image

Harro Zimmermann

Friedrich Sieburg –
Ästhet und Provokateur

Eine Biographie

 

 

 

image

Für

Moritz Zimmermann

* 20. Januar 2015

 

 

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet
diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2015
www.wallstein-verlag.de
Vom Verlag gesetzt aus der Aldus

Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf
unter Verwendung eines Fotos von F. C. Gundlach
© Stiftung F. C. Gundlach

Druck und Verarbeitung: Hubert & Co, Göttingen

ISBN (Print) 978-3-8353-1722-2
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-2834-1
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-2835-8

Inhalt

Prolog

Schatten der frühen Jahre

Wallfahrt zu Stefan George oder Das echte mythische Denken

Ungnade vor dem Thron

Stilvolle Wildheit

Ästhetische Opposition

Im Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen

Krieg – Opfer ohne Erlösung

Eine vollkommene nationale Simplizität?

Die Welt wird wieder Problem

Zeit bricht in den Traum

Autor in einer leeren Wirklichkeit?

Gefühlsrebellion

Skandinavien oder Wider den demokratischen Masochismus

Paris – ›unser aller Heimat‹?

Im Zentrum des feuilletonistischen Zeitalters

›Gott in Frankreich?‹

Von London in die Arktis – Reisen im Zeitalter der Extreme

Deutsche und Franzosen – Verständigung am Abgrund

Konservative Revolution?

›Es werde Deutschland‹

Evangelist des Dritten Reiches?

Verjagte und erniedrigte Intelligenz

Robespierre oder Anderssein als Verrat

Schaf im Wolfspelz?

Portugal und Afrika – Im Vorhof des Totalitarismus

Höllenfahrt oder Die Heraufkunft des Dämons

Retten Sie mich vor dem Journalismus!

Narcissus im Frack

Der ideologische Zuchtmeister – enttäuscht und abtrünnig

Tätiges Abseits

Die Endzeitgroteske von Sigmaringen

Schmerzenslaute über Deutschland – das Tagebuch von 1944/45

Nach den schönsten Jahren

Republik ohne Seele?

Publizität, Gespräch, Persönlichkeit

Polyphonie des Geisteserbes

Kritik – zwischen Klassik und Asphalt-Literatur

Verhaltene Modernität

Lust am Untergang?

Konformisten und Machtkämpfer

Ästhetische Prügeleien

Abgewiesener Repräsentant – verschmähter Liebhaber

Innovativer Konservatismus?

Grandseigneur oder Im Zentrum der Peripherie

Wir müssen miteinander sprechen!

Frankreich – eine verlorene Liebe?

Napoleon – Politik, Dämonie und die humane Mitte

Chateaubriand oder Das Ich in romantischer Zweideutigkeit

Gemischte Gefühle. Lauter letzte Tage

 

Anhang

Anmerkungen

Bibliographie

Archivalien

Literatur

Personenregister

Es gibt da in mir in der Tat einen Doppelgänger, der schwarz vor einem schwarzen Hintergrunde steht und die Nächtlichkeit in Person ist …

 

Alles stand ja in meinen Büchern, wenn es dort auch durch die ständige Abneigung, von mir selbst zu sprechen, verdeckt war. Aber der Schleier war ja so leicht wegzuziehen, denn er war aus Worten gemacht, aus lauter Worten, die alle gut an ihrem Platz standen. War denn der wahre Sinn dieser Worte so schwer zu verstehen? Plötzlich verstand ich, dass es gar kein Schleier war, oder vielmehr, dass dieser Schleier das eigentliche Wesen war …

 

Es ist keine Kleinigkeit, die wechselnden Diktaturen und Regime heil zu überleben. Es ist das Paradies der Durchgeschlüpften, und um durchzuschlüpfen, muss man sich flach und platt machen wie eine Wanze …

 

Der Realist gibt dem Teufel den kleinen Finger in der Hoffnung, dann wenigstens die andere Hand frei zu haben …

 

Wir wollen, wenn es euch recht ist, die Hoffnung teilen, dass der Deutsche würdig sei, alles zu erfahren, alles zu wissen und bei allem wenn auch nicht mitzureden, so doch mitzudenken. Möge die Zeit der Unkenntnis und Sprachlosigkeit bald ihr Ende erreichen. Wir wollen wissen, wir wollen sprechen …

 

Es ist besser, in der Kunst konservativ und in der Politik fortschrittlich zu sein, als umgekehrt …

 

Warum sagen die Leute, dass ich immer ›gegen‹ sei? Gewiss, gegen Filmrummel und Betriebsausflüge, gegen Musikschränke und Bikinis, auch gegen das Kriechen vor der sozialen Frage. Aber ich bin doch für den Menschen, für Freiheit, für Liebe, für Literatur, für das Wörtchen ›Ich‹, wenn Verantwortung damit gemeint ist – kurz ›restaurativ‹ …

 

Wir sind auf Geschmeidigkeit angewiesen, solange wir die Schwächeren sind, wir sind überhaupt nichts und haben daher keine Veranlassung, die Inhaber der Macht auf den Pfad der Wahrheit zu bringen. Sie sollen sehen, wie sie fertig werden, und uns leben lassen. Das ist allerdings kein edler Standpunkt und zeugt von gerade so viel Ehrgefühl, wie es Gauklern, Luftspringern und Schreibkundigen zusteht …

 

Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir an diesen Deutschen noch das Herz bricht. Aber ich kann nicht aufhören, sie zu beschwören und so in ihre Mitte zu wirken, als hätten sie überhaupt eine Mitte. Nein, die Deutschen sind durchaus nicht froh, dass es ›so etwas‹ wie mich gibt. Ich bin ihnen nur lästig, und das Schlimme ist, dass ich nicht zufrieden wäre, wenn ich ihnen bequem wäre …

 

Lasst uns den Staat, in dem wir leben, gesellschaftlich so sauber, sozial so vollkommen und moralisch so freundlich machen, dass seine Anziehungskraft wächst und wächst und schließlich alle Vorhänge und Grenzen zu Fall bringt …

 

Was werden wir Deutsche sein, wenn wir uns einst wiederfinden?

