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Irene Heidelberger-Leonard

Imre Kertész

Leben und Werk

Wallstein Verlag

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

© Wallstein Verlag, Göttingen 2015
www.wallstein-verlag.de
Vom Verlag gesetzt aus der Stempel Garamond
Umschlaggestaltung: S. Gerhards, Düsseldorf
Druck und Verarbeitung: Hubert & Co, Göttingen

 

 

 

 

für Dick

für Miriam

für Mark

Inhalt

KAPITEL 1

»Ein seltsamer Roman, mein Leben.«
(1929-2014)

KAPITEL 2

»Abwechselnd Opfer und Henker […] sein«
(1959-1977)

Ich, der Henker | Roman eines Schicksallosen | Der Spurensucher

KAPITEL 3

»Das Scheitern, das Fiasko ist heute die einzige Erfahrung, die zu erfüllen ist.«
(1977-1988)

Detektivgeschichte | Fiasko

KAPITEL 4

»›Nein!‹, nie könnte ich Vater, Schicksal, Gott eines anderen Menschen sein.«
(1990-2003)

Kaddisch für ein nicht geborenes Kind | Liquidation

KAPITEL 5

»Sechs Jahrzehnte […] Diktaturen […] haben meine aus dem Dulden […] sich nährende Immunität zermürbt«
(1991-1993)

Die englische Flagge | Protokoll

KAPITEL 6

»Meine einzige Identität ist die des Schreibens«
(1961-2006)

Galeerentagebuch | Ich – ein anderer | Dossier K.

KAPITEL 7

Letzte Einkehr
(2001-2009)

 

Anmerkungen

 

Literatur

 

Dank

KAPITEL 1

»Ein seltsamer Roman, mein Leben.«

Galeerentagebuch, S. 233

 

 

 

 

 

 

So müsste man geboren sein, »als Günstling des Augenblicks«1: »Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag«,2 zitiert Imre Kertész aus Dichtung und Wahrheit. Kertész beantwortet Goethes triumphale Ouvertüre mit einem Gegenentwurf: »Als ich zur Welt kam, stand die Sonne im Zeichen der größten Weltwirtschaftskrise aller Zeiten, […] ein Parteiführer namens Adolf Hitler blickte mir […] aus den Seiten seines Buches ›Mein Kampf‹ entgegen, und das Numerus clausus genannte erste ungarische Judengesetz stand als Zeichen im Zenit meiner Konstellation […]. Sämtliche irdischen Zeichen […] zeugten von der Überflüssigkeit […] meiner Geburt.«3

Kertész’ Lebensgeschichte ist die Geschichte eines Schriftstellers, der sein Leben in Schrift verwandelt, sich in jedem Werk neu erschafft und damit die erfahrene Katastrophe zugleich bannt und steigert. Es ist allein die Literatur, mit der Imre Kertész sein Katastrophen-Leben beglaubigen kann. Die einzige Chance für den überlebenden Schriftsteller, nach Auschwitz weiterzuleben, sieht Kertész »in der Selbstdokumentierung, in der Selbstanalyse, in der Objektivierung, das heißt in der Kultur«.4 In diesem Sinne erklärt Kertész den Holocaust zu einem »Wert, weil er über unermeßliches Leid zu unermeßlichem Wissen geführt hat und damit eine unermeßliche moralische Reserve birgt.«5 Der abendländischen Literatur, so Kertész weiter, wurde der Holocaust zu einer Quelle der Inspiration, denn er habe eine Kultur hervorgebracht wie etwa die Bibel oder die griechische Tragödie, »auf daß der nicht wiedergutzumachenden Realität Wiedergutmachung entsprieße – der Geist, die Katharsis«.6 Kertész’ Essay aus dem Jahre 1992, dem er in seiner Endfassung den provokatorischen Titel »Der Holocaust als Kultur« gibt – ursprünglich war er als eine Hommage an den älteren Schriftstellerkollegen Jean Améry konzipiert7 –, enthält nichts weniger als Kertész’ Poetik.

