht sie.

Später treffen auf dem Platz rechts neben ihnen neue Nachbarn ein, ein italienisches Paar, das trotz Auto den Hammer für die Heringe vergessen hat und den ihren ausleihen kommt. Plaudern, Lächeln. Am Nachmittag, als er Nudeln kocht, sagt sie mit einer Kopfbewegung zum Nachbarzelt hin: »Die sind ja nett.«

– »Ja.«

Während sie im Schneidersitz auf ihren Isomatten hocken und mit Gabeln in Nudeln stechen, beide in der linken Hand Weißbrot, deutet er auf den Berg hinter ihnen, sagt wie nebenbei: »Heute abend gehe ich da mal rauf«, und obwohl sie zusammenfährt: »Mal sehen, wie weit man da gucken kann.«

Pause.

Er: »Hm?«

»Muß das sein«, – sie.

»Wieso nicht? Ich will einfach mal sehen, wie das Meer von da oben aussieht.«

Pause.

»Kannst du das nicht morgen machen?«

Pause.

»Ich dachte«, sagt sie schmollend, »wir gehen noch runter ans Wasser.«

Es dauert ein bißchen, dann sagt er trocken: »Geh ich halt morgen auf den Berg.« Er ißt auf, stellt unsanft die Teller zusammen, teilt ihr mit, daß er spülen geht, und geht spülen.

Als er wiederkommt, sitzt sie unverändert da und sieht ihn erwartungsvoll an.

»Gehen wir?«

Er will erst noch rauchen.

»Danach aber.«

»Ja.«

Von der untersten Terrasse des Zeltplatzes geht ein kleiner Weg ab, der über den Hang zum Meer führt. Sie hatten früher am Tag gesehen, daß andere Touristen hier mit Handtüchern, Schirmmützen und Sonnenmilchflaschen heraufkamen, und gehen jetzt vorsichtig voreinander her, er vorn, sie hinten, die kleinen Serpentinen durch Gestrüpp, Nadelholz, über Steine und manchmal Waldboden. Biegt Zweige weg und achtet darauf, daß sie beim Loslassen nicht auf sie zurückpeitschen. Am Wasser schließt der Hang steinig ab, große rundkopfige Steine und einige wenige von der Natur am Sediment glatt geschnittene große Platten liegen im schwappenden Mittelmeer.

Er zeigt nach rechts: »Sollen wir da rüber?«

Sie nickt stumm, er geht vor.

»Da kann man sich hinsetzen.«

Sie nickt wieder, sieht nach unten, setzt ihren Fuß auf den ersten Stein, auf dem er schon steht, er hält die rechte Hand hin, die sie greift, dann zieht er sie zu sich auf den Stein, sie umarmen sich zwangsläufig. Ohne daß er es sieht, lächelt sie.

»Na, dann weiter.«

Er läßt sie los, dreht sich um, und mit einem großen Schritt ist er auf dem nächsten rundgewaschenen Stein. Da hält er sein Gleichgewicht, dreht sich zurück, um ihr die Hand zu reichen, die sie greift, um ebenfalls überzusetzen und ihn an Knien, Bauch, Brust zu berühren. Sie hält sich an seiner rechten Hand und der linken Schulter fest.

Er läßt sie los und dreht sich wieder um, der nächste Stein ist eine dieser Platten, er springt gelöst hinüber, wartet, sie hinterher, nimmt seine Hand, so gehen sie drei, vier, fünf, sechs Schritte. Dann wieder ein runder Stein. Er geht vor, dreht sich, gibt ihr die Hand, zieht sie zu sich. Sie lächelt, die Sonne glitzert auf den Scherben der Wasseroberfläche, Möwen rufen sich Witze zu.

Dann kommt ein kleinerer Stein, man hätte Schwierigkeiten gehabt, zu zweit drauf zu stehen. Er springt mit einem Fuß drauf, mit dem anderen gleich weiter auf den nächsten Stein, der wieder größer ist, und auf dem er stehenbleibt, sich umdreht, die Hand ausstreckt, und sieht, wie sie die Tränen schluckt, ihn nicht ansieht, todtraurig ist und auf den kleineren, zwischen ihnen liegenden Stein springt, auf dem man zu zweit hätte stehen können, hätte man sich aneinander geklammert, mit dem anderen Fuß auf den nächsten kommt, auf dem er wartet, und vorbei an ihm auf eine dieser Platten geht und seine Hand nicht nimmt.