 

Friedrich Sieburg  

Prolog

Er gehört zu den intellektuellen Gründungsvätern der Bundesrepublik, doch sein Vermächtnis hat man bis heute kaum wahrgenommen. Dieser »sonderbare Kopf« (Thomas Mann) schien nach 1945 nicht zu passen in ein demokratisch renoviertes Deutschland, das mit den Desastern des Weltkrieges und dem Nazi-Inferno ein für alle Mal abschließen wollte. Leicht war es, in einer anschwellenden Kultur des Verdachts und der Lagerideologien Vorbehalte gegen den mutmaßlichen Gehilfen Hitlers zu schüren. Und so sollten die Deutschen und ihr bedeutender Literaturkritiker nie ganz zueinander finden. Denn Sieburg war und blieb eine inkommensurable Gestalt – ein Schriftsteller und Journalist von europäischem Format, der sich mit der Bonner Provinz-Republik anfreunden muss; ein als Nazi-Kollaborateur Verfemter, der zum Propagandisten eines liberalen Patriotismus wird; ein luxurierender Konservativer, der die Tiefen deutscher Geistigkeit als kulturelle Heilkräfte der Zukunft empfiehlt und zugleich mit allen Wassern linker Argumentations- und Fiktionsartistik gewaschen ist; ein Ästhet, der wie kein Zweiter die Schlüsselwörter der politischen Gegenwartsdiagnose unters Volk bringt; ein Provokateur, der einen neuen, selbstkritischen public spirit aus Kultiviertheit und Konsens zu proklamieren wagt.

Thomas Mann, nach 1945 selber ein scandalon im Gemütshaushalt der Deutschen, hat Sieburg über lange Zeit aufmerksam wahrgenommen. Mitte der dreißiger Jahre schien er ein »Agent« der Nazi-Propaganda zu sein, 1951 fiel die starke Abneigung vieler Zeitgenossen gegen diesen »undeutschen« Kritiker ins Auge, und wenig später waren in seinem Buch ›Die Lust am Untergang‹ (1954) »äußerst gescheite und stilistisch hochstehende Dinge« zu lesen, das widerspenstige Werk erschien Mann »bewegt und fesselnd. Nicht ohne Ähnlichkeit mit den ›Betrachtungen‹«. Unter den Intellektuellen von »Western-Germany« stach dieser Friedrich Sieburg in eklatanter Weise hervor.

Gottfried Benn hat ihn den »großen Sieburg« genannt, eine »Persönlichkeit, sublim lukullisch, gepflegt und opulent«, ja den »verehrtesten Denker des Traditionellen wie des Zukünftigen«, und Ernst Jünger empfahl ihn als »Weltjournalisten mit angenehmer Leichtigkeit«. War das allein nicht Stigmatisierung genug? Und traf nicht auf Sieburg selber zu, was er von Rousseau behauptet hatte, ein Genie der Selbstbetrachtung zu sein, das nur eine Erfahrung besaß – die vom eigenen Ich? Waren nicht auch seine brillanten Reflexionen und Polemiken eher musikalische Auflösungen als Denkschlüsse? Und hat er nicht eine nationale Hyperkrisie beschworen, anstatt die reale Befindlichkeit der Deutschen zu analysieren?

Sieburg sah sich um 1950 mit einer jungen Republik konfrontiert, die an ihrem Ursprung kein Charisma, kein mystisches Licht und keine ehrwürdigen Sagen besaß, sondern einem dürren Katalog von Notwendigkeiten gefolgt war. Konnte man überhaupt von einem Staat im emphatischen Sinn reden angesichts dieser Verwaltungsorganisation ohne Seele und ohne wirkliche Hauptstadt? Durchaus sympathisierend, aber in einer doppelten Frontstellung tritt dieser Intellektuelle der Bundesrepublik gegenüber – er entwickelt einen konservativen Avantgardismus mit oppositionellem Temperament, der sich aus dem französischen Kultur-Politik-Modell speist, und er versucht aus den ideologischen Zerklüftungen des 20. Jahrhunderts Geisteskräfte zurückzugewinnen für die Zivilisierung des Teutonischen in einem künftigen demokratischen Europa. Gegen all jene, die von der ›Stunde null‹ und von einer ›jungen Generation‹ sprechen, oder Traditionsverweigerungen und Utopien verschiedenster Coleur anhängen, setzt sich seit den späten vierziger Jahren ein Schriftsteller in Positur, der zuinnerst von der epochalen Bedeutung und humanisierenden Macht deutscher Sprache und Poesie durchdrungen ist. Im Deutschsein, in der Nationalität westlicher Zivilisationsform lag für Sieburg nicht nur das Mundane beschlossen, es war für ihn seit je der Inbegriff einer Schicksalsbindung, und so sollte es zeitlebens bleiben.

Vor allem die ›Siebenundvierziger‹ sind damals von der Obsoletheit und politischen Zwiespältigkeit der klassischen Nationalkultur und ihrer weimarischen Ableger überzeugt, Sieburg hingegen erlebt die Realität nach 1945 zutiefst unter dem Bann jener Geist- und Seelenmusik, die in Goethe und Schiller, Jean Paul und Lessing, Klopstock und Hölderlin bis hin zu Mörike, Stefan George und Hofmannsthal ihre Gipfelgestalten besitzt. Nicht zuletzt um ihretwillen möchte er der jungen Republik zu einem reflexiven ›Nationalgeist‹ verhelfen, von dem die Kraft zu kultureller Kreativität und zur Überwindung des politischen Desasters ausgehen kann. Die historische Zäsur von 1945 begreift Sieburg als tiefen, aber nicht als unheilbaren Zivilisationsbruch, es sei denn um den Preis, dass sich Geist und Literatur der Deutschen an das Modernisierungschaos der Gegenwart verlieren wollen. Doch das Geschichtsbewusstsein der Bundesrepublik muss größer sein als ihr Selbstverständnis im Gegenwartsraum des »Zusammenbruchs, […] der Kapitulation, der Erschöpfungsrevolten und des hilflosen Dahingegebenseins in die Hände der Fremden« (Thomas Mann), das Land darf angesichts der Naziverbrechen nicht aus der nationalen Geschichte austreten, vielmehr muss es sich um eine rückwirkende Traditionsbildung bemühen, es hat Fluch und Segen des Deutschtums in renovierter Verantwortung auf sich zu nehmen. Für Sieburg ist damit kein Aufgehen des Ichs im Volkskörper gemeint, sondern eine tiefreichende geistige Inspiration und Bestärkung aller, die wechselseitige Befruchtung von emanzipierter Bürgerkultur und transparenter Politik, von respektierter Intellektualität und moralisierter Macht.

Es sind die »multiple pasts« der Bundesrepublik, die dieser Schriftsteller seinen Landsleuten vor einem halben Jahrhundert als Fermente ihrer selbstkritischen Zeitgenossenschaft vor Augen führen will. Die deutsche Geschichte darf demzufolge nicht reduziert werden auf das nationalsozialistische Verbrechertum als inkommensurablen Archimedischen Punkt, vielmehr ist ein tiefreichendes historisches Gedächtnis notwendig, um die moralische und spirituelle Basis von Gesellschaft und Staat zu sichern. Sieburg will die Naziherrschaft und den Holocaust sehr wohl in die Symbolik der nationalen Vergegenwärtigung aufnehmen, aber nicht als erratischen Gründungsmythos, denn er sorgt sich um den Verlust an Lebensgefühl, an tätiger Phantasie und Zukunftskraft, den die manische Focussierung auf den Zivilisationsbruch mit sich bringt, diese Einbuße an »Bildern, an Verknüpfungen, an Identifikationen, an Träumen« (Karl Heinz Bohrer). Friedrich Sieburg, der manches Lied über die politischen Umbrüche und ideologischen Schründe des Zeitalters der Extreme singen konnte, gehört heute selber zur Gemengelage jener Vergangenheiten.