Imre Kertész wird am 9. November 1929 in Budapest als Kind einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie geboren.8 Der »mütterliche[ ] Zweig« stammt »aus dem siebenbürgischen Klausenburg« und der väterliche »aus der […] Balatongegend«.9 In seiner Nobelpreis-Rede schreibt er über seine Großeltern: Sie »zündeten […] zum Sabbatbeginn […] noch Kerzen an, doch ihre Namen waren schon ungarisiert, und es war ihnen selbstverständlich, das Judentum als ihren Glauben, Ungarn aber als ihre Heimat anzusehen.«10 Die Eltern seiner Mutter wurden in Auschwitz ermordet, die Eltern seines Vaters »hat das kommunistische Rákosi-Regime umgebracht«.11

Kertész’ Mutter, Aranka Jakab, geboren am 15. Juli 1902, wollte so früh wie möglich aus der Enge ihrer Familie ausbrechen und nahm schon im Alter von 16 Jahren eine Stelle als »Privatangestellte« an.12 Aber erst nach der Heirat mit László Kertész 1927 konnte sie ein selbständiges Leben führen. Diese Selbständigkeit belastete jedoch auch sehr bald das Eheleben, zumal der Vater in jeder emanzipatorischen Geste einen Seitensprung fürchtete. 1934 kam es schließlich zur Trennung. Sie blieben aber bis zur Scheidung 1943 offiziell verheiratet. Imre Kertész beschreibt seine Mutter als »schöne, elegante Frau«,13 deren Kämpfernatur unerschütterlich geblieben sei bis zu ihrem Tod im Alter von 88 Jahren.14 Dabei hatte sie den Zweiten Weltkrieg nur knapp überlebt: »Sie ist zweimal entkommen, einmal aus einer Marschkolonne, das zweite Mal aus der Ziegelei von Óbuda, von wo schon Transporte nach Auschwitz abgingen. […] Zuletzt hat sie einen ›sicheren‹ Unterschlupf im Ghetto von Budapest gefunden.«15 Laci Seres, ihr zweiter Mann, wurde »das letzte Mal auf einem Todesmarsch in Richtung Österreich gesehen […]: Er war umgekommen.«16 Auch ihren dritten Mann, den »Glühbirneningenieur«17 Arpád Ermer, hat sie überlebt.

Imres Vater, László Kertész, geboren am 7. August 1900 in Budapest, war auf seine Art »ein Kämpfer«,18 aber im Gegensatz zur Mutter ein eher ängstlicher Mensch, der Konflikten auswich und meist, wie es in Dossier K. heißt, »als Verlierer« dastand.19 In Dossier K. wird er als »ein lieber, gutaussehender, schlanker Mann«20 mit »levantinische[m] Gesicht«21 charakterisiert. Das Geld, das er mit seiner Holzhandlung in der Pester Koszorúth-Straße 32 verdiente, reichte eher schlecht als recht.22 Auch das Verhältnis zu seinem Sohn war sehr schwierig. Imre Kertész schreibt über seinen Vater: »Durch das Fiasko, das er mit meiner Mutter erlitt, hatte mein Vater mein Herz gewonnen – wenn auch nicht meinen Verstand.«23 Er erinnert sich an die sonntäglichen Spaziergänge durch Budapest, die er oft als qualvoll empfand. Eine Szene hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt: »›Vom Ring her war ein unverständliches Gebrüll zu hören. […] Mein Vater erklärte, daß im nahegelegenen Kino der deutsche Film Jud Süß gespielt werde und daß die aus dem Kino strömende Menge dann Juden unter den Passanten suche und Pogrome veranstalte.‹ … ›Ich mochte damals neun Jahre alt gewesen sein und hatte das Wort Pogrom noch nie gehört.‹ … ›Doch was das Wort bedeutete, verrieten mir seine zitternden Hände, sein Verhalten.‹«24

An dieser Szene lässt sich das ambivalente Verhältnis zu seinem Vater erklären. Sie zeigt »den Zusammenbruch der väterlichen Autorität vor dem erschrockenen Knaben, den man […] vom Rand des Abgrunds fernhält, statt zusammen mit ihm hineinzublicken und seine Tiefe auszumessen.«25 Der Vater habe nie versucht, ihn über ihr »gemeinsame[s] Ausgeliefertsein […]«26 aufzuklären; der Sohn aber hätte sich einen Vater gewünscht, der seine Angst mit ihm geteilt hätte. Statt ihm zu erklären, wie es 1938 um sein Judentum bestellt war, sei er in sein »Judentum hineinbefohlen« worden. Er »hatte nicht etwas ›auf [s]ich zu nehmen‹« und wurde so »um das Verantwortungsgefühl gebracht«.27 Seitdem gab es eine unüberwindbare Kluft zwischen ihnen: Der Vater hatte dem Sohn verschwiegen, welches Schicksal ihn erwartete, und der Sohn würde es dem Vater nie verzeihen, dass er ihm die Wahrheit vorenthalten hatte.