Sofort hat er den Traum nicht verstanden gehabt, nicht beim Träumen jedenfalls, sondern erst Wochen später oder gar Monate. Trotz der frischen, klaren Luft, der Kleinheit der Landschaft unter ihm, und dem Glück, daß er beim Ausbreiten der Arme empfindet, beim Dehnen seiner Schultern und seines Brustkorbes, der nachgibt, wie die Schnur eines Drachens, den sein Vater in die Luft hat steigen lassen, als er klein war: Wie spielend er dadurch an Höhe gewinnt.

Bei den restlichen Steinen, viele waren es nicht mehr, nahm sie die Hand wieder, sah ihn aber nicht mehr an.

Dann lassen sie sich auf der letzten großen Platte nieder, wie sie gewollt hatten, im Schneidersitz jetzt jeder auf seinem Handtuch, das ist unbequem, wohin mit den Knöcheln? Sie sehen aufs helle Wasser. Er pult drei, vier kleine Kiesel aus einer moosigen Ritze, und läßt sie ruhelos in der rechten Hand tanzen, während sie stur geradeaus sieht.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«

»Nichts«, sagt sie tonlos.

Ruckend und jeweils mit einem Stöhnen wirft er dann die Kiesel einen nach dem anderen aufs Meer hinaus.

Essen

Wenn du hereinkommst, ist der Fernseher über deinem Kopf, und du kommst direkt von der Kreuzung, wo es passiert ist: Eine Hauptstraße, Ecke Seitenstraße, mit Ampel, und der Lastwagen soll grün gehabt haben, aber das konnte nie geklärt werden. Eine Ecke wie die gibt es Tausende in einer Großstadt, oder es gäbe Tausende und wieviel Tausend eigentlich, wäre nicht der Eingang zum Imbiß um fünfundvierzig Grad gegen beide Straßen gedreht, aber vielleicht gibt es auch solche abgeschrägte Hausecken an Straßenecken Tausende oder Zigtausende. Du kommst also direkt von der Kreuzung, gehst unter dem Fernseher durch, und gleich verdrehst du dir den Hals, weil deine Augen natürlich Cem suchen, der irgendwo hinter dem längs durch den ganzen Raum verlaufenden Tresen sein muß, aber die laufenden Bilder behaupten sich auch ungesehen, durch unterlegten Ton, und du mußt erst mal hingucken: heute Fußball. Heute guter, türkischer Fußball, du starrst eine Minute: athletisch ist er und technisch, gut.

Weiter hinten an der Theke Betrieb. Zigarettenqualm, laute Männer, arme Kerle. Mittendrin ist auch Cem mit dem unvermeidlichen Lappen in der Hand, und seine gute Laune ist da, wo bei anderen die politische Überzeugung wohnt: »Hallo Nachbar, komm gleich.« Mit einem Handzeichen bedeutest du ihm: keine Panik.

Cem: »Aber setz dich, Herr Professor. Oder zum Gehen?«

Du verneinst, setzt dich, legst die Zeitung auf den Tisch, schlägst sie auf, drehst dich aber zum jetzt schräg halb hinter dir plärrenden Fernseher. Ein aufgezeichnetes Spiel, ohne Angabe der abgelaufenen Spielzeit, als ob in einem Spiel nicht alles davon abhinge, daß es genau neunzig Minuten dauert und damit ganz anders als das Leben ist.

»Heute lecker Dönerteller, mein Freund?«

Das breite Gesicht von Cem, falls er so heißt wie der Imbiß, ist ein Anker in deinem Tag. Mit schnellen, so entschlossenen wie leichten Bewegungen putzt er sich von hinten nach vorne, rechts den Lappen, mit der linken Aschenbecher, Ketchupflaschen, Teegläser anhebend und wieder hinstellend. »Heute sehr lecker Dönerteller.« Cem wartet auf eine Antwort.

Du drehst dich vom Fernseher weg zu ihm hin: »Wie immer doch.«

»Aber heute ganz besonders lecker für ganz besonderes Nachbar.«

Du nickst, blätterst in der Zeitung, im Wirtschaftsteil ehrlich gesagt lustlos.

»Mach ich Fernseher leise, warte.«