Begonnen hat der 1893 im westfälischen Altena Geborene als Bewunderer Stefan Georges, der junge Heidelberger Student sucht damals nach sinnerfüllten Ganzheiten und schwelgt als Lyriker in den sprachschöpferischen Verheißungen des »geheimen Deutschland«. Doch wie wenig die Poesie ein ordnendes und reinigendes Organ der Menschheit sein kann, erlebt er in den blutigen Desastern des Ersten Weltkrieges, der zum deutschen Kulturkampf verklärt wird und doch nur Tod, Verzweiflung und Zerstörung mit sich bringt. Sieburg kehrt 1918 als Fliegeroffizier verwundet heim, auf seinen soldatischen Einsatz wird er später mit Stolz zurückblicken, aber sein Weg führt ihn nicht zur revanchistischen und nationalistischen Rechten, sondern seit 1919 in das ›Erdbebengelände‹ namens Berlin, in das einzigartige Laboratorium der Moderne, mit all seinen ideologischen Spannungen und politischen Entladungen. Eine kurze Zeit lang ist er zu den links-euphorischen Expressionisten zu zählen, für die Schrei und Ekstase, Pathos und Tat das Wesen alles Literarischen ausmachen. Der junge Mann trägt seine Lyrik auf die Straße, doch bald sollte er sich zu einem kulturkritischen Journalisten wandeln, der den Traum der Poesie verlässt, um sich der Wirklichkeit seiner Zeit zu stellen.

Die Episode der Gefühlsrebellion in einer entleerten Realität endet für den verarmten Autor mit dem Jahr 1923, als er in Kopenhagen rasch zum einflussreichen Zeitungsmann wird. Seit 1925 sollte ihn sogar die berühmte ›Frankfurter Zeitung‹ in den Blick nehmen, Sieburg erhält erste Aufträge, und wenig später ist es so weit – im Sommer 1926 tritt er den grandiosen Posten des Paris-Korrespondenten der ›FZ‹ an. Hier beginnt die einzigartige Karriere eines Autors und Lebemanns, der mit seinem Buch ›Gott in Frankreich?‹ europaweit Furore macht und damit die völkertypologischen Münzen prägen sollte, die in den Diskursen der Locarno-Ära zwischen Deutschland und Frankreich hin- und hergereicht werden. Nicht ohne Neid und Verbitterung nimmt man den berühmten Journalisten in der Kapitale des ›feuilletonistischen Zeitalters‹ wahr, denn kein anderer Deutscher reüssiert so wie er, nicht einer ist dermaßen begütert und so begehrt in allen Pariser Salons, Sieburg geht bei den Mächtigen und Reichen, bei den Gebildeten und Schönen ein und aus. Legendär sollte sein weißer Sportwagen vor der Luxuswohnung an der Place du Panthéon werden. Dennoch, seine herausragende Bedeutung als publizistischer ›Mittler‹ zwischen den nach Versailles kaum noch gesprächsfähigen Deutschen und Franzosen gilt schon damals weithin als unbestritten.

Nach 1933 ist Sieburg durchaus affiziert von der ästhetischen Wucht der nationalen Bewegung in Deutschland, wenngleich abgestoßen von der braunen Kulturanmaßung und Brutalität. Sein Buch ›Es werde Deutschland‹ betreibt eine Art metaphysische Wesensschau des Deutschtums, die sich hier und da dem Kreis der konservativen Revolutionäre öffnet, vor allem den Schleicherschen Kämpfen um eine autoritäre Versöhnung von Sozialismus und Nationalismus, aber im Ergebnis erntet der Autor das offizielle Verbot des Werkes. Die Gestapo, auch Hitler und Goebbels, ahnen früh, dass mit Sieburg als ›Evangelisten des Dritten Reiches‹ nicht zu rechnen ist. Und so erfolgt sein intellektuelles Avancement an das offizielle Nazi-Deutschland auf den krummen Wegen der Karriere-Not. Wie die ›Frankfurter Zeitung‹ insgesamt gerät auch er, der Genießer und Freund gehobener Lebensart, in die Mahlströme der Macht, ohne die ein persönliches Auskommen bald nicht mehr denkbar ist. Halb erzwungen, halb gewollt begibt er sich in das splendide Milieu der Diplomatie, in seine vornehme Art der Emigration, sie sollte ihn tief einbinden in die Nazi-Auslandspolitik und wird für seinen endgültigen Rufschaden sorgen. Jahrelang schreibt Sieburg kaum eine Zeile, er verweigert die Dienstbarkeit als publizistischer Nazi-Ideologe.

Nach 1945 möchte der historisch und politisch geläuterte Autor dem bundesdeutschen Bürgergeist wegweisende Kulturimpulse vermitteln, denn die von außen verordnete Demokratie besitzt noch keine Seele, [ihr] fehlen Bewusstsein und geistige Vorstellung [ihrer] selbst. So gewunden und verbrämt Sieburgs Bekenntnisse zur eigenen Nazi-Vergangenheit anfänglich erscheinen mögen, er tritt seit Ende der vierziger Jahre vehement auf gegen jede politische Mystik und fordert die nationale Abrechnung mit den Schrecken der Hitlerschen Ausrottungspolitik, dieser Zeitspanne der Schande. Statt demagogischen Götzenbildern zu folgen, sollen alle Deutschen ihre historische Verantwortung als unteilbar wahrnehmen und gemeinsam tragen. Und auch den massenhaften Judenmord nennt Sieburg zu einer Zeit beim Namen, als Schuldverdrängung und ›Widerstandslüge‹ in der jungen Republik längst Fuß gefasst haben. Freilich hat er das Entscheidende zu seiner eigenen Nazi-Verstrickung erst im Lauf der Jahre und vor allem als Künstler zum Ausdruck gebracht, er konnte oder wollte es nicht in den zerschlissenen Sprachformeln des bundesdeutschen Verdachtsklimas tun. Dennoch, von Anbeginn gilt seine Selbstverpflichtung der Gesellschaftskritik, er fordert zum Streit wider Kultur- und Intellektuellenhass, plädiert für Gesittung und Geselligkeit, ja für eine lebendige und bürgernahe, von einer mutigen Öffentlichkeit getragene Demokratie.