Zum politischen kam das häusliche Elend. Der Junge wusste sehr wohl, dass er den Eltern »eine Last« war, Kertész bezeichnet sich selbst als »Produkt der Liebe eines Paares, das sich gar nicht liebte«.28 Erst als die Mutter eigenes Verschulden zugab, konnte sie die Scheidung durchsetzen, musste aber das Sorgerecht dem Vater überlassen. Während die Eltern ihre Trennung verhandelten, wurde der Fünfjährige in einer privaten Erziehungsanstalt in der Munkácsy-Mihály-Straße 16 untergebracht, einem ansehnlichen Jugendstilbau in einem vornehmen Budapester Viertel. Dem Knaben war das Internat eine verhasste »Festung«,29 Inbegriff des »Autoritätsprinzip[s]«,30 der »Vaterkultur«.31 Trotzdem absolvierte er im Kriegsjahr 1939 als jüngster Zögling die vier Klassen der Grundschule mit glänzendem Zeugnis. In jedem Fach – Betragen, Sorgfalt, ungarische Sprache, Rechnen, Erdkunde und Geschichte – findet man die Note ›sehr gut‹. Früh entdeckte das einsame Kind das Lesen, die Musik und auch das Schreiben als Zuflucht.32 Bereits mit »acht oder neun Jahre[n]« wünschte er sich »zu Weihnachten […] ein Tagebuch«.33 Glücklich sei er nicht gewesen, er habe damals längst »durchschaut, welch abscheulicher Ort für ein kleines Kind diese Welt ist«.34

Dank seiner guten Noten wurde er mit zehn Jahren in eine »gesonderte Judenklasse«35 des humanistischen Mádach-Gymnasiums in der Barcsay-Straße eingeschult.36 Auf dem Gymnasium lernte er István Bokor37 kennen, der einer der beiden Jugendfreunde wurde, mit denen Kertész sieben Jahrzehnte lang eng verbunden blieb. Als Gymnasiast zog er zum Vater und dessen neuer Frau Kato Bien. Den Umzug bewertet Kertész jedoch recht kritisch: An die Stelle der kalten »Welt der pädagogischen Diktatur« des Internats sei die »paternale, warmherzige Schreckensherrschaft« getreten.38 Die Beziehung des Vaters zu ihm sei »von der Beklemmung bestimmt« gewesen, »die er offensichtlich für Liebe hielt. Und sie war es auch, wenn wir dieses Wort in seiner Simplizität akzeptieren und von seinem expansiven, besitzergreifenden und tyrannischen Inhalt absehen. Mein Vater wollte immer etwas von mir […]. Dementsprechend kann ich mich an keinen einzigen gelösten Moment mit meinem Vater erinnern«.39

So wie er das Knabeninternat verabscheut hatte, verabscheute der Jugendliche auch das Gymnasium; wieder war er der Jüngste in seiner Klasse, nun aber ein eher mittelmäßiger Schüler. Seine gesamte Kindheit erlebte er als Flucht vor dem Vater, und der Vater war enttäuscht, weil sein Sohn – in seinen Augen ein schlechter Schüler, ein schlechter Jude – für ihn ein Versager war, der seiner Vorstellung von einem Stammhalter nicht entsprach.40 Schuldgefühle plagten nicht nur das Kind, selbst der Erwachsene wird noch von ihnen heimgesucht.41 Am 7. März 1982 notiert er in seinem Tagebuch: »Das Verhältnis zu meinem Vater ist die Grundformel meines Lebens«.42

Mutter und Vater stellten getrennte Welten dar, zwischen denen der Junge hin- und herpendelte. Der Vater lebte im proletarischen Pest, in der Baross-Straße 77;43 die Mutter im vornehmen Buda, am Fuß des Rosenhügels in der Zivatar-Straße 7a. Der Gymnasiast führte ein Doppelleben, das ihm nicht bekam. »Noch nie habe ich die gravierende Tatsache analysiert, daß das Lieblingsmärchen meiner Kindheit Das häßliche Entlein war.«44 Erziehung erlebte er als Zurechtstutzung. Das kleinste Maß an Unabhängigkeit wurde als Sünde betrachtet, tugendhaft war, so Kertész, »wenn [er] etwas tat, womit [er sich] selbst verleugnete und mordete …«.45 Diese Gewalterfahrung, der er schon als Sohn und Schüler ausgesetzt war, wird für Kertész zur Urerfahrung: »[M]it meiner Kindheit […] begann das unverzeihliche Gebrochenwerden, mein nie überlebtes Überleben«.46

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 19. März 1944 änderte sich Kertész’ Leben radikal.47 Eichmanns Versetzung nach Ungarn sollte dafür sorgen, dass auch die restlichen ungarischen Juden, die von den Deportationen noch nicht erfasst worden waren, auf schnellstem Wege ausgerottet würden. Am 5. April 1944 wurde das Tragen des Judensterns Pflicht. Die Ghettoisierung setzte Ende April ein. Auch Imre Kertész verbrachte die Zeit vom 16. bis zum 30. Juni im Ghetto.48 Von Mai bis Juli 1944 wurden 437.000 Menschen in versiegelten Güterwaggons nach Auschwitz verschleppt, wo die meisten gleich nach der Ankunft vergast wurden.

Auch der Alltag beim Vater und der Stiefmutter wurde im Mai 1944 jäh unterbrochen, als der Vater in ein Zwangsarbeitslager eingezogen wurde. Die Großfamilie versammelte sich zum Abschied, man ahnte, dass er nicht zurückkehren würde. Fünfzig Jahre später, im Jahre 1994, begab sich Kertész auf Spurensuche. Er fand den Ort, wo der Vater am 22. März 1945 zugrunde gerichtet wurde: Felsórákos,49 unweit von Sopron an der österreichischen Grenze: »Nur hier konnte es geschehen sein, der Genius dieses Ortes war die Salve, die Folter, der Mord.«50

Schon vor dem Einmarsch der Deutschen mussten die vierzehnjährigen jüdischen Schüler Arbeitsdienst leisten. Kertész erinnert sich, wie er, ausgerüstet mit einer kanariengelben Armbinde, in der Shell-Erdölraffinerie von Csepel nach den Angriffen der Alliierten Bombentrichter zuschaufeln musste.51 Knapp vier Monate nach dem Einmarsch, am 1. Juli 1944, wurde er mit 17 Schulkameraden52 im Bus auf dem Weg nach Csepel am Stadtrand von der Politischen Polizei53 verhaftet. Die zweite Frau des Vaters, Kato, bei der der Junge nach der Deportation des Vaters weiterhin wohnte, informierte Kertész’ Mutter in einem förmlichen Brief54 über sein Ausbleiben: Imre sei »leider« mit allen anderen Schülern, die den Davidstern trugen, auf dem Weg nach Csepel festgenommen worden und seitdem spurlos verschwunden. Die Mutter verlangte im Kriegsministerium sofort Auskunft über den Verbleib ihres Sohnes, obwohl sie sich damit selbst in Gefahr brachte. Als ihr von einem hochrangigen Offizier mitgeteilt wurde, dass ihr Sohn in einem Forstbetrieb in Siebenbürgen arbeite, klammerte sie sich an diese Lüge.55