Sieburg wird damals rasch zu einem der schärfsten Kritiker des glanzlosen und gleichmacherischen […] Rumpfdeutschland, er geißelt die hohle politische Einheitsphraseologie in West und Ost, befürchtet von NATO-Integration und Wiederbewaffnung nur die vertiefte Spaltung, wettert gegen die oligarchische Verkrustung der Parteien, gegen den Verbändeeinfluss auf die parlamentarische Willensbildung, gegen die zunehmende Ritualisierung der Wahlkämpfe und die auswuchernde Herrschaft der Bürokratien, ja gegen die hysterische Amerikanisierung des Landes, die Auswüchse der ›Kulturindustrie‹ und den maßlosen Triumph des Materiellen über alles Geistige. Nach rechts wie links wahrt Sieburg die Autonomie des Intellektuellen. Es ist keine wohlfeile Floskel, wenn er damals in der Kunst konservativ und in der Politik fortschrittlich sein will. Oft hat er für eine ernst zu nehmende geistige Opposition in der Bundesrepublik geworben und sich gegen jede sozial umhegte Politisierung gewandt, die man nicht fürchtet, weil man sich mit [ihr] als kulturell fortschrittlich ausweisen und doch im Politischen konservativ bleiben kann. Stattdessen plädiert er immer wieder für die riskante Gesellschaftswidrigkeit des Schriftstellers, für die Autonomie und die Unbotmäßigkeit des Asphalt-Literaten, für das Menschenrecht der Kritik und nicht weniger für das Anarchische und Unordentliche, das Eigensinnnige der Persönlichkeit überhaupt.

Dass sich avancierte Literaturkritik und aufsässige Intellektualität mit einem konservativen und geistesaristokratischen Nimbus vertragen, erzeugt damals die größte Irritation bei der jungen linken Schriftstellergeneration. Ihr Widersacher spielt in funkelnder Formfreude mit den Waffen der fortschrittlichen Sprach- und Fiktionsartistik, ja mit den ironischen Stilfinessen des europäischen Aufklärungsgeistes. Als kapriziöser Hedonist, als seigneurale Gestalt, als Siegelbewahrer einer hehren Polyphonie des Geisteserbes tritt dieser einflussreiche Literaturexperte in Erscheinung – das muss zu einem heillosen Streit über die Frage führen, was der Kunst und was des Kritikers sei in dem neuen, demokratisch verfassten Gemeinwesen. Nach der Pervertierung aller Pathosformeln durch die Nazi-Propaganda hat es die Republik schwer mit einem Schriftsteller, der Stil für eine Idee und den leidenschaftlich ›hohen Ton‹ für eine diskursive, rhetorisch gemeisterte Ausdrucksform seiner Persönlichkeit hält. Aus der Fallhöhe einschüchternder Klassizität und dennoch als praktizierender Asphalt-Literat kämpft Sieburg wider eine Kultur, in der er vor allem Schablonen, Klischees und Massenartikel wahrzunehmen glaubt. Kein Zweifel, dieser Kritiker hat seit den frühen fünfziger Jahren wesentlich zur Profilierung der Intellektuellenfigur im Deutschland der Nachkriegszeit beigetragen. Seine historische Erscheinung lässt die obligate Rede von der ›linken‹ geistigen Gründung der Bundesrepublik in einem veränderten Licht dastehen. Auch vor ›68‹ war die Kultur Nachkriegsdeutschlands nicht bloß eine »opportunistische Veranstaltung« (Wilfried Loth).

Die Autonomie und Selbstermächtigung des Subjekts – das ist Sieburgs geschichtsphilosophisch inspiriertes Programm, es befeuert den Eigensinn seiner gesamten publizitären Erscheinung. Doch gerade darin setzt dieser kritische Kopf auch Inspirationen frei für die spätere liberale Durchlüftung der Bundesrepublik. Sieburg war ein scharfer, aber konsensueller Kritiker von Politik und Kultur im demokratisch erneuerten Deutschland, er hielt sich von diesem Staatsgebilde überzeugt, aber er wollte nicht zulassen, dass es einem zunehmenden geistigen Analphabetentum zum Opfer fiel. Gewiss, er hat die verführte, verratene und enttäuschte Generation der Flakhelfer nicht verstanden, seine Kontrahenten mit dem moralischen Athletentum, diese »anpassungsgeschickten, aber mit verbissenem Willen ausgestatteten jungen Männer«, die selber »bindungslos und verstrickt« (Heinz Bude) waren. Nie hätte er für möglich gehalten, dass sie es sein würden, die aus ihrer existenziellen Unsicherheit heraus der Bundesrepublik zu einer neuen historischen Identität verhelfen könnten, deren moralischer Kern im Gedanken an die Schuld der Deutschen wurzelt. Und dennoch bleibt festzuhalten – zwar nicht mit dem großen Impetus seiner Nationalpädagogik, aber kraft seiner beharrlichen Streitlust, seines Memorialfurors und seiner normativen Stilbrillanz trug der Intellektuelle Friedrich Sieburg wesentlich dazu bei, dass sich im Nachkriegsdeutschland, über manche politische Hysterie hinweg, ein reißfester, selbstreflexiver und zunehmend weltoffener Zivilgeist entwickeln konnte. Der »Sinfoniker der Sprache« (Hans-Georg von Studnitz) war ein Meinungsmagnet für die schwindenden bildungsbürgerlichen Klientelen, und zugleich stellte er einen Katalysator dar für das linksliberale Reizklima der sich im Zeichen des Post-Totalitarismus neu orientierenden Demokratie. In Sieburgs Namen begegneten sich widerstreitende Gesinnungslager, die ohne ihn wenig Notiz voneinander genommen hätten.

Er ist es gewesen, der zu einer Zeit nach Deutschland fragte, als dessen Begriff umwölkt und verzerrt war von Ängsten, Verdächten und Verdrängungen. Doch vom heillosen Ruin der eigenen Kulturtradition wollte dieser Bildungsidealist sich nicht überzeugen lassen. Wenn der diskursive »Hohlraum« (Theodor W. Adorno) um die NS-Vergangenheit gegen Ende der fünfziger Jahre von kontroversen Debatten um die Schuldbindung der jungen Republik abgelöst wird, so hat Sieburg daran einen erheblichen Anteil gehabt. Viele Mitlebende sind um 1960 bereit, seiner geistigen Repräsentanz die Weihen einer »Sieburg-Ära« zuzusprechen, doch der Kritiker gewahrt bis zu seinem Tod zwischen sich und den Bundesbürgern ein Verhältnis der Missliebigkeit. Daran war und bleibt einiges bedenkenswert.