Das Buchenwald-Archiv hat den Deportationsweg von Imre Kertész rekonstruiert.56 Zum großen Teil decken sich die recherchierten Fakten mit den Angaben aus Schritt für Schritt, dem Film-Drehbuch zum Roman eines Schicksallosen, und den Informationen aus Dossier K.: Nach ihrer Verhaftung am 1. Juli 1944 wurden die Schüler in die Ziegelei von Budakalász getrieben, einer Ortschaft außerhalb der Stadt. Am 3. Juli wurde Imre zusammen mit seinen Schulkameraden in einen Güterwaggon gepfercht. Nach mehreren Tagen kamen sie an ihrem ersten Bestimmungsort an: Auschwitz-Birkenau. Bei der Selektion folgte der Vierzehnjährige dem Rat eines eingeweihten Sträflings und gab sich als Sechzehnjähriger aus; so wurde er der Arbeitskolonne zugeteilt. Nach drei Tagen57 Schlange- und Appellstehen wurde er in einem »Judentransport« mit 2500 Häftlingen58 »aus Auschwitz-Birkenau«59 weiterdeportiert und traf am 16. Juli 1944 in Buchenwald60 ein. Er kam in das Kleine Lager,61 wo er auf der Transportliste als »Kertész, Imre« mit dem gefälschten Geburtsdatum 9. 11. 27 und dem gefälschten Beruf »Fabrikarb(eiter)« geführt wurde. Er erhielt die Häftlingsnummer 64921. Schon einen Tag später, am 17. Juli 1944, wurde derselbe Transport durch den Lagerarzt von Buchenwald als ›arbeitsfähig‹ zusammengestellt – auf dieser Liste ist lediglich seine Häftlingsnummer aufgeführt. »Am 20. Juli«, drei Tage später, »ging ein Transport von 1250 Häftlingen«, unter ihnen auch Imre Kertész, »vom Stammlager Buchenwald in das erst wenige Wochen bestehende Außenlager der BRABAG (Braunkohle-Benzin Aktiengesellschaft) nach Rehmsdorf bei Zeitz ab. Die Häftlinge waren zunächst in einem Zeltlager in Tröglitz untergebracht.«62 Zum Jahreswechsel 1944/1945 zogen sie in das neu errichtete Baracken-Außenlager ›Wille‹ in unmittelbarer Nähe des Werkes in Rehmsdorf um.63 Die jüdischen Häftlinge mussten täglich die drei Kilometer vom Barackenlager Rehmsdorf zum Arbeitsplatz Tröglitz bei jedem Wetter, von SS-Mannschaften bewacht, zurücklegen. Dort wurden 8572 Häftlinge zu gefährlichen sogenannten »Wiederaufbauarbeiten« eingesetzt.64 Kertész wurde dem Block V zugeteilt, »der einen Bestand von zweihundertfünfzig Mann aufwies.«65 Hier begegnete er dem zehn Jahre älteren Bandi Citrom, von dem er zu lernen versuchte, »ein guter Häftling zu werden«, »sich nicht gehenzulassen«, »sich zu waschen« und sich die Brotration »sparsam einzuteilen.«66 Bandi Citrom war Kertész’ zentrale Bezugsperson im Lager – es ist fraglich, ob Kertész ohne seine Fürsorge hätte überleben können.67

Die dreimonatige Sklavenarbeit im Nebenlager Zeitz, das Zementschleppen und der Hunger hatten den Vierzehnjährigen völlig entkräftet, er verfiel in den Zustand eines Muselmanns. Sein Knie und sein rechter Oberschenkel waren »zu etwas Brandrotem […] geworden, das menschlicher Haut kaum noch ähnelt[e].«68 Der todkranke Junge hatte sich aufgegeben, Bandi Citrom aber schleppte ihn ins Krankenrevier. Die Phlegmone wurden sofort geöffnet,69 und während Imre Kertész in einer Krankenhausbaracke um sein Leben kämpfte, erreichte die Rote Armee bereits Budapest.

Gegen alle Wahrscheinlichkeit kam die Rettung: Am 7. Februar 1945 wurde Imre Kertész nach Buchenwald zurücktransportiert, wo sich mehrere Pfleger seiner annahmen, zunächst im Kleinen Revier, Baracke 53,70 dann wurde er durch die Vermittlung eines französischen Arztes71 in den Hauptkrankenbau, in das »SS-Krankenhaus«72 verlegt, wo ihn im Saal 6 die polnischen Pfleger »Pjetka« und »Zbischek«73 zusammen mit dem tschechischen Kommunisten Bohumil Kubat74 (Bohusch75 im Roman eines Schicksallosen) betreuten. Wie es zu dieser Rettung hatte kommen können, lässt sich heute nicht mehr genau rekonstruieren.76 Im Buchenwald-Archiv hat man eine Liste von 1500 Häftlingen aus dem Außenlager Rehmsdorf (Codename »Wille«) gefunden, datiert auf den 7. Februar 1945, auf der Kertész’ Name steht. Zehn Tage später – am 17. /18. Februar – erscheint seine Häftlingsnummer auf einer Liste, die die »Abgänge«, die Verstorbenen, aus Block 59 des Kleinen Lagers in Buchenwald verzeichnet.77 In Dossier K. bezeichnet Imre Kertész diese Liste als »unanzweifelbare[n] Hinweis, daß [ihn] irgend jemand aus der Liste gestrichen hatte, damit [er], als jüdischer Häftling, nicht im Zuge der Liquidation des Lagers umgebracht würde.«78

Am 11. April 1945, nach 329 Tagen Haft,79 wurde Imre Kertész von den Amerikanern in Buchenwald befreit. Er hätte Gelegenheit gehabt, nach Amerika zu emigrieren und dort zu studieren. Er entschied sich aber, nach Budapest zurückzukehren, weil er dort seine Eltern wiederzufinden hoffte. Die Amerikaner begleiteten die ungarischen Häftlinge nach Dresden, von dort traten sie in überfüllten Zügen ihre zwölfstündige Reise an:80 »Es war ein glühendheißer Sommer, wir warteten stundenlang auf die völlig ungewisse Abreise. Erinnere ich mich richtig, so verbrachte ich die Fahrt auf einer Eisenplatte zwischen zwei Waggons.«81 Auf dem amerikanischen Fragebogen für ehemalige KZ-Häftlinge vom 6. Mai 1945 gab er als Grund für seine Verhaftung »being a Jew« an.82 Von den 17 Schulkameraden, die mit ihm verhaftet worden waren, war er der einzige, der überlebt hatte.83

So kam er im Juli 1945, ein Jahr nach seiner Verhaftung, nach Budapest zurück. Seine Erinnerungen an die ersten Tage nach seiner Rückkehr seien eher atmosphärischer Art, schreibt Kertész in Dossier K. Die Tage seien sonnendurchflutet gewesen und auf den Straßen habe ihm der Atem der Freiheit entgegengeschlagen. Sein erster Weg führte ihn zur Baross-Straße, der früheren Wohnung seines Vaters und dessen neuer Frau. Doch ein Fremder öffnete die Tür – die veränderte Welt traf ihn wie »ein Erdstoß«.84 Wenig später erfuhr er von einem anderen fremden Hausbewohner von der Ermordung seines Vaters.85 Seine Mutter hingegen hatte den Krieg überlebt. Er überraschte sie in der »Salgótarjaner Maschinenfabrik«,86 wo sie Arbeit gefunden hatte. Kertész’ Rückkehr, die an ein Wunder grenzte, wurde dort von ihr und ihren Kolleginnen stürmisch gefeiert.

Bereits im September 194587 saß Imre Kertész schon wieder auf derselben Schulbank des Madach- Gymnasiums, aus dem er ein Jahr zuvor herausgerissen worden war. Über die Umstände seiner Abwesenheit wurde nicht gesprochen, niemand stellte Fragen, und er gab nichts preis. Sein Schulfreund István Bokor sagte später, dass er ihn ›beneidet‹ habe, »weil er im Ausland gewesen war«!88 Der fünfzehnjährige Kertész stürzte sich ins Leben: Mädchen waren das große Thema, betont Bokor, viel Rum hätten sie getrunken und geraucht, um den Mädchen Eindruck zu machen. Mit István Bokor gab Imre Kertész die Schulzeitung heraus. Die Gesamtnoten auf dem Abiturzeugnis vom September 1948 waren alle »befriedigend«, mit Ausnahme von einem »gut« in »Deutsch«.89 Die Zeit zwischen 1945 bis 1948 nennt Kertész noch heute die wilden Jahre des Aufschwungs. Seine Leidenschaft für Musik war schon damals so groß, dass er dreimal in der Woche Konzerte in der Musikakademie besuchte.90 Es waren auch die Jahre, in denen er sich kurze Zeit der Hoffnung hingab, am Aufbau einer neuen Gesellschaft mitwirken zu können. Noch während er zur Schule ging, wurde er Mitglied der kommunistischen Partei. Sehr bald wendete er sich aber gelangweilt von den Büchern von Marx und Engels ab, um sich ganz Platons Gastmahl hinzugeben.

»Im November 1945 fanden« in Ungarn »freie und geheime Wahlen statt«.91 Im Februar 1946 wurde die Republik ausgerufen.92 17 Prozent der Wähler entschieden sich für die Kommunisten. Aber ihr Parteiführer Matyas Rákosi (1892-1971) spielte von Anfang an ein doppeltes Spiel,93 denn schon im Juni 1948 wurde die »Diktatur des Proletariats« vorbereitet,94 auch wenn immer noch von Demokratie die Rede war. Gegner, ob Nazis oder Sozialisten aller Schattierungen, wurden schonungslos ausgeschaltet. Das große Erwachen ließ nicht lange auf sich warten: Im Mai 1949 fanden die ersten unfreien Wahlen statt. Angst und Schrecken herrschten vor dem um sich greifenden Terror, der mit dem Schauprozess gegen den Innenminister Lazsló Rajk im August 1949 einen ersten Höhepunkt erreichte. »Zwischen 1949 und 1953 leitete man ungefähr eine Million Strafverfahren gegen Bürger der […] sogenannten Volksrepublik ein, deren Verfassung der Form nach sämtliche Freiheiten garantierte. Theoretisch konnte jeder behelligt werden«.95 Der Katastrophe des Krieges folgte mit der Zwangsherrschaft der Nachkriegszeit die Katastrophe des Friedens. Verhaftungen, Hinrichtungen, Erschießungen – der 20-jährige Kertész war so desillusioniert, dass er sie als gegeben hinnahm: Er habe über die »zu dieser Zeit stattfindenden Prozesse« keinerlei moralische Entrüstung verspürt, schreibt er in Die englische Flagge, »weil [er] überhaupt keinerlei Moral verspürte«.96