Eine Persönlichkeit wie Friedrich Sieburg, der ein Narziss und Melancholiker, ein Genussmensch und Glückssucher, ein Abenteurer und Streithahn, ein »Letterngefräßiger, Formsüchtiger, Fabelverliebter« (Fritz J. Raddatz) war, ein Ästhet und Provokateur, konnte nicht anders, er musste den öffentlichen Diskurs mit persönlichen Idiosynkrasien, Eitelkeiten und mancherlei Temperamentsschwankungen aufladen. Immer habe er auffällig gelebt, die deutsche Sprache mit einem gewissen Triumph behandelt und eine Nuance der Unbescheidenheit zu erkennen gegeben, gesteht er selbst irgendwann ein. Versöhnlich oder ausgewogen wird man diesen Aristokratismus von Stil und Geschmack mit herrscherlichem Anspruch in der Tat nicht nennen dürfen. Deshalb sind die Verdikte der Arroganz und Geltungssucht, der Einseitigkeit und Unaufrichtigkeit gegen den Doyen der bundesdeutschen Literaturkritik auch später nie ganz verstummt. Sie haben sich in einem übersichtlichen Rezeptionsgelände niedergeschlagen.

Es reicht von der teils abgeklärten, teils bewundernden Sicht derer, die Sieburg noch persönlich kannten, bis zu den akribischen Nazi-Fahndern im Gefolge der 68er-Germanistik, vom Vorwurf der Parteinahme für die »Adenauersche Restaurationsepoche« (Walter Boehlich) bis zum Überdruss am »Eiertanz um Sieburgs Schuld, Verstrickung und Entschuldigung« (Michael Winter), schließlich bis zu jenen, die seit einiger Zeit unbefangen über die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik nachdenken und einen gewandelten Sinn für die biographischen Konflikte zwischen Stilnoblesse und sozialer Selbstbehauptung entwickelt haben. Dazu gehört auch der Blick auf solche kritischen Antipoden des ›Kollaborateurs‹ Sieburg, die sich nach 1945 ihrerseits erst als hochbetagte Männer, oft nicht einmal dann der eigenen jugendlichen Verstrickung in das Nazi-Regime haben erinnern wollen. Immerhin, der demokratisch belehrte Sieburg argumentierte schon früh auch gegen sich selbst, wenn er vom Schulddilemma der Nation sprach. Den Vorstellungen vom Neubeginn, von der ›Stunde null‹ und der ›jungen Generation‹ hielt er das Thomas Mannsche Memento des ›einen‹ Deutschland entgegen: »Das böse Deutschland, das ist das fehlgeschlagene gute, das gute im Unglück, in Schuld und Untergang. Darum ist es für einen deutsch geborenen Geist auch so unmöglich, das böse, schuldbeladene Deutschland ganz zu verleugnen und zu erklären: ›Ich bin das gute, das edle, das gerechte Deutschland im weißen Kleid, das böse überlasse ich euch zur Ausrottung‹.«

Geschichtliche Verantwortung gründet nicht allein im ertragenen Schuldbewusstsein, sondern in forschend kreativer Nachdenklichkeit und in wagemutigen Diskursen, Betroffenheitsrituale und zu Formeln erstarrte Memorialkulte werden ihr nicht gerecht. Sieburg hat das nach 1945 schnell begriffen, sein gewachsener historischer Sinn und seine zeitkritische Sensibilität rücken etliche Bruchstellen und Legitimitätsschäden einer posttotalitären Gesellschaft ins Licht, die allzu selbstgefällig auf die eigene Vergesslichkeit und auf neue, unbefragte Autoritäten vertrauen will. Am Ende jedoch ist das streitbare Künstlertum Sieburgs mit diesem renovierten Deutschland nicht ins Reine gekommen, denn der bundesrepublikanische public spirit wollte nicht im milden Licht klassischer Kulturbesinnung leuchten, sondern suchte einen möglichst voraussetzungslosen und nüchternen Neubeginn unterm Bann der westlichen Moderne. So gesehen, hat sich die »geglückte Demokratie« der Deutschen eher in den Volten der unduldsamen Eloquenz des Kritikers Sieburg abgezeichnet, als dass sie seiner historischen Erwartung entsprochen hätte: Vieles von dem, was ich an der Zeit kritisiert habe, ist zum allgemeinen Begriffsgut geworden […], aber vieles blieb auch aus. Nicht zuletzt deshalb ist er oft im Geist von Animosität, Gegnerschaft und Entlarvung wahrgenommen worden. Sollten wir uns nicht, im Blick auf Sieburgs Vermächtnis, um eine neue Vergangenheit bemühen?

Schatten der frühen Jahre

Es war eine Kindheit und Jugend im Bann des umbrechenden Wilhelminismus, in einer oszillierenden Welt zwischen den Zeitaltern, aufgereizt durch das Wetterleuchten nationaler Modernität. Ein wahres Revolutionsgewitter von Wissen, Worten und Techniken geht am Ende des 19. Jahrhunderts auf das deutsche Kaiserreich nieder, es sollte Sieburg keine seiner mentalen Funkenschläge und Verwirbelungen ersparen, und doch wird er später selten eine Bemerkung über diese Anfangsjahre verlieren. Noch kurz vor seinem Tod vermag er nicht einzusehen, was an einer Kindheit interessant sein soll. In kleinbürgerlichen, geordneten Verhältnissen wächst Sieburg auf, doch Geborgenheit und Frieden scheinen in dem vielköpfigen Beamtenhaushalt nicht immer selbstverständlich gewesen zu sein. Beziehungs- und Autoritätskonflikte, Leistungs- und Aufstiegszwänge haben seine Adoleszenz begleitet.

Das sauerländische, ein wenig zeitverlorene Altena, in dem er am 18. Mai 1893 geboren wird, bietet ein eher tristes Lebensmilieu. Residuen der alten Ständewelt stehen unverkennbaren Zeichen einer regionalen Modernisierung gegenüber. Wirtschaftlich bewegt wird das soziale Leben Altenas durch die Eisenbahnverbindung zum boomenden Rhein-Main-Revier und seiner prosperierenden Adels- und Bourgeois-Elite. Hier wächst Friedrich Sieburg heran zwischen Feudalornamentik und industrialisiertem Fortschrittsgeist, unter dem anschwellenden Druck einer Zeitenwende, überwiegend gut versorgt, aber inmitten spannungsreicher Lebensumstände. Dazu gehört die Tatsache, dass die katholische Familie im protestantisch geprägten Altena eine Minderheit darstellt. Alles in allem wissen wir wenig über den impulsiven und phantasiebegabten, in Stadt und Landschaft neugierig umherstreifenden Jungen, der offenbar ein saumseliger Schüler ohne herausragende Talente gewesen ist, der aber den Unterschied zwischen dem bescheidenen eigenen Lebenszuschnitt und dem der besseren Kreise aufmerksam wahrnimmt. Was gesellschaftlich bedeutsam ist für die Familie Sieburg, wird definiert durch die Berufsautorität des Hausherrn, die Kinder müssen den schwierigen Lebensweg später selbst finden, nicht selten ohne das väterliche Einverständnis.

Carl Ernst Sieburg, Friedrichs Vater, war zunächst Soldat im Krieg gegen Frankreich, von seinen einprägsamen Erzählungen aus dem Winterfeldzug 1870/71 sollte viel später im Tagebuch des Sohnes noch die Rede sein. Der ausgemusterte Kämpfer findet in Altena ein berufliches Unterkommen als Eisenbahnbeamter, wo er sich als leistungsorientierter Mitarbeiter erweist. Doch des alten Sieburgs Blick schweift über die Grenzen des Kleinstadtmilieus hinaus. In diesem national- und imperialstolzen, die Standesgrenzen aufweichenden Kaiserreich schaut er nach oben, auf die neuen aristokratisch-bürgerlichen Machteliten. Sein Ehrgeiz heißt soziales Avancement, dafür nimmt er sich Freiheiten heraus, die ihm das moderne, wirtschaftlich so hoffnungsvoll dynamisierte Deutschland bietet. Zwei Ehen hat Carl Ernst Sieburg hinter sich, zwei Söhne sind gezeugt, zwei Töchter bereits gestorben, als Clara Therese Emilie Edle Slop von Cadenberg seine Frau wird, ein musisch inspiriertes Mädchen aus verarmtem Adel. Einen Bruder und eine Schwester wird die neue Ehe neben Friedrich noch zeitigen. Wenige Jahre zuvor ist eine solche familiäre Konstellation nicht leicht denkbar gewesen, doch die Zeiten der bornierten Ständetrennung sind vorüber, und das auch im katholischen Milieu. Man zelebriert eine Heirat unter dem Banner der deutschen Moderne. Der aufstiegsbewusste Beamte und die kultivierte Gattin, das soll eine auf Zuwachs gestimmte Sozialform sein, technische Qualifikation und zielorientiertes Bildungsbewusstsein setzen die Maßstäbe in dieser Beziehung, sie sind mitverantwortlich für den inneren Erregungszustand des nicht kleinen Haushalts.

Carl Ernst Sieburg kann sich und seine Familie zu jener neuen Mittelschicht rechnen, die zwischen den Normhorizonten des Bildungs- und des Wirtschaftsbürgertums ihre Prosperitätschance erblickt. Es ist die ökonomische Dynamik des Kaiserreiches, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine zunehmende Durchlässigkeit des Qualifikationssystems erzwingt, der Anteil der Mittelschicht an den Schüler- und Studentenzahlen steigt kontinuierlich, auch Sieburg hat eine praktische Berufskompetenz erwerben können, die ihm jenseits der Welt von Adelspracht und Bürgernobilität ein tatkräftiges Selbstbewusstsein sichert. Technische Qualifikation und professionelle Versiertheit werden immer bedeutsamer für den gesellschaftlichen und persönlichen Erfolg. Es ist nicht Bildung allein, die das Fundament der Sieburgschen Eigenwahrnehmung ausmacht, vielmehr stellen der Leistungsgedanke, das Arbeitsethos, das regelorientierte Lebenskonzept und die Wertschätzung von Wissenschaftlichkeit unverkennbare Faktoren seiner beruflichen und familiären Anstrengungen dar. Die Früchte dieser Aufstiegsenergie wird man an seinen Söhnen Friedrich und Erich beobachten können, die unter der strengen, nicht selten maßlosen Autorität eines Vaters zu leiden haben, der immer wieder von melancholischen bis depressiven Stimmungen heimgesucht wird. Insbesondere Friedrichs Kulturidealismus sollte später manche Züge dieses kleinbürgerlich aparten Verhaltenshabitus tragen, in seiner Kindheit und Jugend verschränken sich die Zeit- und Sozialhorizonte.1

Im Jahre 1904 wird Carl Ernst Sieburg nach Düsseldorf versetzt, wo er die beachtliche Position eines Güter-Expedienten, eines leitenden Angestellten im dort ansässigen Deutschen Stahlwerkverbund, übernimmt. Seither darf man in ihm eine noch bedeutendere Berufspersönlichkeit sehen. Kein Wunder, dass er in seiner Familie zunehmend dominant in Erscheinung tritt, aber umso tiefer verstrickt es ihn auch in Konflikte und Beziehungskrisen mit seiner Frau und den Kindern. Nicht wenig scheinen alle Nachkommen unter der materiellen Verfügungsgewalt ihres Paterfamilias gelitten zu haben, der immer wieder herrisch auf der Einhaltung des nicht üppigen Familienbudgets besteht, und seiner Frau kein Dienstmädchen an die Hand geben will. Zudem ist von wechselseitigen Drangsalierungen der Kinder die Rede, sie dürften den Hausfrieden nicht selten gestört haben. Vermutlich hat das Familienklima in jenen Jahren unter dem Widerspruch zwischen altvorderen und ›modernen‹ Werten und Rollenmustern gelitten.

In einem der wenigen erhalten gebliebenen Briefe Friedrichs an den fünfzehn Jahre älteren Halbbruder Erich (September 1913) ist vom konstruierten Gegensatz von Kindern und Stiefkindern die Rede, von ekelerregenden Auftritten und der fragwürdigen Autorität des Vaters, von seiner krankhaften Art und von der schlecht verhüllten Feindschaft zwischen Papa und mir. Nicht zuletzt erwähnt Sieburg seine verzweifelte Mutter, sie werde aufs empörendste gequält und beleidigt, und er wolle sie mit allen Mitteln verteidigen. Solchermaßen muss es in der Familie des Öfteren zum Vorwurf der Verdorbenheit gegen Friedrich gekommen sein, in dem jungen Mann wird man damals einen sehr impulsiven, nicht leicht zu lenkenden Zögling sehen dürfen. Bald spricht er davon, dass ihn ein friedloses Familienleben zermürbt habe. Zwischen ihm und dem Vater hat es aber auch freundliche Lebensphasen gegeben, später als Journalist in Kopenhagen will Friedrich den alten Herrn sogar finanziell unterstützen. Aufs Ganze gesehen, sind die Spannungen zwischen dem Jungen und dem Alten nicht zu verkennen. Warum mag der Soldat verweigert haben, dass sein Vater ihn 1916 an der Kriegsfront in Frankreich besucht? Über die Beziehung zu seiner Mutter hat Friedrich offenbar nie geklagt.2