Gleich nach dem Abitur im Jahr 1948 wurde Kertész Journalist bei der Tageszeitung Villagossag (Klarheit) und war für die »›Rathauskolumne‹«,97 Polizeireportagen und Lokalnachrichten verantwortlich. Nur mit größtem Widerwillen kam er seinen monotonen Pflichten nach. Den eintönigen Journalisten-Alltag thematisiert er in seiner Erzählung Die Bank (A pad ).98 Einmal sollte er einen Bericht über ein kommunistisches Jugendtreffen schreiben, war jedoch auf dem Weg zur Veranstaltung einem Mädchen begegnet, mit dem er stattdessen den Nachmittag verbrachte. Kurzerhand erfand er den Bericht, reichte ihn bei der Redaktion ein und musste jedoch im Nachhinein erfahren, dass diese Veranstaltung wegen schlechten Wetters überhaupt nicht stattgefunden hatte.99 Es war nicht die einzige Eskapade, die er sich leistete. Zudem entwickelte sich die Zeitung immer mehr zu einem Parteiorgan: Die »›Jungjournalisten‹«100 wurden sehr bald dazu angehalten, an einer »sogenannten höheren theoretischen Schulung teilzunehmen«,101 »das journalistische Gebot der Wirklichkeitsbeschreibung [war] schon bald gleichbedeutend mit Lüge«.102 Kertész hingegen verweigerte sich der Parteilinie, sodass ihn die Kündigung im Spätherbst 1950 nicht unerwartet traf.103 Als ungelernter Arbeiter musste er nun einen Posten als Maschinenschlosser in einer Fabrik annehmen, bis er wenige Monate später im Frühjahr 1951 durch Vermittlung eines Freundes in die Presseabteilung des Ministeriums für Maschinenbau und Hüttenwesen überwechseln konnte.

Der Jugendfreund István Kállai, Jahrgang 1929 wie Kertész, wurde 1948 neben István Bokor der Dritte im Bunde.104 Tag und Nacht seien sie damals zusammen gewesen, unzertrennlich bis zum heutigen Tag. Kertész schrieb sich 1950 an der Budapester Abend-Universität im Fach Ungaristik ein, wobei ihm die Universität vor allem die Möglichkeit bot, dem Militärdienst zu entgehen. Er hatte noch eine Verzögerung erreicht, indem er bei der Musterung einen minutiös einstudierten katatonischen Anfall vorgetäuscht hatte. Aber im November 1951 wurden dann alle drei Freunde gleichzeitig zum »regulären Militärdienst einberufen«.105 Während seines Militärdiensts wurde Kertész zeitweise als Wächter im zentralen Militärgefängnis eingesetzt, eine einschneidende Episode in seinem Leben, die ihn offensichtlich nachhaltig geprägt hat.106 Die übrige Zeit gelang es ihm und Bokor, ihren Dienst hauptsächlich in der Film- und Radioabteilung abzuleisten, bis sie 1953 entlassen wurden.

Noch im selben Jahr, »am Abend des 14. September 1953«, begegnete Imre Kertész »in einer Espresso-Bar«107 Albina Vas: »Ich war vierundzwanzig, sie dreiunddreißig. Ich kam aus den nazistischen Konzentrationslagern […]. Auch sie kam aus dem Krieg, […] ihre Familie war ausgerottet, der Familienbesitz […] zerstreut worden, sie musste von vorne anfangen«.108 Ihr Mann, Ferenc Strobl, starb am 31. August 1953 nach 457 Tagen Haft während der Rákosi-Diktatur. Er »wurde zu Beginn der Schauprozesse inhaftiert, sein Geld […] wurde[ ] beschlagnahmt […], schließlich wurde sie selber verhaftet, war ein Jahr lang in Gefängnissen und Internierungslagern«.109 Sieben Jahre später, am 2. Juni 1960, heirateten Albina Vas und Imre Kertész.110 Kertész war ihr dritter Mann. Der Freund und Schriftstellerkollege György Spiró, der ihr ein Theaterstück widmete, beschreibt sie als einen wundervollen Menschen, witzig und intelligent.111