Der seit 1919 in Berlin lebende Doktor Friedrich Sieburg hat vermutlich sich selbst und seinen Vater im Blick, wenn es in seiner Erzählung »Oktoberlegende« von 1924 heißen wird: Als Schüler war er einmal nicht versetzt worden, und der Weg zu seinem Vater mit der Note ›nicht versetzt‹ war eigentlich das einschneidendste Erlebnis seines Daseins geblieben. Lange hatte er vor der dunklen Tür zu seines Vaters Zimmer gestanden, das Blatt in der Hand und eine linde, geräuschlose, fast angenehme Verzweiflung, verwandt der allerletzten Todesangst, im Herzen. Dies Gefühl verließ ihn nie wieder. Alles in allem dürfte die Sieburgsche Lebensgemeinschaft ein kompliziertes, oft von Leidenschaftsausbrüchen, von Angst und Widersatz geprägtes Beziehungsgeflecht gewesen sein. Besonders deshalb, weil sich die Person Carl Ernst Sieburgs in einem früher kaum denkbaren Spannungsverhältnis befindet, am Ende geht es in der Familie um nicht weniger als die Legitimität des Autoritären überhaupt. Für den jungen Friedrich Sieburg, der lange Jahre in quälender finanzieller Abhängigkeit von seinem Familienoberhaupt leben muss, wird dies zu einer entscheidenden Wegmarke der Sozialisation. Die damals so zeittypische Revolte der Söhne gegen ihre Väter sollte noch seinen späteren Identitätskampf tief beeinflussen, auch wenn er sich bald als welterobernden Jüngling verstehen wird. Verheißung und Grenzen seiner intellektuellen Zukunft werden sich über Jahre an jenem Vater-Sohn-Konflikt abarbeiten.3

Aus dem Jahr 1950 stammt ein Essay Sieburgs mit dem Titel »Der Trost zu altern«, in dem er über seinen Vater nachdenkt. Wie dessen Inkarnation kommt er sich in diesem Moment vor: er hatte von mir Besitz ergriffen, ich fühlte ihn in mir. Sieburg glaubt die Last der väterlichen Jahre in der Beugung meines Rückens und seinen stillen Blick, der vor Müdigkeit ins Leere ging, in meinen Augen zu spüren. Ihn erschreckt die Erinnerung an den längst verstorbenen Menschen, denn der kommt ihm auch jetzt nicht nahe, sondern zeigt sich als stummes Abbild seiner selbst. Nicht einmal in der Erinnerung öffnet sich ein Raum des Miteinandersprechens: In der träumerischen Starrheit meines Blickes war die Summe seiner leisen Melancholien enthalten, die mich zu seinen Lebzeiten so oft verwirrt haben. Nun sei ihm endgültig bewusst geworden, dass dieser Vater in seinem eigenen Inneren immer beheimatet sein würde, schreibt Sieburg, vor allem, um mir altern zu helfen. Denn der Vater, dieses unzugängliche und doch für sein Dasein so einflussreiche Wesen, habe sich vor dem Altwerden nicht gefürchtet und ihm selbst dadurch genug Leben hinterlassen.4

Die zunehmende Akademisierung der Berufswelt im wilhelminischen Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist auch für den jungen Sieburg eine unabweisbare Tatsache, sein Blick dürfte sich deshalb schon früh auf die Universitäten und auf den Literaturbetrieb gerichtet haben. Mag er als Kind ein schwacher, nicht leicht zu disziplinierender Schüler gewesen sein, mit sechzehn Jahren schafft er es, im ›Düsseldorfer Generalanzeiger‹ (1909) für einen Goldtaler pro Lieferung erste literarische Texte zu veröffentlichen. Und das, obwohl die Lernerei im humanistischen Gymnasium für ihn eine Qual bedeutet, der er außer einigen Lektüreanregungen nicht viel zu verdanken glaubt. Dennoch muss bei dem jungen Sieburg, der eifrig das Düsseldorfer Kulturleben und die Zeitungen studiert, ein fieberhaftes Schreib- und Ausdrucksbedürfnis herangewachsen sein. Beizeiten gewinnt er Zutritt zum Feuilleton der örtlichen Zeitung, wo man ihm allerdings gelegentlich die Grenzen seines jugendlichen Poesieüberschwangs aufzeigt. Doch der junge Mann, der eine frühe Affinität zum Theater und zur Revue entwickelt und auch dem erotischen Flair der Künste zugeneigt ist, möchte endlich aufs Ästhetisch-Philosophische hinaus, die technisch-administrative Domäne des Vaters scheint ihm viel weniger sinnträchtig. In einem Brief vom 23. 2. 1910 berichtet er dem Halbbruder Erich von einer Wedekind-Aufführung, er sei entzückt, hingegen sei die Schule von quälender Langeweile. Und zwei Jahre später heißt es: Ein Freund von mir, ein Maler, macht Zeichnungen zu Gedichten von mir, und zwar großartige Zeichnungen. Er will sie herausgeben.5 Die geistige, besonders die literarische Atmosphäre des an Geltung verlierenden deutschen Bildungsbürgertums, zumal die Avantgarde der Symbolisten ist es, die dem Gymnasiasten die frühesten intellektuellen Lichter aufsteckt. Vor allem anderen sollte die Wortkunst zum Medium seiner Selbstbehauptung werden. In den frühen Briefen an Erich nennt Friedrich die Fixsterne seiner Bildungseuphorie – Stefan George, Friedrich Gundolf und Karl Wolfskehl.

Müssen Literatur und Philosophie, wenn sie einen zuinnerst ergreifen, jedem Orientierung suchenden Ich nicht als maßgebliche Distinktionsgewinne erscheinen? Das tun sie für Friedrich Sieburg ohne Zweifel, doch liegen darin nicht nur Fluchtwege der Phantasie, sondern herausfordernde, geradezu verjüngende Lebensmächte begründet. Überschreitbar ist die ernüchternde, als widernatürlich erscheinende, ›moderne‹ Leistungs- und Berufswelt nur im Medium der Idealisierung und Ästhetisierung. Dieses Bildungssyndrom teilt Sieburg mit vielen Menschen seiner Generation. Widersprüchliche Energien reiben sich im Sozialisationskomplex der nun heraufziehenden Intellektuellenkohorte aneinander – die Distanzierung vom Lebensstil der Elterngeneration, das Leiden an der eigenen materiellen Unterprivilegierung, die Empfindlichkeit gegenüber den Erscheinungsformen von Geld-Aristokratie einerseits und ›moderner‹ Massengesellschaft andererseits, die Bedrohung durch den Bedeutungsverlust von Bildung, schließlich die zunehmend prekären Beschäftigungsmöglichkeiten für Geistesschaffende im wilhelminisch-kapitalistischen Leistungssystem. Sieburg wird später von der Verlogenheit der Eisen- und Stahlepoche sprechen und von einem zu den höchsten Gipfeln des Materialismus aufsteigenden Bürgertum. Dies alles verursacht eine Lebensatmosphäre von Erregtheit und Desorientierung. Einbindung in diese Wirklichkeit heißt für den jungen Sieburg zuvörderst Entbindung und Irritation, Umdenken und Widerspruch, vor allem aber rückhaltloses Transzendieren. Nur an einer hoffnungsvoll neuen und schöpferischen, so genialisch auftrumpfenden wie formbewussten Geistigkeit kann die schlechte Realität noch einmal genesen.