Budapest war im Krieg von der Roten Armee völlig zerstört worden, es herrschte Wohnungsmangel. Nach dem Aufenthalt in mehreren Notunterkünften gelang es Albina 1954, wieder in den Besitz ihrer 28 Quadratmeter kleinen Einzimmerwohnung in der Török-Straße 3 zu kommen, wo Kertész 13 Jahre lang an seinem ersten Roman arbeiten sollte. Es war »der Käfig, in den ich mich selbst eingekerkert habe«, schreibt er in Fiasko.112 Aber es war auch die Zeit, in der er sich, zusammen mit seinen Freunden, mit dem Schreiben von Lustspielen, Sketches, Musicals und erfolgreichen Libretti amüsierte. Hauptsache war, dass er eine Berufstätigkeit nachweisen konnte, dass er vom Staat »nicht mit dem Vorwurf der Tagedieberei oder des Parasitentums zur Verantwortung gezogen werden« konnte.113 Das Bedürfnis nach unpolitischer Unterhaltung sei nach 1956 groß gewesen, so Istvan Kállai.114 Kertész und Bokor waren für die Texte zuständig, Kállai für die Choreographie. Noch heute spricht man von Die Liebe klopfte an die Tür oder Fräulein Doktor – beides Amouretten mit Happy End. Die fünfziger Jahre waren »eine lustige Zeit«, schreibt Kertész an die in der Schweiz lebende ungarische Literaturkritikerin Eva Haldimann, sie haben »schön etwas eingebracht. Das ist lange her, inzwischen bin ich ›seriös‹ geworden.«115 Albina bestritt den Großteil ihres gemeinsamen Lebensunterhalts, sie arbeitete mal als Lastwagenfahrerin, mal als Kellnerin in einer Bar. Fast ein halbes Jahrhundert lebte Imre Kertész mit Albina, wie er in Ich – ein anderer schreibt, in einer »unglücklichen Ehe« – in der sie sich »so innig liebten.«116 Sie erkannten einander: »Unser Gefängnisleben setzten wir fort, doch nun zu zweit […]. Unsere Beziehung war eine Gefängnis-Solidarität, ein aussichtsloses, hart geprüftes Aufeinanderangewiesensein.«117 Ihr verdankte er, dass er seiner Berufung als Schriftsteller folgen konnte. Eine Berufung, die ihn an einem Herbsttag im Jahre 1955 wie eine Erleuchtung auf einem Gang des Bürogebäudes der Ungarischen Staatsbahn getroffen hatte,118 als er dort Recherchen anstellen sollte für einen Artikel über die häufigen Zugverspätungen.

Es war um 1958, als ihm bewusst wurde, dass für ihn »nur eine Wirklichkeit existierte: ich selbst, und daß ich aus dieser einmaligen Wirklichkeit meine einmalige Welt erschaffen mußte.«119 So groß die Verlockung auch war, dem Regime endgültig den Rücken zu kehren, selbst der gescheiterte Aufstand von 1956 konnte Kertész nicht dazu bewegen, Ungarn zu verlassen. Sein Freund Bokor floh nach England, er selber aber blieb in Budapest, um seinen Roman schreiben zu können, den er nur auf Ungarisch schreiben konnte. Wie man seinen unveröffentlichten Tagebucheintragungen Anfang der sechziger Jahre entnehmen kann, ahnte er schon, dass dieser Roman ihn jahrelang in Atem halten würde.

Bereits Anfang der fünfziger Jahre hatte er sich mit einem Projekt getragen, dem er den Titel Ich, der Henker120 gab. Die Täterperspektive des Henkers führte ihn jedoch in eine Sackgasse, das Schreiben stockte. Schließlich gab er diesen Plan auf: 1960 machte er sich an das Schreiben seiner eigenen Geschichte, seiner Deportation nach Auschwitz und Buchenwald. Für die Niederschrift versuchte Kertész sich Materialien über den Holocaust zu beschaffen, was im Rákosi- und Kádár-Ungarn äußerst mühsam war, da der Judeozid in der Volksrepublik tabuisiert wurde. Dreizehn Jahre später, 1973, vollendete er seinen ersten Roman, Sorstalanság (Roman eines Schicksallosen). Zu dieser Zeit gab es in Ungarn nur zwei literarische Verlage – der erste hatte sein Manuskript bereits abgelehnt, aber beim zweiten Anlauf hatte er Erfolg. Der Roman erschien schließlich 1975 bei Szépirodalmi. Von der Besprechung von Margit Ács121122Sorstalanság123124