Schon der Siebzehnjährige wird sich bald als ein Kind dieses nervösen Zeitalters zu erkennen geben. Denn was sich unter dem Fanal einer verjüngten »neuen Zeit«, als »unendliches Unterwegssein des deutschen Wesens« auf Zukunft und Zeitenwende gestimmt dartut, birgt in sich zahllose Unsicherheiten, Ambivalenzen und Ängste. Noch im Oktober 1934 schreibt Sieburg an seinen Halbbruder Erich: Die Lebensangst ist und bleibt Dein Teil – ist sie nicht eine Familieneigenschaft? – und Du solltest Dich nicht allzu sehr gegen sie aufbäumen, denn sie ist doch die Quelle edelster Empfindlichkeiten und Empfindungen und sichert dem, der unter ihr leidet, eine dauernde Verbindung mit den höheren Mächten.6 Der vor Zuversicht und Angst gleichermaßen fiebernde Mythos des ›Jugendlichen‹, dessen Suggestivität auch Sieburg erliegt, speist sich aus etlichen mentalen Tiefenbeben. Schon Nietzsche hatte die ›Jugend‹ zum Inbegriff des natürlichen, nicht entfremdeten Lebens stilisiert, am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sie sich zu einem erregten Sozialhabitus, dem die »Lizenz der Innovation und Konventionsverletzung« konzediert wird. ›Jugend‹, selbst alles Jugendstilhafte ist fortan nicht mehr zu trennen von der Ambivalenzerfahrung der Moderne. Das Faszinosum der Jugendlichkeit sei ein »Symptom der Krise«, schreibt Walter Benjamin, eine unbewusste »Regression aus der sozialen in die natürliche und biologische Realität«. Diese geistige Bewegung, welche die »Erneuerung des menschlichen Lebens erstrebte, ohne die des öffentlichen zu bedenken, kam auf eine Rückbildung der gesellschaftlichen Widersprüche in jene ausweglosen, tragischen Krämpfe und Spannungen hinaus, die für das Leben kleiner Konventikel bezeichnend sind.« Auch der junge Sieburg denkt in Kategorien der aparten Georgeschen Kunst, mit der eine »Ordnung, die schon in allen Fugen [nachgibt], zusammengeschmiedet werden soll«.

Es ist vor allem die hohe Tonlage des Lyrischen, die den Jüngling damals in ihren Bann zieht. Noch Jahrzehnte später wird er in einem Gespräch mit Horst Bienek sagen: Ich glaube, dass jeder junge Mensch, der eine Zeit großer innerer und äußerer Erregungen hinter sich hat, den Ehrgeiz in sich spürt, etwas zu schreiben, mit dem Wort etwas Schöpferisches zu beginnen, mit Gedichten anfangen muss. Das ist zwar nicht der Weg der Weisheit, aber es ist der natürliche Weg der Leidenschaft. Mit Inbrunst wendet sich der Schüler Friedrich Sieburg an den damals Einzigartigen, den »Erscheinenden«, den Meister und Herrscher – Stefan George. In ihm gewahrt er die Gipfelgestalt der zeitgenössischen Dichtung und Philosophie, einen Erwecker und geistigen Führer, zumal die Georgesche Lyrik sieht er als Verkörperung dessen, was der deutschen Nationalkultur um 1910 nottut – ein »ordnendes, zusammenfassendes, reinigendes Organ der Menschheit«.7

Wallfahrt zu Stefan George oder
Das echte mythische Denken

Friedrich Sieburgs erster Brief an Stefan George stammt vom 9. Mai 1910, der Gymnasiast ist damals siebzehn Jahre alt: Ich wage nun zu hoffen, dass ich je Ihrem geweihten Kreise näher treten könnte. Aber der Gedanke, dass der Meister, vor dem ich die Hände falte, […] mir darüber schreibt, wird mich glücklich machen. Schon diesem ersten Brief legt er sechs eigene Gedichte bei, sehnlichst auf ein Wort der Ermutigung hoffend. Doch der Dichter lässt sich Zeit, und Sieburg muss ihn nächstens bitten, seine Unruhe nicht übelzunehmen, aber George könne ihn nur allzu leicht vergessen, weil sich doch so viele Jünglinge an ihn wendeten. Den Briefen an George verdanken wir einen ersten Blick auf das Sieburgsche Geisteslaboratorium der zehner Jahre. Ein Theaterstück und eine Prosaarbeit habe er geschrieben, teilt der junge Mann mit, zudem etliche Gedichte, sie seien nach meinem Ermessen gut geworden. Dann spricht er von ausufernden Lektüregängen, mit Lust habe er sich auf das Studium der mittelalterlichen Philosophen und Mystiker geworfen, er lese Ekkehard, Paracelsus, Böhme, Silesius und natürlich Jean Paul und Hölderlin sowie den ›Siebenten Ring‹: Oder ich denke lange und liebend an Sie und habe viel Stimmungen und Wünsche. Oft allerdings überfalle ihn eine tiefe Traurigkeit: Ich wollte es wäre einer, der mich tröstete und erheiterte mit liebendem Spruch. Aber wo ist der? Doch es ist genug! Ich bin Ihrer unendlich bedürftig und danke für alles Gute was Sie mir gesagt haben.1

Der junge Sieburg will darunter sein Pflichtstudium keineswegs vernachlässigen, Ende 1911 soll das Abitur absolviert sein, damit endlich die Straße frei werde, um wahrhaft zu wirken. In anderen Krisenphasen sind es Aischylos und die Gnostiker, die ihn gewaltig und tröstlich bewegen, er lebe dann in seiner Stube ganz im Geiste der orphischen Mysterien und im Glanz übersinnlicher Erkenntnisse. Woher sonst, wenn nicht aus dem allumfassenden Geist der Platon und Plotin, der Pythagoras, Horaz und Novalis, der Baudelaire und Nietzsche soll der bildungshungrige Schüler Glauben und Kraft zum Leben beziehen? Halt findet er nur in jener inneren Welt, nicht in der Wirklichkeit, allein der Geist hält ihm die Kräfte rege. Sieburg muss nicht in die philosophische Ferne schweifen, um seine Bildung zu vervollkommnen, das Gute liegt nah. Immer wieder habe er Georges Bücher gelesen und damit seine jungen Tage verträumt, oder Und dann wird der Siebzehnjährige vollends pathetisch: 2